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Klüger, Ruth

Weiter leben. Eine Jugend

Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1994. 284 Seiten.

Eines ist dieses Buch sicherlich nicht: „erschütternd“! Wenn man nämlich bis Seite 201 gelesen hat, wird jeder Rezensent von der Autorin selbst darauf aufmerksam gemacht: Ihre Erinnerungen an ihr Leben als jüdisches Kind in Wien, als Zwölf- und Dreizehnjährige in Theresienstadt, Auschwitz, Christianstadt, und als Überlebende in Straubing, New York und Göttingen sollen von den Rezensenten keinesfalls das für solche Bücher verlockende Adjektiv „erschütternd“ erhalten. Wie soll dieser Bericht der Germanistik-Professorin an der University of California in Irvine, den sie 1989 zu schreiben begann, nachdem sie ein Fahrradfahrer niederfuhr und sie eine Kopfverletzung auskurierte, dann bezeichnet werden? Ist es die schonungslose Abrechnung der Tochter mit dem groben Fehlverhalten der Mutter oder den „vergasten Verwandten“ in einer „vertraut hinterfotzigen Kindersprache“? Die Kritik einer Feministin, die nicht an Gott, sondern an Gespenster glaubt, am frauenfeindlichen Judentum? Die vehemente Mißbilligung jeder Form eines „modernen KZ-Tourismus“ oder einer verkitschten „KZ-Sentimentalität“ als fadenscheiniger Ablenkungsversuch der Täter? Oder die geharnischte Kritik an den britischen und amerikanischen Befreiern mit ihrem Opfer-Voyeurismus und der halbherzigen Entnazifizierung? Nichts von alledem und doch wieder all das, verfaßt in einer literarisch subtilen Form, durchsetzt mit eigenen, zum Teil noch im KZ verfaßten Gedichten. Ruth Klüger selbst schreibt: „Für wen schreib ich das hier eigentlich? Also bestimmt schreib ich es nicht für Juden, denn das täte ich gewiß nicht in einer Sprache, die zwar damals, als ich ein Kind war, von so vielen Juden gesprochen, gelesen und geliebt wurde, daß sie manchen als die jüdische Sprache schlechthin galt, die aber heute nur noch sehr wenige Juden gut beherrschen. Also schreib ich es für die, die nicht mit den Tätern und nicht mit den Opfern fühlen wollen oder können, und für die, die es für psychisch ungesund halten, zuviel von den Untaten der Menschen zu lesen und zu hören? Ich schreibe es für die, die finden, daß ich eine Fremdheit ausstrahle, die unüberwindlich ist? Anders gesagt, ich schreib es für Deutsche.“ Und sie schreibt tatsächlich schonungslos, offen, klar und deutlich, ohne Sentimentalitäten oder Selbstmitleid. Um so brutaler werden die Grausamkeiten ans Tageslicht befördert. Ihr Wunsch an die Leser am Ende ihrer Erinnerungen möge in Erfüllung gehen: „Möge es gut bei Euch ankommen.“

Herbert Winklehner


Jahrgang 3/1996 Seite 51



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