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Foschepoth, Josef

Im Schatten der Vergangenheit

Die Anfänge der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit. Sammlung Vandenhoeck. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1993. 250 Seiten. 25 Abb.

Foschepoth, mehrere Jahre Generalsekretär des Koordinierungsrats der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in der Bundesrepublik, hat keine Ruhmesgeschichte der Gesellschaften von den Anfängen bis zur Mitte der 50er Jahre geschrieben, sondern die mühevolle Chronik eines mühsamen Wegs mit allen suchenden Details. Aber gerade durch diese Details der Schwierigkeiten, Irrwege, Mißverständnisse, Fehler, Illusionen, Differenzen, Krisen, Diskussionen wird die Geschichte lebendig und bedenkenswert: Zuerst die Sprachlosigkeit zwischen Juden und Christen, die Initiative der Amerikaner im Rahmen ihres Umerziehungsprogramms für die Deutschen. Erst langsam die Erkenntnis und Einsicht der Deutschen. Aber dann das Wirken entschiedener Gründungsmitglieder für das politische Bewußtsein: Alfred Mayer, Franz Böhm, Edwin Redslob, Karl Thieme, Georg Heymann, Erich Lüth, Gertrud Luckner.

Eines der wesentlichsten Ereignisse in der frühen Geschichte der Gesellschaften war die Arbeitstagung für Geistliche und Religionslehrer vom 6. bis 8. Mai 1950 in Bad Schwalbach unter Leitung des damaligen Religiösen Beraters des Koordinierungsrats Karl Thieme unter dem Thema „Erarbeitung von Material, um im Religionsunterricht die Stellung der Christen zum jüdischen Menschen zu behandeln“. Es entstanden die „Thesen christlicher Lehrverkündigung im Hinblick auf umlaufende Irrtümer über das Gottesvolk des Alten Bundes“.

„Schon die Präambel“, schreibt Foschepoth, „war ein bemerkenswertes Zeugnis, das sich in Sprache und Inhalt grundlegend von damals üblichen Stellungnahmen auch aus Reihen der Gesellschaften und des Koordinierungsrats unterschied. Der Massenmord an den Juden, das Versagen der Christen, die religiösen Wurzeln des Antisemitismus, die Verbundenheit des alten mit dem neuen Gottesvolk und die daraus resultierende Verantwortung der Christen, jeden neuen Antisemitismus zu bekämpfen, wurden ohne Umschweife beim Namen genannt. Wörtlich weiter in der Präambel: „Unter den Christen haben zwar einzelne den Verfolgten tapfer geholfen, die große Mehrzahl aber hat gegenüber dieser unerhörten Herausforderung des barmherzigen Gottes durch die Verfolger schmählich versagt . . . Darum gilt es, allen christlichen Verkündigern und Lehrern in Kirche und Schule zu zeigen, wie unlösbar wir als Volk des Neuen Bundes mit dem Alten Gottesvolk verbunden sind.“

In den acht Thesen dann vor allem: derselbe Gott im Alten und im Neuen Testament. Wo Christen nicht an diesen einzigen Gott glauben, bekennen sie einen falschen Gott. Jesus war Jude. Juden und Christen stehen unter dem gleichen Gebot der Liebe zu Gott und zum Nächsten. Und: „Es ist vor allem unbiblisch und unchristlich, die Passion Christi, der wir unser Heil verdanken, einseitig im Lichte einer Schuld historisch bestimmter Menschen oder eines bestimmten Einzelvolkes zu sehen und darzustellen.“

Die Schwalbacher Thesen haben 1950 — endlich — klar ausgesprochen, was 15 Jahre später das Zweite Vatikanische Konzil in der Erklärung „Nostra aetate“ formulierte, 25 Jahre später die 1. EKD-Studie „Christen und Juden“, 30 Jahre später die Erklärung der deutschen katholischen Bischöfe „Über das Verhältnis der Kirche zum Judentum“, 35 Jahre später die Vatikanische Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum mit ihren Hinweisen für eine richtige Darstellung von Juden und Judentum in der Predigt und der Katechese der katholischen Kirche.

Elisabet Plünnecke


Jahrgang 3/1996 Seite 45



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