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Eichmann-Leutenegger, Beatrice

Verabredungen mit Männern

Erzählungen. pendo-verlag, Zürich 1994. 157 Seiten.

Beatrice Eichmann-Leutenegger, Literaturkritikerin, hauptsächlich mit deutsch-jüdischer Literatur befaßt, beschreibt auf berührende Art ihre „Verabredungen mit Männern“.

Sie ist eine wirklich emanzipierte Frau, die sich nicht scheut, Erotik in der Begegnung mit dem anderen Geschlecht nicht nur zuzugeben, sondern auch als Bereicherung zu bejahen.

Sie ruht so sicher in ihrer Femininität, daß sie weder Unterdrückung noch Minderwertigkeitsgefühle spürt.

Hat sie dies aus ihrer Beschäftigung mit der jüdischen Literatur erfahren? Für die jüdische Weltsicht ist ja das diesseitige Leben, also die Akzeptanz der Schöpfung mit der Dualität des Männlichen und Weiblichen, so wie sie Gott geschaffen hat, die Grundlage, und also hat die Erotik nichts mit Gefahr und Sünde zu tun. Eros kümmert sich nicht ums Alter und ist beileibe nicht immer mit Sexualität verbunden. Es ist eine Kraft sui generis, wie uns die Autorin überzeugend zeigt.

Ihre Verabredungen hat sie mit katholischen Äbten und Mönchen, dem Holocaust entronnenen jüdischen Dichtern, Malern, Schriftstellern, einem jungen ungarischen Ingenieur, einem ihrer ehemaligen schweizerischen Schüler und einem jungen Tunesier während einer kurzen Bahnfahrt. Immer spielt die Zuneigung, das Hingezogensein, die Übereinstimmung der Seelen die wichtigste Rolle bei den Gesprächen und Begegnungen.

Die gleiche seelische Schwingung der Sensibilität, der Toleranz und des Einfühlungsvermögens trägt dazu bei, daß wir die Geschichten, die sich durch diese „Verabredungen“ in Beatrice Eichmanns Erinnerung einstellen, mit großer Spannung und Anteilnahme miterleben.

Vermeint sie doch eine männliche Bedrohung oder Machismo wahrzunehmen, so wie es wohl jeder Frau von Jugend auf beigebracht wurde, dann überläßt sie sich trotzdem dem Vertrauen auf ihr eigenes Gefühl der Offenheit und gleichwertigen Femininität. Sie wird nie enttäuscht.

Die Autorin erzählt ihren alten Freunden und dem Gefährten für ein paar Stunden im Zug von ihrer eigenen Familie, der geliebten, nun senilen Mutter, ihrem verehrten lustigen, gescheiten Vater, ihren jugendlichen Geliebten, von Vittorio, der ihr Halt und ihre Zuflucht vor der oft beängstigenden Welt geworden ist. Sie hört aber auch genau zu, was ihr erzählt wird von Widerstand, Lebenswegen und Liebe. Sie weiß, daß es die Liebe ist, die sie alle verbindet in Verständnis und Gleichklang, sie, die christlich-jüdische Heidin, wie sie sich einmal nennt, und die mit ihr verabredeten Männer aus so verschiedenen Weltwinkeln.

Nur weil sie absolut liebt, kann sie auch teilhaben an der Trauer um ein verlorenes Leben und verlorene Liebe und an der Dankbarkeit für Neugewonnenes.

Von großem Reiz ist jeweils auch die Beschreibung der Landschaften, Häuser und Interieurs, die in ganz knappen Worten sehr farbig und lebhaft vor uns hingestellt sind.

Unter all den Büchern emanzipierter Frauen ragt dieses kleine Buch mit seiner vollkommenen Ehrlichkeit ohne kontraproduktive Abwehr gegen die böse Männerwelt heraus und gibt Zeugnis von wahrer Toleranz und Zusammengehörigkeit aller Menschen guten Willens und fähig zur Liebe.

Eva Auf der Maur


Jahrgang 3/1996 Seite 43



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