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Gertrud Luckner
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In memoriam Dr. Gertrud Luckner

Clemens Thoma

Am Morgen des 31. August 1995 ist kurz vor Vollendung ihres 95. Lebensjahres in Freiburg i. Br. Dr. Gertrud Luckner verstorben. Sie war eine der großen Wegbereiterinnen der christlich-jüdischen Verständigung. Als Mitarbeiterin des Deutschen Caritasverbandes hat sie in der Zeit der Nazi-Diktatur unzähligen verfolgten Juden geholfen. Nach dem Krieg hat sie mit der Publikation des Freiburger Rundbriefs ein allseits geachtetes Instrument der christlich-jüdischen Verständigung geschaffen (vgl. FrRu NF 1-1993/94, 1-8). Der Staat Israel, die Bundesrepublik Deutschland, die Stadt Freiburg und eine Vielzahl gesellschaftlicher Institutionen haben ihr Wirken mit hohen Auszeichnungen gewürdigt.

Die Schriftleitung des Freiburger Rundbriefs ist überzeugt, daß Frau Gertrud Luckner eine exemplarische Frau der Gläubigkeit und des Widerstands gewesen ist. Sie hat von Anfang an die Gefahr des Nationalsozialismus gesehen und hat durch ihren Widerstand vielen unsicheren Zeitgenossen die Augen geöffnet. Wir sind überzeugt, daß Gertrud Luckner im Bewußtsein vieler Juden und Christen weiterlebt. Deshalb ermuntern wir junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Gertrud Luckners Leben, das sich zwischen Untergrund, Konzentrationslager und Herausgabe des Freiburger Rundbriefs abspielte, zu studieren und die Ergebnisse zu publizieren, damit ihr Andenken nicht verlorengeht.

Gertrud Luckner kannte in der Nazizeit weder lange Theologien noch detaillierte Kirchenrücksichten. Sie verpaßte nicht das rechtzeitige Handeln zum Schutz der Juden. Deshalb überragte sie die meisten Denker und Kirchenführer in der damaligen Verfolgungszeit.

Aus der Predigt von Erzbischof Dr. Oskar Saier beim Requiem für Frau Dr. Gertrud Luckner am 7. September 1995 im Münster Unserer Lieben Frau in Freiburg

Hochbetagt und hochgeehrt zugleich ist Frau Dr. Gertrud Luckner gestorben. Der jetzigen jungen Generation ist sie in Freiburg, in Deutschland, in Israel und in vielen Ländern als die tapfere Frau bekannt, die zahlreichen Menschen, vor allem Juden, während der Naziherrschaft das Leben gerettet hat. Zu Recht hat ihr das höchstes Ansehen und viele Ehrungen eingetragen. Hier im Gottesdienst steht der Dank im Vordergrund. Wir sagen Gott Dank, daß er uns Frau Dr. Gertrud Luckner geschenkt hat. Dieser Dank gründet in der Überzeugung, daß jedes Menschenleben zuerst und zuletzt Geschenk Gottes ist. Dann aber dürfen wir fragen: Worin besteht das religiöse Vermächtnis dieser Frau für unsere Generation und die kommenden Generationen. Da Frau Dr. Gertrud Luckner aus christlichem Geist und vor allem aus dem Geist der Bibel lebte, wird die Heilige Schrift uns dazu verhelfen, ihr Leben und Wirken von innen her, von den Wurzeln her zu verstehen.

Eine erste Antwort gibt uns die Heimgegangene selber. Am 22. September 1985, zur Feier ihres 85. Geburtstages, trat sie gegen Schluß ans Rednerpult, dankte kurz und sagte unvermittelt: Das, was mich damals herausforderte, ist auf mich zugekommen. Eigentlich finde ich, daß ich nichts Besonderes getan habe. Für mich war diese Hilfstätigkeit eine mir zugefallene selbstverständliche Pflicht.{1} Ich war überrascht und tief berührt. Was hatte doch diese Frau an Mühen des Reisens, an Bereitschaft zur Hilfe, an Gefahren der Bespitzelung durch die Machthaber und an Leiden im Konzentrationslager Ravensbrück auf sich genommen! Und jetzt sagte sie das — und die Art wie sie es sagte, zeigte, daß es nicht gespielt war. Lange ging mir ihr Wort nach. So kann — denke ich — nur jemand sprechen, der ganz in Gott verankert und verwurzelt ist.

Der Prophet Jesaja kann uns helfen, diese Lebenshaltung zu verstehen. Gott spricht durch den Mund des Propheten zu Israel: Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du gehörst mir (Jes 43,1). Am Beginn steht die gnädige Zuwendung Gottes. Er beginnt, er schenkt Leben, er erwählt, er trägt und erhält es, von ihm ergehen Ruf und Sendung. Das haben Abraham und die nachfolgenden Generationen immer wieder erlebt. Das erfährt der Christ in der Taufe und immer wieder aufs neue in der Eucharistie.

Aus diesen Quellen des Glaubens lebte die Heimgegangene. Wer aus Gott lebt, der erfährt in Stunden der Gefahr und der Not Gottes Schutz auf eine ganz ungewöhnliche Weise. Gott ist sein Bundesgenosse, sein Helfer und Beschützer.

So klingen die Worte des Propheten aufmunternd, stärkend und in die Zukunft weisend: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich ausgelöst . . . Wenn du durch Wasser schreitest, bin ich bei dir . . . Wenn du durchs Feuer gehst, wirst du nicht versengt (43,2).

Frau Dr. Gertrud Luckner erfaßte schon 1933 die politische Situation mit klarem Blick und spürte, welche Gefahr den Juden in Deutschland drohte. Sie riet und verhalf vielen Jüdinnen und Juden zur Flucht aus Deutschland und rettete deren Leben. Viele Zeitzeugen berichten, wie Frau Dr. Gertrud Luckner Bedrohungen und Lebensgefahren mit ungewöhnlicher Tapferkeit ertrug und Vertretern der Nazidiktatur ins Angesicht Widerstand leistete. Sie war dazu fähig, weil sie im Einsatz für die bedrohten Menschen sich von Gott berufen und beschützt wußte. Uns zeigt sie: Die Liebe zu Gott und zu den Menschen in Gefahr schenkt Freiheit und Tapferkeit. Gott selbst hält sein Versprechen: Ich bin bei dir!

Ihre Heimat, in der sie Verständnis, Unterstützung und Hilfe erfuhr, war der Deutsche Caritasverband. Noch wenige Tage vor ihrem Tod sagte sie dem früheren Präsidenten Georg Hüssler: „Es war doch schön bei Ihnen im Caritasverband.“ Während der Zeit der Unterdrückung und des 2. Weltkrieges hielt der damalige Präsident Dr. Benedikt Kreuz „ihr den Rücken frei“ und suchte mit allen Mitteln, sie zu schützen, damit sie ihren Einsatz für die verfolgten Juden weiterführen konnte. Nie vergaß sie, daß der damalige Generalsekretär Kuno Joerger ihr immer Mut zusprach und ihr Pakete in das Konzentrationslager sandte. Als einen großen Helfer betrachtete sie Erzbischof Conrad Gröber. Am 22. September 1985 sagte sie: Ich danke Erzbischof Conrad Gröber, in dessen speziellem Auftrag ich auch seit 1941 tätig sein durfte, der sich mit seinem ganzen Einsatz hinter mich stellte, sich nach meiner Verhaftung auf das tatkräftigste bei den damaligen Behörden für mich eingesetzt hat und mir auch großzügig finanzielle Mittel zur Weitergabe an jüdische Verfolgte zur Verfügung stellte.{2}

Nach all dem Erlittenen und auch nach dem erfolgreichen Einsatz für Menschen in Not und Lebensgefahr wäre es verständlich gewesen, wenn Frau Dr. Gertrud Luckner nach 1945 sich zurückgezogen hätte, zumal sie bis an ihr Lebensende an dem zu leiden hatte, was ihr an Unmenschlichem im Konzentrationslager Ravensbrück zugefügt worden war. Sie tat das Gegenteil. Zwar vom Durchlittenen gekennzeichnet, aber nicht gebrochen, begann sie einen neuen Lebensabschnitt. Sie war davon überzeugt, daß es eine wirkliche Zukunft für die Menschheit nur geben kann, wenn alle lernen, einander in ehrfürchtiger Achtung zu begegnen. Aus dieser Überzeugung hat sich Frau Dr. Gertrud Luckner mit beispielhaftem persönlichem Engagement in den Dienst der jüdisch-christlichen Aussöhnung gestellt. Als eines der Hauptinstrumente für Information, Aufarbeitung der Geschichte und für zukunftsorientierte Untersuchungen aus jüdischem und christlichem Geist gründete sie den Freiburger Rundbrief.{3} Durch die Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils „Nostra aetate“{4} wurden Arbeit und Bemühungen von Frau Dr. Gertrud Luckner voll bestätigt. Sie hat ihr ganzes aktives Leben hindurch das getan, was das Konzil im Jahre 1965 als Absicht ausspricht: Da das Christen und Juden gemeinsame geistliche Erbe so reich ist, will die Heilige Synode die gegenseitige Kenntnis und Achtung fördern, die vor allem die Frucht biblischer und theologischer Studien sowie des brüderlichen Gespräches ist.{5} Gegenseitige Kenntnis und Achtung, Studien und Gespräch zwischen Juden und Christen — darin ist Frau Dr. Gertrud Luckner den Deutschen und den Christen vorbildlich voraus- und vorangegangen. Sie tat das, weil sie es als ihre Berufung verstand; sie konnte es, weil sie durch ihren Lebenseinsatz glaubwürdig war.

  1. Frau Dr. Gertrud Luckners Ansprache: Freiburger Rundbrief 1985/86, 45.
  2. Ebd.
  3. Vgl. Oskar Saier, Ansprache: Freiburger Rundbrief 1985/86, 36.
  4. Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen „Nostra aetate“ vom 28. Oktober 1965.
  5. a.a.O. Nr. 4.
Aus der Ansprache von Dr. Georg Hüssler auf dem Hauptfriedhof in Freiburg

Es geschieht wohl selten, daß eine ganz große Idee in einem Menschen so Wirklichkeit geworden ist, wie in Gertrud Luckner die Liebe zu den verfolgten Juden und, nachdem sie die eigene Verfolgung überlebt hatte, die Mitwirkung in der gleichen Liebe an einem fundamental neuen Verhältnis der Christen zu den Juden.

Als Kind und Jugendliche in England, Berlin und Ostpreußen aufgewachsen, hat Gertrud Luckner mit der ihr eigenen Sensibilität die Greuel des Ersten Weltkriegs und die Not der Nachkriegszeit erlebt. Diese Sensibilität führte sie während ihres Studiums in Birmingham und Frankfurt zunächst zum Quäkertum, dem sie zeitlebens in Freundschaft verbunden blieb. In Freiburg brachte sie beim Eintritt in die katholische Kirche diese Empfindsamkeit mit. Diese galt bald besonders ihren jüdischen Mitstudenten. Innige Freundschaften und eine wachsende Kenntnis jüdischen Lebens öffneten ihren Sinn dafür, daß ab 1933 die Juden in Deutschland extrem gefährdet waren und daß sie nicht tatenlos zusehen durfte. Dieses Charisma brachte sie, erst als freie Mitarbeiterin und dann 1938 als Referentin, in die Zentrale des Caritasverbandes ein, also in eine Institution, in der sie Menschen traf, die mit ihr dachten und deren Netzwerk über das ganze Reichsgebiet sie zu nutzen wußte.

Ein entscheidendes Datum war die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938. Die Synagoge, wenige Schritte von der Zentrale entfernt, wurde in Brand gesetzt. Gertrud Luckner war entsetzt — aber nicht gelähmt vor Schrecken — und fuhr mit ihrem Fahrrad in die Wohnungen ihrer jüdischen Freunde und Bekannten, um ihnen Adressen zu geben, wo sie Zuflucht finden konnten. Nun war ihre Berufung klar, der sie treu und konsequent folgte bis zu ihrer Verhaftung am 24. März 1943, in der Tasche 5000 Mark von Erzbischof Conrad Gröber für die Berliner Juden, zu denen sie unterwegs war. Es folgten Monate mit Verhören im Konzentrationslager Ravensbrück. Wenn ich sie richtig verstanden habe, hat sie sich gegen diese Verhaftung nicht gestemmt, sondern sie bei ihren waghalsigen Aktivitäten im ganzen Reichsgebiet mit einbezogen. Sie sah darin eine letzte Solidarisierung mit ihren jüdischen Freunden. Eigentlich wollte sie nach Theresienstadt, wie sie über ihre Verhöre berichtete: „Dann wäre ich mit meinen Leuten zusammen gewesen.“ Die Gestapo: „Das würde Ihnen so passen.“

Sie hat überlebt.

Nach Freiburg zurückgekehrt, gründete und leitete sie das Referat Verfolgtenfürsorge, durch das sie für die nächsten zwei Jahrzehnte viel Wiedergutmachung leisten konnte. Zugleich begann eine grundlegende Neubesinnung über das Verhältnis Christentum-Judentum. Ein Arbeitskreis von Fachleuten entstand. Im August 1948 veröffentlichte sie den ersten „Freiburger Rundbrief“, eine Zeitschrift zur christlich-jüdischen Begegnung, die vom Mainzer Katholikentag als regelmäßige Dokumentation und Publikation im selben Jahr bestätigt wurde.

Unermüdlich arbeitet sie auch nach dem Konzil weiter: Sie sammelt Dokumente, führt eine umfangreiche Korrespondenz, übersetzt, publiziert, fährt nach Israel, pflegt Kontakte, finanziell unterstützt von der Deutschen Bischofskonferenz. Als das Referat im Caritasverband 1969 seine Arbeit geleistet hat, schafft sich der Freiburger Rundbrief einen eigenen Rechtsträger, dessen Motor und Seele sie bleibt. Mit 85 lassen die Kräfte langsam nach. Den 90. Geburtstag feiert sie noch umgeben von vielen Freunden, liebevoll betreut von den barmherzigen Schwestern im Carolushaus.

Es war in ihr eine visionäre Kraft, ohne die sie dieses Lebenswerk nicht hätte bewältigen können. Sie setzte auf Prioritäten. Periphere Fragen — so aufregend sie sein mochten — berührten sie nicht; diese zu verfolgen, hätte ihr ja nur Kraft genommen für das Engagement für ihre Priorität. Und daß sie recht hatte, hat die Geschichte in diesen Jahrzehnten bewiesen. Da hat man gern in Kauf genommen, daß sie in ihrer Direktheit und Ungeduld da und dort anstieß.

Der Deutsche Caritasverband dankt Gertrud Luckner dafür, daß sie mit ihrem Charisma auf ihn, eine Institution, die man mit Leben füllen muß, zukam, und der Freiburger Rundbrief, daß sie ihn gründete und ihm durch vier Jahrzehnte die wesentlichen Impulse gab.

Nun kann sie für alle Ewigkeit mit dem Propheten Jesaja Gott danken: „Der Herr war bereit, mir zu helfen. Wir wollen singen und spielen im Haus des Herrn, solange wir leben“ (Jes 38,20).

Aus dem Nachruf von Prof. Dr. Ernst Ludwig Ehrlich, Basel, auf dem Hauptfriedhof in Freiburg

Zum Psalmwort (132,9): „Deine Priester kleiden sich mit Gerechtigkeit“ sagt der Midrasch, die rabbinische Auslegung der Bibel: „Dies sind die Gerechten der Völker der Erde, die in dieser Welt Priester sind für den Heiligen gelobt sei Er.“ „Die Gerechten“ (zadike umot haolam) sind identisch mit den „Frommen der Völker der Erde“ (chasside umot haolam) und zeichnen sich durch ihre ethische Lebensweise aus. Die Wertschätzung für die „Frommen der Völker“ ist bis heute lebendig. Mit einer Medaille und dem Pflanzen eines Baumes werden jene in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem geehrt, die unter eigener Lebensgefahr jüdische Menschen während der Zeit, als nicht wenige Deutsche sich an dem Morden an Millionen von Menschen beteiligten, das Leben gerettet haben. Gertrud Luckner gehört zu diesen Gerechten, in ihr zeigte sich durch ihre Taten die wahre Frömmigkeit, eine Priesterin für den Heiligen gelobt sei Er.

Es gibt verschiedene Arten, wie Christen, zumal Katholiken, zu Juden und zum Judentum stehen können, wie sie sich dazu verhalten. Sie vermögen etwa, wie der Apostel Paulus, im Judentum die Wurzeln ihres eigenen Christseins zu erkennen. Sie haben verstanden, um ein Wort Johannes Pauls II. zu verwenden, daß das Alte und das Neue Testament in einem Dialog innerhalb der Kirche stehen. Alle diese theologischen Möglichkeiten waren Gertrud Luckner gewiß bekannt, und sie gehörten zu ihrer religiösen Persönlichkeit. Was sie jedoch während des Krieges und nachher in Jahrzehnten ihres Lebens geleistet hat, hatte noch andere Ursprünge, die sehr wohl auch mit Theologie zu tun haben, die sie jedoch auf eine eigene Weise verwandelte. Gertrud Luckner vermochte es gerade wegen ihrer Treue zur Kirche, sich dem jüdischen Menschen ganz zuzuwenden, ohne in ihrem Proprium des Christseins schwankend zu werden. Sie wandte sich dem jüdischen Menschen aus einem Gefühl geistiger Verbundenheit zu. Mit einer Sensibilität ohnegleichen und zugleich mit einem vehementen Kampfesmut trat sie für Juden und damit auch für den Staat Israel ein, ohne Wenn und Aber, und ohne die fatalen Hintertürchen, die sich manche offenlassen, weil Freundschaft zu Juden und Judentum auch heute noch etwas undefinierbar Unheimliches hat. Gertrud Luckner ging es um die jüdischen Menschen, ihr Leben und Überleben. Wer mehr als zwei Jahre auf seinem schwachen Rücken Zementsäcke im KZ Ravensbrück geschleppt hat, weiß, was Überleben bedeutet. Sicher nicht erst im NS-KZ hat Gertrud Luckner gelernt, was Solidarität bedeutet. Solidarität mit den Juden, Freundschaft mit jüdischen Menschen standen bei ihr an erster Stelle.

Es kamen alle die vielen Ehrungen, die ihr zuteil wurden. Daß sie eine Gerechte unter den Völkern war, galt für den Staat Israel als Selbstverständlichkeit. Die Ehrungen jedoch, die sie von nichtjüdischer Seite erhielt, hat sie wahrlich auch verdient, tragen aber einen anderen Charakter. Damit haben ihre deutschen Landsleute kundgetan, daß es wenigstens diese eine — neben wenigen anderen — gewesen war, die das getan hatte, was andere hätten tun müssen und eben nicht taten. Was Gertrud Luckner besonders auszeichnete war ihr Pioniertum. Sie hatte für sich das Zweite Vatikanische Konzil längst schon vorweggenommen, weil sie nicht in abstrakter Begrifflichkeit dachte, sondern sich den leidenden Menschen zuwandte. Sie besaß dort, wo andere in Schuldgefühlen und Sündenangst ertranken, eine Empfindsamkeit für das Leid der anderen, in diesem Fall der Juden.

Gertrud Luckner war eine Persönlichkeit eigener Prägung, aber sie hat sich auch an Menschen orientiert, in denen sie etwas von Autorität sah oder die ihr Anregungen gaben. So hatte sie es nie vergessen, daß Erzbischof Gröber nicht nur ihre Aktivität schätzte, sondern sie sehr tatkräftig und ganz konkret förderte. Eine freilich andere Autorität war für sie der Rabbiner Leo Baeck, mit dem sie bis zu dessen Deportation nach Theresienstadt anfangs 1943 zusammenarbeitete. An ihm richtete sie sich auf, wenn andere ihr leider allzu oft Anlaß gaben, das Haupt zu verhüllen. Leo Baeck war für sie die moralische Autorität in dieser und auch in der späteren Zeit bis zu Baecks Ableben im Jahre 1956. Er hat ihr wahrscheinlich auch das Grundwissen über das Wesen des Judentums vermittelt, durch die Ausstrahlung seiner Persönlichkeit und durch seine Werke. In diesem Zusammenhang muß freilich auch der allzu früh verstorbene Karl Thieme erwähnt werden, der eine treibende Kraft bei der Gestaltung des Rundbriefs gewesen war.

Tausende von Religionslehrern und -lehrerinnen haben durch den Freiburger Rundbrief überhaupt zum ersten Male etwas Positives über Juden und Judentum zur Kenntnis genommen, so daß er sich allmählich zu einer Institution entwickelte, auf die dann auch viele Katholiken stolz waren, weil hier eben Pionierarbeit geleistet wurde. In dem großartigen Synodentext vom 22. November 1975 heißt es: „Wir sind das Land, dessen jüngste politische Geschichte von dem Versuch verfinstert ist, das jüdische Volk systematisch auszurotten. Und wir waren in dieser Zeit des Nationalsozialismus, trotz beispielhaften Verhaltens einzelner Personen und Gruppen, aufs Ganze gesehen doch eine kirchliche Gemeinschaft, die zu sehr mit dem Rücken zum Schicksal dieses verfolgten jüdischen Volkes weiterlebte, deren Blick sich zu stark von der Bedrohung ihrer eigenen Institutionen fixieren ließ und die zu den an Juden und Judentum verübten Verbrechen geschwiegen hat . . .“ Das war die damalige Situation, und ohne Namensnennung findet sich hier auch Gertrud Luckner, wenn vom „beispielhaften Verhalten einzelner Personen“ die Rede ist.

Ihr Beispiel möge unser aller Weg erleuchten und Menschen — Juden und Christen — zeigen, daß man seiner eigenen Identität treu bleiben kann und gleichwohl mit dem, der anders ist, leiden und Gerechtigkeit in dieser Welt üben kann, um auch damit das Reich Gottes vorzubereiten. In einen solchen Dienst hat sich Gertrud Luckner gestellt. Ihr Andenken möge für alle von uns zum Segen sein.

Aus dem Dank von Dr. Rolf Böhme, Oberbürgermeister der Stadt Freiburg i. Br.

Die Stadt Freiburg und ihre Bürgerschaft trauern um ihre Ehrenbürgerin. Die nach ihr benannte Gertrud-Luckner-Gewerbeschule mit über 2000 Schülerinnen und Schülern übermittelt ihre Anteilnahme und wird ihre Namenspatronin in ehrendem Gedächtnis halten.

Die Stadt Freiburg und ihre Bürgerschaft gedenken ihrer Ehrenbürgerin zum Todestag in besonderer Weise. Frau Dr. Gertrud Luckner war mit Ehren überhäuft, aber sie fragte nicht nach ihnen. Ihre Passion war die Mitmenschlichkeit, ihre Botschaft der Frieden und die Versöhnung, ihr Leben ein Dienst an Menschen, die verfolgt, gedemütigt, verhaftet, vertrieben und ermordet wurden. Die Bezeichnung ,Holocaust‘ gab es in den 30er Jahren noch nicht, als sie selbständig ihre persönliche Hilfe für Verfolgte und vor allem jüdische Menschen aufnahm, aber der Holocaust war ihr Kernthema, der Mittelpunkt ihres Lebens.

In dunkler Zeit, als fast alle verstummt waren und in Angst vor dem Regime erstarrten, gab sie mutig und ganz allein ein persönliches Zeugnis davon, daß selbst in dieser mörderischen Lage solidarisches Handeln möglich war und praktiziert wurde. Ihr Leben ist uns zum Vorbild geworden, vor allem für die Jugend ist sie Ansporn und Leitfigur vorgelebter Solidarität. Die Schule, die ihren Namen trägt, will diese Botschaft auch in Gegenwart und Zukunft weitergeben.

Der Fortbestand und die Unterstützung ihrer Ideen und Ziele wird für unsere verstorbene Ehrenbürgerin am wichtigsten sein. Und das wollen wir heute geloben. Denn Toleranz und Solidarität sind keine Werte, die für sich bestehen, sondern täglich erkämpft werden müssen. Die Fragen nach Frieden und Menschenverletzungen unmittelbar vor unserer Haustüre, die Schändung jüdischer Friedhöfe in unserer Nachbarschaft (Ihringen am Kaiserstuhl), die Integration ausländischer Mitbürger in unserer Gesellschaft anstelle von Brandschatzung, Verfolgung und Diskriminierung — hier und bei vielen anderen Gelegenheiten können wir zeigen, daß der Einsatz des Lebens unserer Ehrenbürgerin nicht umsonst war. Auf diese Weise ehren wir sie am meisten und gedenken ihrer für alle Zukunft.

So möge Frau Dr. Luckner als Mahnung immer in unserem Herzen und Gedächtnis bleiben.

Sie bedarf nicht unseres Rühmens, aber wir bedürfen ihres Vorbildes.


Jahrgang 3/1996 Seite 1



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