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Schalom Ben-Chorin

Martin Buber

Zum 30. Todestag am 13. Juni 1995

Vor 30 Jahren starb Martin Buber im hohen Alter von 87 Jahren in Jerusalem. (Nach dem hebräischen Datum war es der 13. Siwan 5725.) Er wurde am 8. Februar 1878 in Wien geboren, wuchs aber im Hause seines berühmten Großvaters, des judaistischen Gelehrten Salomo Buber, auf dessen Landgut in Galizien auf. Schon als Knabe nahm er die alte Weisheit Israels in sich auf, wandte sich aber frühzeitig auch der europäischen Kultur zu. Er absolvierte das polnische Gymnasium in Lemberg und studierte an den Universitäten Berlin, München, Leipzig, Zürich und Wien, wo er 1904 über das Thema der Individuation von Cusanus bis Böhme promovierte.

Frühzeitig schloß er sich, noch unter dem Gründer der Bewegung Theodor Herzl, der Zionistischen Bewegung an. Buber war mit Paula Winkler aus München verheiratet, die durch ihn in das Judentum geführt wurde und mit ihm in das Land Israel zog. Sie starb einige Jahre vor Buber auf einer gemeinsamen Reise und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Venedig zur letzten Ruhe bestattet. Dieser Ehe entstammten ein Sohn Raphael, der auch nicht mehr unter den Lebenden weilt und sich erst nach dem Tode des Vaters mit seinem Werk vertraut machte, und eine Tochter Eva. Enkel und Urenkel setzen in Israel das Erbe Martin Bubers fort.

Buber war in den dreißiger Jahren Professor für Vergleichende Religionswissenschaft und Jüdische Ethik an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt, stand dort auch an der Spitze des von seinem Freund Franz Rosenzweig begründeten „Freien Jüdischen Lehrhauses“ und später — in der Zeit des Dritten Reiches — gemeinsam mit seinem Freund Ernst Simon, in der Leitung der „Mittelstelle für jüdische Erwachsenenbildung“. 1938 folgte er einem Ruf der Hebräischen Universität in Jerusalem, wo er Kultursoziologie las.

Orthodoxe Kreise wollten nicht, daß er mit einem Lehrstuhl für Hebräische Bibel oder Geschichte des Chassidismus betraut wurde, da sie seiner freieren religiösen Haltung ablehnend gegenüberstanden. Das Werk Bubers ist folgenden Themenkreisen zugeordnet:

Deutung des Chassidismus, jener pietistischen Bewegung des Ostjudentums im 18. Jahrhundert, die erst durch Buber der Welt bekannt wurde (Mein Weg zum Chassidismus, 1918; Die chassidischen Bücher, 1928; Die Erzählungen der Chassidim, 1949, u. a.). Gemeinsam mit Franz Rosenzweig unternahm Buber die „Verdeutschung der Schrift“. Nach dem Tode Rosenzweigs 1929, mit dem er gemeinsam bis zu den „Liedern vom Knechte Gottes“ (Jes 52) des Werks schaffen konnte, führte er es weiter bis zum Abschluß in Jerusalem 1961. In einer urtümlichen Sprachgewalt, wie sie vorher nie erreicht wurde, hat Buber die hebräische Bibel vermittelt; aber wem?

Jenes deutsche Judentum, dem Buber und Rosenzweig ursprünglich die hebräische Bibel nahebringen wollten, gibt es nicht mehr, aber die Übersetzung wirkt weiter in Kreisen deutscher christlicher Theologen, so daß Gershom Scholem, in einer Rede zur Feier des Abschlusses der Übersetzung, von einem Abschiedsgeschenk an die deutsche Sprache sprechen konnte. Unermüdlich führte Buber das Werk der Verdeutschung der Schrift fort, überarbeitete mehrmals das Buch Hiob, und im Donner der Kanonen, der Belagerung Jerusalems 1948, schuf er seine Übersetzung der Psalmen, „Preisungen“ genannt.

In den Werken „Königtum Gottes“ (1932) und „Der Glaube der Propheten“ (1950) erschloß Buber ein neues Bibelverständnis, das gläubig und zugleich wissenschaftlich exakt ist. Das gilt auch für sein Buch über Mose, das gleichsam eine Antwort an Sigmund Freuds Schrift über „Mose und die monotheistische Religion“ darstellt.

In seinem Buch „Zwei Glaubensweisen“ (1950) ging Buber auch tief in die Exegese des Neuen Testaments hinein, lehnte es aber ab, auch das Neue Testament zu übersetzen. Als Philosoph kann Buber als der Schöpfer der Dialogik angesprochen werden, deren Grundwerk sein „Ich und Du“ (1922) geworden ist.

Endlich wandte sich Buber, immer und immer wieder, jüdischen Gegenwartsfragen zu, so in seinen „Reden über das Judentum“ und „An der Wende“ und wurde ein Vorkämpfer der israelisch-arabischen Verständigung, der die Bemühungen seiner letzten Jahre besonders galten. Bubers Konzeption eines binationalen Staates von Juden und Arabern hat heute wiederum neue Aktualität erlangt. Israel steht vor der Frage, mit den Arabern, die sich heute „Palästinenser“ nennen, entweder zu einem Miteinander im Sinne Bubers oder einer radikalen Trennung, im Sinne von zwei Staaten, zu gelangen.

Zahlreiche Ehrungen von Universitäten in Israel und aller Welt und die Zuerkennung von Literaturpreisen in Deutschland und Holland wurden Buber zuteil, der in unserem Jahrhundert wie kein anderer den Geist des Judentums sichtbar verkörperte.

Sein Lebensweg führte über Wien und Berlin nach Heppenheim an der Bergstraße, wo sein Wohnhaus heute als Zentrum der Bewegung für christlich-jüdische Verständigung dient. Buber lehnte es ab, daß an seinem Wohnhaus nach dem Krieg eine Gedenktafel angebracht würde, wenn nicht deutlich darauf zu lesen sei, daß er 1938 von dort vertrieben wurde.

Erst von Heppenheim führte ihn dann der Weg endlich nach Jerusalem, an jene Hebräische Universität, zu deren Mitbegründern er gehörte. Daher lehnte Buber es ab, als Emigrant bezeichnet zu werden, denn der Weg nach Jerusalem war frühzeitig sein Ziel, so daß er sich immer in Israel-Palästina als Heimkehrer empfand.

Der Kreis der vertrauten Mitarbeiter, Freunde und Kollegen ist immer kleiner geworden. Bubers treuester Schüler, Prof. Ernst Simon, ist schon lange vor seinem Tode durch geistigen Verfall nicht mehr Sachwalter von Bubers Nachlaß. Auch die Professoren der Hebräischen Universität, der Philosoph Shmuel Hugo Bergmann und der Erforscher der jüdischen Mystik, Gershom Scholem, weilen nicht mehr unter den Lebenden. Scholem hat das Werk Bubers immer wieder verehrungsvoll und dennoch kritisch kommentiert. Der Dichter Werner Kraft, dem wir ein Gesprächsbuch mit Buber verdanken, ähnlich meinem eigenen Buch „Zwiesprache mit Martin Buber“, aber ganz andere Gebiete berührend, ist auch längst dahingegangen, ebenso die Biographin Grete Schaeder, der wir die zweibändige, gleichsam abschließende Biographie Bubers zu verdanken haben.

Das Andenken Bubers wird im Buber-Archiv der Hebräischen Universität in Jerusalem bewahrt, und im Martin-Buber-Institut der Hebräischen Universität auf dem Skopus über Jerusalem führt Kalman Yaron das Vermächtnis Bubers im Sinne jüdisch-arabischer Verständigung fort.

Trotz allem muß gesagt werden, daß die Botschaft Bubers vom dialogischen Leben — auf allen Gebieten seines reichen Schaffens — im deutsch-sprachigen Raum lebendiger geblieben ist als in Israel. Ein talmudisches Gleichnis sagt, daß sich die Lippen der Weisen im Grabe bewegen, wenn ihrer Worte gedacht wird. In Philosophie, Theologie, aber auch auf Gebieten der Pädagogik und im politischen Denken wird Buber immer wieder nicht nur zitiert, sondern als geistiges Leitbild herangezogen. Der Meister ist tot, aber sein Werk lebt als das Zeugnis eines Zeitgenossen, der sein Jahrhundert mitgeformt hat.


Jahrgang 2/1995 Seite 311



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