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Berichte

Quellensicherung in Heidelberg

Aus der Arbeit des Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland

Ein halbes Jahrhundert nach dem Ende des Krieges beginnt auch die Nachkriegszeit sich in Geschichte zu verwandeln. Niemand kann mehr leugnen, daß es in Deutschland wieder eine dauerhaft ansässige jüdische Gemeinschaft gibt. Zeit also, die Quellen für ein neues Selbstverständnis zu sammeln. Mit Hilfe der Bundesregierung hat der Zentralrat der Juden 1987 ein Archiv gegründet, das seinen Sitz in Heidelberg hat. Es trägt den Namen Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland. Für die Wahl des Standortes war die Nähe zur Hochschule für Jüdische Studien ausschlaggebend. Das Archiv hat vier Mitarbeiter. Die Grundlinien der Arbeit werden von einem Beirat beschlossen, dem u. a. Vertreter des Zentralrats und des Bundesarchivs angehören.

Nachfolge des Gesamtarchivs

In seiner Konzeption knüpft das Heidelberger Zentralarchiv an die Arbeit des Gesamtarchivs der deutschen Juden an, das als selbständige jüdische Einrichtung von 1905 bis 1939 in Berlin bestand. Damals wie heute geht es darum, eine Zentralstelle zur Aufbewahrung und Erschließung von historisch wertvollem Schriftgut jüdischer Gemeinden, Verbände und Personen zu haben. Der Notwendigkeit zur Zentralisierung wird oft widersprochen. Die Erfahrung zeigt jedoch, daß selbst große jüdische Gemeinden nicht in der Lage sind, ein eigenes Archiv zu unterhalten. Aufgrund der modernen Kommunikationstechnik ist die Zentralisierung heute unproblematischer als vor dem Krieg. Die Akten befinden sich zudem nur materiell in Heidelberg, juristisch geben die Gemeinden ihre Unterlagen in der Regel nicht aus der Hand. Bereits das Gesamtarchiv hat die Mehrzahl seiner Bestände nur als Depositum erhalten. In Heidelberg werden die Akten lediglich verwahrt, geordnet und erschlossen. Die Entscheidung über die Benutzung bleibt bei der abgebenden Stelle.

Die zentrale Zusammenführung der Akten eröffnet nicht nur interessante Vergleichsmöglichkeiten, sie entlastet die Gemeinden auch von der Benutzerbetreuung. Neben der Bereitstellung von Leseplatz, Kopiergerät und anderen technischen Voraussetzungen wird für die Benutzer auch eine ziemlich umfangreiche Begleitdokumentation aufgebaut. Die wichtigsten Nachschlagwerke sowie die auf die Akten bezügliche Spezialliteratur werden in einer Präsenzbibliothek bereitgehalten. Daneben gibt es Sammlungen von Gemeindeblättern und anderen mehr oder weniger periodisch erscheinenden Mitteilungen. Eine besondere Abteilung faßt Spezialinventare zusammen, mit deren Hilfe man sich schnell einen Überblick über Quellen zur Geschichte der Juden in Deutschland verschaffen kann, die von anderen Archiven verwahrt werden. Bereits vom Gesamtarchiv wurde versucht, durch eine solche Sammlung den notwendigen Zusammenhang zwischen der innerjüdischen Überlieferung und den im staatlichen und kommunalen Bereich erhalten gebliebenen Unterlagen herzustellen. Durch den Krieg und die Verfolgung wurde außerdem noch das bis dahin in jüdischer Hand befindliche Schriftgut über die ganze Welt verstreut. So kommt es, daß wichtige Bestände zur Geschichte der Juden in Deutschland heute in Jerusalem, New York, Warschau oder Moskau lagern. Eine Sammlung von Übersichtsverzeichnissen ist heute noch dringlicher als vor dem Krieg.

Mengenprobleme

Der Aufbau der hier kurz skizzierten Begleitdokumentation kann jedoch nur nebenher erfolgen. Im Mittelpunkt der Arbeit steht die eigentliche Archivtätigkeit. In einer ersten Phase ging es hauptsächlich darum, Kontakte mit jüdischen Gemeinden, Verbänden und Personen herzustellen und die Tragfähigkeit der im wesentlichen aus der Vorkriegszeit übernommenen Archivkonzeption im jüdischen Leben der Bundesrepublik zu prüfen. Dabei stellte sich zunächst heraus, daß nicht nur das kommunale und staatliche, sondern auch das jüdische Archivwesen heute vor einem Mengenproblem steht. Das Gesamtarchiv hat in den gut drei Jahrzehnten seines Bestehens aus dem ganzen Deutschen Reich nicht viel mehr als 200 lfm Gemeindeakten zusammengetragen. Obwohl die Gemeinden heute kleiner sind, hat man es mit wesentlich größeren Aktenmengen zu tun. Allein bei der kürzlich erfolgten Übernahme der seit 1945 in Frankfurt entstandenen Akten mußten etwa 300 lfm Regalplatz bereitgestellt werden. Diese Akten sind noch nicht bewertet. Aber auch wenn man sich von zahlreichen Quittungen, Rechnungen, Bankauszügen, Wahlzetteln usw. trennt, bleibt immer noch eine beachtliche Papiermenge zur dauerhaften Aufbewahrung. Eine erste Bestandsaufnahme in Hamburg ergab, daß sich seit 1945 bereits an die 400 lfm Akten angesammelt haben. Andere Gemeinden oder Verbände haben ihre Unterlagen nicht so sorgfältig aufgehoben. Aus den ersten Nachkriegsjahrzehnten ist mitunter fast gar nichts erhalten geblieben. Der Neubau eines Gemeindezentrums oder der Umzug in bessere Räumlichkeiten gaben oft den letzten Anstoß, sich von scheinbar nutzlosen Papiermengen zu trennen. Eine systematische Überlieferung setzt deshalb in vielen Fällen erst in den sechziger Jahren ein.

Grabinschriften

Neben dem Mengenproblem stand das Zentralarchiv noch vor einer anderen neuen Anforderung. Gleich bei seiner Gründung wurde es mit der Dokumentation jüdischer Grabinschriften betraut. Diese Aufgabe ist im Prinzip nicht neu. Auch vor dem Krieg wurden von einzelnen Gemeinden die Grabsteine auf den älteren Teilen des Friedhofs abgeschrieben. Aber dies geschah nur gelegentlich durch historisch interessierte Rabbiner, nicht in systematischer Weise durch ein Archiv oder eine Dokumentationsstelle. Da nach dem Krieg jüdische Friedhöfe oft die einzige sichtbare Erinnerung waren und auch diese Erinnerung durch Luftverschmutzung und Steinfraß verlorenzugehen droht, wurde die Sicherung der Grabinschriften jetzt als besonders dringlich betrachtet. In siebenjähriger Arbeit sind durch eine Mitarbeiterin des Heidelberger Zentralarchivs alle 54.000 jüdischen Grabsteine im Bundesland Baden-Württemberg fotografiert worden. Die Erschließung dieser Fotosammlung liegt gegenwärtig in den Händen des Landesdenkmalamtes. Im Rahmen einer Dokumentation, die der Vorbereitung von Restaurierungsarbeiten dienen soll, werden die Namen und Daten auf den Grabsteinen durch eigens dafür angestellte Judaisten entziffert und in Formblättern festgehalten.

Die Fotoaktion des Zentralarchivs ist zwar die größte ihrer Art in der Bundesrepublik, aber bei weitem nicht die einzige. Neben mehreren größeren Projekten, die ganze Bundesländer umfassen, gibt es auch zahlreiche kleinere Initiativen von Schulklassen oder Heimatmuseen. Die Gesamtzahl der jüdischen Grabsteine auf dem Gebiet der Bundesrepublik läßt sich nur schätzen, sie liegt bei etwa 600.000. Durch die bisher geleistete Dokumentationsarbeit ist lediglich ein Fünftel aller Inschriften gesichert worden. Auch hier steht man vor einem Mengenproblem. Es wird mit vertretbarem Aufwand nicht gelingen, die jüdischen Grabinschriften vollständig zu dokumentieren. Die erfolgreiche Fortsetzung der Arbei wird im wesentlichen von der Erarbeitung geeigneter Auswahlkriterien abhängen.

Jüdische Autoren

Das jüdische Leben in einem Land wird durch die Akten der offiziellen Institutionen nur zum Teil dokumentiert. Auch in anderen Bereichen der Gesellschaft artikuliert sich jüdisches Bewußtsein. So gibt es auch naci dem Krieg wieder eine ganze Reihe von deutsch schreibenden jüdischen Autoren. Als erstes gelangte der umfangreiche Nachlaß (20 lfm) des Historikers Joseph Wulf (1912-1974) ins Heidelberger Archiv.

Man muß jedoch nicht erst warten, bis eines Tages über einen Nachlaß verhandelt werden kann. Das Zentralarchiv hat begonnen, mit verschiedenen Autoren direkt Kontakt aufzunehmen. Nach jedem einzelnen Werk fallen bereits Papiere an, deren Archivierung möglich und sinnvol ist. Da gibt es verschiedene Manuskriptvarianten, Korrespondenz mit Verlegern und Lektoren, sodann Rezensionen, Interviews, Berichte über Lesungen, Leserbriefe usw. Oft kommen noch Materialsammlungen zu den behandelten Themen hinzu.

Bei den Rezensionen handelt es sich zwar um veröffentlichte Texte. Im Prinzip kann man sie in jeder größeren Bibliothek nachlesen. Aber praktisch ist das bei der heutigen Vielzahl von Zeitungen und Zeitschriften so gut wie unmöglich. Für einzelne Autoren angelegte Sammlungen von Zeitungsausschnitten werden daher von den Literaturwissenschaftlern als Quelle sehr geschätzt. Die Sammlung Jüdische Autoren des Zentralarchivs umfaßt jetzt etwa 10 Regalmeter und enthält Materialien von Henryk Broder, Barbara Honigmann, Robert Schindel, Rafael Seligmann und Peter Sichrovsky. Wer sich also künftig in eine vergleichende Betrachtung der neueren deutsch-jüdischen Geistesentwicklung zu vertiefen wünscht, findet bereits Dokumentation zu mehreren wichtigen Autoren nebeneinander. Er spart sich eine kostspielige Rundreise von Berlin über Köln, Strasbourg, München, Wien bis nach Jerusalem. Das sind dis Orte, aus denen die Materialien nach Heidelberg gebracht wurden. Diese Aufzählung macht bereits deutlich, wie schwer es heute ist, den geographischen Rahmen der jüdischen Archivtätigkeit klar abzustecken. Bei den Autoren wird man weniger vom jeweiligen Wohnort als vielmehr von der Sprache und von der Wirkung auf die jüdische Gemeinschaft in der Bundesrepublik ausgehen müssen.

Aktenbestände

Etwas besser läßt sich die Zuständigkeit des Zentralarchivs in geographischer Hinsicht bei der Archivierung von Schriftgut jüdischer Gemeinden und Verbände charakterisieren. Hier wird zunächst durch die gegenwärtigen politischen Grenzen der Bundesrepublik ein äußerer Rahmen definiert. Keine Gemeinde, kein Landesverband, keine einzige jüdische Einrichtung ist jedoch verpflichtet, Akten nach Heidelberg abzugeben. Die Archivierung erfolgt lediglich nach bilateraler Vereinbarung. Im Unterschied zum staatlichen Bereich gibt es im jüdischen Bereich bis jetzt keine verbindlichen Regelungen, das Heidelberger Zentralarchiv ist für die Gemeinden lediglich ein Angebot. Auf dieser Grundlage sind umfangreichere Aktenbestände bis jetzt aus folgenden Einrichtungen bzw. Verbänden nach Heidelberg gelangt:

Zentralrat der Juden in Deutschland (Akten 1950-1986, 11 lfm)
Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (Akten 1954-1990, 100 lfm)
Jüdische Studentenverbände (Bundesverband und Landesverbände) (Akten 1962-1992, 7 lfm)
Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen (Akten 1950-1987, 21 lfm)
Jüdische Gemeinde zu Berlin (DP-Kartei 1945-1949, 5 lfm)
Israelitische Gemeinde im Lande Bremen (Akten 1945-1979, 42 lfm)
Jüdische Gemeinde Frankfurt (Akten 1945-1985, 302 lfm)
Jüdische Kultusgemeinde Heidelberg (Akten 1961-1991, 6 lfm)
Jüdische Gemeinde Wiesbaden (Akten 1962-1986, 6 lfm)

Es ist leicht zu erkennen, daß bisher überwiegend Schriftgut aus der Zeit nach 1945 ins Heidelberger Zentralarchiv übernommen wurde. die in Deutschland erhalten gebliebenen jüdischen Archivalien aus der Vorkriegszeit sind bis in die achtziger Jahre hinein an die Central Archives for the History of the Jewish People in Jerusalem geschickt worden. Gewisse Restbestände tauchen immer noch auf. Aber der größte Teil der jüdischen Akten, die auf dem Territorium der alten Bundesrepublik den Krieg überstanden haben, befindet sich inzwischen in Israel. Seit dem Zusammenbruch der sozialistischen Ordnung in Osteuropa werden auch in diesem Bereich größere Aktenbestände zur deutsch-jüdischen Geschichte bekannt oder erstmals zugänglich. Das Zentrale Staatsarchiv der DDR in Potsdam verwahrte umfangreiche Restbestände des ehemaligen Gesamtarchivs der deutschen Juden. In einem Moskauer Sonderarchiv lagern Beuteakten des Reichssicherheitshauptamtes, darunter das Archiv vom Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, umfangreiche Unterlagen der Großloge des Bnei-Brith sowie Teilbestände aus zahlreichen jüdischen Gemeinden. In den Kellern des Staatsarchivs Schwerin liegen noch die von der GESTAPO beschlagnahmten Akten des Landrabbinats Mecklenburg. Die Diskussion über die Rückgabe dieser Quellen an jüdische Einrichtungen ist noch nicht abgeschlossen. Das Heidelberger Zentralarchiv ist nicht der einzige Interessent. Im Unterschied zur Vorkriegssituation erfolgt jüdische Archivierung heute unter den Bedingungen der Konkurrenz. In Berlin gibt es das Centrum Judaicum, in Frankfurt das Jüdische Museum, in Duisburg das Steinheim Institut, in Hamburg das Institut für die Geschichte der deutschen Juden, in New York das Leo Baeck Institute, in Jerusalem die Central Archives. All diese Einrichtungen bemühen sich um Dokumente zur Geschichte der Juden in Deutschland. Die Vielzahl von Einrichtungen stimuliert die Forschung, macht aber gleichzeitig archivpolitische Absprachen erforderlich. Unterschiedliche Träger, Aufgabenstellungen und Traditionen stehen dem immer wieder entgegen. Für das Heidelberger Zentralarchiv bietet sich aufgrund seiner Nähe zum jüdischen Leben in der Bundesrepublik eine Spezialisierung auf Akten aus der Zeit nach 1945 an.

Peter Honigmann

Berlin-Museum, jüdische Abteilung

Der Erweiterungsbau des Berlin-Museums ist für dessen Jüdisches Museum und die allgemeine wachsende Sammlung vorgesehen. Der Grundstein wurde am 9. November 1992 gelegt, am 5. Mai 1995 war das Richtfest. Der städtebaulich eindrucksvolle Neubau ist ein im Grundriß mehrfach abgeknicktes Gebäude, das von dem Architekten Daniel Libeskind, Berlin/Los Angeles, entworfen wurde. Er entsteht südlich des unter Denkmalschutz stehenden Altbaus. Die Erweiterung wird mit dem barocken Altbau durch ein Untergrund-Labyrinth verbunden und wird neben den Sammlungen des künftigen Stadtmuseums Berlin auch die Sammlungen des Jüdischen Museums beherbergen. Das Gebäude wird im Herbst 1996 übergeben und 1997 eröffnet.

aus: Foyer. Berliner Landesentwicklungsgesellschaft mbH. April 1995

Archiv der jüdischen Gemeinde von Saloniki wiedergefunden

Nach mehr als 50 Jahren nach dem Raub des „Sonderkommandos Rosen-berg“ ist das Archiv der jüdischen Gemeinde von Saloniki aufgetaucht. Die über 20 Synagogen in Saloniki wurden von den Deutschen vor der Zerstörung ausgeraubt. Heute gibt es dort nur noch eine Synagoge. Vie-les wurde damals von den Deutschen geraubt und mitgenommen, ande-res wurde verkauft. Zu der damaligen Beute gehörte auch das Archiv der jüdischen Gemeinde. Das Archiv bietet eine reiche Quelle für die Historiker. Jahrzehntelang glaubte man, die nach Deutschland verbrachten Dokumente seien durch Bomben vernichtet worden. Vor kurzem aber zeigte sich, daß mindestens ein Teil des Archivs von den sowjetischen Truppen nach Rußland gebracht wurde und dort bis heute aufbewahrt wird. Es würde der deutschen Regierung sicher gut anstehen, wenn sie sich nicht nur für die Rückgabe der geraubten deutschen Kunstschätze einsetzt, die als Kriegsbeute in die damalige UdSSR gebracht wurden, sondern sich ebenso intensiv dafür verwendet, daß z.B. das Archiv der jüdischen Gemeinde von Saloniki dorthin zurückgebracht wird, wo es hingehört.

bl

Juden retten Christen und Muslime

In Sarajevo leben Gruppen friedlich miteinander, die sich sonst im Land bekämpfen. Von der jüdischen Gemeinde in Sarajevo wurde eine Hilfsorganisation ins Leben gerufen, die zu deutsch den Namen „Der gute Wille“ trägt. Ihre Devise lautet: Frage nicht, wem du hilfst. Hilf allen, die Hilfe brauchen. Diese Hilfsorganisation versorgt alle Einwohner soweit möglich mit Nahrungsmitteln und Medikamenten. Man bringt ihren Konvois von allen Seiten Respekt entgegen.

In diesem Krieg sind Juden einmal nicht die Opfer, sondern die Retter für Christen und Muslime.

Die Nazis ermordeten 90% der jüdischen Bevölkerung. Jetzt können die Juden ihren Nachbarn die alte jüdische Kunst des Überlebens beibringen. Eine Nebenwirkung ist, daß dadurch die jüdische Religion in der belagerten Stadt wieder gefragt ist. Seit dem Kriegsausbruch gibt es in der Stadt keinen Rabbiner. Während früher die Juden vielfach nur ein- oder zweimal im Jahr in die Gemeinde kamen, ist die Synagoge — ebenso wie die Kirchen und Moscheen — jetzt meistens gut besucht. Die jüdische Gemeinde ist offen für alle. Bei den Kindern, die am Sonntag jüdische Geschichte und Religion lernen, ist eine große Zahl Nicht-Juden.

Seit 500 Jahren leben in Sarajevo Juden mit Christen und Muslimen zusammen. Die jüdische Bevölkerung war voll integriert. Hier lebten sie nie im Getto. Überall findet man jüdische Zeichen. Die Juden bezeichnen sich als echte Bosnier, beanspruchen aber kein Land und keine Macht. Vielleicht ist das der Grund, warum sie von allen Seiten unterstützt werden. Juden sind relativ sicher, nicht in die politischen Auseinandersetzungen hineingezogen zu werden.

Das gute Verhältnis von Juden und Muslimen wird nicht einmal dadurch gestört, daß beide Gruppen von verfeindeten Ländern Hilfe bekommen: Iran und USA (die amerikanischen Juden).

Sarajevo und seine multikulturellen Bewohner werden mit dem Brot verglichen, das nicht mehr in seine Bestandteile aufgeteilt werden kann. Wobei die Juden die Prise Salz sind, die dem Brot seinen Geschmack gibt.

bl

Was verbindet die Glaubenden?

Eine jüdische Sicht1

Es ist immer eine gute Sache, wenn Vertreter der verschiedenen Religionen sich an einen Tisch setzen, um miteinander zu sprechen, statt gegeneinander zu kämpfen. Denn wir alle sind Brüder und Schwestern, die in einer Welt zusammenleben wollen, die versuchen wollen, aus unseren verschiedenen religiösen Voraussetzungen einen gemeinsamen Weg in eine bessere menschliche Zukunft zu finden.

Es ist eine typisch jüdische Eigenschaft, bedingt durch eine lange Geschichte von Enttäuschungen, vorsichtig an die Arbeit zu gehen. Bevor wir alle die manchmal auch leeren Parolen über Nächstenliebe und gemeinsame Moral, zum Ausdruck bringen, möchte ich einige grundlegende Probleme des interkonfessionellen Dialogs in einer christlichen Umgebung erörtern.

Erstens muß man darauf achten, daß die Terminologie des Gesprächs nicht die Vorstellungen und das Anliegen von nur einer Religionsgemeinschaft ausdrücken. Das Thema heißt: „Was verbindet die Glaubenden?“ Somit wird aber die christliche Selbstdefinition als eine Glaubensgemeinschaft als normativ für alle Religionen angesehen. Der reine Glaube steht aber nicht im Zentrum einer jeden Religion. Zum Beispiel muß man nicht ein gläubiger Jude sein, um ein guter Jude zu sein. Die eigene Tat und Lebenshaltung spielen im Judentum die zentrale Rolle. Auch in anderen nichtchristlichen Religionen wird die Einstellung dem Glauben gegenüber auf andere Weise gehandhabt. Man darf also die eigenen religiösen Maßstäbe nicht als für alle Menschen verbindlich betrachten.

Zweitens ist ein wahrer Dialog nur möglich, wenn sich die Gesprächspartner ebenbürtig einander gegenüberstehen. Zusammenarbeit ist nur möglich, wenn man das Anderssein des anderen akzeptiert. Solange jemand von der absoluten Wahrheit der eigenen Religion so überzeugt ist, daß das Ziel der Bekehrung des anderen nie gänzlich aus der Sicht verschwindet, respektiert man die ebenbürtige Religiosität des anderen nicht. Ob man das als Mission oder „nur“ als freudige Mitteilung der guten Botschaft bezeichnet, kommt auf dasselbe hinaus: Der eigene Weg ist der einzige wahre Weg. Doch welcher Mensch darf es wagen zu wissen, welchen Weg — ob überhaupt nur einen — Gott als den einzig richtigen betrachtet? Besonders als ein in Deutschland lebender Jude liegt mir dieser letzte Punkt sehr am Herzen. Man kann mich als Jude entweder körperlich töten oder seelisch töten. Das Endresultat ist das gleiche.

In dieser Hinsicht sollte hier erwähnt werden, daß das Judentum eine Theologie der Akzeptanz anderer Religionen ausgearbeitet hat. Durch die Theologie der sieben Noachidischen Gesetze, eine Art Naturethik, die Gott der Menschheit nach der Sintflut verliehen haben soll, wird es dem Judentum ermöglicht, Gottes Offenbarung auch anderen Religionen gegenüber auf andere Weise zu akzeptieren. Denn es heißt, daß jeder Gerechte und jede Gerechte am Ende der Tage einen Anteil an der kommenden Welt haben wird. Somit sind die Voraussetzungen für einen interkonfessionellen Dialog aus jüdischer Sicht gegeben. Was wäre dann der Sinn eines interkonfessionellen Dialogs? Im konkreten Fall des christlich-jüdischen Gesprächs ist es offensichtlich, daß Christen und Juden verschiedene, vielleicht sogar entgegengesetzte Erwartungen in bezug auf das Ziel eines Gesprächs haben. Unter anderen dürften für Christen die folgenden Gründe für das Gespräch wichtig sein:

  • um die Ursprünge des Christentums besser zu verstehen;
  • um ihre eigene Auffassung der Person Jesu zu vertiefen;
  • um das persönliche Verständnis des einen Gottes zu festigen;
  • um Buße zu tun für die Verbrechen, die im Namen des Christentums,
    bzw. von Christen Juden gegenüber, im Laufe der Jahrhunderte verübt worden sind.

Das heißt, daß solch ein Gespräch über und mit Juden für die christliche Theologie wichtig ist. Für Juden läuft das Gespräch auf ganz anderer Ebene, nämlich auf der historischen. Aus jüdischer Sicht hat das Gespräch eher eine existentielle Begründung. Durch einen Dialog hofft man, die uralten Vorurteile und den uralten Haß abzubauen, um dadurch die eigene Akzeptanz als Mensch zu gewinnen. Für eine jüdische Theologie ist das Christentum unwichtig. Was verbindet dann die „Glaubenden“? Ich fürchte, daß im alltäglichen oder sogar religiösen Sinn sie sehr wenig verbindet. Die Tagesordnung sowohl des einzelnen wie auch die einer Gruppe wird durch ganz spezifische und individuelle Erwägungen bestimmt, die von anderen nicht unbedingt geteilt werden. Hat dann solch ein Dialog überhaupt einen Sinn? Ohne Zweifel, und zwar einen höchst wichtigen. Doch würde ich den Sinn eher auf menschlicher Ebene als auf religiöser einstufen. Die Religionen und ihre Anhänger können darauf hinarbeiten, daß Haß und Intoleranz aus der Welt schwinden, daß Akzeptanz und Toleranz menschliche Eigenschaften werden, daß Frieden und Gerechtigkeit die Welt beherrschen und daß die Menschheit die Quelle ihres Lebens, die Erde, schont. Da dies aber überwältigende Aufgaben sind, vor denen der oder die einzelne sich selbst hilflos vorkommt, ist es am besten, zwar global zu denken, aber lokal zu handeln. Eine Religion als Struktur kann wenig tun, aber der Mensch in seiner Gemeinde und unter seinen Mitmenschen kann sehr viel bewirken. Und hier können die Anhänger der verschiedenen Religionen vorbildlich für die Menschheit sein und die führenden Rollen übernehmen.

Rabbi Tarfon hat gesagt, „Der Tag ist kurz, und die Arbeit ist groß . . . Du bist weder verpflichtet, die Arbeit zu beenden, noch darfst du ihr entgehen“ (Sprüche der Väter 2,20-21).

1. Schriftliche Fassung eines Statements, abgegeben anläßlich einer Podiumsdiskussion auf dem 92. Deutschen Katholikentag.

Carl Stephan Ehrlich

Gerechter der Völker: P. Dr. Heinrich Middendorf

Einer der vielen Unbekannten, die in der Nazizeit Juden gerettet haben, ist Pater Dr. Heinrich Middendorf (vgl. FrRu NF 3/1995, 185-195). Als erster deutscher Priester wurde ihm posthum die Ehre zuteil, als Gerechter der Völker in Yad Vashem (Israel) geehrt zu werden.

An der Feierstunde in Stegen, wo Pater Middendorf als Hausoberer während des Krieges lebte, nahmen zahlreiche Gäste teil: als Vertreter der israelischen Botschaft waren Gesandter Avraham Benjamin und Gisela Kuck anwesend, als Vertreter des religiösen Lebens Weihbischof Wolfgang Kirchgäßner und Landesrabbiner Benjamin Soussan. Von den Vertretern der israelischen Botschaft nahm P. Dr. Bernd Bothe SCJ in Vertretung die Ehrung entgegen. In einem Diavortrag verstand es P. Bothe, etwas von der Atmosphäre des Hauses zu vermitteln, die diese Rettung möglich machte. Als Vertreter der Geretteten, die zum Teil anwesend waren, richtete Dr. Peter Paepcke an die Schüler, die trotz der bereits begonnenen Ferien geblieben waren, einen eindringlichen und bewegenden Appell, den Anfängen zu wehren.

Der Titel „Gerechter der Völker“ wird an Nichtjuden verliehen, die unter Einsatz ihres Lebens in der Zeit des Nationalsozialismus Juden gerettet haben. Die Auszeichnung erfolgt durch die Verleihung einer Urkunde und einer Medaille. In Yad Vashem wird zu ihrem Gedenken ein Johannisbrotbaum gepflanzt. Ca. 11.300 dieser Bäume zeugen dort von Mitmenschlichkeit inmitten von Unmenschlichkeit. 300 Bäume tragen die Namen deutscher Männer und Frauen. Einer von ihnen ist Frau Dr. Gertrud Luckner, der Begründerin des Freiburger Rundbriefs, gewidmet.

bl

Die „Woche der Brüderlichkeit“ 1995 und das Grußwort des bayerischen Ministerpräsidenten Dr. Edmund Stoiber

In der Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung vom 9. März 1995 nimmt Peter Finkelgruen mit seinem Leitartikel „The same procedure as every year“ die Woche der Brüderlichkeit aufs Korn, da sie durch ihre ewig-gleichen Rituale ihren Sinn zu verlieren droht. Ich möchte meine Kritik noch in eine andere Richtung lenken. Wie üblich entbieten Schirmherren zu solchen Veranstaltungen ihre Grußworte. Ein negatives Beispiel dafür ist das Grußwort des bayerischen Ministerpräsidenten Dr. Edmund Stoiber. Der Fairneß halber sei es hier vollständig zitiert:

Das Motto der diesjährigen Woche der Brüderlichkeit 1945-1995: ,Aus der Befreiung leben‘ betrifft uns auf besondere Weise: Das Ende des NS-Regimes bedeutete für Europa keine dauerhafte Befreiung von Schreckensherrschaft und Gewalt. Schon während der historischen Stunde von 1945 verband sich mit der Erleichterung über das Kriegsende die Bitterkeit neuer Unterdrückung: Millionen von Menschen in Ostdeutschland, in Mittel-, Ost- und Südosteuropa wurden ermordet oder vertrieben, für vier Jahrzehnte gerieten Mitteldeutschland und die anderen Satelliten der UdSSR unter die Gewaltherrschaft des Stalinismus. Kaum ein einzelnes Ereignis beschreibt dies deutlicher als die fast nahtlose Weiterführung von NS-Konzentrationslagern wie Sachsenhausen und Buchenwald durch den sowjetischen Geheimdienst NKWD und seine Kollaborateure. Allein in Sachsenhausen wurden in den Jahren zwischen 1945 und 1950 nach vorsichtigen Schätzungen von ungefähr 50.000 Häftlingen 15.000-20.000 ermordet, unter ihnen der Schauspieler Heinrich George.

Die Bundesrepublik Deutschland hat sich seit ihrer Gründung als Demokratie und als Garant für Freiheit und Menschenwürde bewährt. Die erfolgreiche Wiedervereinigung, unser Engagement für ein einiges Europa, die massive Unterstützung für unsere Nachbarn im Osten, besonders für die Reformpolitik in Rußland, und nicht zuletzt auch der deutsche Beistand für Israel sowie die Hilfe für Flüchtlinge aus aller Welt entsprechen den Grundzügen unserer deutschen Politik. Mit Sorge verfolgen wir dabei, daß die jüdischen Gemeinden in einigen Ländern schwierigen Bedingungen ausgesetzt sind, als ein Beweis neuen Vertrauens, daß Juden bei uns Schutz suchen.

Das Motto ,Aus der Befreiung leben‘ erinnert daran, daß heute, nicht weniger als 1945, Völker der Befreiung von Not und Unterdrückung harren. Der Krieg auf dem Balkan hat mit hunderttausendfachem Mord, mit systematischen Vergewaltigungen, mit Vertreibungen und Okkupation auf grauenhafte Weise deutlich gemacht, wie brüchig der Boden des Friedens ist, auf dem sich die Menschen bewegen — von den Kriegen und Unrechtsherrschaften in anderen Teilen der Welt ganz zu schweigen. Sich dessen bewußt zu sein, schützt uns vor falschem Pathos und mahnt zu Realismus und zu Wachsamkeit. Ich danke der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, daß sie die Gelegenheit nutzt, heuer mit der Woche der Brüderlichkeit für diesen Gedanken zu werben.

Es ist 50 Jahre her, daß Auschwitz befreit wurde, aber dieses Grußwort mogelt sich um Auschwitz herum. Es spricht von Konzentrationslagern in Deutschland, von Sachsenhausen und Buchenwald, die vom NKWD weitergeführt wurden und in denen ca. 15.000-20.000 (deutsche) Häftlinge zu Tode kamen.

Ein solches Grußwort mag vielleicht für eine Sudetendeutsche Landsmannschaft akzeptabel sein, für eine Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit ist es als inakzeptabel anzusetzen. Bedauert werden nur die Vertreibung von Deutschen und die Situation von „Mitteldeutschland“(!) unter der Gewaltherrschaft des Stalinismus. Kein Wort über ca. sechs Millionen Juden, für die es keinen Tag der Befreiung gab. Kein Wort für die überlebenden Juden in Bayern, wo die alliierten Armeen 18.000 Juden bei den Todesmärschen befreiten.

Hier wird gezielt ein Element Geschichte weiter projiziert, durch ein anderes ersetzt, was sich eine Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit nicht bieten lassen darf. In Regensburg gab es bewußt keine Veranstaltungen zur Woche der Brüderlichkeit 1995. Es waren Schulklassen in der Synagoge, aber nicht als Forum unter solchen politischen Vorgaben.

Jüdisch-christliches Gespräch lebt prinzipiell von Ehrlichkeit, es kann sich keine Halbwahrheiten oder Lügen leisten. Die Mahnung zu „Realismus und zu Wachsamkeit“ möchte ich an Dr. Stoiber selber richten. Es liegt auch an den bayerischen Gesellschaften, ob sie jede Augenwischerei sich unterjubeln lassen — the same procedure as every year!

Andreas Angerstorfer


Jahrgang 2/1995 Seite 298



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