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Wiener Jahrbuch für Jüdische Geschichte, Kultur & Museumswesen

Band 1 1994/95: Jüdische Kultur in Museen und Ausstellungen bis 1938. Brandstätter, Wien. 200 Seiten.

Das 19. Jahrhundert ist jenes Jahrhundert, das wie kaum ein anderes zuvor die Welt und das Bewußtsein der europäischen Juden verändert hat. Der Eintritt in die nichtjüdische Gesellschaft, die Erweiterung der kulturellen Dimension durch höhere schulische Bildung, die wirtschaftliche Verbesserung und die erweiterte Handelstätigkeit führten zu einer zivilisatorischen und kulturellen Assimilation der Juden, deren Identität durch eben diese Assimilation ausgehöhlt zu werden drohte. In diesem Zusammenhang müssen wir Gegenbewegungen wie die religiöse Reform, die Neu-Orthodoxie, die jüdisch-nationale Bewegung und die wissenschaftliche Erforschung der jüdischen Vergangenheit als Wege der Neuorientierung der Juden betrachten. In den kulturellen und wissenschaftlichen Bestrebungen dieses Jahrhunderts bildet neben der Pflege der Geschichtswissenschaft die Errichtung von Bibliotheken, Archiven, Handschriftensammlungen und Museen einen bedeutenden Bildungsschwerpunkt. Noch im 19. Jahrhundert befand sich im Besitz jüdischer Gemeinden und Privatpersonen ein durch Umfang wie Qualität beeindruckender Schatz an historisch bedeutsamen Materialien, Kultgegenständen, alten Druckwerken, Handschriften, Kunstgegenständen verschiedenster Gattung und Provenienz. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts begannen einige vermögende und interessierte Leute mit dem Ankauf und der Ansammlung von jüdischen Kunstgegenständen.

Kunstgegenstände sind unverzichtbare Quellen, die durch ihre Eigenart auf Wertvorstellungen aufmerksam machen können: Sie sind nicht nur Abbild der Realität, sondern sie beeinflussen auch den historischen Prozeß, indem sie Bewußtsein und Identität fördern.

In der Beschäftigung mit dem Jüdischen unter den künstlerischen Aspekten manifestierte sich eine geistige Suche nach Identität, wie auch der Wunsch nach Bewahrung einer vom Untergang bedrohten Vergangenheit. Ohne die religiöse Dimension bleibt das Weltbild der Juden und sonst auch deren Kunstdenkmäler unverständlich. So entstanden in dieser Epoche wichtige Judaicasammlungen und Museen von Galizien bis in die Vereinigten Staaten. Die neun Aufsätze im Sammelband verfolgen und illustrieren in ganz unterschiedlichen Kontexten die Entstehung und die Entwicklung jüdischen Museumswesens im Spiegel der europäischen und amerikanischen Sammlungen. B. Kirshenblatt-Gimblett schreibt über die Anfänge von Sammlung und Präsentation jüdischer Kulturschätze in den Vereinigten Staaten „vom Kultus zur Kultur“. J. D. Feldman untersucht, wie „Judaica als Museumsexponate in den jüdischen Gemeinden des Westens zu einer zentralen Komponente der sozialen Konstruktion jüdischer Identität geworden“ sind. Weitere wissenschafts- und kunsthistorische Studien befassen sich mit der Entwicklung jüdischer Museologie im deutschen, englischen und mährisch-schlesischen Raum und mit der inhaltlichen Erschließung dieser Sammlungen. Die Volkskunde ist repräsentiert in einer Studie von Ch. Daxelmüller über M. Grunwald. Museale Gegenstände als historische Dokumente werden von F. Heimann Jellinek behandelt. Zur Illustration des Einflusses Berliner Museumsfachleute auf das Kulturleben im ehemaligen Palästina stellt J. Schlör ein Ausstellungsprojekt vor. Neben der überregionalen Ausrichtung der Beiträge wird der österreichische Beitrag zur jüdischen Kulturgeschichte und Museumsgeschichte eindrücklich von B. Purin dokumentiert. Das schön ausgestattete Jahrbuch schließt mit einer Chronik des Jüdischen Museums Wien ab, in dem die Einbindung der Museumsarbeit in die Gegenwart als vordergründige Aufgabe bezeichnet wird. Das Wiener Jahrbuch hat mit diesen Studien eine Reihe eröffnet, deren Fortsetzung wünschenswert ist.

Hermann I. Schmelzer


Jahrgang 2/1995 Seite 296



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