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Wolffsohn, Michael

Verwirrtes Deutschland?

Provokative Zwischenrufe eines deutschjüdischen Patrioten. Bruckmann, München 1993. 252 Seiten.

In dieser Sammlung von kurzen Zeitungsartikeln (SZ, Welt) und Ansprachen äußert sich Wolffsohn zu Themen der jüngsten Zeitgeschichte, ob Hitler-Stalin-Pakt, „Umerziehung“, „Vergangenheitsbewältigung“ oder Polemik gegen die EKD (als politische Partei!) fast durchgehend in der Terminologie der „Neuen Rechten“. Der Widerstand gegen die Nachrüstung der Mittelstreckenraketen Ende der 80er Jahre wird in die Kategorie „Umerziehung“ zur Machtvergessenheit gefaßt. Es waren aber nicht nur Pazifisten, sondern Leute, die ganz einfach nicht zuschauen wollten, wenn die damalige Bundesrepublik Deutschland mit Raketen vollgepflastert werden sollte.

Der Streit um das Karmelitinnenkloster auf dem Gelände des KZ Auschwitz dokumentiert nicht Gräben zwischen den Opfern, die immer größer werden. In diesem Kloster eine „Sühne“ zu sehen, ist theologisch bedenklich. Diese Lager sind nicht aus der Welt zu beten, ihr Betrieb geschah mit Wissen und mit Hilfe von Christen (die Henker feierten in den KZ unter dem Christbaum nach „vollbrachtem Tagewerk“).

Für den Freiburger Rundbrief möchte ich mich auf Beiträge mit jüdischen Themen konzentrieren. „Weltkrieg und Holocaust“ erörtert den Sinn der Verwendung des Begriffs „Holocaust“. Die vorgeschlagene Ersetzung durch „Katastrophe“ ist banal, denn im Deutschen assoziiert der Begriff eine unvermeidbare, durch „höhere Gewalt“ ausgelöste Naturkatastrophe. Die Spezifizierung durch den Artikel „hag-go'ah“ ist ins Deutsche nicht übertragbar. Bei „die Katastrophe“ wird im Deutschen kaum jemand an Auschwitz denken. W. selbst gebraucht im Buch dann immer den Ausdruck „die Katastrophe des Holocaust“ (62/72 usw.).

W. teilt den vierfachen Schuldbegriff von K. Jaspers, gewährt den(!) Deutschen großzügig Rabatt (Amnestie) durch die 4 W (Wissen, Werten, Weinen, Wollen; 39). „Auschwitz“ sei eine den Gegner k.o. schlagende Keule. Die Kritik gegen die Abschiebung der „russischen Juden“ aus der Ex-DDR wird zurückgewiesen, da sie von der PDS käme und die NVA gleichzeitig Terroristen der PLO (gegen Israel) ausgebildet habe. Daß die überalterten jüdischen Gemeinden in der BRD trotz aller Probleme russische Juden zu integrieren versuchen, um die umgekehrte Alterspyramide abzubauen, wird niemand kritisieren, außer „Überfremdungsspezialisten“. Wenn jedoch jemand in der taz dafür plädiert, spendet ihm W. höhnischen Beifall: „Vortrefflich, Herr Kollege! Als hätte die Katastrophe der Judenvernichtung nie stattgefunden. Unter linksalternativen Vorzeichen treiben sie das Spiel der extremen Rechten.“ Der Vergleich ist Unsinn, die extreme Rechte will auch heute keine russischen Juden in Deutschland, auch keinen „deutschjüdischen Patrioten“ W.

Die k.o. schlagende Auschwitz-Keule ist legitim nur gegen links einsetzbar, wer sie anders einsetzt, betreibe „geistige Grabschändung“ (58), mißbrauche Auschwitz als politisches oder stilistisches Mittel (60). Der Beitrag „Zynische Zahlenspiele mit den Auschwitz-Opfern?“ bringt die bekannten historischen Zahlenansetzungen. Die Polemik gegen Heinz Galinski ist eklig, W. bezeichnet ihn an der Evangelischen Akademie in Tutzing als „höchsten jüdischen Bonzen“ (87) — Streichers „Stürmer“ hätte es vermutlich auch so gemacht.

„Deutschland und Israel“ behandelt „Befangenheiten“ angesichts der „Wiedervereinigung“ von 1989. Der moralische Kredit Israels (und der Juden als Kollektiv) seien verbraucht (119), außerdem präge nicht die jüdische Religion, sondern der Holocaust die jüdische Identität der meisten Israelis („Holocaust-Zentrismus“). Letzteres ist bei der sephardischen Majorität in Israel fraglich.

Einiges wirkt lächerlich. Der „deutschjüdische Patriot“ W. verteidigt sich gegen den Vorwurf, er sei H. Kohls „Hofjude“ u. a. damit: „weil Helmut Kohl keinen Hof hält, kann ich nicht Hofjude sein“ (144). Auf ähnlichem „Niveau“ bewegt sich der Vergleich von Kohls Politik und dem Exodus unter Mose (149). Die Selbstbeweihräucherung W.s ist abstoßend, die Definitionen teilweise naiv. Die etymologische Reduktion von Nation auf „natus sum“ macht jede Herde von Säugetieren zur „Nation“. Der Beitrag zur Washingtoner Holocaust-Gedenkstätte (183-192) zeigt einen eigenartigen Zynismus. Ohne Holocaust gäbe es keine jüdische Identität — vor allem bei den nichtreligiösen Diasporajuden. Bis ca. 1977 habe insbesondere der „Israelismus“ die Identität der Diasporajuden gestiftet. Gott war und blieb tot, aber der „Götze Staat“ (= Israel!) war lebendig. Die Holocaust-Gedenkstätten würden zum „Gott-Ersatz“ (184), sie seien unjüdisch wie die Bearbeitung des Themas im Film („Holocaust“, „Schindlers Liste“). Ich glaube nicht, daß Holocaustüberlebende solche Gedenkstätten oder Filme für ihre Identität brauchen. Sie müssen im Gegensatz zu W. mit ihren „Auschwitz“-Erfahrungen leben. Museen, Gedenkstätten und Filme sind besonders für die Generationen gedacht, die die NS-Zeit nicht erlebt haben.

Die 27 Dokumente (195-230) sind Reaktionen auf die Vorfälle 1992 an der Universität der Bundeswehr München, an der der Dekan Dr. Georg Geismann seit 1984(!) Lesungen aus Hitlers „Mein Kampf“ abgehalten hat.

Die drei letzten Beiträge entstanden anläßlich Peter Gauweilers (CSU) „Angebot“, den „Radikalmoralisten“ W. zum Kulturreferenten von München zu machen. Daß W. als „quer zur Stromlinienform des Zeitgeistes“ liegend eingeschätzt wird, wirkt lächerlich, denn die nationale Welle und der Terror der „Rechten“ mit der höchsten Zahl antisemitischer Delikte mit einer Steigerung von 367 (1991) auf 656 (1993) und 1147 (1994!) belegt, daß man den (Neo)nazis nicht mit dem „guten alten deutschen Nationalismus“ begegnen kann. W.s Motto „keine Angst vor Deutschland!“ wirkt angesichts solcher Fakten als Verharmlosung. Für die Probleme von Christen und Juden in Deutschland und einen sinnvollen christlich-jüdischen Dialog geben diese Thesen nichts Brauchbares her.

Andreas Angerstorfer


Jahrgang 2/1995 Seite 293



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