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Megged, Aharon

Heinz, sein Sohn und der böse Geist

Bleicher Verlag, Gerlingen 1994. 160 Seiten.

Der Staat Israel und die Schwierigkeit der noch in Europa und vor allem in Deutschland Geborenen, der Jeckes, ist das Thema von Meggeds Erzählung. Das Leben im neuen Land ist ihnen in jeder Beziehung fremd, nicht nur die Sprache. Sie vermissen die gewohnte stützende Rolle von Recht und Ordnung, von dem, was sie unter Kultur verstehen. Die generationenlange Prägung auf ein bürgerliches, in strengen konventionellen Bahnen verlaufendes Leben stößt ununterbrochen auf Unverständliches. Die mitgebrachten Vorstellungen eines „Menschen“, d. h. eines Bildungsbürgers nach deutschem Muster, passen nicht ins neue Land. Aber auch diejenigen, die sich enthusiastisch und idealistisch auf die neue Daseinsform eines Pioniers, eines Bauern im Kibbuz eingestellt haben, finden sich nur schlecht zurecht. Das Gelobte Land hat sich der übrigen Welt angeglichen, die Lebensziele der neuen Israeli sind nun auch Wohlstand, Karriere, Individualismus. Die Generationenprobleme zeigen sich vor allem in den alltäglichen Umgangsformen, die nicht mehr den devoten Respekt vor sozialer Stellung oder Alter kennen, es scheint der „böse Geist“ zu wirken.

Auf dem unsicheren Boden ohne Wurzeln haben persönliche Katastrophen viel größeres Gewicht für die Betroffenen; nicht nur das eigene Ich wird in Frage gestellt, sondern das ganze Leben.

Heinz, als Junge mit seinem Vater während der Nazizeit aus Deutschland nach Palästina gekommen, ist zutiefst deutsch geblieben. Deutsche Literatur, die Klassiker zumal, sind so unabdingbar der Nährboden für ihn, daß er sich einfach nicht vorstellen kann, wie man ohne deren Kenntnis existiert. Dieser Deutsche heiratet nun eine Sabra, die er im Kibbuz kennengelernt hat. Sie arbeitet nach der Heirat im Theater als Maskenbildnerin, er verläßt eine untergeordnete Staatsstelle und wird Bienenzüchter, denn die Hierarchie und Ordnung in einem Bienenstock ist, was ihm absolut entspricht. Die finanziellen Verhältnisse der Familie sind mißlich und ihr einziger Sohn Rubi ist manchmal bei der Mutter im Theater, manchmal beim Vater bei den Bienenstöcken. Eine liebevolle Kindheit und Jugend hat er nicht. Das Kind ist schwierig, aber weder Vater noch Mutter wollen das wahrhaben. Beim Eintritt ins Militär wird die schwierige Veranlagung Rubis aber evident und er wird aus dem Militär ausgeschlossen. Das allerdings wirft Heinz, den Vater, völlig aus der Bahn. Er schreibt Eingaben über Eingaben an alle nur möglichen militärischen und staatlichen Stellen und Ämter, denen er die Schuld am Versagen des Sohnes anlastet.

Die Trennung von seiner Frau hat er vordergründig gelassen hingenommen, nicht aber, daß sie mit einem deutschen Fernsehmann zusammenlebt. Mit seinen Nachbarn in der Straße bekommt er auch Krach, weil sie sich zu wenig um Vorschriften kümmern. Der Staat, die Menschen in diesem Staat, alles ist ihm fremd und vermeintlich feindlich und beherrscht vom bösen Geist. Am Ende verschwindet er mit seinem Sohn irgendwo, man weiß nicht, sind die beiden untergetaucht oder ist es ein gemeinsamer Selbstmord.

Megged ist ein Erzähler, der sein Land und die Probleme der Einwanderer aus Europa kennt. Megged ist gebürtiger Pole und hat wahrscheinlich auch einen tragfähigen Modus vivendi mit den autochthonen Israeli erst finden müssen. Es ist gut, daß auch solche Bücher aus Israel zu uns kommen und nicht nur über den Holocaust, obwohl eben gerade der zum Staat Israel geführt hat. Die flüssige Übersetzung von Barbara Linner soll nicht unerwähnt bleiben.

Eva Auf der Maur


Jahrgang 2/1995 Seite 289



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