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Ilsar, Yehiel

Im Streit für die Weimarer Republik

Stationen im Leben des Hermann Badt. Transit Verlag, Berlin 1992. 400 Seiten.

Badt (1887-1946) war als Ministerialdirektor in Preußen der ranghöchste jüdische Beamte in der Weimarer Republik. Aus dem Nachlaß und aus sonstigen oft hier zum ersten Mal aus Archiven West- und Ostdeutschlands hervorgeholten Quellen hat sein Schwiegersohn, der Sekretär Golda Meirs war und dann am Aufbau der Außenbeziehungen Israels, auch zu den Kirchen, mitwirkte (u. a. als Botschafter), weit mehr als die ursprünglich anvisierten „biographischen Notizen“ vorgelegt, nämlich ein Mosaik über den Weg der Weimarer Republik in die Katastrophe. Badts Qualifikation als Jurist war unbestritten. Deshalb hätte seine Laufbahn im Preußischen Innenministerium und wohl auch als Landtagsabgeordneter der SPD (1922-26) keinen Abbruch erfahren — wäre er nicht Jude und, um die „Disqualifikation“ selbst auf die Spitze zu treiben, aktiver Zionist gewesen.

Negative Folgen ergaben sich für Badt daraus in der eigenen Partei durch offene und versteckte Zurücksetzungen, und zwar nicht allein damals, sondern auch später, etwa wenn der Ministerpräsident Braun in seinen Memoiren den Namen des „Parteifreundes“ verschwieg, der ihn am 4. März 1933 in das Schweizer Exil gerettet hatte. Erst recht war Badt niederträchtigen Angriffen von rechts ausgesetzt. Dabei ist das Erschreckende, wie Antisemitismus auch in den Parteien als selbstverständlich galt, die sich an den Regierungen der Republik beteiligten. Die Affäre um den Reichsinnenminister v. Keudell 1927 in der Auseinandersetzung um den Nationalfeiertag ist symptomatisch. Er griff Badt als Vertreter Preußens im Reichsrat mit, wie sich nachher herausstellte, haltlosen Vorwürfen an, die er persönlich, aber nicht — wie er Kanzler Marx gegenüber betonte — zur Verschärfung der Spannungen zwischen dem Reich und Preußen verstanden wissen wollte. Als derselbe v. Keudell im November 1927 einer Tagung der deutschen Studentenschaft, auf der es zu „üblen Angriffen auf die preußische Regierung kam, begleitet von antisemitischen und nationalsozialistischen Ausfällen“, ein Sympathie-Telegramm schickte, tat derselbe Kanzler des Zentrums den Protest Brauns mit der Bemerkung ab, was v. Keudell als Reichstagsmitglied sage, kompromittiere die Regierung nicht.

Trotz solcher Erfahrungen nahm sich Badt unerschrocken der Aufgaben an, vor die er sich als preußischer Beamter und Abgeordneter gestellt sah — ein überzeugter Demokrat in der damaligen zumeist (noch) monarchisch gesonnenen Beamtenschaft. So setzte er sich für die Aufhebung des Skandalurteils durch einen bayrischen Volksgerichtshof gegen Fechenbach, den Sekretär des ermordeten Ministerpräsidenten K. Eisner, ein. Einen politischen Justizmord an einem Juden in Lemberg konnte er dadurch verhindern, daß das Geständnis des nach Berlin geflüchteten tatsächlichen Attentäters rechtzeitig vorn Innenministerium nach Polen übermittelt wurde. In der Streitsache um den von Militär und gegen die Friedenspolitik agierenden Politikern geforderten Bau des Panzerkreuzers A führte Badt zunächst — wenn auch am Ende erfolglos — einen ablehnenden Reichsratsbeschluß herbei. Dabei griff das von ihm geschaffene Instrumentarium einer vorherigen Absprache der sozialdemokratischen Regierungsvertreter (und — gegebenenfalls — der Reichstagsfraktion).

Badt war es auch, der schon Anfang Juni 1932 die Gefahr der Einsetzung eines Reichskommissars in Preußen erkannte — was v. Papen am 20. Juli tat und wogegen Badt am selben Tag noch die Klage beim Staatsgerichtshof in Leipzig einreichte. Das Unheil war aber nicht mehr aufzuhalten. Gleiches gilt für Badts Bemühungen, für die Reichspräsidentenwahl 1932 die endgültige Zustimmung der SPD für die Kandidatur Dr. Eckeners zu erreichen, den er persönlich kannte (Graf Zeppelin hatte sich von Badts Vater, einem Rabbiner, vermutlich hebräische Texte übersetzen lassen, die zu den Patenten gehörten, die er von der Witwe des Ungarn D. Schwarz erworben hatte). Der Fehlschlag hing wohl daran, daß Hitler — abwohl bis Februar 1932 staatenlos — bereits durch Hindenburg und führende Leute der Wirtschaft „hoffähig“ gemacht und dem Terror seiner Parteitruppen von seiten des Staates und der Justiz nicht entschieden genug entgegengetreten worden war.

Haben wir heute unsere Lektionen aus der Geschichte hinreichend gelernt? Am Anfang der politischen Laufbahn Badts steht ein antisemitischer Vorfall im „völkischen Eldorado“ Borkum, wo sich ein Pastor mit seiner Judenhetze überschlug. Die Reaktionen darauf ähneln manchen von denen auf heutige rechtsradikale und antisemitische Straftaten in beängstigender Weise. Nicht minder aktuell ist es, wenn Badts Einsatz für die Einbürgerung von Ostjuden von seinem badischen Kollegen Fecht als „verderbliche politische Wirksamkeit“ charakterisiert wird.

So führt Ilsars Buch unaufdringlich und doch durch die genaue Dokumentation zwingend die Notwendigkeit des entschiedenen Einsatzes für die Demokratie vor Augen. Unter den zahlreichen Dokumenten (die ein Register verdient hätten) ist der Nachruf Badts auf seinen Freund Franz Rosenzweig hervorzuheben — die Freundschaft bestand seit dem Winter 1905/06. Er offenbart eine bemerkenswerte „zionistische“ Seite Rosenzweigs. Badt selbst konnte im erzwungenen Exil für den Aufbau von Erez Israel wirken: Israels Staatsgebiet am Ostufer des Sees Gennesaret geht auf den Landkauf einer von Badt mitbegründeten Gesellschaft zurück.

Ein facettenreiches, ungemein gehaltvolles Buch.

Peter Fiedler


Jahrgang 2/1995 Seite 285



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