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Glazar, Richard

Die Falle mit dem grünen Zaun

Überleben in Treblinka. Geschichte Fischer. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt 1994. 189 Seiten.

Fünfzig Jahre danach — nach dem absolut Unvorstellbaren, auch wenn noch so viel darüber geschrieben wird. Der Name Auschwitz steht dafür. Aber gerade weil das vor mehr als einem halben Jahrhundert Geschehene unvorstellbar ist, darf nichts vergessen werden und ist „Die Falle mit dem grünen Zaun“, d. h. das Lager Treblinka, wichtig. Dieses Lager wurde bereits 1943 von den Nazis selber aufgelöst, also nicht von den Alliierten befreit und ist deshalb weniger bekannt. Auch ist dort nicht viel zu sehen, bloß eine parkartige Anlage, denn das Lager wurde schon vor Kriegsende umgepflügt und begrünt. Was dort bis 1943 geschehen ist, das schildert der heute wahrscheinlich einzige Überlebende des Nazilagers, Richard Glazar, der in der Nähe von Basel lebt.

Glazar ist als noch sehr junger Mann nach Treblinka deportiert worden und hat an dem berühmten, leider fast vergessenen Aufstand teilgenommen, der zur frühen Aufgabe des Lagers führte.

Bei der Lektüre des ohne literarische Ansprüche, doch lebendig geschriebenen Buches fragt man sich immer wieder, woher die Mär von den sich widerstandslos abschlachten lassenden Juden komme. Der Gettoaufstand von Warschau und der von Treblinka beweisen genau das Gegenteil. Oder sollte das Klischee der Passivität und Feigheit, die die Kolportierung der Widerstandslosigkeit insinuiert, ins Konzept des nicht auszurottenden Antisemitismus passen? Sobald auch nur die geringste Chance des Gelingens bestand, d. h., daß wenigstens ein paar der Menschen davonkämen und Zeugnis ablegen könnten, wehrten sich die Häftlinge. Und während der Gefangenschaft setzten sie alles an Überlebenswillen und -kraft ein — also nichts von Passivität und Feigheit und Willenlosigkeit.

Über Auschwitz weiß man viel. Es wurden doch so viele gerettet, daß genügend Zeugnis vorhanden ist und, vielleicht das Wichtigste für das Wissen der Welt, die Alliierten haben Auschwitz noch halbwegs „in Funktion“ vorgefunden. Treblinka hingegen existierte nicht mehr als Lager am Ende des Krieges. Außer den ganz wenigen Opfern, beim Düsseldorfer Prozeß 1975 waren es noch 54, hat niemand überlebt — außer den Tätern natürlich. Einer jener Überlebenden, der Tscheche Glazar, hat gleich nach dem Krieg ein Buch über sein Leben in Treblinka, den Aufstand und die Flucht geschrieben. Er fand keinen Verleger. Auch später nicht, denn die Kommunisten waren an den Juden nicht interessiert. Unter der stalinistischen Herrschaft in der Tschechoslowakei wurde Glazar, der in Prag, Paris und London Wirtschaftswissenschaft studiert hatte, als nicht Regimekonformer wieder mit Fabrikarbeit bestraft. Er war nach seinen Studien in seine Heimat zurückgekehrt, floh jedoch nach dem gescheiterten Prager Frühling mit seiner Familie in die Schweiz.

Erst 1990 übersetzte Glazar seinen Bericht ins Deutsche, der dann endlich 1992 erschien. Was Glazar berichtet, entspricht nicht immer den gängigen Vorstellungen über das Leben im KZ. Die Vernichtungseinrichtungen funktionierten noch nicht so industriell perfekt, vieles war improvisiert und daher noch grausamer und quälender.

Ganz absonderlich liest sich die Beschreibung des alltäglichen Lebens der Häftlinge, die dort nicht in gestreifter Verbrecheruniform steckten, sondern in eleganten seidenen Hemden und Jacketts aus bestem Wollstoff und feinsten Schuhen aus weichem Leder. Diese elegante Ausstattung stammte aus den Koffern der herwaggonierten Deportierten, die sofort nach der Ankunft vergast oder im „Lazarett“ von mit Rotkreuzarmbinden getarnten SS-Leuten und Ukrainern erschossen wurden. Je 20 Minuten dauerte so ein „Arbeitsgang“ von der Ankunft bis zur Vernichtung, und dann wurde das Gepäck gleich nach Herren- und Damenkleidung, 1. und 2. Sorte, Damenwäsche, Pelzmänteln, Schuhen, Geld und Schmuck blitzartig sortiert. Den Frauen wurde beim „Frisör“ noch das Haar abgeschnitten, das zur Herstellung von irgendwelchen Dichtungen an Geschützen diente. Diese Arbeit führten junge, ausgewählte Arbeitsjuden aus, die sich so ihre Kleider holen konnten. Dabei fanden sie natürlich auch Geld und Edelsteine, in Rocksäume eingenäht, und versteckten das für den Fall, daß . . .

Denken konnten sich diese Menschen nicht leisten, bloß leben wollten sie und vielleicht fliehen.

Glazar und ein Freund entkamen beim Aufstand und überlebten unter falschem Namen in Deutschland als Fremdarbeiter bis Kriegsende, jung und lebenshungrig, wie sie waren.

Diesen unbändigen Lebenshunger junger Menschen spürt man mit tiefem Glücksgefühl in dem Bericht aus der unsentimentalen, terre-à-terre Sprache, die nie um Mitleid bettelt, die Dinge beim Namen nennt und miter-leben läßt, wie man auch in der Hölle mit Zähigkeit, Schlauheit und einem Ziel noch existieren kann.

Was überdeutlich aus dem Buch hervorgeht, ist, daß man jung, kräftig und gesund sein mußte, um überhaupt eine Chance zum Leben zu haben. Glazar beschreibt sehr genau, was mit Alten, Kranken, Kindern geschah. Er rapportiert ohne Scham über sich und andere, auch über die Peiniger und Schergen, über deren Primitivität und Korruptheit.

Es ist gut, daß dieses Buch erschienen ist, und es ist Glazar dafür zu danken, daß er sich nach so vielen Jahren noch einmal der furchtbaren Erinnerung ausgesetzt hat.

Eva Auf der Maur


Jahrgang 2/1995 Seite 277



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