Freiburger Rundbrief Freiburger Rundbrief
    Archiv Neue Folge > 1995 > 304  

Home
Leseproben

Inhalt Neue Folge
Archiv Neue Folge
1993/94
1995
1996
1997
1998
1999
2000
PDF-Dateien ab 2001

Inhalt der Jg. vor 1993
Archiv vor 1986

Gertrud Luckner
Bestellung/Bezahlung
Links
Artikel
Mitteilungen
Rezensionen
 
XML RSS feed
 
 
Display PRINT friendly version
Ernst, Hanspeter

Die Schekhîna in rabbinischen Gleichnissen

Judaica et Christiana 14. Verlag Peter Lang, Bern 1994. 399 Seiten.

Thema der 1993 geschriebenen Dissertation ist die Schekhîna, wie sie in den rabbinischen Gleichnissen zu finden ist. Die Beschränkung auf nur ein literarisches Genus ist die Konsequenz, die sich aus dem Forschungsstand — von Ernst sehr ausführlich behandelt — ergab. Eine solche Einschränkung macht Sinn und ist legitim, weil mit dem Werk von Arnold Goldberg eine Monographie mit allen Vorstellungen der Schekhîna vorliegt, das nach wie vor seine Gültigkeit behält. Wie aber wird die Schekhîna in den Gleichnissen verstanden, wie wird sie präzisiert? Die Beantwortung dieser Frage setzt voraus, daß geklärt wird, was unter einem Gleichnis verstanden wird. Ernst beschäftigt sich damit im zweiten Kapitel und legt seine Methode dar. Aufschlußreich daran ist, daß die hermeneutischen Gleichnistheorien, wie sie insbesondere für das NT entwickelt wurden, aufgrund ihrer dogmatischen Grundaxiome rabbinischen Gleichnissen gegenüber nicht gerecht werden, wenn sie diese als bloße Illustrationen abtun. Dies ist letztlich nur die Umkehrung eines ebenfalls bekannten Musters, welches die Metapher als Ausschmückung des Eigentlichen verstand. Ernst plädiert für Offenheit und Vielgestaltigkeit der Methoden. Hauptstück der Arbeit bildet aber die Übersetzung und Kommentierung der Gleichnisse, die unter diachroner Hinsicht geordnet wurden. Die Vielfalt der Bilder, die Phantasie und Imagination ist trotz aller Standardisierungen beeindruckend und lädt ein, die Texte immer und immer wieder zu lesen. Ihre Kommentierung ist klar und redundant, manchmal vielleicht zu redundant.

Das Ergebnis der Einzelinterpretationen zusammenfassend, versucht Ernst die Schekhîna zu umschreiben: Das Wort Schekhîna leitet sich ab vom Hebräischen, wohnen, und meint jene spezifische Dabeiseinsweise des sich den Menschen zuwendenden Gottes, wie er inmitten des Volkes Israel und dessen Institutionen gegenwärtig ist, wie er sein Volk durch die Geschichte begleitete, begleitet und ihm vorauseilend letztes Ziel ist, meint den sympathischen und empathischen Gott, der mit seinem Volke mitleidet und dessen Not auf sich nimmt; meint aber auch immer umgekehrt das Volk, das Gott begleitet, indem es in Treue ihm gegenüber die Tora erfüllt. Ohne Israel kann Gott nicht Schekhîna sein, wie es anders Schekhîna nicht losgelöst von dem sich nach den Menschen sehnenden Gott gibt. Die aus dieser Beziehung entspringende Geschichte ist eine spannungsvolle und in ihrer Gegenseitigkeit wohl kaum zu überbieten. Da verzichtet Gott von sich aus auf seine Herrlichkeit, damit er Gemeinschaft mit den Israeliten pflegen kann; er beschränkt seine Schekhîna auf den kleinsten Raum, um ganz dazusein; er wird zum Gericht, wenn die Israeliten ihn mit einem Götzen vertauschen; die Schekhîna steht aber auch für jenen Riß in Gott, der ihn immer wieder an das leidende Volk Israel erinnern soll, damit er es erlöse. Ihren letzten Halt findet sie im Bund, den Gott trotz der Zerstörung des Tempels nicht gebrochen und den Israel nicht gekündigt hat. Im Gegenteil: Als für die Zeit vor der Zerstörung des zweiten Tempels nicht belegter Term, steht die Schekhîna als sprachliche Neuschöpfung für beiderseitige Treue. Der Ort der Schekhîna ist die Erde, weil sich hier das Leben der Menschen abspielt. Die Ergebnisse sind so neu nicht. Sie machen aber klar, daß Gott sich in der Beziehung zu den Menschen bindet, so wie sich die Menschen an ihn binden. Das Reden von Gott muß auf diesem Hintergrund geschehen und bestimmte Gottesbilder sind deshalb zu verabschieden. Die Arbeit macht ferner klar, daß die Gleichnisse der Rabbinen durchaus ästhetisch sind und auch formal jesuanischen Gleichnissen nicht nachstehen müssen. Es wäre zu wünschen, wenn etwas von der Erzähllust der Gleichnisse überspringen könnte auf die Leserinnen und Leser, etwas auch von der Heiterkeit und Zuversicht, die aus diesen Gleichnissen spricht. Anregend jedenfalls dürfte die Arbeit nicht nur für wissenschaftlich orientierte Theologen und Theologinnen sein.

Markus Köferli


Jahrgang 2/1995 Seite 276



top