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Auschwitz — 50 Jahre nach der Befreiung

Rede der Präsidentin Rita Waschbusch zum 50. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz

anläßlich der Sitzung von Präsidium und Geschäftsführendem Ausschuß des Zentralkomitees der deutschen Katholiken am 27. Januar 1995 in Berlin

Erschüttert und beschämt über das Grauen des millionenfachen Mordes an jüdischen Menschen polnischer, deutscher und anderer Nationalität blicken wir am Gedenkstein der Großen Hamburger Straße in Richtung Osten. Hier wurde vor den Augen der Passanten ein Großteil der 56.000 Juden Berlins auf Lastwagen und Möbelwagen verladen, um von den Berliner Bahnhöfen in die Vernichtungslager deportiert zu werden.

Auschwitz wurde als größter jüdischer Friedhof Europas zum Ort und Symbol der Schoa, des Versuchs, das jüdische Volk auszurotten. Der Name Auschwitz ist aber zugleich auch der Tiefpunkt der christlich-jüdischen Geschichte und Mahnmal für eine christliche Umkehr.

Trotz des Einspruchs mancher Revisionisten und ihrer Sympathisanten, die die Tatsache des millionenfachen Mordes an jüdischen Menschen nicht wahrhaben wollen, die sie als „Auschwitzlüge“ diffamieren, ist die Tragweite dieses Geschehens — erstaunlich genug — mit wachsendem Abstand immer stärker in das allgemeine Bewußtsein getreten. Die Erinnerung an das, was geschah, ruft die heutige Generation unseres Volkes zur Verantwortung für eine menschenwürdige, friedliche Zukunft auf.

Für die geschichtliche Aufgabe, als Christen und Kirchen für ein neues Verhältnis zum jüdischen Volk in Aufrichtigkeit und mit tatkräftigem Ernst einzutreten, kann ich keine besseren Worte finden, als sie die Würzburger Synode 1975 formuliert hat:

Wir sind das Land, dessen jüngste politische Geschichte von dem Versuch verfinstert ist, das jüdische Volk systematisch auszurotten. Und wir waren in dieser Zeit des Nationalsozialismus, trotz beispielhaften Verhaltens einzelner Personen und Gruppen, aufs Ganze gesehen doch eine kirchliche Gemeinschaft, die zu sehr mit dem Rücken zum Schicksal dieses verfolgten jüdischen Volkes weiterlebte, deren Blick sich zu stark von der Bedrohung ihrer eigenen Institutionen fixieren ließ und die zu den an Juden und Judentum geübten Verbrechen geschwiegen hat. Viele sind dabei aus nackter Lebensangst schuldig geworden . . . Die praktische Redlichkeit unseres Erneuerungswillens hängt auch an dem Eingeständnis dieser Schuld und an der Bereitschaft, aus dieser Schuldgeschichte unseres Landes und auch unserer Kirche schmerzlich zu lernen (Unsere Hoffnung, IV, 2).

Die Tragik unserer Geschichte, die nicht nur schicksalhafte Verblendung ist, sondern auch ein gerütteltes Maß an Schuld enthält, liegt in der Tatsache, daß es keine Solidarität mit den Verfolgten gab. Die jahrhundertealte Israelvergessenheit der Kirchen und die traditionelle Judenfeindschaft der Christen haben den Blick dafür verstellt, als Kirche ebenso empört gegen die Massendeportationen der Juden im Februar 1943 in Berlin zu protestieren, wie Bischof von Galen und mit ihm andere Bischöfe gegen die Morde an Behinderten und Geisteskranken protestiert haben. Aber schon die Reichspogromnacht im November 1938 hatte Hitler gezeigt, daß die Juden mit ihrem Schicksal im Ernstfall sich selbst überlassen bleiben würden. Der Berliner Dompropst Bernhard Lichtenberg stand mit seiner bekannten öffentlichen Stellungnahme nahezu allein. Daß es Deutsche gab, die im Hintergrund unter Einsatz ihres Lebens jüdischen Mitmenschen wirksam geholfen haben, soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben. Stellvertretend erinnere ich an Frau Gertrud Luckner, die aufgrund ihrer persönlichen Hilfe und ihrer Nähe zu verfolgten Juden entscheidende Impulse zur Gründung unseres Gesprächskreises „Juden und Christen“ im ZdK gegeben hat.

Auf unserem Weg hierher sind wir soeben an der wiedererrichteten Synagoge in der Oranienburger Straße vorbeigegangen. Sie ist ein Hoffnungszeichen dafür, daß nach Auschwitz und trotz Auschwitz jüdisches Leben in Deutschland wiederersteht, wenn auch nur in sehr bescheidenem Ausmaß. Zwei namhafte Vertreter der Berliner Juden sind mit uns zu dieser Gedenkstätte gekommen: das Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Herr Dr. Roman Skoblo, und Herr Dr. Hermann Simon, Vorsitzender der Stiftung Neue Synagoge Berlin — Centrum Judaicum. Dafür danken wir ihnen ganz herzlich. Ihre Teilnahme ist ein Zeichen, an dem wir die mit dem letzten Konzil eingeleitete Wende im christlich-jüdischen Verhältnis erkennen. Dafür danken wir Gott.

Was der Theologe Johann Baptist Metz beim Freiburger Katholikentag 1978 gesagt hat, bleibt uns eine immer noch einzulösende Aufgabe: „Wir Christen kommen niemals mehr hinter Auschwitz zurück; über Auschwitz hinaus aber kommen wir, genau besehen, nicht mehr allein, sondern nur noch mit den Opfern von Auschwitz.“


Jahrgang 2/1995 Seite 274



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