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„Ich habe keine Antwort“

Zum Schoa-Gedenktag (27. April 1995) hatte die Universität Tel Aviv Persönlichkeiten des religiösen Lebens zu einem Symposium über das „Schweigen Gottes“ eingeladen. Eine Woche zuvor, am 20. April, veröffentlichte die führende israelische Tageszeitung „Haarez“ ein Interview mit dem ebenfalls eingeladenen Kardinal Lustiger (L). Wir dokumentieren dieses Interview, das Nizan Horowitz (H) geführt hat, lassen aber die rein persönlichen Ausführungen weg. Religiöse Kreise, vorab der aschkenasische Oberrabbiner Lau und der Vorsitzende von Yad Vashem Dr. Burg, haben gegen den Besuch des als Jude geborenen Kardinals heftig protestiert und damit eine auch in der Presse geführte Diskussion heraufbeschworen.

H: Manche bezeichnen das, was in der Schoa geschehen ist, als „Schweigen Gottes“. In jüdischen religiösen Kreisen nennt man das „Verhüllung des Angesichts“ — wie sehen Sie das?

L: Dieser biblische Ausdruck ist ein Wort Gottes, das als Tadel an den Menschen gerichtet ist: „Ich werde mein Angesicht (vor ihm) verhüllen“ (Dtn 31,18). Der Mensch reagiert darauf, indem er sich fragt, wo Gott sei. Was sich als Schweigen Gottes darstellt, wird in unserem Verständnis als willkürliches, unerklärliches Verhalten aufgefaßt. Die Bibel erklärt es nicht und rechtfertigt es auch nicht. Es ist ein Zeichen dafür, daß die grundlegenden Beziehungen mit Gott abgebrochen sind.

H: Wie erklären dann Sie als gläubiger Mensch das Geschehene? Wo war Gott in den Monaten und Jahren der Massenvernichtung?

L: Ich habe keine Erklärung dafür. Bei aller ideologischen Motivation und allen politischen Plänen, die sie begleitet haben, ist die Schoa der Juden kein zufälliges Gemetzel. Haßtrunkene Menschen, die ihre Brüder hinmorden — das hat es immer gegeben und kann sich wiederholen, solange die Menschen Menschen sind. Aber dieses Gemetzel ist anders: Es ist möglich geworden, weil es geplant war. Es ist auch modern, das heißt technisch, mit den Mitteln zu seiner Ausführung wie mit den politischen Mitteln (Propaganda, Polizei, Macht) organisiert worden. Wir stehen vor einem politischen und ideologischen Verbrechen, das sich der Technologie bedient und mit Verbrechen der Vergangenheit überhaupt nicht zu vergleichen ist. Darüber hinaus hat dieses Verbrechen ausdrücklich allen Juden, dem jüdischen Volk gegolten, wobei es nicht das Ziel war, das jüdische Volk zu verändern oder zu assimilieren, wie es sich manche Denker im Zeitalter der Aufklärung erträumt haben, sondern es zu zerstören und zu vernichten, zu bewirken, daß es aus der Menschheit verschwinde. Die Schoa ist eine einzigartige Erscheinung. Viele Historiker verschiedener Schulen haben versucht, sie logisch-kausal zu verstehen, um ihr diese Einzigartigkeit zu nehmen, um sie in den normalen Lauf der Geschichte einzufügen, damit man sie rational bewältigen kann. Wenn nämlich dieses Ereignis einzigartig und unerklärbar ist, fällt es auf die Menschheit wie eine Naturkatastrophe. Wenn es hingegen verständliche Ursachen hat, können sich Menschen damit trösten und seine Wiederholung verhindern. Das ist die Argumentation der Historiker und vielleicht auch der Politiker. Aber das ist nicht der Blickwinkel, aus dem ich die Frage sehe, wie das möglich war. In meinen Augen ist das eine biblische Frage: Gab es eine „Verhüllung des Antlitzes“ vor der Konzeption und der Ausführung des Hitlerschen Planes, oder ist die Schoa selbst diese Verhüllung?

Ich verstehe die „Verhüllung des Angesichts“ so: Die westliche Zivilisation ist tief von der hebräischen Bibel beeinflußt worden, auch wenn sie zum Teil götzendienerisch geblieben ist. Alle wußten mehr oder weniger klar, daß jeder Mensch in Gottes Ebenbild geschaffen ist. Das steht schon auf der ersten Seite der Genesis. Damit dieses Verbrechen begangen werden konnte, mußten erhebliche Teile der Bevölkerung (die Elite, die Denker, die Politiker) diese Gewißheit aus ihrem Geist entfernen. Man mußte Gott „verbergen“, „sich vor ihm verstecken“ (Gen 3,8; 4,14), um den Menschen auf die Stufe eines Dings zu senken, damit es möglich werde, ihn zu vernichten. Anders hätten sie ihre Absicht nicht verwirklichen können. In diesem Fall hat die „Verhüllung des Angesichts“ lange vorher begonnen und ist eine Vorbedingung des Verbrechens.

Jetzt bleibt zu ergründen, wie sich die technische und wissenschaftliche Kultur des Westens zu Menschen verhalten konnte wie zu Dingen. Dazu muß man sich vielleicht zurückwenden in die Geschichte des westlichen Denkens. Marx' „Kommunistisches Manifest“ datiert von 1848. Die Entstehung und Entwicklung des europäischen Proletariats haben eine Zivilisation geformt, die Menschen zur Ware machte.

Um den Juden ein solches Unglück zu bereiten, mußten ganze Generationen Gott in ihrer Vorstellung und in ihrem Herzen „zum Schweigen bringen“ und das göttliche Licht, das auf dem Menschen ruht, „verbergen“. Wie anders konnte eine solche Verrücktheit auftreten und in den Herzen kultivierter, intelligenter Menschen, eines Teils der intellektuellen Elite Europas, Wurzeln schlagen? Die Juden, besonders in Deutschland, waren ja auf allen Gebieten (Wissenschaft, Philosophie, Kunst, Wirtschaft) schöpferisch tätig. Sie waren ein Teil der europäischen Kultur, nicht deren Feinde.

Um den Vernichtungswillen möglich zu machen, mußte man die öffentliche Meinung nicht nur zum Judenhaß vorbereiten, sondern auch zur Menschenverachtung. Darum sehe ich auch eine Verbindung zwischen diesem Gemetzel und dem marxistischen Begriff „Ware Mensch“ — ohne mich notwendigerweise den marxistischen Thesen und Utopien zu widersetzen. Wie Hitler zu behaupten, es gebe „Untermenschen“, heißt die Einheit der Menschheit leugnen. Diese Abstufung ist wirklich etwas Neues im Westen. Unter dem Einfluß der hebräischen Bibel hat ja das Christentum — ganz langsam — die Spuren der antiken Gesellschaft, in der der Sklave eine Sache war, die sein Herr benützen und ausnützen konnte, aus seinem Denken ausgelöscht.

Die „Verhüllung des Antlitzes“ hat in dem Moment begonnen, in dem der Westen bereit war, nicht mehr von der Menschheit, sondern von Menschenmaterial zu reden. Auf diesem Boden, auf dem der Mensch zu einem Ding, Material, Staub erniedrigt worden ist, sind die alten menschlichen Haßgefühle wieder gewachsen und haben das Schlimmste verursacht.

H: Sie sehen also die Wurzeln der Schoa in den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umwälzungen des 19. Jahrhunderts?

L: Ja. Vielleicht schon früher; aber die entscheidende Wende hat sich in dieser Epoche ereignet, als Reaktion auf die aufgeklärten Utopien des 18. Jahrhunderts. Der Materialismus des 19. Jahrhunderts hat — zusammen mit der Überlegenheit der Wirtschaft, des Reichtums, der Technik und der exakten Wissenschaften — die Sinne des Menschen verwirrt.

Der Erste Weltkrieg, ein Produkt genau dieser Wirklichkeit. Wenn man ein technisches Modell für die Vernichtung der Juden durch die Nazis finden will, muß man zum Krieg von 1914-1918 zurückgehen: Ein totaler Krieg mit Kampfgas, mit der Opferung von Zivilbevölkerungen. Es ist kein Zufall, daß der deutsche Philosoph Franz Rosenzweig sein zentrales Werk als Ausdruck des Glaubens im Laufe dieser Katastrophe geschrieben hat. Das Schicksal des jüdischen Volkes ist mit den Tragödien dieses Jahrhunderts zutiefst verbunden.

H:Aber 1914 hatte der Krieg kein rassistisches Ziel.

L: Das ist richtig, wenn man in der nationalistischen Götzendienerei keine Spur von Rassismus sieht. Damit Haßgefühle so mörderisch und zerstörerisch werden, bedarf es besonderer kultureller Voraussetzungen. Es waren geistige Bedingungen nötig gewesen, und nicht nur der Gebrauch der Elektrizität, der Fortschritt der Verkehrstechnik oder chemische Entdeckungen. Das ist die Tragödie unseres Jahrhunderts!

Hat Gott sein Antlitz verhüllt? Ich antworte darauf mit einer anderen Frage: Warum sind die Menschen vor Gott geflohen?

H: Wenn nach Ihnen die Wurzeln der Schoa im 19. Jahrhundert oder früher liegen, so stellen Sie sich im Streit der Historiker auf die Seite derer, die behaupten, es gebe parallele Erscheinungen zur Schoa der Juden, wie die Schoa der Armenier oder sogar die Sklaverei der Schwarzen?

L: Ja und nein.— Ja, denn jene sind massive Morde an Bevölkerungen mit großem Aufwand an politischen Kräften aus Gewinnsucht, Haß oder Ideologie. In dieser Hinsicht kann man diese Ausrottungen vergleichen, weil sie zur gleichen Epoche in der Geschichte gehören.

Nein, wegen der Beweggründe, die angeführt wurden. Warum gerade diese vernichten und nicht jene? Haben die Armenier, die Schwarzen und die Juden ein solches Los aus den gleichen Beweggründen erlitten? Warum die Juden? Die Propaganda der Vernichter hat verschiedene Arten von Argumenten vorgebracht. Aber alles, was über die Juden gesagt wurde, hätte eigentlich auch über andere Minderheiten gesagt werden können. Diese Argumente passen zu den Vorurteilen, die in allen Nationen verbreitet sind. Jede Bevölkerung ist mit Fremdenhaß infiziert. Aber nichts davon hat das jüdische Volk zur Vernichtung von Grund auf, in seinem eigenen Wesen, wegen seiner Identität verurteilt.

Die Nazis haben sich des Mechanismus des Fremdenhasses bedient, um die Juden zu vernichten. Freilich haben sie zuerst gegen die Slawen, dann gegen die körperlich und seelisch Behinderten gehetzt. Aber diese Behauptungen, die vorgebracht wurden, um die Massen zu mobilisieren, konnten nicht erklären, warum es besonders gegen die Juden ging. Auf diese Frage liefern die verschiedenen Behauptungen keine genügende Antwort.

Tatsächlich repräsentiert das jüdische Volk symbolisch etwas für das geistige Schicksal aller Nationen Lebenswichtiges. Freilich ist es nicht ein Volk wie alle Völker, wie die Bibel immer wieder sagt. So erklärt auch Haman dem Achaschwerosch: „Es gibt ein Volk, zerstreut und vereinzelt unter den Völkern . . . und seine Gesetze sind verschieden von denen jeden Volkes“ (Est 3, 8). Aber was heißt das, ein Volk, das nicht wie alle anderen ist? Was ist die Quelle dieser jüdischen Andersartigkeit? Was ist dieses einzigartig Charakteristische? Warum erweckt dieses Volk, das nicht wie alle anderen ist, so glühende Eifersucht, die zum Mordwillen wird bei vielen Menschen? Das ist die wahre Frage. Sie ist schon zur Zeit Moses aufgetaucht.

Ich verlasse hier die historische Analyse, ein von Grund auf skeptisches Gebiet. Mein tiefer Glaube ist folgender: Das Volk Israel ist nicht wie alle Völker, weil es durch Gottes Wort geschaffen worden ist. Die Nachkommen Jakobs und mit ihnen viel „Fremdgemisch“ (Ex 12,38) — Leute, die sich mit ihnen vermischt hatten — sind durch die freie Wahl Gottes zu einem Volk geworden, damit es inmitten der Völker für Gott Zeugnis ablege: Mose sagt zum Pharao: „Laß mein Volk ziehen, damit es mir in der Wüste feiere!“ (Ex 5,1).

Das ist das Volk, durch welches Gott sich offenbart. Das Volk Israel ist damit für alle Menschen eine lebendige Erinnerung daran, daß sie in Gottes Ebenbild geschaffen sind. Die Juden haben dieses Los nicht immer gewollt. „Auch wir wollen sein wie alle Völker“, riefen die Ältesten des Volkes und verlangten von Samuel „gib uns einen König, um über uns zu richten wie alle Völker“ (I Sam 8,5). Gott hat sie durch den Propheten Ezechiel dafür zurechtgewiesen: „Bei meinem Leben, Spruch des Herrn, des Ewigen, wenn ich nicht mit starker Hand, mit ausgestrecktem Arm und sich ergießendem Zorn über euch König bin“ (Ez 20,33).

H: Aber liegt nicht ein Widerspruch darin, daß die Juden Ihrer Meinung nach gerade deswegen vernichtet wurden, weil sie zum erwählten Volk gehörten?

L: Die Gewißheit, daß das jüdische Volk von Gott erwählt ist, ist zentral. Ich spreche als religiöser Mensch, aber auch als Beobachter der historischen Tatsachen. Hier die Tatsachen: In der Bibel und in der jüdischen Tradition gibt es eine Unterscheidung zwischen dem Volk Israel, das von Gott erwählt ist, und den Nationen, den Gojim. Eine solche Unterscheidung ist nicht unbedingt originell. In Katalonien bedeutet das Wort „gabach“ die anderen, die Nichtkatalanen. Auch die Indianer in Nordamerika betrachten sich als „Menschen“ im Gegensatz zu den Europäern.

Aber die Unterscheidung zwischen einem erwählten Volk und den Völkern gehört zu einer ganz anderen Kategorie. Die Bibel bezeugt das. Das Bewußtsein, als auserwähltes Volk zu leben, fließt aus einer geistigen Wahl, die auf der göttlichen Offenbarung beruht. Die Bibel ist nicht nur das Buch schlechthin, das übersetzt und in Millionen von Exemplaren verbreitet worden ist; es enthält das Wort Gottes und es nennt das Volk, das Träger dieser Worte ist, beim Namen: die Hebräer, das Volk Israel, die Juden.

Seit Tausenden von Jahren ist das Wort Gottes, die hebräische Bibel, unter allen Nationen der Erde verbreitet. Das hat noch vor dem christlichen Zeitalter angefangen. Die jüdische Gemeinde in Alexandrien, die Griechisch sprach, hat für die Übersetzung (die Septuaginta) in diese Sprache gesorgt. Die Christen haben die Bibel zu allen europäischen Völkern gebracht. Seit den großen Entdeckungen des 16. Jahrhunderts war die Verbreitung des biblischen Wortes durch die europäischen Völker weltweit. Es scheint nichts Ähnliches zu geben.

Menschen überhaupt — auch diejenigen, die keine Juden oder Christen sind — können über ihre Existenz oder ihr Verhalten nicht sprechen, ohne die Grundsätze zu beachten, die aus der Bibel, das heißt vom jüdischen Volk, stammen.

Ein weiteres Beispiel: die Menschenrechte. Was ist ihre Grundlage? Sie sind die logische und juristische Übersetzung einer geistigen Anschauung. Das Recht kann den Menschen nicht definieren. Es begnügt sich mit der Feststellung: Dies ist ein menschliches Wesen, das von Mann und Frau geboren ist, gleich welcher Hautfarbe oder Sprache. Das ist alles. Man kann auch feststellen, daß der Mensch von seiner Geburt bis zum Tode besteht; aber das drückt noch nicht das Wesen des Menschen oder seine Würde oder seine unveräußerlichen Rechte aus. Trotzdem weiß jeder: Jeder Mensch muß als Träger von Rechten beachtet werden. Diese großartige Annahme stützt sich auf die biblische Erklärung, daß der Mensch „in unserem Bild, nach unserer Gestalt“ (Gen 1,26) erschaffen worden ist.

H: Geht aus Ihren Worten die Möglichkeit hervor, daß das „erwählte Volk“ auch dazu erwählt worden ist, ein Opfer der Vernichtung zu sein? Vielleicht heißt „erwählt“ auch, anderen schreckliche und fürchterliche Dinge auf dem Rücken des dafür erwählten Volkes vor Augen zu führen?

L: Man kann das Problem auch anders sehen: Nicht mehr: „Warum hat es Gott Menschen ermöglicht, sein Volk zu vernichten?“, sondern: „Warum haben Menschen Gottes erwähltes Volk vernichten wollen?“

Wenn die Juden von Götzendienern ermordet wurden, so deshalb, weil die Juden — die sowohl für Gott als auch für den Menschen zeugen — sie störten. Man muß den störenden Zeugen aus dem Weg räumen. Nicht jeder Jude weiß das. Diejenigen, die gestorben sind, haben daran vielleicht nicht gedacht und vielleicht auch nicht Zeugen sein wollen! In der Tat haben wir eine Geschichte geerbt, an deren Heiligkeit ich glaube. Das ist unsere Bestimmung. Nicht Opfer zu sein (das ist keine Bestimmung!), sondern Zeugen der Menschenwürde zu sein. Gott ist der einzige Schöpfer aller Menschen und liebt sie; er will, daß alle Menschen gemäß ihrer wahren Würde leben, indem sie das Lebensgesetz seiner Gebote halten.

H: Meinen Sie, daß dies die Bestimmung der Geretteten ist? Ihre Mutter ist zur Vernichtung geschleppt worden, während Sie gerettet worden sind, um — nach Ihren Worten — zu „bezeugen“, um all dies zu sagen?

L: Das glaube ich. Wenn nicht, wozu soll dann das zusätzliche Leben dienen, das den Geretteten geschenkt worden ist? Ein Zigeuner oder ein Jude, ein Homosexueller oder ein Kommunist — das ist ein Mensch, der wie jeder Mensch dazu aufgerufen ist, für den Menschen zu zeugen. Allerdings sind wir Juden aus historischer Sicht, durch Gottes Erwählung dazu identifiziert worden, sowohl für den Menschen als auch für Gott Zeugnis abzulegen.

Wir sind verfolgt worden, weil wir Zeugen sind, welche diejenigen stören, die den Menschen zu einem Ding und Werkzeug erniedrigen. Die Versuchung, sich dieser Zeugenschaft zu entziehen, lauert auf jeden Menschen. Sie verschont auch nicht das Gewissen des Juden selbst. Es genügt nicht, Jude zu sein, um Zeugnis abzulegen.

H: Warum sind diese Zeugen überhaupt nicht verteidigt worden?

L: Ich weiß es nicht. Ich habe keine Antwort darauf.

Wir erkennen heute mit Scham und Furcht den Untergang an, in den die Juden geraten sind. Die meisten Christen haben die Gefahr, die den Juden drohte, nicht zu sehen gewußt. Trotzdem: Von allen humanitären Institutionen, die auf der Welt tätig waren, waren die Kirchen die einzigen, die Juden aufgenommen und mit Erfolg versteckt haben. In Frankreich haben die Protestanten das mustergültig gemacht. Allerdings wäre eine viel stärkere und viel größere Mobilisation nötig gewesen. Das ist die Epoche, in der die Christen es gelernt haben, die Juden als „ihre älteren Brüder“ zu erkennen, und dies hat es Johannes Paul II. vierzig Jahre später möglich gemacht, sie so zu nennen.

H: Sie haben gesagt, daß Sie keine Antwort haben. Wie konnten Sie Ihren Weg in der Kirche als geistlicher Hirte fortsetzen, ohne Antwort auf die Frage, wie die Schoa möglich geworden ist, oder — persönlicher formuliert — warum Ihre Mutter ermordet worden ist?

L: Weil ich seit meiner Kindheit weiß, wie es viele Juden wissen, daß die Juden verfolgt werden, und daß das für uns keine Überraschung sein soll.

Überraschend waren die Abscheulichkeit und der Umfang der nazistischen Verfolgung. Dabei finde ich mich nicht mit der Verfolgung ab. Ich brauche nicht ein vorherbestimmtes Opfer zu sein. Man muß sich mit Verfolgung und Ausgrenzung auseinandersetzen. Diejenigen, die vor der Wirklichkeit fliehen wollten, versuchten aufzuhören, Juden zu sein; sie versuchten ihr Judentum zu verstecken; in meiner Jugend nannte man sie „verschämte Juden“. Aber es gibt auch andere. Einer meiner Freunde, Régis Israel (er wurde später Priester und ist vor einem Jahr gestorben), hat sich im Krieg geweigert, gefälschte Papiere zu benutzen; er sagte nämlich, wenn man Israel heiße, ändere man seinen Namen nicht.

Um die Wahrheit zu sagen: Wenn Christen Juden halfen, ihren Henkern zu entgehen, taten es viele, weil die Juden verfolgte Menschen waren, nicht, weil es sich um Juden handelte. Sie waren bereit, Verfolgte zu retten, und erst dann verstanden sie die Bedrohung, die auf den Juden lag.

H: Gibt es einen Unterschied zwischen einem Nazi und einem gewöhnlichen Mörder? Zwischen jemandem, der einen Menschen erschlagen hat, und jemandem, der hundert, tausend, eine Million ermordet hat?

L: Ich habe keine Antwort. Ob ein Mensch gleich einer Million Menschen ist . . .

H: Lehrt das nicht die Bibel?

L: Es ist unmöglich, einen Wert zu berechnen, der nicht quantifizierbar ist. Jeder Mensch ist eine geheiligte Geschichte. Nehmen wir ein Bild von Rembrandt: Eines oder zehn kaputt machen? Jedes dieser Bilder ist doch einzigartig. Wieviel ist dann ein Mensch wert? Menschenleben hat keinen Preis, und weil wir daran glauben, stören wir. Das zu bezeugen, auch gegen sich selbst, heißt die Verwandlung von Menschen in Ware zu verhindern.

Außerdem fasziniert die Bestimmung des jüdischen Volkes alle Völker, die die Bibel kennen; sie entdecken die Offenbarung Gottes und gleichzeitig die Erwählung seines Volkes Israel. Der jüdische Messianismus war ein Modell, das von verschiedenen Ideologien auf tragische Weise adoptiert worden ist. Sogar die französischen Könige haben behauptet, sie seien Nachkommen des Königs David! Der Gedanke der Erwählung, den die Franzosen angenommen haben, stammt zum Teil aus der Bibel, wie der Spruch „die Taten Gottes durch die Franken“ bezeugt. Sogar die Soldaten Nazideutschlands trugen die Aufschrift „Gott mit uns“ auf dem Koppelschloß. Ein anderer Messianismus hat aus der russischen Nation ein erwähltes Volk gemacht, das heilige Rußland. Sogar der Begriff des Proletariats bei Marx ist eine säkulare Version des messianischen Volkes mit universaler Bestimmung.

Die tiefe Frage ist: Kann man an die Güte des Menschen glauben? Kann man glauben, daß der Mensch es wert ist, geliebt zu werden? Ist es möglich zu glauben, daß diese Würde, die wir bezeugen wollen, keine Utopie ist? Warum und wie können sich Menschen noch wie wilde Tiere benehmen, wo doch die größten Ideale sichtbar dargestellt und die erhabensten Glaubenssätze bekannt und vertraut sind?

Was antworten? Ich bin tief bewegt von dem, was ich bei manchen entdecke, die aus den Lagern gerettet worden sind: Menschenliebe, Milde, Friede (ich wage nicht zu sagen Ruhe), Wille zu Gerechtigkeit und Menschlichkeit, der stärker ist als das Streben nach Rache. Und trotzdem bleibt der Schmerz, der nicht gemildert werden kann. Ich war immer voll Bewunderung für diese Menschlichkeit und Würde, als ob die Erfahrung dieser Menschen sie zu Beschützern der Menschheit gemacht hätte, obwohl sie die Unmenschlichkeit erlitten und gekannt haben. Sie erfüllen ihre Aufgabe als Zeugen, ihre Aufgabe als Juden.

H: Dann war die Schoa nach Ihrer Auffassung vielleicht eine theologisch positive Erfahrung?

L: Gott behüte! Wie kann man einen solchen Greuel überhaupt so sehen?!

H: Trotz allem sind viele von den Menschen, die überlebt haben, optimistisch und voller Hoffnung zurückgekehrt.

L: Das ist ein anderer wichtiger Punkt: Die Liebe zum Leben. Das gehört meines Erachtens zur jüdischen Sendung im tiefsten Sinn des Wortes: Der wahre Feind des Menschen ist der Tod. Nicht, weil man sich vor ihm fürchtet, sondern um nicht mit ihm gemeinsame Sache zu machen. An das Leben glauben, auch über den Tod hinaus: Das ist es, was manche Juden „Auferstehung der Toten“ nennen. Daran glaube ich als Christ.

Wir dürfen mit dem Tod in keiner Weise gemeinsame Sache machen. Weil das Leben von Gott kommt, ist es ein Segen Gottes, und wir sind für es verantwortlich sind.

Diejenigen, die nicht glauben, sind in den Fesseln des Todes gefangen; Der Tod ist in ihren Herzen. Manchmal lieben sie ihn. Man kann die selbstmörderische Glut, die Selbstzerstörung, den Drang zum Mord psychologisch erklären. Aber wenn man tiefer blickt, so ist die Teilhaberschaft am Tod eine Prüfung für die menschliche Freiheit. Der Jude hat von ihr die Offenbarung Gottes empfangen. Er ist verpflichtet, diese Offenbarung weiterzutragen, und so wird er zum Zeugen des Lebens.

H: War die Errichtung des Staates Israel eine Art Entschädigung, ein Staat, der uns beschützt, weil andere Völker das nicht getan haben?

L: Das war Herzls Wunsch, und die Errichtung des Staates Israel scheint zu diesem Wunsch zu passen. Aber dieser Vergleich ist problematisch. Wie soll man die Beziehungen zwischen dem Staat Israel und den Juden in der Diaspora gestalten? Ohne Zweifel anders, als es 1948 aussah. Selbstverständlich hat die Errichtung des Staates Israel etwas an der Lage des jüdischen Volkes schicksalhaft verändert, aber sie hat nicht alle Fragen gelöst. Der Traum Herzls, die Judenfrage durch ihre Umwandlung in eine Staatenfrage zu lösen, hat sich nicht verwirklicht. Das Leben hat ein anderes Resultat diktiert. Was wird sein? Gott allein weiß es!

Was die Entschädigung angeht, so gibt es in historischer Hinsicht einen Zusammenhang zwischen den Ereignissen. Der Wunsch, zu entschädigen, hat sicher bei der Anerkennung des Staates Israel eine politische Rolle gespielt. Das Ausmaß des Mordens hat dazu geführt, daß die Kulturstaaten ein positives Vorurteil hatten und Israel anerkannten. Aber für ein solches Verbrechen gibt es keine Entschädigung; das ist unmöglich. Es hat in der Geschichte Fälle gegeben, in denen Gott das Aufsprießen von etwas Neuem im Gefolge einer furchtbaren Tragödie gebilligt hat, ja. Aber der Plan zur Errichtung Israels ist älter als der Plan zur Vernichtung.

H: Bevor Sie Bischof von Orléans wurden, haben Sie daran gedacht, nach Israel auszuwandern. Sie haben sogar Iwrith gelernt. Wollen Sie sich uns immer noch anschließen?

L: Wenn ich lange genug lebe und Gott es will.

Aus dem Hebräischen übersetzt von Simon Lauer


Jahrgang 2/1995 Seite 257



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