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Schlüter, Margarete

Auf welche Weise wurde die Mishna geschrieben?

Das Antwortschreiben des Rav Sherira Gaon. Mit einem Faksimile der Handschrift Berlin Qu. 685 (Or. 160) und des Erstdrucks Konstantinopel 1566. Texts and Studies in Medieval and Early Modern Judaism 9. J.C.B. Mohr (Paul Siebeck), Tübingen 1993. 389 und 70 Seiten.

Auf welche Weise wurde die Mischna geschrieben? Haben die Weisen der Großen Synagoge die Mischna schon zu schreiben begonnen und beschränkte sich die Arbeit Rabbis also lediglich darauf, Vorhandenes zusammenzustellen? Oder wurde vor Rabbi nichts geschrieben? Weshalb wird der größte Teil der Halakhot der Mischna Gelehrten zugeschrieben, die nach der Tempelzerstörung gelebt hatten? Wie steht es mit der Reihenfolge ihrer Traktate, die offensichtlich nicht durchwegs systematisch ist? Wie ist das Verhältnis von Tosephta und Mischna, wozu wurde sie geschrieben und weshalb nicht durch den Redaktor der Mischna? Auf welche Weise wurden die Baraytot und der Talmud geschrieben? Wie ist die Reihenfolge der Saboräer und der Akademiehäupter nach ihnen?

Dies sind die Fragen, die Ya'akov b. Nissim b. Yoshiyahu im Namen der nordafrikanischen jüdischen Gemeinde von Kairouan am Ende des zehnten Jahrhunderts Sherira, dem Haupt der rabbinischen Akademie von Pumbedita in Babylonien in einem Brief gestellt hat. Das Antwortschreiben des Gelehrten sollte eine beträchtliche Wirkung auf die Nachwelt haben und den Forschungen zur Entstehung der rabbinischen Literatur und zur Geschichte des babylonischen Judentums im ersten Jahrtausend als Grundlage dienen. Sherira Gaon widmet einen ersten Teil seines Schreibens den literarischen Fragen nach der Entstehung der rabbinischen Literatur. Ein zweiter chronographischer Teil befaßt sich mit der talmudischen und nichttalmudischen Chronologie. Margarete Schlüter, Ordinaria für Judaistik in Frankfurt am Main, legt mit ihrer Arbeit nun eine Übersetzung und eine teilweise Kommentierung dieser Schrift ins Deutsche vor.

Die Autorin referiert in einer Einleitung (1-42) den gegenwärtigen Forschungsstand. Die am meisten diskutierten Probleme, die das Schreiben bietet, betreffen seine Stellung innerhalb der Auseinandersetzung mit den Karäern, in denen der mündlichen Offenbarung entscheidende Bedeutung zukam, seine Wirkungsgeschichte in der jüdischen Tradition und die Überlieferungsgeschichte. Überliefert wurde es in zwei Rezensionen, die sich inhaltlich teilweise massiv unterscheiden. Die eine Linie wird durch den Erstdruck aus Konstantinopel aus dem Jahr 1566 repräsentiert, die andere durch eine am Anfang des 19. Jahrhunderts in Berlin aufgefundene Handschrift. Charakter und Verhältnis dieser Rezensionen wurden bisher noch nicht erschöpfend behandelt. Ein Problem für sich ist die Tatsache, daß das Schreiben Sheriras in der neuzeitlichen Forschung auf seine Verwendbarkeit als Quelle zur Geschichte der rabbinischen Literatur reduziert wurde. Daß es sich beim Schreiben des Gaons um ein eigenes, durchaus tendenzielles Werk zur rabbinischen Tradition handelte, schenkte man wenig Aufmerksamkeit.

Die Übersetzung Schlüters bietet in synoptischer Anordnung beide Rezensionen (43-282). Die Übersetzerin hat den Text in 227 Sinneinheiten von unterschiedlicher Länge unterteilt. Das hat den Vorteil, daß einzelne Stellen leicht zu finden sind. In einem ausgedehnten Anmerkungsteil finden sich die Verweise auf Talmudstellen, die Sherira verwendet, sowie die Anzeige und teilweise auch Diskussion textlicher Varianten. Die Übersetzung selbst will möglichst nahe am Text bleiben und die Schwierigkeiten des Textes nicht glätten. Schlüter geht es in erster Linie darum, mit ihrer Übersetzung zu einem gesicherten Textverständnis einen Beitrag zu leisten und ein Arbeitsinstrument für die künftige Arbeit bereitzustellen. Einen wertvollen und spannenden Beitrag dazu liefert Schlüter selbst in ihrem literarischen Kommentar zu den Paragraphen 2-68 sowie 144 (283-372). In diesen Kapiteln geht es um die Entstehung der Mischna. Schlüter analysiert in ihren Ausführungen den Aufbau der Argumentation Sheriras. Dem Buch sind die Faksimile der Berliner Handschrift und des Erstdruckes beigefügt. Sie bieten die Möglichkeit eines einfachen Zugriffs auf die hebräische und aramäische Textgrundlage. Literaturverzeichnis, Stellenregister und Autorenregister am Ende des Bandes erleichtern die weitere Arbeit.

Die mündliche Tora, die gesamte Überlieferung, so der Grundgedanke Rav Sheriras, war bereits am Anfang, zur Zeit der Großen Versammlung, vollständig ausgeprägt. Die späteren Generationen mochten diese Tradition zwar in ihren je eigenen Worten an ihre Schüler weitergeben, in der Substanz konnten sie nichts hinzufügen:

Und so verhielt es sich:
Von der Ersten waren die Namen nicht bekannt, sondern nur die (der) Patriarchen und der Vorsitzenden des Gerichtshofes, weil es bei ihnen keine Meinungsverschiedenheit gab,
sondern sie die Gründe der Mishna und der Tora ganz genau kannten. Auch ihr Talmud war ihnen bekannt,
und sie lehrten in ihrer Mishna Disputationen und genaue Einzelheiten über jede einzelne Sache, die neu auftrat (§ 14, B-Rezension).

Dies ist der Grundgedanke des Gaons: Die Generationen von Gelehrten, die vor der Zerstörung des Tempels lebten, hatten es einfach nicht nötig, diese Überlieferung festzusetzen, geschweige denn niederzuschreiben, da ihnen die „Gründe“ von Mischna und Tora bekannt waren. Diese Einhelligkeit war nach Ansicht Sheriras auch der Grund, weshalb aus dieser Zeit keine Namen überliefert worden sind. Erst die Zerstörung des Tempels und damit der Verlust des institutionalisierten Lehrbetriebes bedeutet den Bruch in dieser kontinuierlichen Tradition: Daß jeder Lehrer die Lehre in seiner eigenen Formulierung weitergab — wie es auch die Rabbinen zur Zeit des Tempels getan hatten — wurde nun zur Gefahr, die Einheit der Überlieferung zu verlieren. Symptome dieser Gefahr sind nach der Auffassung Sheriras die Streitfälle, die nach der Zerstörung des Tempels zunehmen. Die Redaktion der Mischna durch R. Yehuda war die Antwort auf diese Situation: Unter ihm wurden die überlieferten Materialien einer Prüfung unterzogen und die Lehre der Ersten festgesetzt. Dabei spielt der Rückbezug auf die Lehre R. Meirs, von dem nach bSan 86a die anonymen Halakhot stammen, und damit auf R. Aqiba eine entscheidende Rolle in der Begründung der Mischna Rabbis: Durch sie wird die Mischna fest in der Traditionskette verankert, die ihren Anfang in der Großen Versammlung nimmt, ein Topos, der bereits in der Mischna (Avot) auftaucht.

Und anonym (in) unsere(r) Mishna:
gewiß ist sie (von) R. Me'ir;
aber R. Me'ir sagte sie nicht aus seinem Herzen.
Allein, jene Weise, die R(abbi) von R. Me'ir lernte —
die R. Me'ir seine Schüler lehrte —,
jene (Weise) hielt R(abbi) fest.
Und er bestimmte, daß sie alle Welt lehren soll.
Und R. Me'ir übernahm jene Art von R. A(qiva)
und R. Aqiva von unseren Lehrern, den Ersten“ (§ 51, B-Rezension)

Weitere Teile des Schreibens befassen sich mit der Tosephta, ihrer Entstehung, Geltung und ihrem Verhältnis zur Mischna und mit dem Talmud und seiner Redaktion. Abgeschlossen wird das Werk durch seinen chronographischen Abriß der Geschichte der rabbinischen Schulen, der am Beginn des babylonischen Exils ansetzt und mit Hay, dem Sohn Sheriras endet und der wichtiges Material für die Rekonstruktion der Geschichte des babylonischen Judentums enthält.

Schlüter weist in ihrem Kommentar zum ersten Teil des Briefes überzeugend nach, daß sich Sherira in seiner Rekonstruktion der Entstehung der rabbinischen Literatur auf keine andere Quelle stützen kann als auf diese Literatur selbst: Alle Informationen zur Entstehung der Mischna, der Tosephta und des Talmuds entstammen entweder direkt aus dem Talmud oder können aus ihm erschlossen werden. Dem Brief Sheriras kann somit für die Geschichte der frühen rabbinischen Literatur kein Wert beigemessen werden. Er stellt vielmehr selbst einen frühen Versuch dar, eine Theorie rabbinischer Literatur und ihrer Begründung zu entwerfen. Dabei wird deutlich, daß Sherira mit seiner Quelle, dem babylonischen Talmud, relativ frei umgeht: Sein Interesse ist wohl eher ein systematisches, theologisches, als ein rein historisches gewesen.

Schlüter weist in ihren Darlegungen auch darauf hin, daß die Verschriftlichung sowohl der Mischna als auch des Talmuds nicht das primäre Interesse Sheriras gewesen war, der meist von „redigieren“, „verfassen“ u. ä. spricht: Der Grund dafür könnte sein, daß Sherira selbst keine Kenntnis davon besaß, wann die mündliche Offenbarung verschriftlicht wurde. Möglicherweise betont er deshalb auch unermüdlich, daß die Mischna vor Rabbi nicht festgesetzt worden ist und daß die Streitigkeiten nach der Zerstörung des Tempels zugenommen hätten. Dies wäre nicht erklärbar, wenn bereits etwas schriftlich vorgelegen hätte.

Mit der Übersetzung Schlüters ist ein wichtiges und einflußreiches Buch der jüdischen Tradition einem deutschsprachigen Publikum zugänglich gemacht worden. Einleitung und Kommentar ermöglichen einen guten Zugang zum Denken dieses wichtigen Vertreters des mittelalterlichen Judentums und einen guten Überblick über den Stand der Diskussion in der modernen Forschung, zu der es selbst einen gewichtigen Beitrag liefert. Als Leser wünscht man sich, daß der vorzügliche Kommentar eines Tages den ganzen Brief oder zumindest den gesamten ersten Teil des Briefes umfassen möge.

Hans A. Rapp


Jahrgang 2/1995 Seite253



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