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Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit e. V. in Hamburg

Absage an die Judenmission

Den fruchtbaren Begegnungen von Juden und Christen steht noch immer insbesondere ein Hindernis im Wege: Die Kirchen haben bisher noch nicht ein klares, eindeutiges und von Autorität gestütztes Nein zur Mission unter Juden gesprochen.

Gewiß nähern sich einzelne Kirchen, Gruppen oder Persönlichkeiten mit unterschiedlicher Deutlichkeit einer solchen Absage. Die Synode der Evangelischen Kirche im Rheinland bekannte sich 1980 zur „Treue Gottes, der an der Erwählung seines Volkes Israel festhält“ : „Wir glauben, daß Juden und Christen je in ihrer Berufung Zeugen Gottes vor der Welt und voreinander sind.“ Ähnlich äußerte sich eine Reihe anderer Landeskirchen. Diese Position schließt Judenmission jedoch noch nicht ausdrücklich aus. Der Gesprächskreis „Juden und Christen“ des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken erklärte 1979, es sei „Juden und Christen grundsätzlich verwehrt, den anderen zur Untreue gegenüber dem an ihn ergangenen Ruf Gottes bewegen zu wollen“. Doch hat diese Äußerung keinen lehramtlichen Rang. Der evangelische „Zentralverein für Zeugnis und Dienst unter Juden und Christen“ hat 1992 ein klares Nein gegen die Judenmission formuliert. Doch wird dies unter anderem vom Nordelbischen Mitgliedsverein nicht mitgetragen. Obendrein hat sich noch keine Kirchenleitung oder eine andere Synode das Nein zu eigen gemacht.

Dies Zögern und die Uneindeutigkeit kirchlicher Äußerungen belasten die christlich-jüdische Partnerschaft außerordentlich. Die Begegnung von Juden und Christen kann nur dann anhaltend vertrauensvoll und fruchtbar sein, wenn jegliche, auch verborgene Absicht der Missionierung von Juden ausgeschlossen ist.

Die Kirchen fordern dazu auf, jeglichen Antisemitismus, der in den vergangenen Jahren immer wieder Auftrieb bekommen hat, nach Kräften zu bekämpfen. Doch gerät auch der Einsatz gegen den Antisemitismus in ein Zwielicht, wenn einige Gruppen und Repräsentanten in den Kirchen ein Nein zur Judenmission offen oder verhüllt ablehnen. Judenmission wird von Juden als schroffe Bedrohung ihrer Existenz erlebt. Das ist nach den Erfahrungen der vergangenen Jahrhunderte und zumal der Schoa nur zu verständlich. Nur wenn die Kirchen ein klares Nein sagen zur Judenmission, ist ihr Kampf gegen Antijudaismus in der Kirche und gegen jede Form von Antisemitismus in der Gesellschaft wirklich glaubhaft.

Judenmission ist nicht nur historisch obsolet geworden, sie steht auch im Widerstreit zu biblischen Befunden. Der Missionsbefehl Mt 28,19 f. besagt, die Jünger werden ausgesandt, den Heiden-Völkern in aller Welt Jesu Lehre, seine Auslegung der Tora zu bringen, das heißt nicht den Juden, die die Tora ja bereits besitzen und hüten. Dies ist zu unterstreichen; nur so wird man der Einsicht gerecht, daß Jesus ein jüdischer Lehrer der Tora gewesen ist.

So ergibt sich aus theologischen, historischen wie politischen Gründen gleichermaßen die Forderung nach einer kirchlichen Entscheidung gegen Judenmission, die keinen Zweifel aufkommen läßt: Judenmission, also das methodische, organisierte und absichtsvolle Bemühen der Christen, Juden von der jüdischen Religion abzubringen, soll nicht sein.

Der Vorstand der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit e. V. in Hamburg fordert alle christlichen Kirchen in Hamburg, ihre verantwortlichen Leiter und Gremien dazu auf, sich eindeutig neben die in unserer Mitte lebenden Juden und jüdischen Gemeinden zu stellen und öffentlich zu erklären, daß eine „Mission unter Israel“ mit dem christlichen Glauben nicht zu vereinbaren ist.

Der Vorstand regt zugleich an, in den Kirchen einen intensiven Meinungsbildungsprozeß einzuleiten, der einen Konsens über die Ablehnung der Judenmission herbeiführen kann.

Februar 1995. Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit e. V. in Hamburg


Jahrgang 2/1995 Seite 251



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