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Clemens Thoma

Verschaukeltes Judentum

Man kann einem einzelnen Menschen oder einer Gruppe nicht nur durch Abweisung Schaden zufügen, sondern auch durch Zudringlichkeit. Der Antisemitismus war und ist eine verheerende Abweisung des jüdischen Volkes und seiner Bestimmung. Er wird in den traditionellen Kirchen zunehmend als ein christlicher Selbstbetrug und als ein mörderisches Unternehmen erkannt und zurückgedrängt. An seine Stelle tritt derzeit teilweise ein gegensätzliches Phänomen: eine unübersichtliche und unberechenbare Vermengungs- und Vermischungstendenz! Es entstehen Gemeinschaften, die Gemeinsamkeiten zwischen Christentum und Judentum in ekstatischer Weise realisieren wollen. Hat man sich früher sinnlos gehaßt, so geht man heute — weder von den großen Kirchengemeinschaften noch vom traditionellen Judentum sanktionierte — geistig-religiöse Liebes- und Ehegemeinschaften ein. Gemeint sind zunächst jene besonders in den USA aufsprießenden Gemeinschaften messianischer Juden. Gemeint sind aber auch völkerchristliche1 Erweckungsbewegungen, die — von endzeitlichem Enthusiasmus getrieben — darauf aus sind, die von Paulus in Röm 11,26 ausgesprochene Rettung ganz Israels herbeizudrängen. Mit wachsender Sorge reagieren jüdische und christliche Theologen und Gemeindeverantwortliche auf dieses Phänomen. Jüdische Autoritäten geben das Urteil ab, daß die messianischen Juden, die den Messias Jesus verehren — überhaupt alle Judenchristen — sich in schwerer Sünde gegen die Tora befinden und daher für das Judentum verloren sind, wenn sie nicht umkehren. Außerdem weisen sie auf christlich-judenmissionarische Kreise hin, die einen das traditionelle Judentum zersetzenden Einfluß ausüben. Kirchenführer sind beunruhigt, daß die judenchristlichen Jesusverehrer im kirchenlosen Raum bleiben und fundamentalistisches Gebaren an den Tag legen.

In der April-Nummer 1995 (11. Jahrgang) der amerikanischen Zeitschrift „Modern Theology“ ist ein Symposium über „Judenchristen und die Tora“ abgedruckt. Veranlassung war ein „Brief an einen Freund“, den der angesehene jüdische Theologe Michael Wyschogrod geschrieben hatte. Der Adressat dieses Briefes ist ein zum Christentum konvertierter Jude, der sich nach wie vor als Jude bezeichnet. Für Wyschogrod ist dieser anonyme Freund ein ähnlicher Fall wie der Pariser Erzbischof und Kardinal Jean-Marie Lustiger. Wenn sich heute Judenchristen als Juden ausgeben, dann müssen sie nach Wyschogrods Auffassung die ganze Tora einhalten. Sieben hochrangige „Respondenten“ aus Judentum und Christentum diskutierten in „Modern Theology“ mit Wyschogrod. Dabei kamen nicht nur die „normalen“ Judenchristen, die sich aus Überzeugung einer christlichen Konfession anschließen, in den Blick, sondern auch die messianischen Juden sowie jene christlichen Gruppen, die aus Überzeugung mit großer Intensität bei Juden und Jüdinnen für den christlichen Glauben werben. David Novak, ein bedeutender Repräsentant des amerikanischen Judentums, wies in seiner Antwort an Wyschogrod darauf hin, daß heute ernsthafte jüdische Persönlichkeiten deshalb den Schritt ins Christentum wagen, „weil sie die derzeitige jüdische Gemeinschaft für geistig unfruchtbar halten“ (213). Ähnliches gelte teilweise, so sekundierten andere, auch, wenn Christen zum Judentum konvertieren. Was aber zu den messianischen Juden und zu den aus endzeitlicher Motivation heraus Juden werbenden Christen zu sagen sei, darüber war bei diesem Symposium kaum etwas zu vernehmen, außer daß sich alle in der Ablehnung des jüdisch-christlichen Vermischungs-Fundamentalismus einig waren.

Es geht hier um eine sporadische Bestandsaufnahme sowohl der derzeitigen Bewegung messianischer Juden als auch des völkerchristlichen Enthusiasmus für das jüdische Volk. Es darf nicht geschehen, daß das jüdische Volk mit seiner israelitischen Religion und Sendung, nachdem es dem Haß mit knapper Not entgangen ist, von umarmungssüchtigen Menschen erneut in Atemnot gebracht wird.

1. Messianische jüdische Gemeinschaften in den USA

Eine ganze Schwemme von Katalogen, Zeitschriften und Einladungen messianischer Juden zu Meetings und Informationsstellen liegt auf meinem Tisch. Mein Freund, ein amerikanischer Professor des Neuen Testaments, hat sie mir besorgt, damit im FrRu NF Stellung bezogen werde. Es handle sich da um neue Tendenzen in der religiös christlich-jüdischen Landschaft, an denen weder Christen noch Juden achtlos vorübergehen sollten.

Die von Rabbi Moishe Rosen herausgegebene Revue „The Jews for Jesus Newsletter“ bietet sich für Christen an, „die mehr über Juden und Evangelismus wissen wollen“. Nachrichten über die in den USA zerstreut lebenden „Juden für Jesus“ werden ausgebreitet. Dazu gesellen sich Darlegungen von Standpunkten und Argumentationsweisen dieser Gruppen. Es geht der von Rabbi Rosen gegründeten „Jews for Jesus“-Bewegung darum, die Juden für die Anerkennung Jesu als Messias zu gewinnen. Sie schließen sich keiner Kirche an, haben aber beachtlichen jüdischen Zulauf und ernten auch Applaus von evangelikalen und anderen christlichen Kreisen.

Farbiger und attraktiver zeigt sich ein Faltblatt, das 1994 zu einem „Messiah College“ mit 58 Rednern eingeladen hat. Es wird von der „Messianischen Jüdischen Allianz Amerikas (MJAA)“ herausgegeben. Diese Allianz stellt sich so vor:

Die MJAA, ursprünglich bekannt als „Hebräisch-Christliche Allianz von Amerika“, wurde 1915 als Organisation gegründet. Ihr Ziel ist, Juden, die an Jesus glauben, gemeinschaftlich zusammenzubringen und vor aller Welt zu bezeugen, daß es jüdisch war, an den Messias zu glauben . . . In den späten 60er und frühen 70er Jahren unseres Jahrhunderts begann eine große Zahl junger Leute, Jesus als ihren Messias anzuerkennen. Daraus entstand eine eigene Jugendorganisation der MJAA, die jetzt den Namen „Junge Messianische Jüdische Allianz (YMJA)“ trägt . . . Seit 1982 hält die Allianz jährlich für alle leitenden Mitglieder ,Kongregationen‘ ab. Im Jahre 1984 stand die Allianz Pate bei der Bildung der „Internationalen Allianz der Messianischen Kongregationen und Synagogen (IMJA)“ . . . Die MJAA verfügt über einen starken internationalen Einfluß . . . Seit ihren Anfängen ist die IMJA eine visionäre Organisation. Alle Juden, die an Jesus glauben, sollen sich zusammenschließen und den Messias bekanntmachen . . . Wir beten ohne Unterlaß zu Gottes Vorsehung, daß sie bewirke, daß diese prophetische Vision sich erfüllt und daß Gott sein von ihm begonnenes Werk vollende.

Ein eher unscheinbares Rundschreiben des Direktors der „Lederer Messianic Ministries“ (Baltimore) wurde anläßlich des Todes des Lubawitscher Rebben, Menachem Mendel Schneersohn, 1994 versandt. Der leitende Funktionär der messianischen Lederer-Gruppe will „das jüdische Volk mit Hilfe des Evangeliums erreichen“. Menachem M. Schneersohn war von seinen Anhängern als kommender Messias erhofft worden. Dazu bemerkt der Lederer-Direktor:

Vielleicht wird der Tod dieses falschen Messias unser jüdisches Volk zum wahren Messias führen, der gestorben und gemäß der Schrift wieder von den Toten erstanden ist.“

Katalog-BeispielVerschiedene messianische Organisationen geben Kataloge mit musikalischen und anderen künstlerischen Produkten sowie mit Vorschlägen für Mode-Trends heraus. Ein Katalog trägt den Titel „Lamm und Freunde“.

Als neue Lamm-Produkte werden Musikkassetten angeboten; zwei davon seien zwei Jahre lang auf der Hit-Liste der zehn am meisten verkauften Musik- und Rhythmenprodukte gestanden. Andere Song-Reproduktionen seien im Gefolge von „elektrisierenden Happenings“ entstanden und hätten „Erfahrungen der messianischen Freunde zum Inhalt“. Daneben werden T-Shirts und begeistert geschriebene Bücher über den Messias Jesus angeboten. Ein zweiter „Messianischer Katalog“ wird als „Quelle für fast alles, was messianisch-jüdisch ist“, angepriesen. Eine große Palette von pins und designs leuchtet auf, dazu Halsketten und Uhren mit dem Jesus-Signet, das vom siebenarmigen Leuchter, vom Davidstern, vom Lamm Gottes und vom „Schalom“ eingerahmt ist. Unter den zahlreichen Bibeln fällt ein Neues Testament auf, das nicht einfach eine Übersetzung in modernes Englisch sein will, sondern eine Zurückführung auf das ursprünglich-jüdisch Gemeinte. Den Abschluß bilden spirituelle Anleitungen, wie jesusgläubige Jüdinnen und Juden leben sollen, damit sie zum Zeichen für die jüdischen und christlichen Brüder und Schwestern werden können.

2. Gebets- und Evangelisierungsgruppen in Europa und Israel

Oft kann man erst nach langen Umwegen herausfinden, wo eine messianische Bewegung ursprünglich beheimatet ist: in Amerika, Europa oder Israel; im Anglikanismus, Protestantismus oder Katholizismus; in einer Freikirche oder in einer ganz neuen Formation; im Judentum oder im Christentum. Auch die Erforschung der Motive und Ziele dieser Gruppen ist nicht immer einfach. Handelt es sich um rein spirituelle Gruppen, denen einzig die Aussöhnung mit dem jüdischen Volk am Herzen liegt? Glauben diese Gruppen an die baldige Parusie Christi und an die ebenso baldige Bekehrung der Juden und Christen? Greifen sie auch interne Probleme der jüdischen Religion und des Staates Israel auf? Die folgenden fünf Beispiele können nur einen unvollständigen Einblick in die Problematik geben.

Nach dem Bericht der renommierten Zeitung Haaretz gibt es derzeit in Israel 30 christlich-messianische Sekten. Die in letzter Zeit in die israelischen Schlagzeilen geratenen Zeugen Jehovas haben danach in Israel etwa 550 Mitglieder. „Sie versammeln sich monatlich zu Wochenendzusammenkünften und viermal in der Woche zu Gebeten. Auch in Israel leisten die Anhänger der Bewegung keinen Kriegsdienst, was die Armee angesichts der geringen Zahl toleriert . . . Da die ,Sekte‘ wie andere messianische Splittergruppen in Israel nicht als Religionsgemeinschaft anerkannt ist und es in Israel keine zivilen Standesämter gibt, können Mitglieder der Gruppe nur im Ausland heiraten . . .2

Die in Rees (Deutschland) herausgegebene Zeitschrift „Feuer und Licht“ ist das Organ der katholischen „Gemeinschaft der Seligpreisungen“ (gegründet unter dem Namen „Löwe von Juda“). Diese wirkt für die Versöhnung zwischen Juden und Christen. An erster Stelle steht das Gebet für das jüdische Volk. Es ist keine Missionierung beabsichtigt, sondern nur die Bewußtseinsbildung, daß die Kirche ins Judentum „hineingepfropft“ ist und daher abstürbe, wenn sie das Judentum verstoßen würde. Die selige Märtyrerin Schwester Edith Stein ist die Schutzpatronin der „Gemeinschaft der Seligpreisungen“. In der April-Nummer 1995 von „Feuer und Licht“ umschreibt ihr Gründer Bruder Ephraim die Absichten dieser spirituellen Vereinigung folgendermaßen:

Als der Nationalsozialismus mit seiner Verfolgung des Judentums unsere christlichen Wurzeln angriff, ließ er dadurch den Geist des Antichrists erkennen . . . Papst Johannes Paul II. hat ein in der Geschichte noch nie dagewesenes prophetisches Zeichen gesetzt, als er Edith Stein, eine Märtyrerin des jüdischen Glaubens, seligsprach. Schreiben wir mit ihm diese neue und vielleicht letzte Seite der Kirchengeschichte, erkennen wir unsere jüdischen Brüder als unsere älteren Brüder an . . . Trennen wir uns nicht von unseren Wurzeln, sie könnten austrocknen und der Rest des Baumes sterben.

Eine ursprünglich in Deutschland beheimatete messianische Gemeinschaft, vor ca. 40 Jahren gegründet, nennt sich „Gemeinde(n) des Messias“ (kehillot Hamaschiach). Die Mitglieder geben sich den Zunamen „dem Lamm gehörend“ (schel Ha-seh) und kommen von einer deutschen evangelischen Gemeinschaft her. Vor kurzem haben sie laut ihrem Bulletin das Dach ihres Hauses in Ein Karem repariert und dabei folgende Inschrift in einen Eckstein hineingeritzt: „Yeschua Hamaschiach, der Haupteckstein; Gnade, Gnade Ihm (Sach 4,7).“ Wer bei Sach 4,7 nachschaut, wird wegen dieses Zitats etwas stutzig. Nichts steht dort über den „Messias Jesus“, sondern nur etwas über Serubbavel, den Erbauer des Zweiten Tempels: „Er holt den Schlußstein hervor, und (es folgen) laute Zurufe: Gnade, Gnade ihm (oder: Wie schön ist er, wie schön!)“ Die „Gemeinden des Messias“ haben also ein fundamentalistisch-messianisches Bibelverständnis. Sie tragen Jesus in die Texte der Hebräischen Bibel hinein. Nach ihren eigenen Worten bemühen sie sich um neue Wege, um . . .

. . . mehr in Jerusalem zu evangelisieren. Kürzlich trafen wir in Tel Aviv mit Gläubigen aus ganz Israel zusammen in der Absicht, eine Evangelisation durchzuführen. Viele Tausende Menschen in der Stadt konnten wir mit dem Evangelium erreichen . . . Während wir für die Rettung unseres Volkes beten, bereiten wir auch unser Heim zur Aufnahme von Personen vor, die eine Zeitlang mit uns zusammenleben wollen. Zur Zeit leben vier jüdische Brüder mit uns. Es ist unser Wunsch, sie zu lehren, was es bedeutet, ein Jünger Jesu zu sein.

Zupackender als die drei genannten Gemeinschaften ist die „Messianische Bekenntnisgemeinschaft“, die unter der Leitung von Klaus Moshe Pülz steht, in Deutschland verwurzelt ist und die Zeitschrift „ZeLeM“ (zawta' lecedût meschichît) herausgibt. Die wichtigsten Stichworte zur Charakterisierung dieser Bewegung sind: endzeitliche Deutung der alt-und neutestamentlichen Bibel, Verkündigung Jesu als Messias der Juden, Aufforderungen an Juden und Christen, sich zu Christus und damit zu Gott zu bekehren, Engagement für Politik und Religion der Juden, wobei der Staat Israel als ein endzeitliches Zeichen gilt. In ZeLeM Nr. 108 (Okt. 1993) heißt es S. 5:

Der wissende Christ und Israelfreund empfindet gerade in diesen Tagen in besonderer Weise, wie die endzeitliche Entwicklung gewaltige Fortschritte macht . . . Aber auch das Medienspektakel um den angeblich nun ausgebrochenen Frieden zwischen Israelis und Arabern macht deutlich, wie sich die Menschheit — und dabei ist Israel mit eingeschlossen — weiter und weiter vom Heils- und Friedensplan Gottes entfernt.

Mk 13,9-13 wird dann als Beleg zitiert.

Neben der Messianischen Bekenntnisgemeinschaft wirkt auch die „Internationale christliche Botschaft“ unter Vorsitz von Willem van der Hoeven in Israel. Sie ist nicht judenmissionarisch. Die „Botschaft“ unterstützt Israel mit Geld: Die Juden sollen in ihrem Judesein und als Staatsbürger Israels gefördert werden. Van der Hoeven wurde in Israel als „Zionist des Jahres 1991“ ausgezeichnet.

3. Fragen vor der endzeitlichen Versöhnung

Wenn alle aufgezeigten Gruppen samt ihren Ideen und Aktionen aneinandergereiht werden, dann können Ratlosigkeiten und Verwirrungen entstehen. Die erste Unsicherheit betrifft die Größe und das Gewicht der messianischen und judentumsbegeisterten Gruppen. Es ist schwer abzuschätzen, was bei den Organisationen der messianischen Juden Propaganda ist und was Wirklichkeit. In einem Rundbrief des Jahres 1993 der MJAA wird aufgrund einer Zählung aus dem Jahre 1989 geschätzt, daß es derzeit weltweit mindestens 350.000 messianische Juden gibt. Verschiedene Zahlenangaben verschiedener Gruppen dürften aber kaum einer Nachzählung standhalten. Aber auch so bleibt die Frage nach dem geistig-religiösen Gewicht der genannten und nicht genannten Gruppen unbeantwortet. Wir leben in einem Zeitalter weitreichender geistig-religiöser Labilitäten, Unsicherheiten und Fluktuationen. Es ist nicht auszumachen, wer und was sich in einer Fin-de-Siècle-Stimmung schließlich durchsetzt. Es gibt aber weder die Möglichkeit noch das Recht, zu einem jüdischen oder kirchlichen „Kreuzzug“ gegen die scheinbar immer stärker werdenden jüdisch-christlichen Fundamentalisten aufzurufen. Dies würde gegen die Freiheitsrechte in Religion, Presse, Versammlung etc. verstoßen und wäre auch den besten jüdischen und christlichen Traditionen zuwider.

Ein Hinweis auf den Rat des großen jüdischen Weisen Gamaliel des Älteren ist fürs erste nützlich: Als die judenchristlichen Apostel in urchristlicher Zeit auf Betreiben der Hohenpriester und Sadduzäer verhaftet wurden, der Hohe Rat über sie zu Gericht saß und den Aposteln die Todesstrafe durch Steinigung drohte, da sagte Rabban Gamaliel:

Laßt ab von diesen Männern, und gebt sie frei. Denn wenn dieses Vorhaben oder dieses Werk von Menschen stammt, wird es zerstört werden. Stammt es aber von Gott, so könnt ihr es nicht vernichten; andernfalls würdet ihr noch als Kämpfer gegen Gott dastehen (Apg 5,38 f.).

Innerjüdische, innerchristliche und jüdisch-christliche Dialoge sind also auch angesichts der vielen neuen messianischen, fundamentalistischen und die religiösen Grenzen verwischenden Bewegungen zu führen. Oppositionen und Bekämpfungen allein würden zu sehr mittelalterlichen geistigen und physischen Zwangsmaßnahmen gleichen. Die Aufforderung zum Dialog ist prinzipiell auch dann noch gültig, wenn in einem Einzelfall die Überzeugung aufkäme, es handle sich bei einer Gruppe um einen gefährlichen sektiererischen Wahn, dem man durch vermehrte Kontrollen beikommen müsse. Christentum und Judentum dürfen sich nicht mehr dem Vorwurf aussetzen, sie stünden mit Verdammungsurteilen hinter allen alternativen Formen von Religiosität. Aus vielen Erfahrungen der jüngsten Vergangenheit weiß inzwischen alle Welt, daß ein aggressives Sektierertum die Quelle anarchistisch-terroristischer Kommandos sein kann. Da aber Versöhnung und eschatologische Verzeihung bei allen jüdisch-christlichen Messianisten höchsten Stellenwert besitzen, ist derlei von dieser Seite her nicht zu befürchten. Es stimmt jedoch bedenklich, wenn z. B. jüdische Auswanderer aus der GUS, die in ihrer Heimat keine Gelegenheit hatten, ihre Religion kennenzulernen, in den Aufnahmeländern von diesen endzeitlichen messianischen Gemeinschaften auf Grund ihrer Unwissenheit vereinnahmt werden.

Ein bloßes Hineinstürzen in einen verstärkten und konzentrisch geführten Dialog kann aber auch kontraproduktiv sein. Einerseits gibt es keine Versöhnung, wenn Antisemitismus und religiöse Vergötzungen bei Völkerchristen und Judenchristen weiterwuchern. Andererseits verkommen die vielen Dialoge zu bodenlosen Utopien, wenn die realreligiösen und gesellschaftlichen Grundlagen von Judentum und Christentum nicht zuvor deutlich abgesteckt werden. Die traditionellen Religionen und Volksgruppen müssen sich angesichts der neuen Versöhnungs- und Vermischungstendenzen auf ihre wichtigsten Grundlagen besinnen. Andernfalls kommt es zu Aushöhlungen der „Mitte Israels“ von den Rändern her.

Welches wären heute Hauptpunkte jüdischer und christlicher Selbstbesinnung? Besonders zwei: Identität durch Abgrenzung (auf jüdischer Seite) und Christusglaube als ein an das Judentum gebundener Glaube (auf christlicher Seite)!

Josephus Flavius (37- ca. 105 n. Chr.) hat das, was die jüdische Tradition mit Abgrenzung von den Völkern durch alle Zeiten hindurch meinte, gut zusammengefaßt. Er läßt Mose vor seinem Sterben zu den Israeliten sagen:

Gott will, daß ihr nur jenen Geboten gehorcht, denen zu gehorchen er euch aufgetragen hat. Ihr dürft diese speziellen verbindlichen Gebote niemals verlassen und dürft euch niemals einer anderen Struktur in Verehrung zuneigen. Eure jetzige Religiosität, die ihr Gott gegenüber pflegt, dürft ihr nie preisgeben; niemals dürft ihr in eine andere Art hinüberwechseln (Ant 4,181).

Die Begründungen und Rechtfertigungen der von Josephus im Zeitalter Jesu bezeugten Verbote, anderen Gottheiten zu dienen und andere Religionsformen mitzumachen, liegen u. a. in Num 23,9; Est 3,8; 1Makk 1,11-15. Die Forderung nach religiöser Kompromißlosigkeit wurde im talmudischen Schrifttum noch weiter ausgeführt und verdeutlicht. Solche Verbote sind von Nichtjuden — auch wenn sie sich noch so verwandt mit dem Judentum fühlen — zu respektieren. Der jetzige Trend, der sich durch alle christlichen Konfessionen hindurchzieht, Juden zu Gebetsgemeinschaften einzuladen, ist von daher nicht problemlos. Auch die Be-

teuerungen von Judenchristen, sie seien nach wie vor Juden, sollten in Zukunft zurückhaltender vorgebracht werden. Vor allem propagandistisch ausgewertete Missionierungen von Juden und Jüdinnen schaden dem Dialog.

Die christliche Religion ist ein an das Judentum gebundener Glaube. Dies wird heute zu Recht in Theologie und Verkündigung betont. Das Bekenntnis zur „einzigartigen Verwandtschaft“ (Johannes Paul II.) darf aber nicht im nächsten Augenblick wieder verkürzt werden, indem etwa gesagt wird, das Judentum sei eine völkische, das Christentum dagegen eine universale Religion.3 Die jüdische Religion hat als Erlösungsreligion ähnliche universale Zielvorstellungen wie das Christentum. Dies kann vom Christentum her nicht bestritten werden. Deshalb darf auch das Christusbekenntnis selbst, das die beiden Religionen zuinnerst trennt, dem Judentum nicht „aufgepfropft“ werden. Andererseits ist das Christusbekenntnis der Christen auch von jüdischer Seite her in Ruhe zu lassen.

Ein Wort ist abschließend noch zur „heilsgeschichtlichen Ungeduld“ zu sagen, die Judentum und Christentum in allen Geschichtsperioden durchschüttelt hat und die heute in fundamentalistisch-messianischen Bewegungen erneut mit starker Kraft aufbricht. Judentum und Christenturn sind endzeitlich ausgerichtete Religionen. Versöhnung und Verzeihung sind sehnlichst erwartete Schluß-Lichtpunkte. Juden und Christen ist aufgetragen, dafür zu beten und gesellschaftlich dafür den Boden zu bereiten. Zeit und Ort der Verwirklichung aber liegt nach gemeinsamer Glaubensüberzeugung allein in Gottes Willen. Den messianischen Judenchristen und den von der baldigen Fülle der Zeiten faszinierten Völkerchristen ist zu raten, Mt 24,36 nicht zu überhören. Dort sagt der Jude Jesus: „Den Tag und die Stunde kennt niemand, weder die Engel im Himmel noch der Sohn, sondern nur der Vater.“

Wer allzu voreilig das Ende der Welt erwartet und deswegen Juden zum christlichen Glauben bekehren will, schadet dem jüdischen Volk und seinem Glauben. Die Juden fühlen sich von solchen Enthusiasten verschaukelt.

  1. Der unzutreffende Begriff „Heidenchristen“ wird im folgenden durch Völkerchristen“ ersetzt (vgl. Röm 9,24 u. a.). Das Volk Israel, das von Gott erwählt ist, wird unterschieden von den anderen Völkern, den Gojim.
  2. Die Informationen über die Zeugen Jehovas und die Anzahl der messianischen Bewegungen habe ich der in Israel erscheinenden Zeitschrift „Religionen in Israel“ 1(1995: April) 29 entnommen.
  3. Gegen derlei Verkürzungen streitet derzeit u. a. der jüdische Talmudspezialist und Theologe Jacob Neusner. Vgl. sein Buch: Children of the Flesh, Children of the Promise. A Rabbi talks with Paul. Cleveland 1993.

Jahrgang 2/1995 Seite 241



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