Freiburger Rundbrief Freiburger Rundbrief
    Archiv Neue Folge > 1995 > 295  

Home
Leseproben

Inhalt Neue Folge
Archiv Neue Folge
1993/94
1995
1996
1997
1998
1999
2000
PDF-Dateien ab 2001

Inhalt der Jg. vor 1993
Archiv vor 1986

Gertrud Luckner
Bestellung/Bezahlung
Links
Artikel
Mitteilungen
Rezensionen
 
XML RSS feed
 
 
Display PRINT friendly version
Voigts, Manfred

Jüdischer Messianismus und Geschichte

Agora-Verlag, Berlin 1994. 127 Seiten.

Messias und Messianismus sind nicht identisch, denn es hat sich im Laufe der Entwicklung ein Messianismus ohne Messias entwickelt, worauf Manfred Voigts in dem hier vorliegenden Buch ausführlich eingeht. In der Vorbemerkung weist der Verfasser auf eine wichtige Erkenntnis hin, die Georg Fohrer 1970 so formulierte: „Entgegen einer verbreiteten Auffassung ist festzustellen, daß der Messias im Alten Testament keineswegs im Mittelpunkt steht . . . Es verhält sich nicht so, daß die Messiaserwartung die Krönung der alttestamentlichen Theologie darstellt.“ Voigts macht sich die Erkenntnis Fohrers zu eigen und weist darauf hin, daß die Messiaserwartungen größtenteils aus dem nachbiblischen Judentum stammen. Die beiden Teile der messianischen Hoffnungen sind der restaurative Messianismus, der die Wiederherstellung des davidischen Königreiches und die Wiedererrichtung eines Dritten Tempels in Jerusalem erstrebt, und die Heimführung des ganzen jüdischen Volkes in seine historische Heimat, das Land der Verheißung einerseits, und der universelle Messianismus, der den Weltfrieden verheißt, andererseits. Im Laufe der Entwicklung haben sich diese beiden Teile gleichsam verselbständigt. Aus der restaurativen Erwartung erwächst die nationale Befreiungsbewegung des Zionismus, aus der universellen Zielsetzung der Sozialismus.

Mit der Heranziehung der Kritik von Gershom Scholem und anderen jüdischen Autoren bis zu dem einstigen Wortführer der jüdischen Orthodoxie in Deutschland, Isaak Breuer, nimmt der Verfasser eine scharfe Trennung von Zionismus und Messianismus vor.

Für die messianischen Elemente im Sozialismus werden jüdische Autoren genannt, die sich nicht eigentlich zum Judentum im religiösen Sinne bekannten, so Ernst Bloch, in dessen „Prinzip Hoffnung“ Voigts die messianischen Elemente aufspürt.

Bei Vertretern einer liberalen Theologie des Judentums im 20. Jahrhundert in Deutschland kann Voigts auf die Entpersönlichung des Messianismus hinweisen, so vor allem bei Hermann Cohen, für den der Messianismus in einer humanitären Ethik und einer allgemeinen Gotteserkenntnis sich auflöst. Auch bei Leo Baeck finden sich diese Motive, die immer zu einem Messianismus ohne Messias führten.

Man müßte hier anfügen, daß ganze Glaubensströmungen im heutigen Judentum, wie Reform und Konservative, ausdrücklich auf eine Personifikation des Messias verzichteten und in ihren Liturgien, wo im traditionellen Text von einem Erlöser die Rede ist (Goël), von Erlösung (Géulah) gesprochen wird.

Aber andererseits darf nicht übersehen werden, und das hat der Verfasser leider übersehen, daß gerade in unserer Zeit ein ganz personeller Messianismus, wie er seit Sabbatai Zwi und Jakob Frank nicht mehr spürbar war, sich heute wieder kräftig regt.

Da ist natürlich zunächst die Bewegung der Chabad-Chassidim zu nennen, die ihren Rabbi von Lubawitsch, Menachem Mendel Schneerson, mehr oder minder offen zum Messias proklamierten, eine endzeitliche Hoffnung, die mit dem Tode des Rabbi nicht endete. Der Rabbi, der hochbetagt 1994 starb und in Brooklyn neben seinem Schwiegervater beigesetzt wurde, wird wieder erwartet. In einer grotesken Verbindung von Mystik und Technik ist an seinem Grabe ein Fax-Apparat installiert, der die vielen Bittbriefe an den Rabbi auffängt. Davon hat Voigts keine Ahnung.

Inzwischen hat sich noch ein ganz neuer messianischer Prätendent gemeldet, David Meir in Tel Aviv, offenbar nach der Fotografie ein Jüngling, der dreizehn Grundsätze für das Kommen des Messias inseriert.

Von alledem ist zu Voigts keine Kunde gelangt, oder es scheint ihm zu unwichtig, um es zu registrieren. Er bleibt in der intellektuellen Sphäre, vor allem des deutschen Judentums, wobei er außerordentlich gründliche Kenntnisse vorlegen kann, in Äußerungen von Walter Benjamin bis zu Margarete Susman, auch Stellungnahmen aus meinen Büchern werden herangezogen.

Von der Erkenntnis ausgehend, daß jüdischer Messianismus immer als geschichtliches Phänomen gesehen wurde und gesehen wird, geht der Verfasser auf den Zusammenhang von Messianismus und Geschichte ein, unterläßt es allerdings, dieses historische Verständnis mit dem Messianismus des Christentums, der Christologie, zu konfrontieren, die den jüdischen Messianismus in einer dreifachen Weise radikal veränderte: durch Individualisierung, Introversion und Transzendierung.

Individualisierung, da es im Christentum um die Erlösung der Einzelseele geht, während im Judentum immer von einer kollektiven Erlösung die Rede ist.

Introversion, da diese Erlösung der Einzelseele als innerer Vorgang erkannt wird, während im Judentum sich Erlösung im geschichtlichen Raum abspielen muß.

Transzendierung, weil eine letzte Hoffnung auf ein Jenseits hinzielt, während im Judentum das Reich Gottes für diese Erde erwartet wird.

Man kann den jüdischen Messianismus nicht abgelöst von diesem Gegenpart sehen, da hier die Quelle für eine jahrhundertelange Entfremdung der beiden Glaubensweisen vorliegt.

Voigts Buch gibt einen geistesgeschichtlichen Überblick, der für die Erkenntnis weiter Teile des heutigen Judentums von Bedeutung bleibt. In dem Schlußkapitel „Messianismus und Politik“ weist Voigts mit Recht darauf hin, daß der Messianismus nicht in ein System gebracht werden kann, da er voll innerer Widersprüche steckt. So haben im Laufe der Zeit die Interpreten des Messianismus ganz verschiedene Konsequenzen aus ihm gezogen, von einem Kulturoptimismus bis zum Pazifismus, aber die nationale Konsequenz des Zionismus, mit seiner ganzen sich heute zeigenden Problematik, tritt aus dem Blickfeld des Verfassers zu sehr zurück.

Der Verfasser, der sich tief in den Geist des Judentums eingelebt hat, bereitet nun eine Neuausgabe des heute vergessenen Werkes „Die Wirklichkeit der Hebräer“ (Berlin 1925) des Mythologen Oskar Goldberg vor, über den er bereits 1992 ein Buch veröffentlichte, in welchem er den genialen Deuter des antiken Hebräertums dem heutigen Verständnis nahebrachte.

Schalom Ben-Chorin


Jahrgang 2/1995 Seite 230



top