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Grünewald, Pinchas Paul

Licht und Stern

Zum jüdischen Jahreszyklus. Peter Lang, Bern 1994. 252 Seiten.

Es ist dem Verfasser dieses Buches vor allem ein Anliegen, dem Sinn der jüdischen Feiertage sowie deren Eingliederung im jüdischen Kalenderjahr nachzuforschen. Der Autor stellt eine Korrelation zwischen kosmischer Ordnung und dem jüdischen Kalenderjahr her, in welchem die Feste Momente der Freude und des Lichtes darstellen. Doch sind diese Feste auch Gelegenheit der Begegnung mit Gott.

Grünewald vertieft die Bedeutung des jüdischen Kultes, der in seinen Augen voll und ganz geistiger Art ist. Wenn im Mussafgebet von Schabbat, den Feiertagen und an Rosch Chodesch die Opfer erwähnt werden, die im Tempel dargebracht wurden, so bringt der Verfasser auch zum Ausdruck, daß unser ganzes Leben Gott und der Erfüllung Seines Willens gewidmet sein soll. Er verfolgt systematisch die Aufeinanderfolge der Feste im jüdischen Kalender, um deren Sinn zu entwickeln und darzulegen. So achtet er besonders auf ursprüngliche Bedeutung der feierlichen Handlungen und wie sie uns heute noch ansprechen.

Das Werk beginnt mit Pessach — Fest der Befreiung und führt zu Schawuot — Fest der Offenbarung am Berge Sinai. Aber der Autor macht uns gleichzeitig auch aufmerksam auf die Einheit dieses ganzen Zeitabschnittes, in dem man Omer zählt, so wie es in Lev 23,15-16 heißt: „Ihr sollt zählen für euch am Tage nach dem Schabbat, von dem Tage eurer Darbringung des Omers der Wende, sieben volle Schabbatot sollen es sein, bis zum Tage nach dem siebten Schabbat zählt ihr 50 Tage.“

Die großen Feste, die im Herbst gefeiert werden, Rosch Haschana — das jüdische Neujahr — und Jom Kippur — Tag der Sühne und Versöhnung — werden als „Jamim Nora‘im“ — ehrfurchtgebietende Tage bezeichnet. Der vorangehende Monat Elul bietet Gelegenheit zur Vorbereitung: jeden Morgen werden „Selichot“ gesagt, inständiges Flehen um Verzeihung werden beim Morgengebet eingeschaltet. Diese Gebete richten sich an den barmherzigen Gott, der dem Volke nach der Sünde des Goldenen Kalbes, dank der Fürbitte Mosches, Vergebung gewährte (Ex 34).

Das jüdische Neujahrsfest ruft die Schöpfung der Welt in Erinnerung, vor allem aber die Erschaffung des Menschen. Auch wird die „Bindung“ Jizchaks, die harte Prüfung, die Awraham durchstehen mußte, bei der Toravorlesung und in vielen Einschaltungen in Erinnerung gebracht. Der Tag der Schöpfung wird ebenfalls ein Tag des göttlichen Gerichtes. Die Schofartöne weisen auch auf das Wiedereinsammeln der Verbannten hin, auf die vollkommene Erlösung, die den bösen Kräften und der Sünde ein Ende setzen wird.

Jom Kippur ist Tag der Versöhnung, die dem Menschen durch Gottes Liebe gewährt wird. Die Hohen Feiertage lassen uns die unbegrenzte Fähigkeit und Bereitschaft Gottes erkennen zu verzeihen. Seine hilfreich ausgestreckte Hand wird auch dem schlimmsten Frevler dargeboten.

Sukkot — das Laubhüttenfest und Schmini Azeret — das Schlußfest — sind freudige Festtage. Die Laubhütte erinnert uns an den übernatürlichen Schutz, welcher dem jüdischen Volk während der vierzigjährigen Wüstenwanderung gewährt wurde. Aber die Sukka ist auch ein Symbol der Harmonie und des Friedens auf Erden; sie weist auf messianische Zeiten hin. Schmini Azeret schließt sich unmittelbar an Sukkot an, ist aber nicht an irgendwelche gegenständliche Handlungen zur Erfüllung von Mizwot gebunden. Darum wird auch Simchat Tora in feierlicher und reiner Freude gefeiert.

P. Grünewald behandelt auch die „kleinen“ Feste des jüdischen Jahres, die in späterer Zeit eingeführt worden sind: Purim und Chanukka. Zwar ist Chanukka verbunden mit historischen Ereignissen im Zusammenhang mit der Hasmonäerdynastie, es betont aber hauptsächlich die universelle Tragweite des Zusammenstoßes zwischen Hellenismus und Judentum. Auch Purim ist nicht von der Tora vorgeschrieben, jedoch heißt es im Buche Esther (9,27-28), daß es ewig Bestand haben wird. Purim erinnert an den Kampf Israels gegen Amalek, der schon in der Tora erwähnt wird (Ex 17,8-16). Das immer wiederkehrende Auftreten von „Amalek“, Feinde der Juden und der Menschheit bis in die heutige Zeit, erweckt den Wunsch nach Befreiung und zeigt den Abgrund, der zwischen der aktuellen Situation und der zukünftigen Befreiung besteht.

Grünewald stellt den jüdischen Kalender in seiner Gesamtheit dar. Er schöpft aus den Quellen jüdischer Tradition. Feinfühlig schildert er echt jüdische Geistigkeit.

Esther Starobinski-Safran


Jahrgang 2/1995 Seite 224



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