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Grossman, David

Der Kindheitserfinder

Originalausgabe: Sefer hadikduk hapnimi. Verlag Haleibbuz Hameuchad, Tel Aviv 1991. Übersetzt von Judith Brüll. Carl Hanser Verlag, München 1994. 498 Seiten.

Es ist auffällig, wie viele moderne Autoren sich mit der Kindheit befassen, angefangen mit Günter Grass und seiner Blechtrommel bis zu Paddy Clark des Iren Roddy Doyle. Nun also auch David Grossman. Der deutsche Titel von Grossmans Buch führt allerdings auf eine falsche Spur und der hebräische: „Die innere Grammatik“ hilft auch nicht weiter.

Im Buch handelt es sich weniger um die Kindheit als vielmehr um die schwierige Zeit der Pubertät. Insbesondere als es nicht klar wird, ob der Jugendliche wirklich zu Wort kommt oder sein „Übersetzer“. Die Geschichte spielt in einer israelischen Kleinbürgerfamilie, dominiert von der Mutter. Die vor dem Schulabschluß und dem Eintritt in die Armee stehende Tochter ist dick und unattraktiv, der Vater ein grober Klotz, der aus dem stalinistischen Gulag kam, die senile polnische Großmutter von der Schwiegertochter gehaßt, aber nolens volens in der Familie mitgeschleppt, bilden mit der Hauptperson des Romans, dem 13jährigen Aaron das Biotop. Aaron ist ein sehr guter Schüler, sehr überzeugt von sich selber und natürlich Anführer seiner Kameraden. Sympathisch ist er nicht. Seine Hauptbeschäftigung ist das Aushecken getrickster Entfesselungskunststücke à la Houdini, mit denen er sich in Szene setzt. Diese Befreiungswünsche sollen wahrscheinlich eine Metapher für die Ausbruchswünsche aus der Enge der Familie sein und auch der Befreiung des Landes Israel aus der Enge seiner Politik in den 60er Jahren, wie aus einem Interview Grossmans hervorgeht.

Das wäre ein interessantes Thema, wenn es nicht mit unkindlichen oder auch unjugendlichen Gedanken des kleinen Aaron überfrachtet wäre. Aaron ergeht sich aber nicht nur des langen und breiten in altklugen, symbolträchtigen Bemerkungen zum Zustand des Landes, sondern vor allem widmet er sich eingehend den eigenen Körpergerüchen und Funktionen seines Verdauungsapparates und denen der Familienmitglieder und Freunde in endlosen detaillierten Beschreibungen und Wiederholungen, ohne die vielleicht verstehbare aufkeimende Sinnlichkeit eines Pubertierenden auch nur ahnen zu lassen.

Überhaupt ist das fast 500 Seiten dicke Buch ausgefüllt mit Wörtern, nicht Worten, nur um des Redens oder Schreibens willen. David Grossman ist verliebt in Wörter, allerdings nicht sehr variationsreich, er kann sich nicht bezähmen. Ein Schwall von Sprachfetzen und Wiederholungen und unmotivierte Abschweifungen erschlagen den Leser. Im Rausch des Schreibens kommt er von einer Geschichte in die andere, die mit seinem eigentlichen Thema gar nichts zu tun haben und teilweise äußerst abstrus sind. Es wimmelt nur so von Metaphern und Paradigmen, die dann zu Tode geritten werden und oft an den Haaren herbeigezogen sind.

Ein ermüdendes Buch, das einem keine Kindheit näherbringt, das man beim endlichen Erreichen der letzten Seite mit einem großen „Uff“ der Erleichterung zuklappt.

Eva Auf der Maur


Jahrgang 2/1995 Seite 223



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