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Gaarder, Jostein

Sophies Welt

Carl Hanser Verlag, München/Wien 1993. 616 Seiten.

Seit 1994 schlägt dieses Buch auf der Bestsellerliste in Deutschland alle anderen Titel (erstmals 1991 in Norwegen erschienen). Viele hunderttausend Exemplare sind schon in aller Welt verkauft worden. Überall wird das Buch gelesen und diskutiert. Tatsächlich ist dem norwegischen Autor, von Beruf Philosophielehrer, ein Geniestreich gelungen. Auf unterhaltsame und streckenweise spannende Art führt er junge Leute ab etwa 15 Jahren in philosophisches Denken und in die Geschichte der Philosophie ein. Sophie ist die Hauptperson und Sophies Welt ist die Welt der Philo-Sophie. Pädagogen, Psychologen, Journalisten und auch Pastoraltheologen sind von dem Erfolg des Buches beeindruckt. Gelingt es doch, junge Leute für Fragen wie diese zu interessieren: „Wer bin ich“? (8), „Woher kommt die Welt?“ (12), „Glaubst du an ein Schicksal?“ (61), „Was braucht der Mensch, um ein gutes Leben zu führen?“ (120), „Was verstehen wir unter Gewissen? Glaubst du, alle Menschen haben das gleiche Gewissen?“ (37). Vielleicht erklärt sich der ungewöhnliche Erfolg eines Buches mit so anspruchsvoller Thematik aus der Tatsache, daß diese grundlegenden Fragen in der Schule heute zu wenig diskutiert werden und daß viele junge Leute den Antworten, die in Kirche und Religionsunterricht gegeben werden, nicht mehr vertrauen. Offensichtlich wollen sich viele Jungen und Mädchen nicht mehr vom christlichen Glauben leiten lassen. Das bedeutet aber nicht zugleich den Verzicht, über die wichtigen Fragen des Lebens intensiv nachzudenken. Wo die Religion mit ihren Antworten an Bedeutung verliert, gewinnt die Philosophie mit ihren Fragen eine neue Chance.

Gaarder führt seine Sophie und die Leser von den alten Vorsokratikern bis zur modernen Ökophilosophie, wobei die moderne Philosophie — das muß kritisch angemerkt werden — signifikant schlechter vorkommt als die klassische Philosophie von Sokrates bis Hegel und Kierkegaard. Selbst wenn man auch andere kritische Einwände gegen das Buch gelten lassen muß — es bietet alles in allem gute Anregungen für das Denken, informiert über große Gestalten der Geistesgeschichte und immunisiert erfreulich eindeutig gegen Irrationalismen wie Esoterik und New Age.

Dankenswerterweise bezieht Gaarder Religion und Theologie an vielen Stellen seines Buches ein. Die Gottesrede wird, entsprechend ihrer Bedeutung in der Geschichte, in vielen rationalen, mystischen und irrationalen Varianten durchbuchstabiert. Dabei kommen auch das Judentum und das Christentum reichlich zu Wort. Auch die Religion gehört zu Sophies Welt. Leider haben diese Darstellungen aber nicht das Niveau wie die philosophischen Abschnitte. Offensichtlich ist Gaarder hier viel weniger kompetent als auf dem Gebiet der Philosophie. Das Judentum kommt in „Sophies Welt“ neben gelegentlichen Erwähnungen vor allem in zwei Abschnitten zur Sprache: „Die Semiten“ (183-186) und „Israel“ (186-188), außerdem in dem Kapitel „Spinoza — Gott ist kein Puppenspieler“ (291 ff.). Das ist vom Ansatz her zu begrüßen. Unstrittig ist dabei, daß man bei dem norwegischen Autor keine Spur von bewußter Judenfeindschaft findet. Das gilt auch für das Spinoza-Kapitel, in dem die verhaltene Sympathie des Autors weniger der tradierten jüdischen Religion gehört, als vielmehr dem unorthodoxen jüdischen Denker, der wegen seiner Bibelkritik und seiner Philosophie mit dem Bann der Synagoge von Amsterdam belegt wurde. Diese Wertung ist in einem Philosophiebuch verständlich und berechtigt. Aber bei Gaarder finden sich manche alte Schablonen, die heute nicht mehr benutzt werden sollten.

Der Abschnitt „Die Semiten“ folgt dem Abschnitt über „Die Indogermanen“ (180-183). Diese Unterscheidung erscheint uns im Blick auf den Mißbrauch in der Vergangenheit als unglücklich. Die Wissenschaften verbinden heute mit dem Begriff „semitisch“ Eigenarten der Sprachverwandtschaft, nicht aber solche von Kultur, Rasse oder gar Religion, wie Gaarder hier insinuiert. Tatsächlich kommen in dem Abschnitt nur Juden vor und dann auch die drei „westlichen Religionen“. „Sie haben einen semitischen Hintergrund.“ Was als semitischer Hintergrund beschrieben wird, ist beste jüdische Tradition, die in ihrem eigenen Profil keineswegs nur ein Fall oder Beispiel einer übergeordneten semitischen Kultur ist. Was hier den Semiten zugeschrieben wird, ist so (fast) nur aus der jüdischen Überlieferung bekannt:

  • Monotheismus — statt Polytheismus bei den Indogermanen (Ausnahme Echnaton)
  • lineares Geschichtsbild mit Anfang und Ende und Einwirken Gottes in die Geschichte — statt zyklisches Weltbild mit steter Wiederholung des Gleichen
  • „Hören“ als wichtigstes Element der Religion („Höre Israel!“) — statt „Sehen“ bei den Indogermanen. Hier wäre übrigens zu fragen, ob dieser Unterschied wirklich typisch ist.
  • Bilderverbot — statt Gottesbilder bei den Indogermanen
  • Abgrund zwischen Gott und Schöpfung — statt Identität von Gott und Schöpfung
  • Erlösung von Sünde und Schuld — statt von der Seelenwanderung
  • Gebet, Predigt und Bibellektüre — statt Meditation

Wenn diese Positionen den Semiten, d. h. im Kontext Juden, Christen und Muslimen, pauschal zugeschrieben werden, so ist diese Zuschreibung, abgesehen von mancher Ungenauigkeit, terminologisch und sachlich wenig glücklich und berechtigt. Besser wäre es gewesen, sie dem Judentum, evtl. mit Hinweis auf Ägypten und Persien, zu belassen und sie als das jüdische Erbe in Christentum und Islam zu würdigen. So wäre die Eigenart des Judentums besser sichtbar geworden und der jüdische (nicht der semitische) Hintergrund des Christentums und Islams richtiger verstanden worden.

Der Abschnitt „Israel“ setzt folgende Schwerpunkte: Schöpfung, Paradies, Abraham, Gottes „Pakt“ (statt „Bund“) mit Abraham, Mose, Exodus, Dekalog, Saul, David, Salomo, Assyrer und Babylonier, Propheten und Messiasidee. In dieser kurzen Darstellung häufen sich die sachlichen Fehler. Die Könige Israels wurden in der Regel nicht vom Volk gesalbt, das Land Israel ist nicht das Reich Gottes und die Zeit der Propheten beginnt nicht erst um 750 v. Chr.

Gravierender als diese Ungenauigkeiten sind die perspektivischen Verzerrungen des Judentums, die sich hier und in den folgenden Abschnitten über „Jesus“ (188-191) und „Paulus“ (191-194) finden. Sie stammen aus der alten kirchlichen Tradition, in der die Abwertung des Judentums üblich war. Gaarder nimmt das Judentum kaum authentisch zur Kenntnis. Er hat wohl auch noch nie von den christlichen Bemühungen um ein Neuverständnis des Judentums gehört. Offenbar hat er als Quellen alte christliche Handbücher und Katechismen benutzt, in denen unser heutiger Stand der Kenntnis noch nicht wahrgenommen wurde.

Ein paar Beispiele, die Grundlage für diese negative Beurteilung sind:

  • Das Judentum erscheint durchgängig fast nur als „jüdischer Hintergrund“ des Christentums (186) und nicht als eigenständige Religion. Folgerichtig ist vom Judentum post Christum natum auch nicht die Rede. Eine Ausnahme bildet nur das Spinoza-Kapitel. Selbst die jüdische Herkunft von Marx und Freud wird nicht erwähnt.
  • Immerhin: Jesus war Jude (179). Aber das heißt nur, daß er zum semitischen Kulturkreis gehört, der dem indogermanischen Kreis entgegengesetzt ist.
  • Jesu Verkündigung bedeutet eine „Befreiung vom erstarrten Judentum“ (292).
  • Es wird der Eindruck erweckt, als sei Jesus, ähnlich wie Sokrates (84, 190), wegen seiner Liebesbotschaft zu Tode gekommen, ohne daß erwähnt wird, daß das Liebesgebot schon im Alten Testament steht und daß Jesus wohl wegen seiner kritischen Aussagen zum Tempel von Jerusalem gekreuzigt wurde. Wegen der Liebesbotschaft wurde im Judentum niemand zum Tod verurteilt.
  • Der Neue Bund und Gottes Reich bedeuten: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (189). Auch das wird dem Judentum nicht gerecht. Das Liebesgebot gehört schon in den Bund Gottes mit Israel.
  • „Der alte Bund zwischen Gott und Israel war ersetzt durch den neuen Bund, den Jesus zwischen Gott und allen Menschen geschlossen hatte“ (195). Hier ist nicht gesehen, daß nach Paulus Israel Träger des Bundes bleibt. Gottes Bund mit Israel ist nicht gekündigt, Gaarder übernimmt hier die alte, aber unberechtigte Enterbungstheologie der Kirche.
  • Die universale Erlösungsbotschaft wird allein dem Christentum zugesprochen. Es ist nicht „eine jüdische Sekte“ und darum auch nicht an die „mosaischen Gesetze“ (sic) gebunden (194). Dagegen fehlt der Hinweis auf die universale Botschaft vom Heil bei Israels Propheten. Verschwiegen ist auch, daß das „mosaische Gesetz“ Jesus so heilig ist, daß davon kein Jota weggenommen werden darf.
  • Das Pharisäerbild (190) ist schief, wenn allein gesagt wird, die Pharisäer seien „stolz auf ihre eigene Vortrefflichkeit“.

Bedenklich ist auch, was vom Judentum nicht gesagt wird:

  • das Judentum als eigenständige Religion mit einer reichen Geschichte, die bis zur Gegenwart reicht
  • die Bedeutung der Halacha für das jüdische Leben bis heute
  • die Leiden des jüdischen Volkes
  • Auschwitz und die Schoa

Immerhin gibt es auch Erfreuliches zu berichten. Ein Beispiel liegt da vor, wo an einer zentralen Stelle des Buches dem Mädchen Sophie die Bedeutung der „Sophia“, d. h. der Weisheit, in der Bibel erschlossen wird (222). Da ist nicht verschwiegen, daß dies eine alte „christliche und jüdische Vorstellung“ ist, in der die weibliche Seite Gottes anklingt. Auch die Frau ist Ebenbild Gottes und Gott ist nicht nur Mann. Hier ist der jüdische Beitrag nicht unterschlagen.

Resümee: Es ist begrüßenswert, daß in „Sophies Welt“ auch das Judentum vorkommt. Es ist bedauerlich, daß der talentierte Autor hier nicht besser recherchiert hat. Offensichtlich sitzen auch in Norwegen und damit auch bei Gaarder, wohl gegen die eigenen Intentionen, die alten Verzerrungen tief. Das ist schade in einem Buch, das wegen seiner sonstigen Qualität und Originalität zu Recht so viele Leser findet.

Werner Trutwin


Jahrgang 2/1995 Seite 218



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