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Berger, Klaus

Psalmen aus Qumran

Quell Verlag, Stuttgart 1994. 164 Seiten.

Der Neutestamentler Klaus Berger macht wichtige Texte aus den Höhlen von Qumran einem breiten interessierten Publikum zugänglich und ermöglicht es so, sich ein eigenes Urteil über dieses umstrittene Gebiet judaistischer Forschung zu machen. Sein Buch ist eine Fundgrube für jene, die sich für das geistige und religiöse Klima interessieren, in dem das Christentum entstanden ist. Es erlaubt, einen Blick in eine außerordentlich produktive Zeit des frühen Judentums zu werfen, die über Jahrtausende hinweg buchstäblich verschüttet war. Die Texte, die Berger übersetzt, fördern eine spirituelle Tiefe und poetische Kraft zutage, die den Vergleich mit der alttestamentlichen Frömmigkeit, die sie weiterentwikkelt, nicht zu scheuen braucht. Die Gebete vom Ufer des Toten Meeres sind nach der Ansicht ihres Übersetzers sogar so aktuell, daß er an ihren Gebrauch in der christlichen Liturgie denkt (8 f.).

Das Textmaterial, das sich in den „Psalmen aus Qumran“ findet, ist zu einem Teil erstmalig ins Deutsche übersetzt, die Quellenangaben finden sich am Ende des Buches in einem kleinen Anmerkungsteil (162 f.). Der Sammlung vorangestellt ist eine kurze Einleitung, zur Bedeutung der Texte, zu ihrer Herkunft, Auswahl und Übersetzung (7-10). Ein größerer Teil des Materials stammt aus der bekannten Hymnenrolle (1QH), aus der Sammlung von Segensworten (1Q Sb), den „Worten des Lichts“ (4Q 504) und der Sabbatliturgie (4Q ShirShabb). Ebenfalls enthalten sind drei in der syrischen Kirche überlieferte Psalmen des biblischen Psalters (Pss 151, 154 und 155), deren hebräische Fassung in einer Psalmenrolle in der elften Höhle von Qumran gefunden wurde.

Berger hat den Texten seines Bandes eine thematische Ordnung gegeben und jeden einzelnen Psalm mit einer kurzen Einleitung versehen, in der er auf wichtige Gedanken, auf Verbindungen zum Neuen oder Alten Testament oder ganz einfach auf seine existentielle Aktualität hinweist. Am Anfang stehen die apokryphen Psalmen 151, 154 und 155, deren hebräische Fassung nicht, wie im Anmerkungsteil angegeben, im fünften Band der „Discoveries of the Judaean Desert“ von J. M. Allegro und A. A. Anderson herausgegeben wurden, sondern durch J. A. Sanders im vierten Band der genannten Reihe. Anschließend folgen Segenssprüche (17-22) und Exorzismen (23-25). Großen Raum nehmen die „Loblieder“ aus verschiedenen qumranischen Sammlungen ein. Ein großer Teil dieser Loblieder stammt aus der Hymnenrolle, einige weitere aus den „Gesängen des Weisen“ (4Q 510.511) und den „Worten der Leuchter“ (4Q 504). Weitere Gebete finden sich unter den Rubriken „Bittgebete“ (81-90), „Vertrauenslieder“ (91-111), „Gebete in Not und Bedrängnis“ (113-128), „Danklieder“ (129-138), „Klagelieder — Erfahrungen von Frauen“ (139-142), „Lob und Segenstexte zu bestimmten Zeiten“ (143-146) und unter „Sabbatliturgie“ (147-161).

Diese Einteilung und die äußerst flüssige und gut verständliche Sprache zielen auf die liturgische und geistliche „Brauchbarkeit“ der qumranischen Psalmen ab. Sie wollen das reiche Denken dieser versunkenen Welt für den modernen Menschen verstehbar machen, denn der Übersetzer hält die „Unverständlichkeit übersetzter Texte dann für unverantwortlich, wenn es darum gehen soll, die Fremdheit einer versunkenen Welt nahezubringen“ (10). So ist denn die Übersetzung Bergers mehr als eine Übersetzung: Sie will die Texte verständlich, nachempfindbar und „nachbetbar“ machen. Manchmal schreckt sie auch vor anachronistischen Aktualisierungen nicht zurück: „Und gegen mich richtete sich das Pogrom der Mafia der Gottlosen.“ Über die Sinnhaftigkeit dieser Verbindung von Judenverfolgungen und der Mafia in einem Satz kann man wohl geteilter Meinung sein. Wohltuend ist es, daß der Übersetzer den Texten keine erzwungen erhabene Terminologie aufzwingt. Mir waren allerdings die Übertragungen oft zu glatt, das Fragmenthafte, das der Gedankenwelt von Qumran unglücklicherweise immer anhaften muß, ist in der Ausgabe von Berger fast vollständig verschwunden. Erst im Vergleich mit den hebräischen Textfragmenten merkt man, daß das, was bei Berger ein in sich abgeschlossenes Gedicht zu sein scheint, in Wirklichkeit ein sehr lückenhaftes Gebilde ist, wo die Hälfte der Verse jeweils fehlen kann. Während editorische und philologische Glättungen unablässig sind, um die Gedankenwelt Qumrans einem breiten Publikum nahezubringen, sind die Fehler im Anmerkungsteil, wo auf die Ausgaben der hebräischen Texte verwiesen wird, ärgerlich. Zahlreiche Fehler lassen sich angeben. Sie erschweren die Arbeit mit der vorliegenden Textausgabe und können Leser und Leserinnen, die sich auf dem Gebiet der schwierigen Qumranforschung nicht auskennen, unnötig entmutigen. Ganz glücklich war ich auch mit der von Berger gebotenen Einteilung nicht: Mir sind die formalen Kriterien dieser Einteilung nicht ganz schlüssig. Vielleicht dienen sie auch nur den Bedürfnissen der modernen Leserschaft. Der Nachteil einer solchen Einteilung ist allerdings, daß Texte verschiedenster Herkunft und Zielrichtung bunt gemischt werden.

Die Sammlung qumranischer Psalmen sei — unabhängig von diesen eher formalen Mängeln — allen empfohlen, die sich über die Sekte am Toten Meer informieren wollen und die auch bereit sind, sich auf fremde und weniger fremde Gedanken einzulassen. Eindrucksvoll ist die Engellehre, die immer wieder aufscheint und die sowohl im Judentum als auch im Christentum weiterentwickelt wurde. Am meisten hat mich selbst an diesen Texten fasziniert, wie wenig „typisch jüdisch“ eine Rechtfertigung des Menschen aus seinen Werken ist. Die Gerechtigkeit des Menschen ist allein das Geschenk Gottes, der den geformten Lehmklumpen an die Spitze der himmlischen Liturgie setzt. Ein Text aus der Hymnenrolle (38 f.) gibt dieses Gefühl so wieder:

Denn du hast sie erfahren lassen
deine feste Ordnung, und deine verborgenen Wunder
hast du ihnen kundgetan,
und um deiner Herrlichkeit willen
hast du den Menschen von Sünde befreit.
So soll er dein heiliges Eigentum sein
und sich trennen deinetwegen
von allen unheiligen Freveln
und von Unrecht und Schuld.
So soll er eins sein mit deinen Getreuen
und vereint mit deinen heiligen Engeln.
So erhebst du aus dem Staub den Totenwurm
in die unvergängliche Gemeinde,
und aus seinem verdrehten Denken
erhebst du ihn zum rechten Verstehen bei dir.

Hans A. Rapp


Jahrgang 2/1995 Seite 214



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