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Gisela Dachs

Israel in der Midlife-Crisis

Israel ist sechsundvierzig Jahre alt und steckt in der Midlife-Crisis. Vieles, was das bisherige Leben geprägt hat, wird für veraltet oder reformbedürftig erklärt: die Beziehungen zu den arabischen Nachbarn, der Umgang mit der Vergangenheit, das Verhältnis zur Diaspora, die Einwanderungspolitik der Jewish Agency, das Rückkehrrecht aller Juden, die Kibbuzbewegung, die einst allmächtige Histadrut-Gewerkschaft und selbst der Massada-Mythos.

Nichts sei mehr heilig in diesem Land, lautet die Klage jener, die sich in der neuen Ära des „Postzionismus“ nicht mehr zurechtfinden. „Wir entwachsen unseren eigenen Mythen“, entgegnet Tom Segev, einflußreicher Kolumnist der Tageszeitung Ha‘aretz und Autor des Buches „Die siebte Million— die Israelis und der Holocaust“.

Das Abkommen mit den Palästinensern vom September 1993 hat die alten Gewißheiten erschüttert. Der Friedensprozeß konfrontiert Israel mit der Frage nach seiner nationalen Identität, die sich bisher durch Bedrohung und Krieg erübrigt hatte. Hundert Jahre nachdem Theodor Herzl zum ersten Mal mit seiner Idee, einen Judenstaat zu gründen, an die Öffentlichkeit trat, hat Israel erstmals Zeit zur Selbstinspektion.

Israel wurde aus einer Idee geboren. Um dem Haß zu entkommen, der die Juden überall zu Fremden machte, um diesen ewigen Ausnahmezustand zu beenden, sollte ein eigener Staat gegründet werden, der Zionismus den Juden eine Heimstätte geben mit Parlament, Flagge und Militär. Nach zweitausendjähriger Verfolgung und nach dem Holocaust sollten die Juden hier „normal“ leben können, nicht mehr stets nur Opfer sein.

Aber auch in Israel— von Feinden umgeben— blieben die Juden potentielle Opfer. Solange das kleine Land unter Belagerung stand, war es vor allem damit beschäftigt zu überleben. Heute, nach der Unterzeichnung des Vertrages mit Jordanien am 26. Oktober 1994, scheint die Existenz des Staates so gesichert wie nie zuvor.

„Israel hat eine Zukunft bekommen“, sagt der Schriftsteller David Grossman. „Zum ersten Mal werden wir uns den Fragen des Lebens stellen, wer wir sind, wie jüdisch wir wirklich leben wollen und wie unsere Kinder aufwachsen sollen. Sind wir nun Israelis oder Juden, und was bedeutet die israelische Demokratie für diejenigen, die als nichtjüdische Minderheit in unserer Mitte leben?“ Israels erster Präsident Chaim Weizmann hatte es einmal so formuliert: „Der Staat ist nur ein Behälter, der mit Inhalt gefüllt werden muß. Worauf es ankommt, ist zu entscheiden, was der Inhalt sein wird.“

Krieg stiftet Identität, Frieden auch. Was eint die Israelis, wenn die Feinde sich in Nachbarn verwandeln? Was für ein Land wollen sie?

Mehr als die Hälfte aller Israelis sind heute Sabres, im Lande Geborene, keine Einwanderer. Viele, die heute in den Chefetagen sitzen, sind so alt wie Israel. Zu ihnen gehört Jossi Beilin, stellvertretender Außenminister und einer der Architekten des Friedensabkommens mit den Palästinensern. Für Beilin ist ein befriedeter Naher Osten „eine neue Herausforderung für den zionistischen Traum“. Seine Grundfrage lautet, wie das Land den spezifisch jüdischen Charakter behalten und zugleich seinen akzeptierten Platz in der hauptsächlich arabischen Region finden kann. „Wir können der Gegend, in der wir leben, nicht den Rücken zudrehen“, sagt Jossi Beilin, „wir müssen uns der nahöstlichen Kultur öffnen und soviel Austausch wie möglich betreiben. Aber unsere Hauptabhängigkeit von Europa und den Vereinigten Staaten wird bleiben. Wir werden immer eine besondere Nation im Nahen Osten bleiben — auch bei offenen Grenzen wird die dominierende Kultur westlich sein.“

Bis jetzt wurde Israel — nicht nur bei Sportveranstaltungen — einfach Europa zugerechnet. Als vor kurzem in Istanbul die schönste Frau des Alten Kontinents gekürt wurde, jubelte die Presse: „Miss Europa 94 ist Israelit.“ Das mag sich allmählich ändern. Auf dem Nordafrika-Nahost-Wirtschaftsgipfel in Casablanca galt Israel erstmals offiziell als Teil der Region.

Das Ende des Pariadaseins seines Landes, das nach Jahren der Isolierung heute Verbindungen unterhält zur islamischen Welt, zu Osteuropa, zum Vatikan und zu vielen Entwicklungsländern, sieht Jossi Beilin als Chance für neue Erfahrungen. „Wir müssen uns künftig mehr in der Welt engagieren, in der UNO, bei friedenserhaltenden Missionen. Es wird einen scharfen Kurswechsel geben, der sich nicht ohne innere Übergangskrise vollziehen wird. Die Leute hier sind es gewohnt, in einer anormalen Situation zu leben; sie werden Zeit brauchen, um mit den neuen Gegebenheiten zurechtzukommen.“ Außerdem, fügt er wie nebenbei hinzu, „müssen wir vorsichtig sein, denn die andere Seite kann betrügen wollen“.

Jossi Beilin rüttelt gern an Tabus. Allerdings ist er nicht der einzige, der das Rückkehrrecht überdenken möchte. Es wurde als erstes Gesetz nach der Staatsgründung verabschiedet und garantiert jedem Juden automatisch die israelische Staatsbürgerschaft. Israel wird immer ein Hort für verfolgte Juden sein, doch mit inzwischen 5,5 Millionen Einwohnern— davon 1 Million israelische Palästinenser— gilt die ursprüngliche zionistische Idee, daß alle Juden ins Gelobte Land zurückkehren sollten, als überholt. Von der Gefahr einer Übervölkerung ist die Rede. Die Zeit sei gekommen, sagt Jossi Beilin, „das Recht abzuändern, denn Israel ist ein sehr attraktives Land“.

Dem Durchschnittsisraeli geht es bei einer Wachstumsrate von 5,6 Prozent jährlich recht gut. Mit einem Pro-Kopf-Einkommen von 13.000 Dollar verdient er so viel wie ein Ire oder ein Spanier. Die Arbeitslosenrate ist trotz der starken Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion in den vergangenen drei Jahren von elf auf acht Prozent gesunken.

Am liebsten sähe er Israel als Schweiz des Nahen Ostens, sagt Hirsh Goodman, 48 Jahre alt, Chefredakteur des Nachrichtenmagazins Jerusalem Report. „Vernunft und nicht Ideologie treiben uns an. Die Syrer haben kein Geld für Rüstung mehr, die Palästinenser brauchen den wirtschaftlichen Aufschwung.“ Goodman hält die aliya, die Einwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion, die 600.000 neue Bürger ins Land gespült hat, für die letzte große Immigrationswelle. Jetzt könne Israel auch ein Bewußtsein für Dinge entwickeln, die bisher als nicht wichtig galten. „Wir haben plötzlich Nichtraucherecken und Zeit, an die anderen und an die Umwelt zu denken.“

Was Frieden wirklich für sein Land bedeutet, das weiß der 46jährige Jonathan Gefen gar nicht mehr so genau. Über viele Jahre hatte der engagierte Schriftsteller und unbequeme Neffe des verstorbenen Verteidigungsministers Mosche Dajan das Enfant terrible gespielt. Gefen war in drei Kriegen, las seine Gedichte bei jeder Friedensdemonstration und ließ weiße Tauben flattern, noch bevor sich Yassir Arafat und Yitzhak Rabin im September 1993 erstmals die Hände schüttelten. „Die ganze Zeit über war ich ein Außenseiter, jetzt bin ich Teil des Establishments und fühle große Verantwortung auf meinen Schultern lasten; wenn da etwas schiefgeht, würde ich mich furchtbar schuldig fühlen. Was die Linke zusammengeschmiedet hat, waren die Fragen; die Rechte hatte sich immer im Besitz der Wahrheit geglaubt.“ Heute fragt er wieder: „Warum gibt es keine Friedensdemonstrationen in arabischen Ländern?“

Gefen hält den Zionismus immer noch für ein Experiment, eine besondere Gemeinschaft, „mit dem Ziel, nicht von Gojim regiert zu werden. Deshalb sind wir immer noch auf der Suche nach dem, was uns paßt oder was uns steht. Das gilt auch für die Gebiete, in die wir uns viel zu schnell verliebt hatten. Wir sind ein wenig wie Katzen, die ständig umhersuchen. Aber was sind schon 46 Jahre für menschliche Katzen?“

Israel hat in den vergangenen Jahren viel an Geschmack und Internationalität hinzugewonnen. Die Küche der Restaurants hat sich verfeinert, das Mobiliar ist eleganter geworden, die Ware in den Läden ausgesuchter. In Tel Aviv gibt es heute Sushi-Bars und Pariser Bistros, am Stadtrand von Jerusalem entstand das größte Einkaufszentrum des Nahen Ostens. Der Wohlstand hat die meisten Autos in mobile Telefonzellen verwandelt, sechzig Prozent aller Haushalte sind ans Kabelnetz angeschlossen, das ihnen rund fünfzig Programme aus aller Welt inklusive RTLplus und CNN ins Wohnzimmer liefert.

Aus dem sozialistisch-kollektiven Traum ist ein amerikanischer geworden; weniger durch McDonald‘s und Jeans als durch individualistisches Denken. Die heutige Jugend sagt lieber „ich“ statt „wir“, fährt ins Ausland und meidet jene Kollektiveinheiten, die den Staat immer noch symbolisieren, etwa die Kibbuzim.

Der ehemalige Außenminister Abba Eban bedauert, daß „es Straßen in Tel Aviv gibt, auf deren Schildern kaum mehr ein Wort Hebräisch steht. Wenn es Frieden gibt, werden wir uns solchen Tendenzen vielleicht noch weniger widersetzen. Niemand teilt unsere Sprache, unseren Glauben oder unsere historische Erfahrung. Unsere Generation hat die traumatische Erfahrung des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust gemacht sowie die ekstatische Erfahrung der Gründung Israels. Diese Einzigartigkeit ist der Generation unserer Enkel nur schwer zu vermitteln.“

Was der jungen Generation vorgehalten wird, ist so neu nicht. Als in den sechziger Jahren Jeans in Mode kamen und die Musik der Beatles gehört wurde, erinnert sich der Historiker Clinton Bailey, „hatte man erstaunt die Augenbrauen gehoben und damit bedeutet: Kann man sich jetzt schon ausruhen, ist das nicht zu früh?“ Es habe immer ein Pendeln zwischen Sicherheitsdenken und individuellen Interessen gegeben. Und heute schlägt das Pendel in Richtung Wohlstand aus.

Als Yitzhak Rabin bei den Wahlen im Frühjahr 1992 den Sieg davongetragen hatte, betonte er: „Israel ist ein ganz normaler Staat.“ Normalität heißt bisher, daß in allen Linienbussen jede Stunde Nachrichten zu hören sind, daß am Eingang jeder Universität und jedes Supermarktes die Taschen kontrolliert werden. Auch, daß nach einer Bombenexplosion blitzschnell alle Spuren beseitigt werden, um so schnell wie möglich wieder zum Tagesgeschäft überzugehen.

Nicht der Frieden bringe die Normalisierung, stellt der Kolumnist Tom Segev fest, „sondern die Normalisierung hat den Friedensprozeß ermöglicht, getragen von der bürgerlichen Schicht mit ihrem Streben nach wirtschaftlichem Wachstum“. Zudem haben die unerträgliche Verhärtung der Fronten und die Intifada dazu geführt, daß die Rückgabe der besetzten Gebiete als einzig mögliche langfristige Alternative akzeptiert wird. Ein solches Umdenken habe sich nicht ohne tiefgreifende psychologische Veränderungen vollziehen können, glaubt der Psychologe Avner Falk. In seinem Buch „Psychoanalytic History of the Jews“ (Fairleigh Dickinson University Press, New Jersey 1994) beschreibt der Israeli die Prozesse, die zum Abkommen mit den Palästinensern geführt haben: „Jede Seite mußte den schmerzhaften Verlust von Gebiet, Souveränität und Kontrolle hinnehmen, der mit der gegenseitigen Anerkennung einherging. Der Zusammenbruch der Sowjetunion und der Golfkrieg 1991 halfen dem Prozeß auf die Beine. Zweifelsohne auch amerikanischer Druck und finanzielle Versprechen. Aber die wichtigste Veränderung war die Akzeptanz einer schmerzhaften Realität nach einem Trauerprozeß.“

Die Skeptiker fürchten, daß der Verteidigungswille allmählich von Erschöpfung und Wohlstand untergraben wird, daß viele die Friedensdividende einkassieren wollen — ohne wirklichen Frieden. Der Militärdienst soll 1997 von 36 Monaten auf 32 Monate verkürzt werden. Zwar gibt es noch immer genügend Bewerber für die Eliteeinheiten der Armee, doch sehen viele junge Leute heute einen Beruf in der Wirtschaft als ebenso wichtigen Beitrag zum Zionismus an. „Die Zivilgesellschaft zahlt besser als wir, auf Idealismus allein kann man heute nicht mehr setzen“, gibt ein Armeesprecher zu. „Der militärische Typus in der Gesellschaft, der keine Gefühle zeigen darf, verschwindet allmählich“, sagt Mosche Halberthal, der an der Hebräischen Universität Philosophie und jüdisches Denken unterrichtet. Zeitungen und Talk-Shows breiten heute die Alltagssorgen der kleinen Leute aus. Die Zeiten der heldenhaften Pioniere scheinen vorbei.

Die Erfahrung der Vernichtung, des Holocaust, stiftet Identität. Doch der Umgang mit der Vergangenheit hat sich verändert. Im November strahlte das staatliche Fernsehen eine Serie über Rudolf Kastner aus. Als einer der Zionistenführer im von deutschen Truppen besetzten Ungarn verhandelte Kastner mit Adolf Eichmann über das Schicksal von Juden; es gelang ihm, das Leben von 1.700 Menschen zu retten. In den fünfziger Jahren führte Kastner einen Prozeß gegen einen ungarischen Juden, der ihn beschuldigte, mit den Nazis kollaboriert zu haben. Bevor Kastner in zweiter Instanz von jeder Schuld freigesprochen wurde, brachte ein selbsternannter „Vollstrecker“ ihn um. „Der Prozeß war eine Antwort auf die Frage, wie konnten wir dastehen und sechs Millionen sterben lassen“, sagt der Autor Moti Lerner.

Die Kastner-Affäre hatte damals heftige Emotionen aufgewühlt: Die Sabres warfen dem europäischen Judentum vor, „wie Schafe zur Schlachtbank gegangen zu sein“; viele Überlebende beschuldigten die Zionisten, die sich in Palästina niedergelassen hatten, nur wenig unternommen zu haben, um den Massenmord zu stoppen.

Für Kastner wird heute, so scheint es, mehr Verständnis gezeigt als früher. Die Schauspielerin Yona Eliane, die im Film seine Lebensgefährtin Hazi Brandt spielt, bringt die Entwicklung auf den Punkt: „In den fünfziger Jahren, als wir Kinder waren, sprachen unsere Eltern vom Holocaust schamvoll mit leiser Stimme und auf jiddisch, damit wir nichts verstehen konnten. Später, in den sechziger Jahren, haben wir die Welt des europäischen Judentums abgelehnt, indem wir uns den Werten des Zionismus und dem Heldenkult zugewandt haben. Meinen Kindern kann ich heute erklären, daß sich die Überlebenden nicht dafür rechtfertigen müssen, daß sie lebend aus der Hölle kamen, daß sie — wie Kastner — das Leben als höchsten aller Werte gewählt haben.“

Heute verliert auch der Massada-Mythos an Kraft. Daß die Zeloten auf der belagerten Bergfestung lieber Selbstmord begangen haben, als den Römern in die Hände zu fallen, gilt längst nicht mehr allen als bewundernswerte Heldentat.

Seit mehreren Jahren schon stellen die sogenannten „neuen Historiker“ kritische Fragen: Haben die Führer der Zionisten wie David Ben Gurion während des Zweiten Weltkriegs wirklich alles getan, um deutsche Juden zu retten? Die Geschichtswissenschaftler hinterfragen aber auch die „freiwillige“ Flucht der Araber bei der Staatsgründung 1948. Ihren Gegnern, die sie als Antizionisten verschreien, erwidern sie, Israel sei nun erwachsen, stark und von den Feinden von gestern anerkannt. Deshalb sei heute eine ideologiefreie Geschichtsschreibung angebracht.

Auf der Staatsbühne Habimah in Tel Aviv wird demnächst ein neues Stück uraufgeführt: „Malinki“ handelt von dem Massaker 1956 in Kfar Kassim; weil die arabischen Arbeiter dieses Dorfes eine Ausgangssperre mißachteten, wurden sie auf Anordnung von Major Schmuel Malinki erschossen, als sie von den Feldern nach Hause heimkehrten. Daß eine solche Inszenierung sich durchgesetzt hat, schreibt der Autor Ruvik Rosenthal einem „politischen Reifeprozeß“ zu. „Ich bin nicht sicher, ob so etwas vor dem Osloer Abkommen möglich gewesen wäre.“

Wenn erst einmal Frieden herrscht, wenn die Klammer des gemeinsamen äußeren Feindes wegfällt, prophezeien die Pessimisten, dann werden bestehende Konflikte innerhalb der Gesellschaft erst richtig aufbrechen: zwischen reich und arm, zwischen den Israelis orientalischer und europäischer Abstammung und vor allem zwischen gläubigen und nichtreligiösen Juden. Vom Kulturkampf ist die Rede.

Mehr als 75 Prozent der jüdischen Israelis haben mit Religion wenig im Sinn. „Wie verhalte ich mich in einer Synagoge?“ lautet eine Lektion, die den Teilnehmern im Kadettenkurs des Auswärtigen Amts erteilt wird. Zur Ausbildung gehört auch ein Wochenende bei einer religiösen Familie — damit israelische Diplomaten nicht unangenehm auffallen, wenn sie im Ausland mit jüdischen Gemeinden zu tun haben. Die „Substanz des Israelischen“, so beschreibt es Akiva Orr in seinem Buch „Politics, Myths and Identity Crisis“ (Pluto Press, London 1994), sei der „Gebrauch des Hebräischen als Muttersprache zu Hause plus Atheismus, Modernität, das Fehlen von Minderheitskomplexen und das Durchlaufen einer nichtreligiösen Erziehung in Israel zwischen dem sechsten und dem sechzehnten Lebensjahr“.

Eine solche Mittelmeerrepublik, symbolisiert durch Tel Aviv, wo die Nächte länger und Röcke kürzer sind als in Jerusalem, ist jenen Juden, die Religion nicht nur als Privatsache betrachten, ein Greuel. Ein Israel, das sich von anderen westlichen Staaten kaum unterscheidet, setzen sie gleich mit dem Untergang des Judentums; für Siedler der Gush-Emunim-Bewegung (Glaubensblock) bedeutet die Aufgabe der besetzten Gebiete die Preisgabe ihrer Urheimat.

Der Rabbiner Dov Berkowitz, aus den Vereinigten Staaten eingewandert und im Westjordanland ansässig, beklagt die geringe jüdische Erziehung

im Land und das unaufhaltsame Streben nach Normalität. Er nennt den Zionismus eine „schizophrene Realität. Er war eine Reaktion auf Religion und Tradition. Herzl war kein religiöser Jude, aber er hatte einen zweitausend Jahre alten— religiösen— Traum aufgegriffen und einen säkularen Staat daraus gemacht.“ Berkowitz blickt eher pessimistisch in die Zukunft.

Mosche Halberthal, der Philosoph, spricht vom Ende einer bestimmten Form des religiösen Zionismus, die an das Land gebunden ist. „Diese Siedler verlieren nicht nur ihre Häuser, sondern auch ihre Religion.“ Im Streit zwischen Israelis, die sich für eine strikte Trennung von Staat und Religion einsetzen, und jenen, die ihre religiöse Lebensweise noch stärker in der Gesetzgebung verankern wollen, sieht Mosche Halberthal die Gläubigen langfristig als die Verlierer. Er sagt die Marginalisierung der religiösen Splitterparteien voraus, die bisher einen unverhältnismäßig starken Einfluß als Zünglein an der Waage haben.

Das Entstehen neuer Allianzen hält der Schriftsteller A. B. Yehoshua für eine der größten Veränderungen in der künftigen israelischen Gesellschaft. Denn bisher habe eben das ideologische Kriterium — für oder gegen die Rückgabe der Gebiete — darüber entschieden, „ob man sich mit jemandem einlassen kann oder nicht“.

Nach der Beilegung des existentiellen Konflikts mit den Palästinensern muß Israel sich entscheiden, ob es ein Judenstaat oder ein jüdischer Staat sein will. Ist Judentum eine Nationalität, die religiös definiert ist, oder eine Religion, die sich einen nationalen Rahmen gibt? In der Knesset wird das Thema „Wer ist Jude?“ bereits seit der Staatsgründung diskutiert. Im Personalausweis steht unter Nationalität nicht „israelische“, sondern „jüdische“ — in Abgrenzung zu den israelischen Palästinensern.

Yona Hadari-Ramage hat in ihrem Buch „Thinking it over, conflicts in Israeli public thought“ (Yad Tabenkin, Yedioth Aharonot 1994) Interviews mit Israelis im Alter zwischen 40 und 65 Jahren veröffentlicht, denn „das Happy-End der Geschichte hängt von ihnen ab“. Es handelt sich um 27 persönliche Wahrheiten von Israelis aus den verschiedensten politischen Spektren. Jüdische Identität in Israel schlüsselt die Historikerin auf in „Judentum durch Religion, Judentum durch Religion und Nationalismus (Gush Emunim), weltliche Juden aus der zionistischen Revolution und Judentum durch Israelismus“. Die Auseinandersetzung zwischen den verschiedenen Gruppen sieht sie als „Lebenselixier“, vielleicht sei gerade das die Identität Israels. Aber Yona Hadari-Ramage sagt auch, daß Israel älter geworden sei und das Ideal der permanenten Jugend aufgeben müsse. Es falle nicht leicht, hier zu altern, weil so vieles noch offen ist. „Wenn ein Franzose sagt, er möchte nicht sterben, dann ist der Grund sicher nicht, daß er sich um die Zukunft Frankreichs Gedanken macht; er befindet sich auf sicherem Boden. Ich möchte nicht sterben, weil ich wissen möchte, was in Israel in dreißig, vierzig Jahren los sein wird.“

Die Midlife-Crisis wird noch eine Weile dauern.


Jahrgang 2/1995 Seite 196



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