Freiburger Rundbrief Freiburger Rundbrief
    Archiv Neue Folge > 1995 > 281  

Home
Leseproben

Inhalt Neue Folge
Archiv Neue Folge
1993/94
1995
1996
1997
1998
1999
2000
PDF-Dateien ab 2001

Inhalt der Jg. vor 1993
Archiv vor 1986

Gertrud Luckner
Bestellung/Bezahlung
Links
Artikel
Mitteilungen
Rezensionen
 
XML RSS feed
 
 
Display PRINT friendly version
Waldemar Chrostowski

Auschwitz: polnisches und jüdisches Empfinden

Wir halten die Wiedergabe dieses Artikels für angemessen, weil die mit dem polnischen Volk zusammenhängende Leidens- und Todesgeschichte von Auschwitz bei vielen nur wenig präsent ist.

Isolation, Ausbeutung, Vernichtung

Auschwitz ist das signifikanteste Sinnbild für die Verwirklichung der Nazi-Ideologie. Von den vielen Lagern, die von den Nazis ab Mitte der dreißiger Jahre angelegt worden waren, unterschied sich Auschwitz dadurch, daß es alle drei Funktionen der Konzentrationslager in sich vereinigte: Verwahrung (Isolierung), Zwangsarbeit, Vernichtung.

Die Entscheidung über die Errichtung eines Konzentrationslagers in Auschwitz fiel im Januar 1940, also vier Monate nach Beginn des Weltkriegs durch die Deutschen. Nach einer von Rudolf Höß durchgeführten Lokalbesichtigung ordnete Himmler am 27. April die Anlegung eines Lagers und seinen Ausbau unter Ausnutzung der in ihm festgehaltenen Gefangenen an. Zwei Tage später wurde Höß zum Kommandanten des KZ Auschwitz ernannt. Am 20. Mai traf der erste Transport von 30 deutschen Kriminellen, ausgewählt unter den Häftlingen des Konzentrationslagers Sachsenhausen, ein. Sie sollten sog. Funktionshäftlinge werden, deren Aufgabe es war, die Befehle der Lagerleitung und der SS auszuführen. Am 14. Juni 1940 wurde ein erster Transport von polnischen politischen Häftlingen aus dem Gefängnis von Tarnów nach Auschwitz gebracht, der aus 728 Männern bestand. Unter ihnen waren politisch und gesellschaftlich aktive Personen, Vertreter der Intelligenz, Priester sowie Juristen jüdischer Herkunft, die im Rahmen einer von Generalgouverneur Hans Frank angeordneten Aktion im Frühling des Jahres verhaftet worden waren. Von Juni 1940 bis September 1941 befanden sich im KZ Auschwitz fast ausschließlich Polen. Um die Jahreswende 1940/41 wurde das KZ Auschwitz zu einem Teil einer industriellen Subregion, deren Hauptpfeiler die Fabrik für synthetischen Kautschuk der IG Farben in Monowice bilden sollte. Es wurde notwendig, die Zahl der Gefangenen zu vergrößern und auch das Lager um 28 Nebenlager zu erweitern. Das größte, ca. 4 km vom KZ Auschwitz entfernt, wurde auf dem Gebiet des Dorfes Brzezinka angelegt und erhielt den Namen Auschwitz II (Birkenau). Am 1. März 1941 wurde beschlossen, das KZ Auschwitz zu erweitern (es sollte 30.000 Gefangene fassen), in Birkenau ein Lager für 100.000 Gefangene zu bauen und der IG Farben zur Errichtung seiner Industriebetriebe in Dwory 10.000 Gefangene zur Verfügung zu stellen.

Ab Frühjahr 1941 wurde es immer klarer, daß das KZ Auschwitz außer der Funktion einer Stätte der Isolierung und der Zwangsarbeit auch die zusätzliche Funktion eines Vernichtungslagers übernehmen sollte. Am 14. März 1941 wurden auf dem Gebiet der sog. Kiesgrube, die neben dem „Theatergebäude“ lag, 72 politische Häftlinge erschossen. Am 23. April wurden als Vergeltung für die Flucht eines Gefangenen zehn Geiseln zum Hungertod im Bunker verurteilt. Seit dieser Zeit kam es immer häufiger zu Exekutionen und Todesurteilen. Im Mai wurde mit den Experimenten an Frauen zum Zwecke einer schnellen und billigen Sterilisation begonnen. Am 28. Juli wurden 573 Männer, überwiegend Polen, selektiert, die nach Sonnenstein geschickt wurden. Dort wurden sie in einem Baderaum vergast, in den durch die Duschvorrichtung Kohlenoxyd hineinströmte. Am Tag darauf besprach Höß, der Kommandant des KZ Auschwitz, mit Himmler die technische Seite der Lösung der Judenfrage. Er erhielt den Befehl, innerhalb von vier Wochen Pläne zum Bau von Anlagen für die Massentötung von Menschen auszuarbeiten. Schon im August wurden Versuche unternommen, kranke Gefangene mit Hilfe von intravenösen Spritzen zu töten. Man stellte fest, daß die Tötung am schnellsten mit einer Phenolspritze ins Herz erfolgte. Im selben Monat kam Eichmann in das KZ Auschwitz, um die Art und Weise der Massenliquidierung von Menschen festzulegen. Es wurde beschlossen, die Massentötung mit Gas durchzuführen, da eine Erschießung, insbesondere von Frauen und Kindern, eine zu große psychische Belastung für die SS-Mannschaften darstellen würde! In dieser Zeit fanden ständig Exekutionen von polnischen Gefangenen und Geiseln in der Nähe des „Theatergebäudes“ statt.

Während des ganzen Sommers 1941 fanden in Berlin Konsultationen statt, bei denen die Pläne über die Massenausrottung von Juden besprochen wurden. Die Bevollmächtigten Eichmanns stellten die Situation in den von Deutschland besetzten Ländern vor und wiesen auf technische Schwierigkeiten hin. Ende August wendete Hauptsturmführer Fritsch, Stellvertreter von Höß, das Gas Zyklon B zur Tötung von sowjetischen Kriegsgefangenen an. Am 3. September wurden auf dieselbe Weise 250 Kranke und 600 weitere sowjetische Kriegsgefangene umgebracht. Zyklon B wurde zur Vernichtung von Insekten verwendet.

Im Sommer und Herbst sonderte man immer häufiger von den Lagerhäftlingen Juden aus, die aus Krakau, Tarnów, Radom, Warschau und anderen polnischen Städten hierhergebracht worden waren, und bezeichnete sie als Schutzhäftlinge. Im Jahre 1942 begannen die Nazis mit der Verwirklichung des Programms der Massenvernichtung der Juden. Am 20. Januar fand die Wannsee-Konferenz statt, auf der die Entscheidung über die Endlösung der Judenfrage fiel. Heydrich erklärte, man habe beschlossen, der Auswanderung der Juden ein Ende zu bereiten und gemäß der Entscheidung von Hitler mit deren Evakuierung in den Osten zu beginnen. Er berief sich auf praktische Erfahrungen, die man gemacht habe, und unterstrich, daß Europa durchgekämmt werde, um es von den Juden zu säubern.

Die systematische Vernichtung der Juden begann am 15. Februar 1942. An diesem Tag kam der erste Transport mit Juden, die in Oberschlesien verhaftet worden waren, im KZ Auschwitz an. Die nächsten Transporte kamen aus Bytom und Katowice und zählten jeweils einige hundert Personen. Diese Menschen wurden mit Zyklon B im KZ Auschwitz umgebracht. Um den 20. März wurden in Birkenau in einem zu diesem Zwecke umgebauten Bauernhaus Gaskammern in Betrieb genommen. In ihnen wurden weitere polnische Juden getötet. Die Leichen der Ermordeten wurden in Massengräbern auf einer nahegelegenen Wiese verscharrt, die Gefangenen, die die Toten zu vergraben hatten, ermordete man nach jeder Aktion mit Phenolspritzen. Wenig später schufen die Nazis ein Sonderkommando aus jüdischen Gefangenen, deren Aufgabe es war, die Leichen zu beseitigen und zu vergraben. Ab Anfang März wurden die Judentransporte direkt nach Birkenau geleitet, wo sich die übriggebliebenen sowjetischen Kriegsgefangenen sowie polnische, tschechische und auch deutsche Häftlinge befanden.

Am 26. März traf aus Ravensbrück der erste Transport mit weiblichen Gefangenen in Birkenau ein. Es waren Kriminelle, die die Funktion von Blockältesten und Kapos ausüben sollten. Am gleichen Tag wurde eine ebenso große Anzahl von Jüdinnen aus Poprad (Slowakei) nach Birkenau transportiert. Dies war der erste registrierte Transport, der vom Reichssicherheitshauptamt IV B4, dem sog. Jüdischen Referat, in das KZ Auschwitz-Birkenau geschickt worden war. Im Spätfrühling wurde in Birkenau eine spezielle Rampe gebaut, auf der die Selektion bei den jeweiligen Transporten vorgenommen wurde. Immer häufiger wurden grausame Experimente an Juden und Zigeunern durchgeführt.

Der maximale Ausbau des KZ Auschwitz-Birkenau und die Realisierung seiner Funktion als Arbeitslager und Vernichtungsstätte fällt in die Zeit vom Mai 1943 bis September 1944. Fast dreiviertel aller Opfer sind in dieser Zeit umgebracht worden. Auf dem Höhepunkt, im Frühjahr 1944, wurden täglich etwa 10.000 Menschen nach Birkenau gebracht. Massenweise wurden Juden und Zigeuner ermordet. Zwischen dem 22. und dem 25. Juni 1943 wurde in Birkenau der Bau von vier Krematorien samt Gaskammern beendet und in Betrieb genommen. Es wurden in ihnen jedes Mal Tausende von Menschen umgebracht, in der überwiegenden Mehrzahl Juden, die gleich nach ihrer Ankunft im Lager zur sofortigen Liquidation bestimmt wurden.

Ab September 1944 bis zur Einnahme von Oświecim durch die sowjetische Armee begannen die Nazis, stufenweise das KZ Auschwitz-Birkenau zu liquidieren. Ab Oktober 1944 wurde die Vernichtung der materiellen Beweise des Verbrechens vorgenommen, indem man die Gaskammern und Krematorien von Birkenau in die Luft jagte. Es wurde auch mit der Evakuierung der Gefangenen begonnen. Sie fand unter so fürchterlichen Bedingungen statt, daß davon auszugehen ist, daß ihr Zweck darin bestand, die Zeugen des Völkermordes zu liquidieren. Viele Gefangene erreichten die anderen Konzentrationslager nicht, sie starben unterwegs an Entkräftung oder wurden ermordet. Am 27. Januar 1945 rückte die sowjetische Armee in das Lager ein. Im KZ Auschwitz befanden sich etwa 1.200 kranke Gefangene, in Birkenau fast 6.000, darunter 4.000 Frauen, in Monowice 600 Kranke.

Es wird geschätzt, daß im KZ Auschwitz-Birkenau etwa anderthalb Millionen Menschen umgebracht worden sind, davon 85-90% Juden. Weitere Gruppen von Opfern bildeten Polen (Berechnungen sprechen von 70.000 bis 75.000), Zigeuner (ca. 21.000), sowjetische Kriegsgefangene (ca. 15.000) sowie Gefangene anderer Nationalitäten.

Polnisches Empfinden — jüdisches Empfinden

In seinem Text über die Liquidation der Juden schreibt der Rabbiner Byron L. Sherwin: Wir wissen immer mehr, aber wir wissen immer und immer weniger. Ein schmerzhaftes Paradoxon ist die Tatsache, daß das Wissen über das, was in Auschwitz geschah, nicht nur Gegenstand von Konflikten und Streitigkeiten, sondern auch von Manipulation und Mißbrauch wurde.

Jede Reflexion über die Bedeutung und die Symbolik des KZ Auschwitz-Birkenau muß die Tatsache berücksichtigen, daß das Lager, bevor es ab Februar 1942 eine der Vernichtungsstätten der europäischen Juden wurde, schon seit anderthalb Jahren bestand. In dieser Zeit sind über 20.000 Opfer umgekommen, vor allem Polen und sowjetische Kriegsgefangene. Die Juden, die damals ins KZ kamen, wurden zumeist als Angehörige der polnischen intellektuellen Elite oder als politische Häftlinge eingeliefert. In dem „Situationsbericht vom 1. Januar bis 14. August 1941“, der sich in den Akten der Delegatur der Regierung der Republik Polen für das Inland befindet, lesen wir:

Lager— die größte Zahl an Polen befindet sich ständig in Auschwitz (und kommt dort um). Die Sterblichkeit ist natürlich niedriger als während der Winterfröste, wo der Tagesdurchschnitt einige Dutzend betrug, die höchste Sterblichkeit wurde am 28. Oktober 1940 mit 86 Personen registriert.

Auschwitz wurde zum düsteren Symbol des Martyriums von Polen. Zum Gedenken an die ersten Exekutionen bei der Kiesgrube, in der Nähe des Theatergebäudes, wurde dort gebetet und es wurden Blumen niedergelegt. Zu Beginn der achtziger Jahre wurde ein Kreuz zur Erinnerung an den Tod jener Gefangenen, in der Mehrzahl Katholiken, aufgestellt.

Zu einem wichtigen Faktor im Streit zwischen Polen und Juden wurde die Frage der nationalen (und religiösen) Identität der Opfer des Lagers. Die Juden nehmen es den Polen übel, daß lange Zeit die Information darüber, daß 90% der Ermordeten Juden waren, verschwiegen wurde. Man sollte aber wissen, daß eine Atmosphäre von Halbwahrheiten und Verlogenheit in bezug auf das KZ Auschwitz-Birkenau schon sofort nach seiner Befreiung herrschte. In der Tageszeitung „Prawda“ vom 7. Mai 1945 spricht man davon, daß die Nazis in Auschwitz 4 Millionen Menschen umgebracht hätten, Bürger der Sowjetunion, Polens, Frankreichs, Belgiens, Hollands, der Tschechoslowakei, Jugoslawiens, Rumäniens, Ungarns und anderer Länder. Auf der Liste werden mit keinem Wort die Juden erwähnt. Dies war das Ergebnis der die Kommunisten kennzeichnenden „internationalistischen“ Sichtweise. Indem die Kommunisten die Klischeevorstellung vom „Internationalisten“ und „Proletarier“ propagierten, verloren sie die Sensibilität für den einzelnen Menschen, wer auch immer er war. Die Fragen und Zweifel in bezug auf die Zahl der jüdischen Opfer ergaben sich aus der gezielten Anhebung der Zahl der Opfer insgesamt. Offiziell wurde sie auf 4 Millionen festgelegt. Obwohl diese Zahl in allen Arbeiten und Schulbüchern wiederholt wurde, wird sie jedoch für unwahrscheinlich gehalten. Sie wurde, ähnlich wie viele andere Aspekte der „offiziellen“ Version der Geschichte, die von den Kommunisten vorbereitet worden war, als Propagandaidee aufgefaßt. Erst im Jahre 1989 hat man nicht ohne Widerstand beschlossen, die geschichtlichen Halbwahrheiten und Lügen zu korrigieren. Die Literatur, die im Westen erschien, wies eine Zahl von 1-2,5 Millionen Opfern aus. Die Zahlen basierten auf Schätzungen, da die Deutschen die meisten Lagerakten und Dokumente vernichtet haben und die sowjetischen Organe alles, was sie 1945 im KZ Auschwitz noch vorfanden, konfiszierten und in die Sowjetunion brachten. Der Direktor des Auschwitz-Museums, Kazimierz Smolef, ein ehemaliger Gefangener des KZ Auschwitz, unterstrich, daß das Museum zu der Frage von 4 Millionen Opfern immer eine negative Haltung eingenommen hat, aber die Zahl wurde aus politischen Gründen aufrechterhalten. Heute wird im Museum und in Publikationen die glaubwürdige Zahl der Opfer mit 1,5 Millionen angegeben. Es wird auch darauf hingewiesen, daß die überwiegende Mehrzahl von ihnen Juden waren, vor allem polnische Juden.

Den Gegensatz zur „Dejudaisierung“ stellt die „Depolonisierung“ von Auschwitz dar. Hier ein Zeugnis, das Prof. Jerzy Garlinski, ein ehemaliger Häftling des Lagers, ablegt:

In der Welt herrscht die Meinung vor, eine Meinung, die von Juden verbreitet wird, dies sei ein Lager gewesen, das ausschließlich für Menschen mit dem Davidstern bestimmt gewesen sei. Als man in New York meine Lagernummer am Arm erblickte, hielt man mich für einen Juden. Als ich sagte, ich hätte mich als Pole in Auschwitz befunden, glaubte man mir nicht.

Eine solche Haltung zeugt von Unwissenheit und ist zugleich die Folge von Geschichtsfälschung. Besonders in den USA werden Polen und die Polen als eine Nation vorgestellt, die während des Krieges keine Verluste erlitten habe. Die Polen werden beschuldigt, mit den Nazis kollaboriert zu haben. Sie werden auch der Beteiligung am Holocaust angeklagt. Solche Stimmen verletzen nicht nur, sondern sie irritieren und schockieren. Bis auf den heutigen Tag beklagen Tausende polnischer Familien ihre Angehörigen, ermordet in Auschwitz und anderen Vernichtungslagern, erschossen oder bestialisch zu Tode gequält von den deutschen Nazis an vielen Orten innerhalb und außerhalb des Landes oder in den Gefängnissen und Lagern der Sowjetunion. Das In-Abrede-Stellen der polnischen Opfer in Auschwitz und in anderen Lagern wird, unabhängig woher es kommt, als zynischer Antipolonismus aufgefaßt. Die Polen, als erste Opfer des KZ Auschwitz, wurden in dieses Lager bis zum Ende seines Bestehens eingeliefert, u. a. auch für die den Juden erwiesene Hilfe. Die Erinnerung an das Martyrium der Polen hat nichts mit einer Schmälerung der Leiden und des Völkermordes an Juden und Zigeunern zu tun.

Im Holocaust wurden fünf bis sechs Millionen Juden vernichtet, somit ist ein Viertel von ihnen im KZ Auschwitz-Birkenau umgekommen. Die übrigen wurden in anderen Todeslagern und unzähligen Vernichtungsstätten in Mittel- und Osteuropa ermordet. Ungefähr ab Ende der fünfziger Jahre, als man begann, das Martyrium der Juden mit Schoa oder Holocaust zu bezeichnen, wurde Auschwitz zum Symbol der Schoa bzw. des Holocaust. So kam es zwischen Juden und Polen zu dem irrationalen „Streit um Auschwitz“. Dies wird durch die Tatsache kompliziert, daß nicht Auschwitz I, sondern Auschwitz II, auf dem Gebiet des Dorfes Brzezinka (Birkenau) gelegen, die Stätte der Massenausrottung der Juden war. Nur die ersten Judentransporte vom Februar und von Anfang März 1942 wurden nach Auschwitz I gebracht. Die nachfolgenden wurden immer häufiger, später ausschließlich, nach Birkenau geleitet, wo die zum Zwecke der Judenvernichtung errichteten Gaskammern in Betrieb waren. Aus ausländischer Sicht ist dies nicht von Bedeutung, da beide Lager als Einheit betrachtet werden. Aber aus polnischer Sicht hat das konkrete Folgen. Die Mitarbeiter des Staatlichen Auschwitz-Museums, das Auschwitz I und Auschwitz II umfaßt, beklagen sich, daß eine Vielzahl von ausländischen, vor kurzem auch jüdischen Gruppen, nicht nach Birkenau gehen. Die Polen verstehen und erkennen das Recht der Juden an, ihrer Opfer zu gedenken und sie zu ehren. Es ist aber schwer zu begreifen, warum dies nicht in Birkenau geschieht, wo die Ausrottung tatsächlich stattfand. Erst in den letzten Jahren verändert sich allmählich diese Situation. Jüdische Gruppen besuchen Birkenau und sind erstaunt, daß das Lager recht weit vom KZ Auschwitz I entfernt liegt.

Ein schwerwiegendes Unrecht wird Polen angetan, indem man, vor allem in den USA, den Ausdruck „polnische Konzentrationslager“ verwendet. In Chicago und im Staat Illinois, wo sich die größten Ansammlungen von, Amerikanern polnischer Herkunft und Auslandspolen befinden, ist ein Lehrplan über den Holocaust Pflicht. In ihm wird verbreitet, der Grund für die Errichtung der Konzentrationslager auf polnischem Gebiet sei der „polnische Antisemitismus“ gewesen. Solche Stereotypen rufen Entrüstung bei den Polen hervor. Die Deutschen haben Konzentrationslager im besetzten Polen angelegt, weil im polnischen Gebiet die größte Zahl der jüdischen Bevölkerung lebte, die von den Deutschen zur Liquidation bestimmt worden war. Auch die ideologische Seite des Holocaust ist von Bedeutung. Die Deutschen wußten, daß Polen seit Jahrhunderten den Juden Schutz gewährten. Seit dem 10. Jahrhundert kamen Juden aus Westeuropa, wo sie verfolgt wurden, nach Polen. Die jüdischen Mütter wiederholten ihren Kindern, der hebräische Name Polens „Po-lin“ bedeute „hier ruhe aus“. Polen wurde zu einem Zentrum jüdischer Kultur, Religion und jüdischen Geisteslebens. In den Jahren der Schoa machten die Deutschen aus Polen einen riesigen Friedhof und zugleich veränderten sie die Denkweise der Juden über Polen. Heutzutage kommen die Juden selten nach Polen, um die Errungenschaften ihrer Vorfahren zu bewundern. Sie kommen vielmehr, um ihre Angehörigen zu beklagen, die Ruinen der Gaskammern und Krematorien zu besichtigen, den Kaddisch zu beten. Auschwitz war eine von vielen Vernichtungsstätten auf polnischem Boden. Durch den Naziterror kamen in verschiedenen Regionen Polens Millionen polnischer Juden, Juden aus anderen Ländern sowie Polen und Menschen verschiedener Nationalitäten um. Es bestand eine tiefe Schicksalsgemeinschaft von Juden und Polen. Die nächsten, die nach Juden und Zigeunern für die Krematorien bestimmt waren, waren die Polen. Hier die Worte des Justizministers(!) des Dritten Reichs, Otto Thierack:

Wir müssen das deutsche Volk von den Polen, Russen, Juden und Zigeunern befreien.

Hätten Auschwitz und die anderen Lager länger funktioniert, so hätten die Polen den Platz der Juden und Zigeuner in den Gaskammern eingenommen. Johannes Paul II. sagte während des Treffens mit Vertretern der jüdischen Gemeinschaften in Polen am 14. Juni 1979:

Eure Bedrohung war auch unsere Bedrohung. Die unsrige ist nicht verwirklicht worden, die Zeit reichte nicht, sie in einem solchen Ausmaße zu verwirklichen. Diese fürchterlichen Opfer der Vernichtung habt Ihr erlitten, man könnte sagen, Ihr habt es für die anderen erlitten, die auch hatten vernichtet werden sollen.

Die Mehrzahl der Polen, die in Auschwitz umgekommen sind, waren Katholiken, darunter auch Priester und Nonnen. Bekannt ist das Martyrium Pater Maximilian Kolbes, der freiwillig den Hungertod auf sich nahm, um einen anderen Häftling zu retten. Auf den Wänden des Hungerbunkers und der Lagerzellen sind bis auf den heutigen Tag christlich-religiöse Symbole von den Gefangenen, die dort litten und umgebracht wurden, erhalten geblieben. Nach der Liquidierung des Lagers wollten sowohl jene, die überlebt hatten, als auch die Familien der Ermordeten, daß der Verbrechen und des Todes unschuldiger Menschen auf christliche Weise gedacht würde. Doch die kommunistischen Regierungen im Nachkriegspolen führten eine Politik der offenen Feindseligkeit gegenüber Religion und Kirche. Dadurch errang jedes religiöse Symbol und jede Manifestation religiöser Gefühle eine zusätzliche Dimension, sie wurden zum Zeichen des Widerstands gegen den aufgezwungenen Atheismus. Das Kreuz wurde nicht nur zu einem Symbol des Christentums, sondern zugleich zum Symbol des Polentums und der nationalen Identität. Auch dies ist ein wichtiger Aspekt des polnischen Empfindens von Auschwitz und was dieses Vernichtungslager symbolisiert.

Der polnische Jude Dr. Stanislaw Krajewski hat in Anbetracht des schmerzvollen polnischen und jüdischen Empfindens geschrieben:

Die übrigens natürliche Tendenz, die Wirklichkeit in Begriffen der dichotomen Einteilung zu erfassen, führt zu tiefgehenden Verfälschungen. Die grundsätzlichen Relationen in dem besetzten Polen sahen wie folgt aus: zwischen Deutschen und Juden — Ausrottung, zwischen Deutschen und Polen — Unterdrückung, zwischen Polen und Juden — Zeuge zu sein (. . .) Reduziert man jetzt dieses „Dreieck“ der gegenseitigen Beziehungen zu einem zweiseitigen Konfliktbild, dann erscheint eine der charakteristischen Verfälschungen. Vom polnischen Standpunkt aus führt diese Reduzierung unausweichlich zu einer Identifizierung der Situation der Polen mit der Situation der Juden, also zu einer Gleichsetzung der Unterdrückung mit dem Massenmord. Vom jüdischen Standpunkt aus führt diese Reduzierung unausweichlich zur Identifizierung der Rolle der Polen mit der Rolle der Deutschen, also zur Gleichsetzung der Zeugen des Mords mit den Mördern. Diese beiden Vereinfachungen sind natürlich für die andere Seite beleidigend und fügen ihr Unrecht zu.

Ein richtiges Empfinden der Polen und der Juden verlangt nach einer neuen Sichtweise der Geschichte der gemeinsamen Koexistenz sowie nach einer Veränderung der Einstellung auf beiden Seiten, mit einem Wort, nach einer innerlichen Erneuerung beider Seiten. Ihr Ziel sollte eine Annäherung, die gegenseitige Achtung und Versöhnung sein, ein solides und umfangreiches Wissen über die Vergangenheit und die Rücksichtnahme im Geiste der Solidarität in dem Leid müßten hierfür das Fundament bilden.

In „Przeglad Powszechny“, Nr. 4/872, April 1994.


Jahrgang 2/1995 Seite 174



top