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Gertrud Luckner
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Notizen Jahrgang 2/1995 Heft 2

Stichworte

Wilna: Schwarzbuch der Juden
In Litauens Hauptstadt Wilna ist erstmals das Schwarzbuch der Juden in Russisch in einer vollständigen Ausgabe erschienen. Es schildert die Leiden der Juden in Osteuropa anhand von Dokumenten und Memoiren ehemaliger Häftlinge in KZ und Gettos. Albert Einstein hat als erster noch im Krieg die Veröffentlichung dieser Dokumente in den USA vorgeschlagen. 1947 wurde in der Sowjetunion versucht, eine Ausgabe herauszubringen, die aber, wie nicht anders zu erwarten, verboten wurde. 1980 konnte das Schwarzbuch in Israel erscheinen.

Zwanzig Kilometer Akten in Arolsen
In diesen Akten-Kilometern sind in der nordhessischen Stadt Arolsen die Leiden der Verfolgten und Verschleppten festgehalten. Eigentlich hatte man gerechnet, daß die Hauptarbeit dieser Behörde nun geleistet sei. Doch nach dem Zusammenbruch des Kommunismus öffneten sich die Grenzen und damit verzehnfachte sich die Zahl der Anfragen pro Jahr. Die Antragsteller brauchen wegen des fortgeschrittenen Alters möglichst rasch die Entschädigung für Zwangsarbeit und Haft und dazu benötigen sie die Bescheinigung, daß sie während der Nazizeit im KZ inhaftiert waren oder Zwangsarbeit geleistet haben. Auch Schindlers Liste findet sich in Arolsen.

Sondermarken für den Friedensprozeß
Mit einer Sondermarke und einem Sonderstempel hat Israels Post den Friedensprozeß im Nahen Osten gewürdigt. Die Marke zeigt Israelis und Araber in zwei Haushälften, die zu einem Haus zusammenwachsen, symbolisiert durch Halbmond und Davidstern. Dazu in Iwrith, Arabisch und Englisch das Wort für Frieden.

Promotionsrecht der Hochschule für Jüdische Studien (HJS)
Die Heidelberger Hochschule erhielt zur Feier ihres 15jährigen Bestehens im Januar 1995 das Promotionsrecht. 1971 regte Rabbiner Nathan P. Levinson die Gründung der Hochschule an, die 1979 realisiert werden konnte. Zur Zeit gibt es ca. 150 Studenten an der Hochschule, deren Rektor seit 1989 Professor Julius Carlebach ist. Durch die Möglichkeit, akademische Titel zu verleihen, ist ein gutes Fundament für qualifizierte jüdische Studien gesichert.

„Auf diesen Moment habe ich lange gewartet!“
So sagte Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth, als sie zur Feierstunde zum Tag der Deutschen Einheit in die Kölner Moschee kam. Zum ersten Mal sprach sie in einer Moschee, und zwar vor Vertretern der drei großen monotheistischen Religionen. Katholische Nonnen und islamische Mädchen hörten die Gesänge eines jüdischen Tenors. Zu dieser Feier hatte der Verband der Islamischen Kulturzentren und die Kölnische Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit eingeladen. Es war wohl eine der ungewöhnlichsten Feiern, die an diesem Tag stattgefunden haben.

Freiwillige Rückkehr ins Getto?
Nach drei Jahren endet jetzt in London der Streit zwischen der strenggläubigen jüdischen Gemeinde und den Behörden. In dem Gebiet befinden sich acht Synagogen. Hier wohnen die meisten Juden in Großbritannien. Der Umweltminister hat ihnen die Abgrenzung eines Eruw gestattet. Ein Eruw ist ein genau begrenztes Gebiet, in dessen Grenzen erleichterte Schabbat-Gesetze gelten. Es dürfen z. B. Kinderwagen und Rollstühle geschoben und Gegenstände von einem Haus in ein anderes getragen werden. Damit soll Müttern, Kindern, alten und kranken Menschen eine Erleichterung geschaffen werden, und sie können dennoch den Schabbat voll und ganz feiern. Gegen den Antrag hatten ultra-orthodoxe Juden gestimmt, weil sie der Ansicht sind, die Schabbat-Vorschriften können überall uneingeschränkt eingehalten werden. Die Frage kam natürlich auf: bedeutet diese Einzäunung eine Rückkehr ins Getto?

250 Jahre Rothschild
Bis 27. Februar 1995 ist im Jüdischen Museum in Frankfurt eine Ausstellung über die Rothschilds zu sehen. Der Name ist bekannt und steht für Reichtum und Wohlstand. Wer aber kennt die Geschichte dieser Familie? Sie begann in Frankfurt in der Judengasse. Der Begründer des Bankhauses Rothschild wäre in diesem Jahr 250 Jahre alt geworden. Mit ca. 700 Exponaten wird der Aufstieg dieses Unternehmens gezeigt. Die Leihgaben kommen aus Museen in Wien, Paris und London sowie aus dem Besitz der Familie Rothschild.

Synagogenmusik zum Ausklang des Lewandowski-Gedenkjahres (vgl. FrRu NF 3-1993/94, 223 ff.)
Zum 100. Todestag des großen Meisters der Synagogenmusik fand ein Chortreffen zu Chanukka in Hannover statt. Es war das erste Treffen von jüdischen Synagogenchören und christlichen Kirchenchören in Deutschland nach der Schoa. Referenten dieser Tage waren u. a. Oberrabbiner Prof. Jòzsef Schweitzer aus Budapest, Prof. Ernst Ludwig Ehrlich aus Riehen/Basel (Schweiz), Rabbiner Prof. Robert A. Jacobs, Direktor des Leo-Baeck-Instituts in New York und Professor Nathan P. Levinson, Landesrabbiner em. Eingeladen zu diesen Tagen hatte Andor Izsák, der Direktor des Europäischen Zentrums für jüdische Musik in Hannover.

Verleger Carl Heymann zum 200. Geburtstag
1794 in Glogau (Schlesien) geboren, gründete er 1815 seinen Verlag, der sich nach der Übersiedlung nach Berlin erfolgreich entwickelte. Heymann war ein preußischer Patriot und verteidigte seine Loyalität zum „preußischen Vaterland“ gegen alle Anfeindungen. Trotz der nicht unbedingt judenfreundlichen Regierungspolitik wurde Heymann 1847 zum Berliner Stadtverordneten gewählt. In der jüdischen Gemeinde gehörte er zu den aktiven Mitgestaltern und machte sich besonders um das Sozialwesen verdient. Die Carl Heymanns Verlags KG hat heute die Schwerpunktthemen Völkerrecht, Staatsrecht, Verwaltungsrecht, Strafrecht, Arbeits- und Sozialrecht, Volks- und Betriebswirtschaft, Politikwissenschaft.

Notizen mit Namen

Den Vorsitzenden der jüdischen Gemeinschaft von Sarajewo, Ivan Ceresnjes, ehrte der französische Premierminister Edouard Balladur mit der Überreichung der Insignien eines Ritters der Ehrenlegion. Damit wurde das mutige Handeln des Vorsitzenden in seinen Bemühungen um den Frieden im kriegsgeschüttelten Land geehrt.

Am 28.11.1994 wurde Michel Friedmann (38) in den Bundesvorstand der CDU gewählt. Friedmann ist Direktoriumsmitglied des Zentralrates der Juden in Deutschland. Die Junge Union hatte den Frankfurter Rechtsanwalt für diesen Posten vorgeschlagen. Seine Wahl sei eine „Offensive gegen den sich immer dreister zu Wort meldenden Antisemitismus“.

Am 1. Januar 1995 übernahm Generalmajor Amnon Lipkin-Schachak die Aufgabe des Generalstabschefs in der israelischen Armee. Er bekleidet damit einen der wichtigsten Posten im Staat. Es wird ihm die Fähigkeit zur Menschenführung bestätigt. Daneben braucht er aber auf seinem neuen Posten noch andere Fähigkeiten: die Militärdoktrin Israels muß neu definiert werden im Hinblick für die Zeit nach einer umfassenden Friedensregelung. Der General gehörte der Delegation an, die die Vereinbarung mit der PLO ausgehandelt hat. Diese Erfahrung wird ihm in der neuen Aufgabe nützlich sein.

Als erste Frau in Deutschland wurde die 47jährige Margarete Schlüter auf einen Lehrstuhl für Judaistik berufen. Mit dem Wintersemester 1994/95 hat sie ihre Lehrtätigkeit an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main begonnen. Zuletzt war sie Oberassistentin am Berliner Institut für Judaistik. Für ihre Habilitation hat sie sich mit der Frage beschäftigt, auf welche Weise die Mischna geschrieben wurde. Dazu hat sie erstmals einen Brief des Rabbi Sherira (987 n. Chr.) übersetzt und erschlossen. Der Brief ist die älteste Quelle über die Entstehung der Mischna.

Israels erste Botschafterin in Moskau ist Alizah Shenhar. Sie lehrte Literaturwissenschaft in Haifa, bevor sie zur ersten Rektorin einer israelischen Hochschule gewählt wurde. Auch für die 51jährige Wissenschaftlerin kam das Angebot von Außenminister Shimon Peres überraschend.

Altpräsident Richard von Weizsäcker wurde am 27.11.1994 mit dem Leo-Baeck-Preis des Zentralrates der Juden in Deutschland geehrt. Den mit 20.000 Mark dotierten Preis nahm Weizsäcker in der jüdischen Gemeinde in Frankfurt entgegen. In der Verleihungsurkunde heißt es, daß er die Auszeichnung erhielt „in Würdigung seiner außergewöhnlichen Verdienste um die jüdische Gemeinschaft in Deutschland, um seine zukunftsweisende Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus und beim Aufbau einer demokratischen Gesellschaft, die der Würde aller Menschen verpflichtet ist.“

Die Laudatio hielt Jerusalems Alt-Bürgermeister Teddy Kollek. In seiner Dankesrede ging von Weizsäcker auf Leo Baeck ein und hob dessen Einheit von Glauben und Handeln hervor. Gleichzeitig wies er auf die schweren Folgen der „Unkenntnis vom Wesen des Judentums“ hin. Ignatz Bubis würdigte von Weizsäckers Einsatz für die Würde aller Menschen mit den Worten: „Daß jüdische Menschen heute wieder in Deutschland leben wollen und können, ist auch Ihnen zu verdanken.“


Jahrgang 2/1995 Seite 155



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