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Gertrud Luckner
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Berichte

„Wir vergessen die Vergangenheit nicht, aber wir schauen nach vorne, in die Zukunft.“

Mit diesem Satz wurde Bundespräsident Roman Herzog vor der Residenz von Israels Staatspräsident Ezer Weizman begrüßt. Am 6. und 7. Dezember fand Herzogs erster außereuropäischer Staatsbesuch statt, in Israel. Beide Tage wurde er — eine außergewöhnliche Geste, wie Israels Botschafter in Deutschland versicherte — von E. Weizman begleitet. Der deutsche Bundespräsident besuchte Yad Vashem und legte einen Kranz nieder. Herzog versichert später, daß er, so lange er lebe, verhindern werde, daß so etwas wie der Holocaust wiederholt werde. Mit dem Holocaust werde er wohl ein Lebenlang nicht fertig werden. „Jede Forderung, einen Schlußstrich zu ziehen, verbietet sich.“

Am Rand der Negev-Wüste besucht Bundespräsident R. Herzog Jerucham, eine Stadt mit 8.000 Einwohnern, in der heute 4.000 Juden aus Marokko und Tunesien und 1.500 aus Indien sowie 1.300 aus den GUS leben. Jerucham ist die Partnerstadt von Rosenheim.

Der Bürgermeister von Jerucham Motti Avisro überreichte Herzog eine silberne Chanukkia.

Anläßlich des Besuches bei Israels Staatspräsident Ezer Weizman hielt Bundespräsident Roman Herzog eine Ansprache, die wir auszugsweise wiedergeben:

Nach langen Epochen fruchtbarer deutsch jüdischer Symbiose haben Deutsche den Juden unermeßliches Leid zugefügt. Auch das vereinigte Deutschland, das vereinte deutsche Volk, wird aus dieser Erfahrung die Lehren für die Zukunft ziehen. Das ist ein wesentlicher Teil unseres inne-ren Einigungsprozesses. Wir Deutsche sind uns darüber im klaren, daß kein Mantel des Vergessens über den Holocaust gebreitet werden kann und daß jegliche Forderung nach einem ,Schlußstrich‘ unter das Geschehene sich angesichts der historischen Dimension dieses Verbrechens ver-bietet. lm Gegenteil: Uns Deutschen obliegt die Aufgabe, die Erinnerung an das düsterste Kapitel unserer Geschichte wachzuhalten und den nach-wachsenden Generationen vor Augen zu führen, wozu Deutsche fähig waren und wozu Menschen imstande sein können.

Ich sage das nicht, um der Kollektivschuldthese das Wort zu reden. Die große Mehrheit meiner Landsleute ist nach dem Untergang des ,Dritten Reiches‘ geboren oder steckte in den letzten Jahren der Hitlerdiktatur noch in den Kinderschuhen. Diese Generation ist frei von Schuld, aber sie ist nicht frei in der Verpflichtung, die Lehren aus dem Geschehenen zu ziehen . . .

Wir haben Verständnis für jene, die auf die unerwartete Vereinigung der beiden deutschen Staaten mit Argwohn reagierten und den Teufel neuer Alleingänge des vereinten Deutschlands an die Wand malten. Fünf Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer sind diese Stimmen weitgehend verstummt. Die Welt hat'zur Kenntnis genommen, daß der Zuwachs an Wirtschaftskraft und Verantwortung nicht gleichbedeutend mit Größenwahn und Machtgier geworden ist . . .

Wir sind uns bewußt, daß gerade in Israel rechtsextremistische Ausschreitungen in Deutschland mit großer Besorgnis verfolgt werden. Wir verste-hen diese Besorgnis sehr gut und nehmen sie ernst. Doch dürfen die schrecklichen Vorfälle den Blick auf folgendes nicht verstellen: Die Bundesrepublik Deutschland ist nicht mehr das Deutschland der 20er, 30er oder gar 40er Jahre. Sie ist eine stabile Demokratie, eingebettet in die westliche Staatenwelt und den westlichen Werten verpflichtet, und dies seit mehr als 40 Jahren . . .

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Friedensnobelpreis

Am 10. Dezember 1994, dem Geburtstag von Alfred Nobel, fand die Verleihung des Friedensnobelpreises in Oslo statt. In diesem Jahr geht er an drei Vertreter aus dem Nahen Osten, die ihn verdient haben, ihn aber auch als Bonus für die Zukunft brauchen: Yassir Arafat, Shimon Peres und Yitzhak Rabin. Der Vorsitzende des Komitees Francis Sejersted drückt seine Bewunderung aus für den Mut der drei Männer, die die Spirale der Gewalt durchbrochen haben. Gleichzeitig sprach er von der Hoffnung, daß der begonnene Prozeß weitergeführt werden möge bis zum wirklichen Frieden. Jeder der drei Preisträger brachte zum Ausdruck, daß es keine Alternative zum Frieden gebe: Arafat sprach vom Frieden der Tapferen, ohne denen zu widersprechen, die einen Friedensschluß mit Israel als Schmach sehen. Peres sprach vom Frieden der israelischen Armee, die jedoch den größten Sieg nicht erringen konnte, nämlich den Sieg, nicht mehr siegen zu müssen.

Rabin brachte seine persönlichen Erfahrungen zur Sprache, seine Erfahrungen als Feldherr und Soldat, der zu töten befiehlt und selbst getötet hat. Gerade diese Erfahrungen haben ihn zu der Einsicht gebracht, daß die einzige Lösung der Friede sei, der nicht durch Terroristen oder einzelne Fanatiker gestoppt werden kann.

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Rat der Kirchen in Jerusalem

Zwölf christliche Gemeinschaften von Jerusalem wollen sich zu einem Rat der christlichen Kirchen zusammenschließen. Erzbischof Lutfi Laham, Patriarchalvikar der griechisch-melkitisch-katholischen Kirche von Jerusalem, sieht diesen Beschluß als sehr wichtig an, weil er unter anderem neue Perspektiven der Bedeutung Jerusalems für die Christen eröffnen kann. Die Beziehungen zwischen den Christen im Heiligen Land können damit intensiviert werden und ihre Anliegen bei Israels Regierung mit einer Stimme vorgetragen werden und damit mehr Gewicht bekommen. In einem Memorandum dieser zwölf christlichen Gemeinschaften vom 3./4. Dezember 1994 heißt es unter anderem im Hinblick auf einen besonderen rechtlichen und politischen Status für Jerusalem: „Jerusalem ist zu wertvoll, um allein von einer kommunalen oder nationalen politischen Autorität abhängig zu sein, wer immer das auch sein mag.“ Jerusalem ist die Heimat für Juden, Christen und Muslime. Sie alle fordern freien Zugang zu den Heiligen Stätten. Israels Außenminister Shimon Peres hat sich am 1. Dezember 1994 gegen internationale Garantien für Jerusalem ausgesprochen. (Vgl. auch: Grundsatzübereinkommen zwischen Israel und dem Vatikan, FrRu NF 2-1993/94, 88 ff. und 4-1993/94, 85 ff.)

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Jüdische Studien an der Universität Potsdam

Am 2. November 1994 fand die Eröffnung des Studienganges „Jüdische Studien“ an der Universiät Potsdam statt. Die an den deutschen Universitäten bestehenden Institute für Judaistik sind spezialisiert. Im Gegensatz dazu sind die Jüdischen Studien in Potsdam fächerübergreifend aufgebaut. Zu den Fachrichtungen gehören u. a. Geschichte, Religionswissenschaft, Literaturwissenschaft, Philosophie, Hebräisch, in Zusammenarbeit mit dem Moses-Mendelssohn-Zentrum für europäisch-jüdische Studien. Zur Eröffnung sprach der Judaist Karl E. Grözinger. In seinem Vortrag bestärkte er das Vorhaben: „Fächerübergreifendes Arbeiten ist eine absolute wissenschaftliche Notwendigkeit, wenn man nicht ein verkürztes oder gefährlich einseitiges, d. h. stereotypes Bild vom Judentum schaffen will.“ Denn das Ziel ist, Vorurteile abzubauen und Toleranz zu fördern.

Dieses Ziel betonte in seinem Festvortrag auch Ignatz Bubis, dem es ein Anliegen ist, die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Judentum in die Mitte des öffentlichen Interesses zu holen. Dem Judentum muß eine größere Beachtung verschafft werden, als es durch die Reduzierung auf die Schoa geschehen ist. Ein weiteres ist Bubis wichtig: Das Klischee des deutschen Juden als des Fremden nach einer mehr als 1600jährigen gemeinsamen Geschichte endgültig auszuräumen.

Aus Anlaß dieser Feier überreichte Professor Julius H. Schoeps, der den Lehrstuhl für deutsch-jüdische Geschichte in Potsdam innehat und Leiter des Moses-Mendelssohn-Zentrums ist, die Mendelssohn-Medaille an Ignatz Bubis.

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Mit einem Juden die Bibel lesen — 16. Freudenstädter Israel-Bibelkurs

Eine langjährige Tradition hat sich in Freudenstadt entwickelt. Alljährlich in der Woche, in der der Buß- und Bettag gefeiert wird, lädt Pastor Walter Schwaiger, Reutlingen, zu einem Israel-Bibel-Kurs ein. Die Evangelisch-methodistische Kirche in Deutschland hat in ihm einen engagierten und liebenswürdigen Charismatiker für das jüdisch-christliche Gespräch, das ihm ein Herzensanliegen ist. 1994 waren dazu Ephraim Jonai und seine Frau aus Jerusalem gekommen, orthodoxe Juden, die keine Scheu vor der Begegnung mit Christen zeigten.

Jonai ist in Polen geboren, in Deutschland herangewachsen und in die Konzentrationslager der Nazis geraten, bevor es ihm gelang, nach Israel zu emigrieren. Naturgemäß ist sein Leben dadurch stark politisch geprägt. Das zeigte sich besonders in der Bibelauslegung und in den nachfolgenden Diskussionen: keine Trennung von biblischer Geschichte und politischem Alltag. Entsprechend waren die Themen:

Die heutige religiöse und politische Situation in Israel
Der Abrahamsbund und der Sinaibund — Grundlagen der Erwählung Israels
Die biblische Verheißung und das verheißene Land
Der Prophet Amos — seine Zeit und seine Botschaft für Israel
Der Neue Bund als Verheißung an das Volk Israel (Bibeltext Jer 31).

Kurzfristig eingesprungen war Professor Otto Betz, Tübingen, mit seinen zwei Vorträgen zu Röm 9-11, eine Schriftstelle, die sonst gern umgangen wird.

Dazu kam das für solch eine Tagung stark kontrovers angelegte Thema der juden-christlichen (messianischen) Gemeinden in Israel von Pfarrer Albrecht Haeffner, Mitarbeiter bei Evangeliumsdienst für Israel. Die Brisanz des Themas wurde kaum spürbar, weil der Referent diese Gemeinden euphorisch als einen oder den Idealfall des jüdisch-christlichen Gesprächs dargestellt hat und die Zeit für Nachfragen begrenzt war. Schade.

W. Schwaiger übernahm zwei Einheiten:

Wem gehört das Heilige Land aus biblisch-theologischer Sicht?
Ismael und Isaak — beides Söhne Abrahams. Der Konflikt zwischen Juden und Moslems.

Eine Veranstaltung, die sich von Montag bis Samstag erstreckte, die zum 16. Mal stattgefunden hat, die ca. 100 Teilnehmer zählte, spricht in der Qualität für sich. Wenn 1995 Rabbiner Roland Gradwohl kommt, ist eine Anmeldung wohl noch zeitiger als sonst empfehlenswert, um daran teilnehmen zu können.

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Lernen aus den Jahren, die vergangen sind

Zu einem Wochenende mit Dr. Andreas Angerstorfer, Oberassistent an der Universität Regensburg, hatten die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit München und das Kardinal-Döpfner-Haus Freising eingeladen. Die Verfolgung der Juden in Bayern, in Zusammenhang gebracht mit den Verfolgungen in Deutschland und zum Teil auch in Europa, war das groß angelegte Thema. Was an einem Ort begann, weitete sich oft rasch aus. Die Ursachen dafür ins Bewußtsein zu rufen, gelang dem Referenten, wenn er die Vorgeschichte der Pogrome skizzierte. In den meisten Fällen waren leere Kassen bei Kaiser, Herzog, Reich, Land, Stadt oder auch bei Bischöfen oder Klöstern die Ausgangslage, Juden eines schweren Vergehens zu bezichtigen. Juden standen in früheren Jahrhunderten unter dem direkten „Schutz“ vom Kaiser oder Papst oder deren Untergebenen. Nur zum Teil war es wirklicher Schutz, doch auf Drängen örtlicher Herren wurden die Schützlinge rasch zu Freiwild. Oft wurden Grund und Boden an Juden verpfändet oder verkauft, weil Geld gebraucht wurde z. B. für Kriege oder Kreuzzüge. Nach einem Pogrom fiel der jüdische Besitz den Landesherren, oder wem immer er vorher gehört hatte, wieder zu. So war die Welt wohl wieder in Ordnung? Gründe für ein Pogrom wurden oft Jahrzehnte später nachgeliefert: Brunnenvergiftung, Ritualmord, Hostienschändung u. a. Perversitäten, die sich rachelüsterne Gehirne ausgedacht hatten.

Nach etwa diesem Schema verliefen jahrhundertelang die Vorbereitungen, Durchführungen und Nachwirkungen der Pogrome.

Natürlich ging Angerstorfer auf Einzelheiten ein und belegte sie mit Zeitdokumenten. Fast ebenso natürlich ist bei einem so weitläufig angelegten Thema, daß, je mehr sich die Geschichte der Gegenwart nähert, das Thema immer stärker gestrafft werden muß.

Aufs Ganze gesehen war es eine Tagung, die den Teilnehmern Hintergründe und Zusammenhänge verdeutlichte, die leider nicht zum allgemeinen Wissensgut gehören.

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Martin Cunz

Am 20. Dezember 1994 verteidigte Martin Cunz, der Redakteur der mit uns befreundeten Zeitschrift „Judaica“, an der Hochschule Luzern seine judaistische Doktorthese mit ausgezeichnetem Erfolg: „Die Fahrt des Rabbi Nachman von Bratzlaw ins Land Israel: Geschichte und Hermeneutik“. Nach Dr. Martin Cunz ist die Fahrt, die Rabbi Nachman von Bratzlaw in den Jahren 1798-1799 von Rodolien aus ins Heilige Land unternommen hat, das Schlüsselereignis zum Verständnis aller seiner Aussagen und Aktivitäten. Für Nachman war die Reise nach Israel ein stellvertretender Durchbruch zur realen Erlösung und deren Vorwegnahme. Sie war ein „Entzünden des Feuers des Messias“. Damit ist sie als das Grundereignis zu betrachten, von dem her Leben und Werk (auch die Erzählungen) des Rabbi Nachman interpretiert werden müssen. Mit den Glückwünschen verbindet sich die Hoffnung, daß die Forschung über Rabbi Nachman und den osteuropäischen Chassidismus nun neuen Schwung erhält.

C. Th.


Jahrgang 2/1995 Seite 147



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