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Chaim Lipschitz

Tu-b'Schwat: Das Neujahr der Bäume

Manche Leser werden überrascht sein, zu vernehmen, daß wir nach alter Tradition nicht bloß einen Neujahrstag im Jahr haben, sondern gleich vier. Im Talmudtraktat Rosch Haschana heißt das erste Kapitel „Vier Neujahrstage“. Und dort werden diese aufgezählt, samt ihren Bedeutungen. Am 1. Nisan (im März/April) ist das neue Jahr für die Zählung der Regierungszeit der Könige und für die Regelung der Termine für die Feste des Jahres. Am 1. Elul (im September) ist Neujahr des Zehnten der Viehzucht. Am 1. Tischri (im September/Oktober) ist das uns allen bekannte eigentliche Neujahrsfest Rosch Haschana. Dieses ist auch maßgebend für die Zählung der Jahre sowie der Erlaß- und Jubeljahre — wir zählen zur Zeit das Jahr 5755.

Am 15. Schwat (1995 am 16. Januar) war Rosch Haschana Lailanot — Neujahr der Bäume. Diesem gilt meine Betrachtung.

Rosch Haschana Lailanot. „Neujahr der Bäume“. Dieses Fest hat im Judentum im Laufe der Zeit, insbesondere seit der Rückkehr nach Eretz Israel, dem Heiligen Lande, immer mehr an Bedeutung und Inhalt gewonnen. In Israel nämlich feiert man an diesem Tag das Fest der Pflanzung der für das Land so notwendigen jungen Bäumchen. Auch wir Juden in der Diaspora schließen uns in solidarischer Weise dieser Pionierarbeit an. Wir „pflanzen“ Bäume, indem wir für diesen Zweck Gelder spenden.

Abgesehen von der Wichtigkeit der Wiederaufforstung des Landes, das jahrhundertelang brachlag, erfüllen wir damit gleichsam eine religiöse Pflicht, die bei unseren Ahnen sehr beliebt war, wie es der folgende Midrasch belegt: Es heißt in Dtn 13,5: „Dem Ewigen, eurem Gott, folget. IHM hänget an.“ „Kann ein auf Erden lebender Mensch etwa zum Himmel steigen, um sich dort an die Schechina Gottes anzuhängen?“ fragt der Midrasch. Nein, gemeint ist: Wie der Heilige, gelobt sei ER, bei der Erschaffung der Welt sich mit Anpflanzen beschäftigt hat — Gen 2,8: „Da pflanzte Gott, der Ewige, einen Garten in Eden“ — so sollt ihr, wenn ihr in das Land kommt, Bäume pflanzen, wie es heißt: „Wenn ihr in das Land kommt, pflanzet jeglichen Obstbaum an“ (Lev 19,23).

Die Tora vergleicht den Menschen mit einem Baum, wie es in Dtn 20,19 heißt: „Denn der Mensch ist ein Baum des Feldes.“ Ist der Baum nicht wie der Mensch ein wundervolles Werk der Schöpfung? Er verkörpert Festigkeit, Wachsen und Gedeihen. Der Vergleich zwischen Mensch und Baum — sagt einer unserer Großen — ist in vielerlei Hinsicht möglich. Ein Baum besteht aus drei Teilen: Wurzel, Stamm und Frucht. Die Wurzel symbolisiert beim Menschen seinen unerschütterlichen Glauben an Gott. Der Stamm den Umfang seines Wissens in der göttlichen Lehre beziehungsweise die Summe der Gebote, die er einhält, und der guten Werke, die er verrichtet. Denn nur so lassen sich, wie bei den Jahresringen im Stamm des Baumes, die wertvollen, fruchtbaren Jahre eines Menschen erkennen. Was die Frucht betrifft, so ist diese nach dem guten Einfluß, den er auf seine Kinder ausübt, zu bemessen.

Der Prophet Jeremia verwendet einen ähnlichen Vergleich: „Und er wird einem Baume gleichen, der gepflanzt ist am Wasser und am Bache seine Wurzeln streckt. Die Hitze braucht er nicht zu fürchten, und seine Blätter werden stets grün bleiben, und in einem Jahr der Dürre ist er unbesorgt und setzt nie aus, Früchte zu tragen“ (Jer 17, 8). Hier zeigt der Prophet die wahre, angeborene Natur des Menschen wie die des Baumes: Beide sind bemüht, ihre Wurzeln bis zur Wasserquelle auszustrecken, damit sie und ihre Früchte, sprich: ihre Nachkommen, nicht verdorren.

Dieser Schabbat ist „Schabbat Schira“, Schabbat des Liedes. An ihm wird „Das Lied am Schilfmeer“ (Ex 15,1 ff.) aus der Tora vorgelesen. Der folgende Midrasch paßt auch zum Tu-b'Schwat. Zum Toravers „Die Kinder Israels kamen hinein ins Meer im Trockenen“ (Ex 14,22) heißt es: „Eine Tochter Israels ging durchs Meer und trug ihr weinendes Kind in ihren Händen. Damit es aufhörte zu weinen, streckte sie ihre Hand aus und nahm einen Apfel und einen Granatapfel aus dem Meer und gab sie ihm.“ Wie es in Psalm 106,9 heißt: „Und durch Fluten führte er sie wie durch Wüste. Der Midrasch fährt fort: „So wie es ihnen in der Wüste an nichts fehlte, so fehlte ihnen auch in den Fluten nichts. Dies ist, was Mose sagte: Es sind nun 40 Jahre, daß der Ewige, dein Gott, mit dir war, es fehlte dir nichts — sogar seltene Früchte und Granatäpfel hatten sie.“ In der Wüste fehlte es den Kindern Israels an nichts, Gott war mit ihnen und ER gab ihnen das Nötige, sogar köstliche Früchte. Zum „Es fehlte dir nichts . . .“ sagt aber der Midrasch: „Es fehlte wirklich nichts in der Welt, nur die Teschuwa, die Umkehr zu IHM“ (Schemot Rabba 10,21). Ist dies nicht auch für heutige Zeiten aktuell? Daran sollten wir am Tu-b'Schwat, dem Neujahr der Bäume denken, wenn wir Früchte aus dem Heiligen Land mit einem an Gott gerichteten Dankspruch genießen.


Jahrgang 2/1995 Seite 123



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