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David Flusser

Qumran und die Hungersnot unter König Herodes:
In memoriam Yigael Yadin

1. Historische Thesen über die Essener

Eigentlich hatte ich die vorliegende Studie1 Yigael Yadin noch zu seinen Lebzeiten widmen wollen, doch das war mir nicht vergönnt.2 Ausgangspunkt ist die Frage, ob die Essener unter König Herodes in Qumran ansässig waren; ich neige zu einer positiven Beantwortung dieser Frage.3 Bevor ich Yadin einen Aufsatz zu diesem Thema widmen konnte, mußte ich wissen, wie er dazu stand. Folglich erörterte ich die Frage mit ihm, und nachdem Yadin mir mitgeteilt hatte, daß auch er nicht an den zeitweiligen Auszug der Essener aus Qumran glaube, wußte ich, daß er die richtige Adresse für diesen Aufsatz war, der seinem Andenken gewidmet ist.

Noch eine Frage gehört zu unserem Thema: Was ist vom Auszug der Essener in die Wüste zu halten, welche Bedeutung hatte ihr Sitz in Qumran und welche ihre kleineren Zentren im ganzen Land? Auch darüber habe ich mit Yadin gesprochen und wir waren uns darüber einig, daß sich diese Frage fast nicht eindeutig beantworten läßt. Eigenartigerweise findet sich diese Unklarheit — essenische Präsenz nur in Qumran oder im ganzen Land — sowohl in den Berichten über die Essener als auch in den Qumran-Schriften selbst.4 Die beiden heidnischen Autoren dagegen wissen nur von dem einen essenischen Zentrum.

Laut Plinius5 waren die Essener eine isolierte Wohngemeinschaft westlich des Toten Meeres, und die Stadt Engada (= En Gedi) lag im Süden ihres Zentrums. Ein Zeitgenosse des Plinius, Dio Chrysostomus (ausgehendes 1. nachchr. Jh.),6 hat die Stätte der Essener als eine glückliche Stadt am toten Wasser beschrieben. Auf der anderen Seite berichten die beiden jüdischen Autoren, Philon und Josephus, nichts von einem essenischen Zentrum, dagegen erwähnen sie essenische Präsenz im ganzen Lande. Philon schreibt, die Essener leben überwiegend in Dörfern und meiden die Städte wegen der Unsittlichkeit der Stadtbewohner (Quod omnis probus 12 [75 f.]). Doch an anderer Stelle sagt er, daß sie auch in vielen judäischen Städten lebten (Hypothetica 11,1). Laut Josephus wohnen sie nicht an einem Ort, sind dagegen in jeder Stadt zahlreich anzutreffen (bell 2,124). Der Widerspruch zwischen den beiden heidnischen und den beiden jüdischen Schriftstellern könnte nicht größer sein. Man kann vermuten, daß die beiden jüdischen Autoren die essenischen Stätten im ganzen Land kannten, während die beiden nicht-jüdischen nur das auffallende essenische Zentrum in Qumran bemerkten.

Hier ist zu beachten, daß zumindest einer von den heidnischen Autoren offenbar aus erster Hand über die Essener informiert war. Es wird berichtet,7 daß Dio Chrysostomus Vespasian in Alexandria getroffen hat, wo dieser von Winter 69 bis Frühsommer 70 (n. Chr.) auf seinem Weg nach Rom Station machte.8 In diesem Falle hätte Dio Chrysostomus weitere zuverlässige Auskunft über die Essener direkt von Vespasians Offizieren erhalten können. Früher hat man einmal angenommen, der andere nicht-jüdische Informant über die Essener, Plinius d. A., habe im Jahre 70 (n. Chr.) Israel besucht, doch ist in seinem ganzen Buch keine solche Reise erwähnt und auch sonst findet sich in seinen Schriften kein Anhaltspunkt dafür, daß er Judäa aus eigener Anschauung gekannt habe. Und die Identifizierung eines Mannes von einer Inschrift aus Arad mit Plinius9 scheint doch recht zweifelhaft. Wie dem auch sei, die Diskrepanz zwischen den Aussagen der beiden nicht-jüdischen und der beiden jüdischen Schriftsteller bezüglich der Wohnstätten der Essener bleibt bestehen und ist bis jetzt noch nicht befriedigend erklärt worden.

Weiter kompliziert wird die Situation dadurch, daß eine ähnliche Diskrepanz in den Schriften der Essener selbst zu beobachten ist. Dort gibt es Belege dafür, daß die Essener auch an anderen Orten wohnten.10 In der Damaskus-Schrift (12,19) ist das „Treffen der Städte Israels“  erwähnt, und die Mitglieder des Bundes dürfen am Sabbat nur „1000 Ellen außerhalb der Stadt“ gehen (CD 10,21). Diese Aussagen sind allerdings nicht ganz stichhaltig, denn die Damaskus-Schrift spricht von einer Gemeinschaft anderer Art, die nicht ganz mit den Qumran-Essenern übereinstimmt. Doch eine weitere Stelle aus 1QS 6,2-8 (I/CD 13,10) belegt, daß die Qumrangemeinde nicht nur innerhalb der Grenzen ihres Zentrums lebte.11 Dort ist von der Existenz kleinerer Essenergemeinden außerhalb Qumrans die Rede: „an all ihren Wohnorten“  . Die kleinste dieser Gemeinschaften, eine Gruppe von zehn Mann, sollte einen Priester bei sich haben, um den Segen über die Mahlzeiten zu sprechen. Auf der anderen Seite finden sich Belege für die Konzentration von Essenern in der Wüste in den Qumran-Schriften. In 4QpPsa 3,1 werden sie als diejenigen angesprochen, „die in die Wüste zurückkehren“  .12 Laut Aussage der Kriegsrolle (1,2 f.) sind sie die „Verbannten der Wüste“, und sie sollen den endzeitlichen Kampf führen, „wenn die Verbannten der Söhne des Lichts aus der Wüste der Völker zurückkehren, um sich in der Wüste Jerusalems niederzulassen“.13 Sie betrachteten ihren Auszug in die Wüste als religiöse Pflicht, weil — laut Jes 40,3 — Gott geboten habe: „In der Wüste bereitet dem Herrn den Weg“ (1QS 8,13-16).14 Nun sei die Zeit gekommen, „den Weg in die Wüste vorzubereiten“ (1QS 9,20-22), um sich „abzusondern vom Wohnort der Männer der Bosheit“ (1QS 8,13, vgl. 9,20 f.).15

So besteht dieselbe Unklarheit sowohl in den Quellen über die Essener als auch in den Qumran-Schriften selbst: einerseits wohnten essenische Gruppen über das ganze Land verstreut, andererseits hatten sie ihren Schwerpunkt in der Wüste. Auf den ersten Blick scheint dieses Problem leicht zu lösen. Wie schon Schürer schreibt: „Man würde . . . sehr irren, wenn man . . . sich verleiten ließe, sie nur in der Wüste Engedi am Toten Meere zu suchen. Vielmehr kann die dortige Niederlassung nur als eine der zahlreichsten vor andern sich ausgezeichnet haben.“16 Mit anderen Worten: Qumran als Hauptstadt und Zentrum des Essener-Reiches, mit weiteren Essenergruppen an der Peripherie.17 Diese Lösung ist insgesamt recht einleuchtend, doch einige Punkte bleiben ungeklärt. Durch den Rückzug in die Wüste wollten sich die Mitglieder der Sekte von den Wohnstätten der „Männer der Bosheit“ absondern, und das Bereiten des Weges des Herrn in der Wüste war in ihren Augen sicherlich ein absolutes biblisches Gebot. Doch wenn sie davon ausgingen, daß „nun die Zeit gekommen [sei], den Weg in die Wüste vorzubereiten“ — wie konnten etliche Mitglieder des Bundes sich über dieses Gebot der Stunde hinwegsetzen und in kleineren oder größeren Gruppen in ganz Judäa wohnen bleiben? Aber wir wissen doch, daß solche ideologischen und technischen Ungereimtheiten in der Geschichte solcher Bewegungen an der Tagesordnung sind und häufig nicht einmal als störende Widersprüche empfunden werden, zumal wenn das Ideal teilweise doch verwirklicht wird. In unserem Fall kam die Unstimmigkeit offenbar auch durch unbekannte historische Abläufe und schwer zu überblickende Ereignisse zustande.

Ein solches Ereignis war zweifellos der Auszug der Sekte in die Wüste, einschließlich der politischen Umstände, auf deren Hintergrund sich der Rückzug und die Gründung des Zentrums in Qumran vollzogen. Was also war der konkrete politische Anlaß zu diesem Auszug? Entsprang der Auszugsgedanke ursprünglich nur der dualistischen Vorstellung von einem revolutionären Zusammenschluß in der Wüste oder (zumindest auch) einer äußeren Notwendigkeit? Der Lehrer der Gerechtigkeit, der Gründer der Sekte, soll vom Bösen Priester „bis an den Ort seiner Verbannung verfolgt“ worden sein (1QpHab 11,4-8).18 Im Jahr 104-103 v. Chr., als Antigonus, der Bruder Aristobuls I., getötet wurde, befand sich der Essener Judas mit seinen Anhängern noch — oder wieder — in Jerusalem,19 Der Essener Menachem soll König Herodes noch als Schuljungen getroffen und ihm seine Königsherrschaft vorausgesagt haben; diese sowie die spätere Prophezeiung hat höchstwahrscheinlich in Jerusalem stattgefunden.20 Aus diesem letzten Beleg darf doch wohl gefolgert werden, daß sich Essener bereits vor dem Erdbeben unter Herodes im Frühjahr 31 v. Chr.21 außerhalb der Wüste und wahrscheinlich auch in Jerusalem befunden haben. Nach Meinung von R. de Vaux22 hat dieses Erdbeben in der Geschichte der Qumrangemeinde eine entscheidende Rolle gespielt: der Schaden, den es in Qumran angerichtet haben soll, zusammen mit den guten Beziehungen der Essener zu Herodes hätten dazu geführt, daß die Gemeinde die Stätte für etwa drei Jahrzehnte während der Regierung Herodes d. Gr. verlassen hätte. Außerdem meint de Vaux zu wissen, daß die Gemeinde beim Regierungsantritt von Herodes Archelaos, in den Jahren 4-1 v. Chr., nach Qumran zurückgekehrt sei. Allerdings ergibt der archäologische Befund keine eindeutigen Hinweise auf schwere Schäden, die durch das Erdbeben verursacht sein sollen. Die Funde bieten auch keinen Anhaltspunkt für eine längere Unterbrechung der Siedlung in Qumran.23 Wie gesagt war auch Yigael Yadin dieser Ansicht. Gegen de Vaux gibt G. Vermes24 zu bedenken, daß die Entdeckung von mindestens zehn herodianischen Münzen in den Trümmern von Qumran doch gegen ein völliges Aufgeben der Stätte im Anschluß an das Erdbeben für den Rest der Regierungszeit des Herodes spreche.

Diese Fragen mußten zunächst geklärt werden, denn nach unserem Verständnis der Quellen bieten die Qumran-Schriften einen Beleg dafür, daß Mitglieder der Sekte zur Zeit der großen Hungersnot unter Herodes von Nisan 25 bis Nisan 24 (v. Chr.) in Qumran saßen.25 Dies war nicht die einzige Hungersnot in der Geschichte der Sekte: Josephus berichtet, daß im Jahre 65 v. Chr. ein heftiger Sturm die ganze Ernte vernichtet habe,26 auch weiß er von einer schweren Hungersnot, die Palästina in den Tagen des Kaisers Claudius heimgesucht habe.27 Doch paßt die Beschreibung der großen Hungersnot in den Qumran-Schriften am besten zu dieser extremen Notsituation unter Herodes. Nur im Zusammenhang mit dieser Unbill etwa sprechen sowohl Josephus (ant 15,300 f.) als auch die Qumran-Schriften (1QpPsa 2,1 und 2,4) ausdrücklich von Hungersnot und Pest.28 Betrachten wir nun den Bericht über die große Hungersnot unter Herodes bei Josephus (ant 15,299-316). Dabei dürfen wir nicht vergessen, daß die Erzählung tendenziös ist: Herodes d. Gr. ist der Held der Geschichte, und man hat vorgeschlagen,29 hier in Nikolaus von Damaskus, Herodes vertrautem Freund und Ratgeber, die Quelle des Josephus zu sehen.

2. Hungersnot, Naturkatastrophen und Epidemien unter Herodes I.

„Noch im selben Jahre, dem dreizehnten der Regierung des Herodes, wurde das Land von schweren Plagen heimgesucht . . . Zunächst entstand eine anhaltende Dürre, . . . und weil nun wegen des Mangels an Nahrungsmitteln die ganze Lebensweise sich änderte, entstanden Krankheiten und Seuchen, . . . Denn da es an Pflege und Nahrung für die Kranken fehlte, griff die Seuche immer weiter um sich . . . Als nun die Ernte dieses Jahres samt den vorhandenen Vorräten aus früheren Jahren ganz aufgezehrt war . . . blieb keine Hoffnung mehr übrig. Gleichwohl sann Herodes in dieser traurigen Lage auf Mittel, um die Not zu lindern. Das war indes schwierig, teils weil die Nachbarvölker selbst am Notwendigsten Mangel litten, teils weil ihm . . . das Geld dazu fehlte. Da er es aber für billig hielt, nichts unversucht zu lassen, um dem Elend abzuhelfen, ließ er alles, was sich an Gold- und Silbergerät im Königspalast vorfand, zusammenschmelzen und verschonte selbst die kostbarsten und kunstvollsten Erzeugnisse nicht. Das so erhaltene Geld schickte er dann nach Ägypten, dessen Verwaltung Petronius im Namen des Caesars führte. Obgleich sich nun nicht wenige, die in derselben Notlage waren, um Abhilfe an Petronius wandten, wollte er doch als besonderer Freund des Herodes dessen Untertanen zunächst das Leben erhalten. Er gestattete deshalb ihnen zuerst, Getreide auszuführen, und war ihnen beim Ankauf und der Ausfuhr desselben in jeder Hinsicht behilflich, so daß sie ihm zum größten Teile oder auch ganz allein ihre Rettung zu verdanken hatten. Als nun die Abgesandten mit dem Getreide ankamen, sorgte Herodes zunächst dafür, daß das Volk diese Hilfe nur ihm zuschrieb, und brachte dadurch nicht nur denen, die ihm früher feindlich gegenübergestanden hatten, eine bessere Meinung bei, sondern zeigte auch offenkundig, wie sehr er auf das Wohl des Volkes bedacht gewesen war . . . Weiterhin sorgte er dafür, daß die, denen ihr Vieh zugrunde gegangen war oder die dasselbe zur Nahrung verwendet hatten und deshalb weder Wolle noch sonstige Kleidungsstücke besaßen, im Winter nicht in Gefahr gerieten. Nachdem er das alles besorgt hatte, gedachte er auch den benachbarten Städten Hilfe zu leisten, indem er die Bewohner Syriens mit Saatgut versah, eine Maßregel, die den höchsten Nutzen versprach, weil hierdurch die Fruchtbarkeit des Landes wieder hinreichend gesichert war, so daß dem Mangel an Lebensmitteln gesteuert werden konnte . . . Durch diese seine Fürsorge und Güte gewann sich Herodes so sehr die Zuneigung der Juden, daß sie ihn nicht genug zu loben wußten, und daß der Haß, den er sich durch seine Mißachtung der heimischen Gebräuche zugezogen hatte, aus dem Herzen seiner Untertanen getilgt ward. Allseitig war man jetzt überzeugt, er habe durch seine opferwillige Hilfe in der schweren Zeit der Not seine früheren Fehler vollständig gutgemacht.“

Das ist, leicht gekürzt, der Bericht des Josephus über die Hungersnot und Epidemien unter Herodes. Herodes wird hier dargestellt als der Retter seines Landes aus übergroßen Nöten, die sein Reich zu vernichten drohten. Ein Bericht der Qumran-Gemeinde über dieselbe Notlage dürfte wohl auch tendenziös ausfallen, allerdings in umgekehrter Richtung. Und die historische Wahrheit liegt dann irgendwo zwischen den beiden Extremen, der optimistischen Schilderung eines Herodesanhängers und der sehr viel negativeren Darstellung der Hungersnot aus essenischer Sicht. Nun wollen wir zeigen, daß es einen Niederschlag der Hungersnot unter Herodes bei den Essenern tatsächlich gibt, und zwar an verschiedenen Stellen in den exegetischen Qumran-Schriften zur Bibel.30 Diese Stellen beleuchten nicht nur das Unglück selbst aus essenischer Sicht, sondern bieten auch neue Einblicke in die Geschichte der Sekte, denn das Geschehen im Zuge dieser Krise war in den Augen der Essener allem Anschein nach ein bedeutendes Ereignis ihrer Heilsgeschichte.

Wie bereits beobachtet ist in zwei der hierher gehörigen Texte nicht nur von Hunger, sondern auch von Krankheiten die Rede.31 Beim Lesen der ersten Stelle (4QpPsa 1,26-2,1) denkt man nicht auf Anhieb an eine konkrete historische Situation. Dort wird Ps 37,7 gedeutet als Hinweis auf „den Mann der Lüge, der viele verführte durch Worte des Trugs; denn sie hörten nicht auf den, der Wissen vermittelt, so daß sie umkommen werden durch das Schwert und durch Hunger und durch Pest.“ Der ,Mann der Lüge‘ ist der Anführer der Pharisäer, und ,der, der Wissen vermittelt‘, ist der Lehrer der Gerechtigkeit, der Gründer der Sekte.32 Hunger und Pest werden hier als göttliche Strafe gesehen.

Eine ausführlichere dramatische Darstellung der Hungersnot findet sich 4QpHosa 2,8-14. Die Stelle ist ein Kommentar zu Hosea 2,11 f.:, „Darum will ich mein Korn und meinen Most wieder nehmen zu seiner Zeit, und ihr meine Wolle und meinen Flachs entziehen, damit sie ihre Blöße bedeckt. Nun will ich ihre Schande aufdecken vor den Augen ihrer Buhlen, und niemand soll sie von meiner Hand erretten‘ (Hos 2,11 f.) — das ist so zu deuten, daß er (d. i. Gott) sie mit Hunger und Blöße geschlagen hat, so daß sie ein Greuel geworden sind in den Augen der Völker, auf deren Hilfe sie vertraut hatten, aber die werden sie nicht retten aus ihrer Not.“

Der Verfasser zieht die Bibelverse zur Schilderung der Hungersnot heran. Er spricht in seinem Kommentar von „Hunger und Blöße“; der Hunger ist im Bibeltext mit den Worten angedeutet: „ich will mein Korn wieder nehmen“, und der Mangel an Kleidung und allem Notwendigen durch: „ich will ihr meine Wolle und meinen Flachs entziehen, damit sie ihre Blöße bedeckt“. Das Fehlen von Wolle und Flachs hat eine schwere Textilkrise zur Folge. Eine solche Notsituation erwähnt Josephus ant 15,310: er berichtet ausdrücklich, Herodes habe dafür gesorgt, „daß die, denen ihr Vieh zugrunde gegangen war oder die dasselbe zur Nahrung verwendet hatten und deshalb weder Wolle noch sonstige Kleidungstücke besaßen, im Winter nicht in Gefahr gerieten.“

In einem anderen bedeutsamen Detail gehen die Angaben der Qumran-Schrift und der Bericht des Josephus auseinander. Laut Josephus hatte König Herodes zwar Mühe, der Lage Herr zu werden, weil er von den umliegenden Völkern keine Unterstützung erhielt, doch dank seiner persönlichen guten Beziehungen zu Petronius ging dann von Ägypten eine umfassende Hilfsaktion aus. Auf der anderen Seite zieht der essenische Kommentar Hos 2,12 heran und kommt zu recht anderem Ergebnis. Im Bibelvers steht: „Nun will ich ihre Schande aufdecken vor den Augen ihrer Buhlen, und niemand soll sie von meiner Hand erretten“, und der Essener sieht diesen Vers dadurch erfüllt, daß Gott Israel „mit Hunger und Blöße geschlagen hat, so daß sie ein Greuel geworden sind in den Augen der Völker, auf deren Hilfe sie vertraut hatten, aber die werden sie nicht retten aus ihrer Not“. Die Dissidenten in Qumran wußten auch, daß die Juden andere Völker um Hilfe gebeten hatten, aber sie berichten nur vom Ausbleiben der erhofften Unterstützung. Wie schon oben erwähnt, sind beide Berichte voreingenommen, und die historische Wahrheit liegt gewiß irgendwo in der Mitte. Wenn es sich bei der hier angesprochenen Hungersnot wirklich um die unter Herodes handelt, könnte man vermuten, daß die ägyptische Unterstützung doch nicht so reichlich war, daß sie der notleidenden Bevölkerung merkliche Erleichterung verschafft hätte. Wie wir noch beobachten werden, ist die negative Bewertung der ausländischen Unterstützung zur Zeit der Hungersnot nur ein Zug in dem ziemlich geschlossenen Bild dieser Notsituation, wie es sich in den Qumran-Schriften abzeichnet. Doch selbst nach eingehender Prüfung des gesamten in den Qumran-Schriften zu diesem Geschehen enthaltenen Materials werden wir, fürchte ich, nicht die ganze Wahrheit wissen.

Noch eine Stelle in den Qumran-Schriften (4QpPsa 2,9-11) kann zur Erhellung der näheren Umstände dieser Hungersnot beitragen. Es handelt sich um eine Deutung des berühmten Verses Ps 37,11: ,„Aber die Armen33 werden das Land ererben und sich ergötzen an der Fülle des Friedens‘ — das ist zu deuten auf die Gemeinde der Armen,34 die die Zeit des Fastens auf sich genommen haben, die gerettet werden aus allen Fallen Belials.“ Wir werden gleich sehen, was dieser Abschnitt mit unserer Frage zu tun hat. Das entscheidende Stichwort ist die „Zeit des Fastens“  , welche die essenische Gemeinschaft der ,Armen‘ auf sich nimmt, wofür sie dann vor dem Unheil errettet wird. Was ist die exakte Bedeutung dieses Ausdrucks?35

Wie wir noch sehen werden, kommt derselbe Ausdruck noch ein weiteres Mal in dieser Schrift vor (4QpPs 37 3,3). Außerdem erscheint ein recht ähnlicher Ausdruck, nämlich der „Tag des Fastens“  in der Damaskus-Schrift (CD 6,19). Dort wird verlangt, daß die Mitglieder des Bundes „den Sabbattag [halten sollen] und die Festzeiten und den Tag des Fastens entsprechend dem Gebot derer, die in den neuen Bund eingetreten sind im Lande Damaskus“ (CD 6,18 f.). Es ist zwar nicht völlig sicher, aber doch höchst wahrscheinlich, daß der hier genannte „Tag des Fastens“ identisch ist mit der im Psalmenkommentar erwähnten „Zeit des Fastens“. An allen drei Stellen steht für ,Fasten‘ die hebräische Vokabel (tacanit). Der einzige biblische Beleg für dieses Wort steht in Esra 9,5, wo es eine Form von Kasteiung, vielleicht Fasten, bezeichnet. Fasten ist dann die Hauptbedeutung der Vokabel im späteren Hebräisch.36 Es wird gemeinhin angenommen, daß mit dem Tag des Fastens in CD 6,19 der Versöhnungstag gemeint ist, dessen Erwähnung 1 QpHab 11,8 in der neueren Forschung berühmt geworden ist, weil sich der ganze Abschnitt dort (11,1-8) auf den speziellen Sonnenkalender der Sekte bezieht, der von anderen abgelehnt wurde. Das ist allerdings nicht mehr als eine Hypothese, und mir erscheint die Gleichsetzung des Fasttags aus der Damaskus-Schrift mit dem Versöhnungstag sogar höchst unwahrscheinlich, denn soweit ich weiß, wird für den Versöhnungstag nie das hebräische Wort tacanit verwendet. Andererseits kommt dieses Wort in der rabbinischen Literatur häufiger vor, und zwar besonders als Bezeichnung für außerordentliche öffentliche Fasttage, die bei allgemeinen Notsituationen, vorzugsweise Dürre, angesetzt wurden.37 Das paßt ausgezeichnet zu dem „Tag des Fastens“, den die Gemeinde auf sich nimmt und dank dessen ihr Leben aus dem Hunger errettet wird. Die Schwierigkeit ist die Stelle CD 16,18 f., wo der Fasttag in einem Atemzug mit dem Sabbat und den Festen genannt wird; demnach scheint es sich um einen festgesetzten Tag im liturgischen Jahr der Sekte gehandelt zu haben. Es gibt viele Möglichkeiten, dieses Problem zu lösen, doch ohne weiteres Material bleiben sie doch rein hypothetisch.

Doch nun zurück zu den dramatischen Vorgängen um die große Hungersnot, wie in den Qumran-Schriften geschildert.38 Die „Zeit des Fastens“ wird an noch einer Stelle im Sektenkommentar zu Psalm 37 erwähnt (4QpPsa 3,2-5). Es handelt sich um eine Deutung von Ps 37,19b-20a: „,Und in den Tagen des Hungers werden sie satt. Denn die Gottlosen werden umkommen‘ — das ist darauf zu deuten, daß er sie am Leben erhalten wird während des Hungers zur Zeit des Fastens, und viele werden umkommen durch Hunger und Pest, alle, die nicht ausgezogen sind,39 um zu weilen bei der Gemeinde der Auserwählten.“ Der Wert dieser Stelle besteht hauptsächlich darin, daß sie Auskunft gibt über die Rolle, welche die essenische Gemeinschaft — zumindest in ihren eigenen Augen — während der großen Hungersnot spielte. Weiter oben in derselben Schrift (2,11 f., s. o.) haben wir gelesen, daß die Gemeinde der,Armen‘ den Tag des Fastens auf sich genommen hat, woraufhin ihre Mitglieder aus den Fallen Belials errettet wurden. Nun sehen wir, daß nach ihrem Dafürhalten wiederum dieser Fasttag sie errettet hat, diesmal zur Zeit der großen Hungersnot. So hatte dieses Fasten dieselbe Funktion wie sonst öffentliche Fasttage, die Juden in der Regel bei Dürre ansetzen. Ohne die Aufzählung von CD 6,18 f., wo der ,Fasttag‘ in einer Reihe mit Sabbat und Festzeiten und somit als fester Bestandteil des Sektenkalenders erscheint,40 könnte man annehmen, daß die Sekte einen besonderen Fasttag zum Gedenken an die große Hungersnot eingeführt hätte. In jedem Fall glaubten die Mitglieder des Bundes, daß der „Tag des Fastens“ der religiöse Akt sei, der sie „am Leben erhielt während des Hungers“ und in der Zeit der Pest. Viele starben damals „durch Hunger und Pest“, doch die Gemeinde der von Gott Erwählten wurde errettet, zusammen mit denen, die mit ihnen auszogen. Es ist wahrscheinlich, daß die Errettung der essenischen Gemeinde aus der Hungersnot nicht nur ein direktes himmlisches Eingreifen als Antwort auf das Fasten der Gemeinde war, sondern auch durch gewisse irdische Umstände bewirkt wurde, welche wiederum mit dem Fasten zusammenhingen. Der Schlüssel zu einer weniger übernatürlichen Erklärung liegt in der Beobachtung, daß nicht nur die Angehörigen der Gemeinschaft aus der Hungersnot errettet wurden, sondern auch die, die „ausgezogen sind, um zu weilen bei der Gemeinde seiner Auserwählten“.

Josephus schreibt (ant 15,302) über die Hungersnot unter Herodes:

„Als nun die Ernte dieses Jahres samt den vorhandenen Vorräten aus früheren Jahren ganz aufgezehrt war und das Übel von Tag zu Tag wuchs, blieb keine Hoffnung mehr übrig. Denn da selbst das aufbewahrte Saatgut verzehrt war, war auch für das kommende Jahr auf keinen Ertrag zu rechnen“

— wie das bei Hungerkatastrophen nicht selten der Fall ist. Eine Maßnahme in solchen Fällen ist die, die der biblische Joseph ergriffen haben soll: eiserne Vorratshaltung. Solche Voraussicht von seiten der Essener wird in unseren Quellen nirgends berichtet, doch man braucht kein Experte in Wirtschaft oder Archäologie zu sein, um zu merken, daß die essenische Gemeinde für solche Notfälle besser gerüstet war als andere. Die riesigen Vorratshäuser in Qumran sind der sichtbare Ausdruck der wahrhaft bewundernswerten Gütergemeinschaft, die unter den dortigen Essenern geübt wurde.41

„Es besteht nämlich die Vorschrift, daß jeder, der der Sekte beitreten will, sein Vermögen der Gesamtheit abtreten muß, und so bemerkt man durchgehend weder niedrige Armut noch übermäßigen Reichtum, sondern alle verfügen wie Brüder über das aus dem Besitztum der einzelnen Mitglieder gebildete Gesamtvermögen“ (bell 2,122).

Diese Auskunft wird auch bestätigt durch eine andere Mitteilung des Josephus: „zu Verwaltern ihrer Einkünfte vom Feldertrag wählen sie tüchtige Männer . . .“ (ant 18,22).42

All dies zeigt, daß die Essener bessere Aussichten hatten, eine Hungersnot nicht nur zu überleben, sondern auch relativ gut zu überstehen. Mag es auch in jeder Stadt ein essenisches Vorratshaus gegeben haben, aus dem sich reisende Mitglieder der Sekte verpflegen konnten (wie Josephus schreibt, bell 2,124 f.), so kann die Angabe von 4QpPsa 3,2-5 sich nur auf das Zentrum in Qumran beziehen. Dort steht: „viele werden umkommen durch Hunger und Pest, alle, die nicht ausgezogen sind, um zu weilen bei der Gemeinde seiner Auserwählten“. Das bedeutet, daß alle, die bei den Essenern Hilfe suchten, hinausgehen mußten in deren Zentrum, um bei der Gemeinde von Gottes Erwählten zu sein. Das Fasten der Essener und die Vorratshäuser von Qumran haben ihnen buchstäblich das Leben gerettet. Übrigens, ohne diesen neuen Qumrantext würde es mir wohl schwerfallen, Josephus‘ Worten Glauben zu schenken, wenn er sagt (bell 2,134), daß jeder Essener ohne Rücksprache mit seinen Vorgesetzten das Recht hatte, Bedürftige aus der gemeinsamen Kasse zu unterstützen. Ich muß zugeben, daß ich vor der Auffindung der Rolle eher zu der Ansicht neigte, daß Josephus mit der schrankenlosen Gastfreundschaft der Essener etwas übertreibe und daß die Praxis wohl weniger großmütig ausgesehen haben dürfte, schon wegen des heiligen Hasses, den die Essener gegen die nicht-essenische Umwelt hegten. Nun sehe ich, daß Josephus‘ Aussage ernster zu nehmen ist, als ich gemeint hatte. Wie wir aus der Rolle erfahren, wurden in den Tagen der großen Hungersnot diejenigen, die in die Wüste hinausgingen, um im essenischen Zentrum mit Gottes auserwählter Gemeinschaft zusammenzusein, errettet. Das heißt, daß die Qumranleute sie mit Nahrung versorgten. Das also ist der reale Beweis der sprichwörtlichen Gastfreundschaft der Essener.

3. Unterschiedliche Urteile: Josephus und die Qumran-Schriften

Unsere Ausführungen nähern sich dem Ende. Doch um zu unserem Ziel zu gelangen, mußten wir den Umweg über die Frage nach dem Wohnsitz der Essener laut fremder und eigener Aussage machen. Beide Arten von Quellen wissen um die verschiedenen Wohnstätten der Essener im ganzen Land sowie um ihr Zentrum am Toten Meer. Ihr Auszug in die Wüste wurde veranlaßt durch Jes 40,3: „In der Wüste bereitet den Weg des Herrn.“ Ich nehme an, daß seinerzeit, in der Frühzeit der Bewegung, mehr oder weniger die ganze Gemeinde diesem göttlichen Aufruf Folge leistete und so die Absonderung von den Wohnstätten der Bösen vollzog (1 QS 8,13). Später wurden dann kleinere Gemeinden auch anderswo gegründet, doch Qumran blieb das Verwaltungszentrum der Sekte. Laut dem Sektenkommentar zu Ps 37,19b-20a (s. o.) öffneten die Essener offenbar zur Zeit der großen Hungersnot in ihrem Zentrum zu Qumran einen Vorrat an Lebensmitteln. Aus den riesigen Vorratshäusern in Qumran konnten sie nicht nur sich verpflegen, sogar außerdem noch diejenigen, die hinauszogen in ihren Wüstenschlupfwinkel, um sich ihnen anzuschließen. Sie glaubten, daß dieses Heil nur durch das öffentliche Fasten der Gemeinschaft und durch das darauf folgende göttliche Eingreifen bewirkt wurde. Wie oben angedeutet, waren die in Qumran gelagerten Lebensmittel wohl eine massive Stütze dieser essenischen Ansicht.

In den Augen der Essener war die große Hungersnot ein bedeutsames Ereignis ihrer „Heilsgeschichte“. Wir sind ziemlich sicher, daß es sich um die Hungersnot unter Herodes von Nisan 25 bis Nisan 24 (v. Chr.) handelt. Sollte aber die gelegentlich in der Forschung vertretene Annahme richtig sein, wonach Qumran während Herodes‘ Regierungszeit dicht besiedelt war, dann könnte nicht diese Hungersnot gemeint sein, denn in ihrem Zusammenhang spielte ja gerade das Zentrum in der Wüste eine wichtige Rolle. Deshalb mußten wir zunächst den gesamten Fragenkomplex aufrollen. Unsere Untersuchung hat zu dem Ergebnis geführt,daß es keine stichhaltigen Beweise für eine Unterbrechung der Besiedelung von Qumran unter Herodes gibt. Dagegen gibt es unverkennbare Hinweise darauf, daß die Essener gerade zu jener Zeit in Qumran saßen. Wit können zwar die Möglichkeit nicht völlig ausschließen, daß die in den Qumran-Schriften erwähnte Hungersnot eine andere war als die unter Herodes,43 aber Umfang und Ernst der dort geschilderten Katastrophe passen recht gut zu der großen Hungersnot unter Herodes, wie Josephus sie ausführlich beschreibt (ant 15,299-316 — s. o.).

Wie wir gesehen haben, sprechen sowohl Josephus als auch die Qumran-Schriften von Hunger und Pest. Gott hat das Land mit Hunger und Pest geschlagen und viele sind umgekommen (vgl. Josephus ant 15,301). Die Ernte war vernichtet und die Vorräte aufgezehrt (ebd. 302). Außerdem bestand akuter Mangel an Bekleidung, denn vielen „war ihr Vieh zu Grunde gegangen“ oder sie hatten es „zur Nahrung verwendet“ und besaßen deshalb „weder Wolle noch sonstige Kleidungsstücke“, um im Winter ihre Blöße zu bedecken (ebd. 310). Das sieht wirklich aus wie die Erfüllung der Prophezeiung Hos 2,11: „Darum will ich mein Korn und meinen Most wieder nehmen zu seiner Zeit und ihr meine Wolle und meinen Flachs entziehen, damit sie ihre Blöße bedeckt“ —wie im Sektenkommentar zu Hosea (4QpHosa 2,8-15) ausgeführt. Der Unterschied zwischen der Darstellung in den Qumranschriften und der bei Josephus besteht in der Frage, wer die Rettung bewirkt hat (Gott oder Herodes) und wie sie beschaffen war (übernatürlich oder materiell). Selbst Josephus (ebd. 305) muß zugeben, daß auswärtige Unterstützung nicht leicht zu gewinnen war, weil die umliegenden Völkerschaften kein Getreide verkaufen konnten (oder wollten?). Die Hilfeleistung des römischen Statthalters von Ägypten wird in den Sektenschriften nicht erwähnt, vielmehr steht dort zu lesen, die Juden sind „ein Greuel geworden in den Augen der Völker, auf deren Hilfe sie vertraut hatten, aber die retten sie nicht aus ihrer Not“ (4QpHosa 2,12-15). Dieser Widerspruch zwischen den beiden Quellen läßt sich aufgrund ihrer unterschiedlichen Tendenz ohne weiteres erklären: Als Historiker, der für ein römisches Publikum schrieb, tendierte Josephus verständlicherweise dazu, die Verdienste des Herodes und der Römer, die er in seiner Quelle erwähnt fand, hervorzuheben, wohingegen die Essener insgesamt dazu neigen, die reale Geschichte in düsteren Farben zu schildern. Wenn unsere Annahme richtig ist, daß es sich bei der in den Qumran-Schriften erwähnten Hungersnot um die unter Herodes handelt, geht aus dieser verschiedenartigen Darstellung hervor, daß weder Herodes noch der römische Statthalter imstande waren, die Not der Hunger leidenden Bevölkerung wirksam zu lindern. Die Qumran-Sekte ihrerseits war natürlich daran interessiert, auswärtige Hilfeleistung herunterzuspielen, weil sie davon überzeugt war, ihr Fasten hätte ein göttliches Eingreifen und damit die Rettung ihrer Gemeinde sowie aller, die zu ihr hinauszogen, aus Hunger und Pest bewirkt. Diese Betrachtungsweise hat einiges für sich, zumal die göttliche Hilfe in gemeinde-interner Vorratshaltung einen konkreten Ansatzpunkt hatte.

Wie dem auch sei, ich hoffe, mit dieser Untersuchung einiger interessanter und bis dahin wenig beachteter Stellen aus den Qumran-Schriften die Aufmerksamkeit der Leser auf einen faszinierenden Abschnitt der alten Geschichte des jüdischen Volkes gelenkt zu haben.

  1. Englisch erschienen in „The Israel Museum Journal“ VI (spring 1987), 7-16. Deutsche Übersetzung von Dr. Dafna Mach, Jerusalem.
  2. Die im folgenden ständig zitierte Literatur ist folgende: Maurya Horgan, Pesharim, Qumran Interpretations of Biblical Books (The Catholic Biblical Quarterly Monograph Series 8), I-II: Texts, Translations and Interpretations, Washington, D.C., 1979; Bilha Nitzan, Pesher Habakkuk, Text, Introduction and Commentary (hebr.), Jerusalem 1986; Jacob Licht, The Rule Scroll, Text, Introduction and Commentary (hebr.), Jerusalem 1965; Chaim Rabin, The Zadokite Documents, edt., transl. a. annot., Oxford 1954; Emil Schürer, The History of the Jewish People, rev. a. edt. by G. Vermes a. F. Millar, I-II, Edinburgh 1973/79; M. Stern (Ed.), Greek and Latin Authors on Jews and Judaism, I Jerusalem 1974. Die deutsche Version der Josephus-Texte orientiert sich an der Übersetzung von H. Clementz (1899/1900), die der Qumran-Texte zum Teil an E. Lohse, Die Texte aus Qumran, hebräisch und deutsch. München 19712.
  3. R. de Vaux, Archaeology and the Dead Sea Scrolls. London 1973, 11, 20-24, 33-36, 112 f.; J. Murphy-O'Connor, The Essenes and their History, in: RB 81 (1974), 215-244 et passim.
  4. Dazu Schürer II, 562 f. (mit Anm.) und Stern I, 479 f.
  5. Dazu Schürer II, 563 Anm. 6 und Stern I, 406 Anm. 204.
  6. Dazu Schürer a. a. O. und Stern I, 538 Anm. 251.
  7. Dazu Philostratus, The Life of Apollonius of Tyana 5,27 ff. ; vgl. auch W. Schmid in: PRE V (1905), 851. Zur Charakterisierung von Dio vgl. ebd. 5,37. Zu den freundschaftlichen Beziehungen zwischen Apollonius und Dio vgl. die Ausgabe von Philostratus‘ Leben des Apollonius von Tyana von V. Mumprecht, München 1983, 1084 Anm. 92.
  8. Dazu Schürer I, 500 f.
  9. Dazu Stern I, 465 f. und Schürer I, 502 Anm. 85, 87.
  10. Dazu Schürer II, 563 Anm. 5. CD 10,21 und 12,19 sind angeführt, um zu zeigen, daß auch in Städten Gemeinden saßen. Dazu Rabin, 53, 62; vgl. auch Schürer II, 576-578.
  11. Dazu Licht, 138-140.
  12. Dazu Horgan I, 53; II 197, 213.
  13. Dazu Y. Yadin, The Scroll of the War of the Sons of Light against the Sons of Darkness. Oxford 1962, 257.
  14. Dazu Licht, 177 f., 181, 197.
  15. Zum Text von 1QS 9,10-21 vgl. Licht, 197 Anm. sowie die Lesarten dort. Vgl. ferner A. Finkel, The Departure of the Essenes, Christians . . . from Jerusalem, in: Wie gut sind deine Zelte Jaakow (FS R. Mayer), Gerlingen 1986, 33-35.
  16. Schürer II, 563. Deutsches Zitat bei E. Schürer, Geschichte des jüdischen Volkes im Zeitalter Jesu Christi, II Leipzig 18983, 562.
  17. Dies war Yadins Gedanke (Privatgespräch). Er meinte, nur die Leitung der Sekte sei verpflichtet gewesen, das göttliche Gebot des Auszugs in die Wüste wörtlich zu befolgen. Er gründete diese seine Annahme auf 1QS 8,1-16. Zur Frage einer essenischen Zentralverwaltung vgl. Licht, 167 f.
  18. Dazu Horgan I, 8; II, 19, 49 und Nitzan, 190 f. 1QH 4,9 schreibt der Erzähler, er sei aus seinem Land vertrieben worden wie ein Vogel aus seinem Nest, und manche fassen dies als Selbstaussage des Lehrers der Gerechtigkeit auf. Diese Annahme scheint mir aber verfehlt, vielmehr erinnert mich die Formulierung von 1QH 4,9 an PsSal 17,16 ff. : „Die da liebten die Versammlungen der Frommen, flohen von ihnen, wie Vögel wurden sie verstreut von ihrer Wohnung. Sie irrten in der Wüste umher, damit ihre Seelen vom Unheil gerettet werden könnten.“ (Dt. Übersetzung bei S. Holm-Nielsen, Die Psalmen Salomos [JSHRZ IV/2], Gütersloh 1977).
  19. Dazu Josephus, ant 13,311-313 und bell 1,70-80.
  20. Dazu Josephus, ant 15,373-378 und Schürer II, 587.
  21. Dazu Schürer I, 301.
  22. Dazu oben, Anm. 2.
  23. Dazu P. Bar-Adon, in: Eretz Israel (FS Shazar) 10 (1971), 72-89, bes. 87 Anm. 15, wo B. Mazars Auffassung angeführt wird.
  24. Schürer II, 587 mit Anm. 60.
  25. Dazu Schürer I, 291, 315.
  26. Dazu Schürer I, 235 f. mit Anm. B. Es läßt sich nicht ganz ausschließen, daß sich eine Anspielung auf diese Hungersnot auch in den Psalmen Salomos (17,18 f.) findet, einer außerkanonischen hebräischen Schrift aus der Mitte des 1. vorchr. Jhs., erhalten nur in griechischer Übersetzung. Der dort erwähnte fremde Eroberer ist zweifellos Pompeius d. Gr., der Jerusalem im Jahre 63 v. Chr. einnahm; davon ist auch 17,11-16 die Rede. Wenige Verse später sagt der Dichter (17,18 f.): „Über die ganze Erde erfolgte ihre Verstreuung durch die Gesetzlosen, denn der Himmel hörte auf, die Erde mit Regen zu befeuchten; ewige Quellen aus der Urtiefe wurden zurückgehalten von den hohen Bergen her, denn da war keiner unter ihnen, der Recht und Gerechtigkeit übte.“ Wenn hier eine chronologische Reihenfolge eingehalten ist, müßte die Dürre später gewesen sein als Herbst 63 v. Chr. (dazu Schürer I, 236 Anm. 7), aber der Verfasser von PsSa117 braucht nicht streng chronologisch vorgegangen zu sein.
  27. Dazu Schürer I, 457 mit Anm. B. Vgl. auch L. H. Feldmans ausgezeichnete Anmerkung zu seiner Übersetzung von Josephus, Jewish Antiquities IX (LCL 433), London 1965, 416 f. zu ant 20,51. Dort verweist er u. a. auf Apg 11,28-30. Laut Feldman war die Hungersnot im Jahr 46 oder 47 n. Chr., vielleicht im Frühjahr, Schürer dagegen verlegt sie ins Jahr 44 n. Chr.
  28. In beiden Fällen wird Pest im Bibelvers (Ps 37,7.19b-20a) nicht erwähnt.
  29. Das ist die Meinung von H. Otto, Art. „Herodes“, in: PRE Suppl. 2 (1913), Sp. 80. Vgl. auch die Anmerkung von R. Marcus zu seiner Übersetzung von Josephus, Jewish Antiquities VIII (LCL 410), London 1963, 143 zu ant 15,299.
  30. Drei einschlägige Stellen stehen 4QpPsa 1,26-2,1; 2,9-11 und 3,2-5; die vierte 4Qp-Hosa 2,8-14.
  31. Vgl. oben, Anm. 27.
  32. Vgl. dazu meinen Aufsatz Pharisäer, Sadduzäer und Essener in Pescher Nahum, in: K. E. Grözinger (Hg.), Qumran. Darmstadt 1981 (WdF 410), 121-166.
  33. Als „arm“ wurde die hebräische Vokabel auch in den griechischen Bibeln aufgefaßt.
  34. Dazu Horgan II, 206 f.
  35. Zu unserer Stelle vgl. auch Nitzan, 135 Anm. 42 und zu dem Ausdruck vgl. Horgan II, 207 und Rabin, 25.
  36. Horgan, 207. In der Tempel-Rolle kommt das Wort nicht vor.
  37. Dazu z. B. Schürer II, 483.
  38. Ich hoffe deutlich gemacht zu haben, daß die untersuchten Stellen von historischen Ereignissen sprechen und nicht von endzeitlicher Hungersnot und Pest, wie Horgan, 307, sie versteht. Eschatologisches und vergangenes historisches Geschehen liegt in den Sekten-Kommentaren eng beieinander, daher ist die Unterscheidung zwischen Eschatologie und echten historischen Anspielungen manchmal schwierig. In unserem Fall jedoch besteht kein Zweifel, daß die Hungersnot in der Vergangenheit stattgefunden hat, denn in 4QpHosa 2,12 steht ausdrücklich: „Gott hat sie mit Hunger und Blöße geschlagen“.
  39. An dieser Stelle fehlen ein paar Buchstaben; Horgan (II, 214) ergänzt mit Strugnell „von hier“, ich würde lieber lesen „dorthin“ — beide Lösungen sind möglich und machen keinen wesentlichen Unterschied.
  40. In jedem Fall gehörte der Fasttag nicht zum Tempel-Kalender der Sekte, denn im Kalender der Tempel-Rolle kommt er nicht vor.
  41. Dazu Schürer II, 566, 578 mit Anm. 11.
  42. Vgl. Schürer II, 566 Anm. 22.
  43. Eine andere Hungersnot, die in Frage käme, ist die unter Claudius (s. o. Anm. 26). Das ist allerdings recht unwahrscheinlich, u. a. deshalb, weil diese Hungersnot vermutlich später liegt als die Abfassung von 1QpPsa. Eine Dürre gab es auch in den Tagen von Schimon ben Schetach, der in den Jahren 90-70 v. Chr. lebte (vgl. Schürer II, 361 mit Anm. 16). Außerdem wird berichtet, daß es dem berühmten Choni/Onias gelungen sei, diese Dürre zu endigen (dazu Schürer I, 235 f. mit Anm. 6), aber über das Ausmaß dieser Katastrophe wissen wir nichts.

Jahrgang 2/1995 Seite 93


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