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In memoriam

Der zornige Prophet Yeschayahu Leibowitz 1903-1994

Am 18. August 1994 ist Professor Yeschayahu Leibowitz in der Nacht still verstorben. Drei Tage zuvor hatte er noch in der Hebräischen Universität Jerusalem eine Konferenz für Studierende abgehalten. Nach einem Bericht von Haim Musicant (Jüd. Rundschau, Basel, 19. Sept., französ. Teil S. 7) hat er dabei in seiner gewohnt scharfkantigen Sprache u. a. folgende Sätze von sich gegeben: „Der Friede im Staat Israel ist nur auf einer Basis des Teilens möglich. Dieses Land ist ja für die Israelis und für die Palästinenser ihr Land . . . Unser Problem ist nicht Abraham, der vor 4000 Jahren gestorben ist; unser Problem sind die Israelis und die Palästinenser, die hier im Jahre 1994 leben.“

Professor Yeschayahu Leibowitz

AP Photo/str. AP by Archiv SLUG/Israel. ISRAEL OUT TV OUT (JA)

Yeschayahu Leibowitz ist 1903 in Riga geboren. Er studierte Chemie, Philosophie und Medizin. In diesen drei Fächern blieb er eine Kapazität und entwickelte sich darüber hinaus zum lauten Rufer besonders gegen politische Aktionen des Staates Israel und gegen religiöse und gesellschaftliche Konventionen. Er prangerte ziemlich alles als fragwürdig und gefährlich an, was von der Mehrheit unreflektiert bejaht wurde.

Weil ihm nichts so zuwider war wie eine mit Magie vermischte Religion, nannte er die Westmauer des Tempels „die religiös-nationale Diskothek“. Auch seine Urteile über das Christentum waren hart: Er empfinde „einen sehr tiefen Haß gegen das Christentum . . . Das Christentum ist die Bösartigkeit der heidnischen Welt gegen das Judentum. Mit keinem Vergleich kann wiedergegeben werden, was die Christen alles gegen die Juden getan haben: begriffliche und gedankliche Bösartigkeiten“ (so nach „Gespräche über Gott und die Welt“, Dvorah Verlag, Frankfurt 1990). In seiner einleitenden Kommentierung der „Acht Kapitel des Maimonides“ deutete er das Judentum als theozentrisch und das Christentum als anthropozentrisch und damit als heidnisch. Aber auch das Rabbinat und die religiösen Gruppen in Israel bekamen von ihm harte Schläge: „Die Stellung der Religion im Staat Israel gleicht jener einer Nebenfrau in einem weltlichen Regime. Beide Seiten freuen sich daran!“ Die Soldaten rief er auf, den Militärdienst in den besetzten Gebieten zu verweigern. Die Liste seiner Aufrufe, die weit übers Ziel hinausschossen, ist noch weit länger.

Es tut jeder Gesellschaft, jedem Staat und jeder Religion gut, wenn in ihrer Mitte von Zeit zu Zeit Propheten vom Zuschnitt eines Yeschayahu Leibowitz auftreten. Auch wenn ihre einzelnen Worte beleidigend und destruktiv sind, so ist doch ihr Wirken insgesamt ein unentbehrliches Salz für eine leicht ermüdende und zur Gedankenarmut neigende Öffentlichkeit. Auch die jüdisch-christliche Bewegung hat von seiner scharfen Infragestellung profitiert. Sein Andenken sei gesegnet.

C. Th.


Karl Popper 1902-1994

Am 17. September 1994 starb im Alter von 92 Jahren der Philosoph Karl Popper. Er wurde in Wien geboren und wuchs in einer großbürgerlichen Familie heran. Neben dem Studium von Physik und Philosophie arbeitete er als Tischler und Grundschullehrer. 1934 erschien sein Hauptwerk „Die Logik der Forschung“ und 1945 sein viel beachtetes Werk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“. In der Nazizeit emigrierte er nach Christchurch in Neuseeland, wo er bis zum Kriegsende dozierte. Von 1945 bis zu seiner Emeritierung lehrte er an der London School of Economics. Nach dem Tod seiner Frau verbrachte er seine letzten Jahre bei einer befreundeten Familie in Croydon, südlich von London.

Altbundeskanzler Helmut Schmidt verdankte dem Sozialdemokraten Popper den philosophischen Unterbau und die Bestätigung seines politischen Handelns. Er schreibt darüber in der „Zeit“ vom 23. September 1994: „Ich verdankte ihm [Popper] die rationale Begründung für meine instinktive Abneigung gegen alle Formen von politischen Utopien und Visionen, einschließlich der vielerlei Spielarten des Marxismus — und einschließlich der außenpolitischen Utopie einer Sicherheitspolitik auf der Grundlage der Bergpredigt, die gegenüber dem Sowjet-Imperialismus doch nur Appeasement war.“

bl

Zutiefst entsetzt über den Terroranschlag vom 19. Oktober 1994 in Tel Aviv drückt der Freiburger Rundbrief den Angehörigen sein Beileid aus und verbindet damit die Hoffnung, daß die Bemühungen um den Frieden in Israel dadurch nicht eingeschränkt werden.

Jahrgang 2/1995 Seite 74



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