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In memoriam

Markus Barth 1920-1994

Bereits am 1. Juli 1994 starb in Basel im Alter von 74 Jahren der evangelische Theologe Markus Barth. Er studierte unter anderem an der Ausbildungsstätte der Bekennenden Kirche in Berlin. Bis 1973 lehrte er in den USA, um dann die Nachfolge von Oscar Cullmann in Basel anzutreten. In den 60er und 70er Jahren hat M. Barth mehrere Versuche unternommen, mit den palästinensischen Führern in Beirut und Damaskus ins Gespräch zu kommen. Sein Diktum „Jesus war ein Palästinenser“ hat viel Staub aufgewirbelt.

Im ganzen war Barth durch und durch ein Vertreter einer christlichen Theologie des Judentums. Dies bezeugte er nicht nur durch seine neutestamentliche Exegese, sondern auch durch dogmatische Versuche. Das Abendmahl deutete er als eine mystische Gemeinsamkeit (communio) zwischen Juden und Christen.

C. Th.


Elias Canetti 1905-1994

Von spanisch sprechenden jüdischen Eltern wurde E. Canetti am 25. Juli 1905 in Bulgarien geboren. Seit 1913 wuchs er in Wien und später in Zürich heran. Nach dem Ersten Weltkrieg lebte er einige Zeit in Deutschland. Er war ein hochbegabtes Kind und beherrschte in kurzer Zeit fünf Sprachen und konnte später mühelos in sechs Sprachen schreiben und sprechen. Mit bewundernswerter Leichtigkeit eignete er sich ein universales Wissen an. 1938 emigrierte er nach England. Am 14. August 1994 ist er in Zürich gestorben.

Inm Alter von 25 Jahren schrieb er seinen ersten Roman: „Die Blendung“. Die Ästhetik dieses Buches eröffnet den Zugang zu seinen Komödien „Hochzeit“, „Die Befristeten“ und „Komödie der Eitelkeit“. In Canettis wichtigstem Werk „Masse und Macht“ findet sich der Kern seines kulturphilosophischen Denkens. Bei Erscheinen 1960 fand das Werk nicht nur zustimmende Kritik, vermutlich, weil die Komik des Romans häufig verkannt wurde. Erfolg auf breiter Ebene brachte ihm die Autobiographie und da besonders der erste Band „Die gerettete Zunge“. Sein letztes Buch trägt den Titel „Die Fliegenpein“.

Sein literarisches Wirken wurde mit verschiedenen Auszeichnungen gewürdigt, u. a. 1981 mit dem Literatur-Nobelpreis.

Kurz vor seinem Tod notierte Canetti: „Den Lebenden, die man gut kennt, hat man immer etwas vorzuwerfen. Den Toten aber ist man dankbar, daß sie einem die Erinnerung nicht verbieten.“

Als seinen Hauptfeind betrachtete er den Tod und bekämpfte ihn, hat ihn angeklagt und hat sich seinetwegen mit anderen Dichtern zerstritten — ein Leben lang. Weitere Feinde waren ihm Freud, Napoleon und Nietzsche. „Sage mir, mit wem du umgehst und ich sage dir, wer du bist.“ Gemäß dieser alten Volksweisheit kann man auf den Menschen Canetti schließen, wenn Namen von Menschen genannt werden, mit denen er im Gespräch, u. U. auch im Streitgespräch, war: Karl Kraus, der auf seine Entwicklung einen entscheidenden Einfluß genommen hat, Robert Musil, Hermann Broch, Isaak Babel und Bertold Brecht.

bl


Dieter Corbach 1931-1994, Köln

Am 17. Juli 1994 starb plötzlich und unerwartet Dieter Corbach, Lehrer und Prediger, ein Mann des jüdisch-christlichen Dialogs, mehr noch, ein Mann der Tat für Versöhnung und Gedenken. Er erforschte die Geschichte jüdischer Schulen in Köln, machte ehemalige Schüler und Schülerinnen in der ganzen Welt ausfindig, lud sie zu Begegnungswochen und zur Enthüllung der Gedenktafeln an ehemaligen jüdischen Einrichtungen ein.

1990 veranstaltete er in Eigenregie eine Wanderausstellung „Die Jawne zu Köln“ — zur Geschichte des ersten jüdischen Gymnasiums im Rheinland. Im Mai 1992 fuhr er nach Minsk, um den Ort zu sehen, wo am 24. Juli 1942 Kölner Juden ermordet wurden. Er setzte sich für ein Denkmal ein, das dort mit Unterstützung der Bundesregierung errichtet werden soll. Im August 1992 fuhr er ein zweites Mal nach Weißrußland, dieses Mal mit Geretteten und dem Retter nach Mir, zum 50. Jahrestag der Rettung. Dieser Besuch wurde in einem Fernsehfilm dokumentiert: „In der Löwengrube“, er wurde am 18. September 1994 im Süddeutschen Fernsehen gesendet.

In den letzten Tagen vor seinem Tod konnte er das Manuskript über die Deportation der Kölner Juden fertigstellen mit dem Titel: „6.00 Uhr ab Messe Köln-Deutz — Deportation 1938-1945“.

In den letzten Monaten seines Lebens war er unermüdlich tätig, für die Änderung der Kirchenordnung der Evangelischen Kirche im Rheinland in den Gemeinden zu werben. Der entscheidende Satz soll dann heißen: „Die Kirche bezeugt die Treue Gottes, der an der Erwählung Seines Volkes Israel festhält. Mit Israel hofft die Kirche auf einen neuen Himmel und eine neue Erde.“

Für die hebräische Gemeinde in Haifa war er „unser Mann in Deutschland“.

Elisheva Hemker


Jahrgang 2/1995 Seite 72



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