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Rubel, Nomi

Schwarz-braun ist die Haselnuß

Helmut Block Verlag, Magdeburg 1992. 767 Seiten.

Nomi Rubel, die heute über achtzigjährige in New York lebende Autorin, hat in diesem umfangreichen Roman die Geschichte ihrer Jugend in Magdeburg dichterisch gestaltet. Zwei historische Daten stellen die Pole des Geschehens dar, der Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 und Hitlers Machtergreifung am 31. Januar 1933, dem 23. Geburtstag der Heldin des autobiographischen Romans, die hier Andrea heißt.

Nomi Rubel hat das Buch ihren Eltern, ihren Söhnen und Enkeln, ihren im Holocaust ermordeten Verwandten, aber auch der jüdischen Gemeinde in Magdeburg von einst und jetzt, und ihren Jugendgenossen der sozialistischen Jugendbewegung in Magdeburg gewidmet.

„Schwarz-braun ist die Haselnuß“ stellt die erste Zeile eines alten deutschen Volksliedes dar, in welchem für Nomi Rubel noch einmal die nie bewältigte Vergangenheit aufklingt.

Der Lebensweg der Verfasserin führte von Magdeburg nach Jerusalem und weiter nach Amerika, aber die Wurzeln ihrer Existenz blieben doch in der Stadt ihrer Kindheit und Jugend.

Damit wird dieses Buch zum Dokument für eine Generation deutscher Juden, die die Wege der Emigration in die Weite der Welt geführt hat, und doch blieb wie ein Bodensatz die formende Epoche von Kindheit und Jugend zurück. Das Langgedächtnis des Alters bringt den Dämmer des Lebens in greifbare Nähe zurück.

Im Vorwort proklamiert Nomi Rubel: „Ich beschreibe die Menschen, die in Magdeburg miteinander gelebt haben, die Nichtjuden und die Juden. Je besser man sich kennt, desto vielversprechender sind die Aussichten, daß man in Frieden, ja in Freundschaft miteinander leben kann. In unserer heutigen Welt muß und soll sich niemand mehr ,fremd‘ bleiben; es kann nur noch ,Mitmenschen‘ geben, die miteinander versuchen, die vielen Gefahren in unserer Zeit zu überstehen, damit die Nacht, die sich am Ende des Buches ausbreitet, endlich überwunden werden und ein neuer Tag anbrechen kann.“

Der Zwiespalt zwischen Deutschtum und Judentum durchzieht wie ein Riß diese Kindheit und Jugend. Die Frage, die Gershom Scholem gestellt hat, ob es eine deutsch-jüdische Symbiose gegeben habe, wird hier existentiell gestellt, ohne eine eigentliche Lösung zu erfahren. Die Eltern, Elias und Astrid im Roman genannt, verkörpern zwei Grundhaltungen. Der Vater will sein jüdisches Erbe bewahren, die Mutter sucht den Anschluß an die deutsche Umwelt. An einem Weihnachtsabend kommt das zum Ausdruck. Während der Vater nur zögernd in die fremde Feier einstimmt, versucht die Mutter alles Trennende zu beseitigen. Anna, das Hausmädchen, steht gleichsam zwischen diesen beiden Gestalten, aber für die kleine Andrea gibt es das Problem noch nicht: ein Puppenhaus ist das große Erlebnis des Abends. Vielleicht ist auch das ein Symbol für eine künstliche Welt, die sich in einer kleinbürgerlichen deutsch-jüdischen Familie gebildet hat.

Ein Seder-Abend (erster Abend des Passah-Festes) ist gewissermaßen der Antipode zur Weihnachtsfeier. Noch einmal werden die alten Bräuche eines jüdischen Hauses wiederbelebt. Es ist bereits zur Kriegszeit, und Vater Elias zelebriert in der Uniform des deutschen Soldaten die Liturgie der festlichen Nacht.

Für die kleine Andrea bleibt alles Unverbunden als noch nicht weiter hinterfragte Wirklichkeit, aber in der ersten Religionsstunde bei Rabbiner Dr. Wilde stellt sie die Frage nach dem Verhältnis zu den Juden in anderen Ländern. Wie können diese Mitjuden Feinde sein, als Franzosen oder Engländer? Der spätere deutsche Militärrabbiner Dr. Wilde kann diese Frage nicht beantworten, und er meint dem Vater gegenüber, daß die Tochter mehr fragt, als er zu beantworten vermag.

In dieser ersten Religionsstunde (S. 121) lernen die Kinder das Glaubensbekenntnis „Schma Israel“, das der kleinen Andrea bzw. der alten Nomi nicht richtig im Gedächtnis geblieben ist. Es muß dort statt „Elohim“ (Gott) „Eloheinu“ (unser Gott) heißen. Sollte dem Buch eine weitere Auflage beschieden sein, so müßte dieses Fehlzitat aus Deuteronomium 6,4 korrigiert werden.

In einer oft fast zu ausführlichen Art werden dann die Jahre der Kindheit und Jugend, Kuraufenthalte im Harz, erste Liebe des jungen Mädchens und Erlebnisse der Schulzeit beschrieben, wobei erste Anzeichen des immer schwelenden Antisemitismus randhaft in Erscheinung treten.

Es folgen die schweren Jahre der Inflation. Das Schuhgeschäft der Eltern gerät in Schwierigkeiten, und die junge Andrea muß nach ersten Versuchen in Berlin auf journalistischem Gebiet nach Magdeburg zurückkehren, um dem Vater im Geschäft zu helfen.

Der Vater ist unterdessen einerseits in jüdischen Organisationen, aber auch in der SPD aktiv geworden. Andrea wurde in einem jüdischen Internat im Harz ihrem eigenen Ursprung genähert, sie heiratet natürlich einen Juden und hat einen Sohn, Joseph genannt, aber es gibt keine Zukunft mehr in Deutschland für ein junges jüdisches Paar.

Hier endet dieser Roman mit der schwarzen Nacht, die sich über Deutschland in einem Meer von Hakenkreuzfahnen ausbreitet. Wir dürfen gespannt sein auf die bereits im Manuskript vorliegende Fortsetzung.

Im Nachwort von Franz Pöggeler wird auf den dokumentarischen Wert dieses Romans hingewiesen, in dem die Autorin versucht, sich von der seelischen Bürde erlebter Vergangenheit freizuschreiben.

Nomi Rubel ist eine subjektive Dokumentation eines objektiven Schicksals gelungen. Es ist ein „Document humain“, für das wir ihr dankbar sein sollen und das vor allem einer neuen Generation in Deutschland den Blick auf die Vergangenheit eröffnet, die nur im Einzelschicksal voll erkennbar wird.

Schalom Ben-Chorin

Der Erstdruck ist erschienen in: Israel Nachrichten, 13. Mai 1994.


Jahrgang 2/1995 Seite 59



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