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Flusser, David

Das essenische Abenteuer

Die jüdische Gemeinde vom Toten Meer. Auffälligkeiten bei Jesus, Paulus, Didache und Martin Buber. Geleitwort von Clemens Thoma. Cardun AG, Winterthur 1994. 161 Seiten.

„Schon wieder ein Buch über Qumran“, mag man denken, nachdem ja in den letzten Jahren immer wieder reißerische Sensationen zu Papier gebracht wurden und nachdem in der vorletzten Ausgabe des Freiburger Rundbriefs schon „Qumran: Die Antwort“ vorgestellt wurde (Nr. 3-1993/94, 209-212). Bei Flussers Werk wird man allerdings auf keine neuen Sensationen stoßen, sondern es ist ein Beitrag zur Qumranforschung aus jüdischer Sicht. Schon seit Jahrzehnten ist ja der Name David Flusser ein Begriff für alle, die sich für den christlich-jüdischen Dialog interessieren.

Das Buch weist folgende Gliederung auf:

  • Die jüdische Gemeinde am Toten Meer
  • Die Zwölfapostellehre und Jesus
  • Die Essener und das Christentum
  • Bubers zwei Glaubensweisen.

Diese Abschnitte sind nicht aus einem Guß, sondern es handelt sich um gesammelte Publikationen von Flusser aus vergangenen Jahren. Die einzelnen Abschnitte seien nun kurz vorgestellt.

Die jüdische Gemeinde am Toten Meer: Dies ist der wichtigste und längste Abschnitt; er gibt eine solide allgemeine Einführung in das Wesen der Essener-Gruppe in Qumran. Die einzelnen Kapitel sind Hörfolgen vom israelischen Rundfunk aus dem Jahr 1982. Das wirkt sich dahin aus, daß sie gut lesbar und überschaubar gegliedert sind. Die zeitliche Einstufung unternimmt Flusser exakt, er zeigt auf, daß die Essener und die Qumran-Gemeinde identisch sind, und er grenzt sie auch ab gegenüber anderen jüdischen Gruppierungen jener Zeit. Außerdem geht er auf ihre theologischen Aussagen ein, wobei er vor allem die Prädestinations-Lehre in den Mittelpunkt stellt: Der Glaube, daß es vorherbestimmt sei, wer zu den Söhnen des Lichts und wer zu den Söhnen der Finsternis zählt, sei grundlegend für das ganze Denken der Essener. Auch das apokalyptische Gedankengut, das Verhältnis der Essener zu den anderen Juden und einzelne andere Aspekte beleuchtet er in diesem Abschnitt.

Die Zwölfapostellehre und Jesus: Hier unternimmt Flusser vor allem eine redaktionsgeschichtliche Untersuchung des Textes. Er vergleicht die Endfassung der Didache mit der jüdischen Urfassung. Bei der Urfassung geht es ihm natürlich um die Beziehungen zum essenischen Gedankengut. Schließlich gibt er noch den deutschen Text der jüdischen Quelle wieder.

Die Essener und das Christentum: Anhand von konkreten Texten (z. B. Mt 5,3-5) weist Flusser nach, wie Jesus von den Lehren der Essener beeinflußt war. Er weist aber klar darauf hin, daß trotz gewisser ähnlicher Aussagen die Lehre Jesu grundlegend von der der Essener abweicht. Dies wird vor allem an Jesu radikaler Aufforderung zur Nächstenliebe klar; die Essener haßten dagegen nach Flusser alle Andersdenkenden. Außerdem ist die Stellungnahme Jesu zu den Armen ganz anders als die der Essener. Neben diese Aussagen Jesu stellt Flusser eine sogenannte „zweite Schicht“ des Christentums: Dazu gehören Paulus, Johannes und die anderen Verfasser von neutestamentlichen Briefen. Diese Einteilung ist etwas problematisch, doch es sei hier nur gezeigt, welche Beziehungen Flusser zwischen dieser „zweiten Schicht“ und den Essenern sieht. Er erwähnt vor allem den Gegensatz Geist-Fleisch, den er bei beiden findet und der auch mit der Frage nach der Rechtfertigung zusammenhängt. Er kommt zum Schluß, daß die essenischen Gedanken diese „zweite Schicht“ des Christentums wesentlich geprägt haben.

Bubers zwei Glaubensweisen: Nur indirekt steht dieser Abschnitt, der ursprünglich ein Nachwort zu Bubers philosophischem Werk war, im Zusammenhang mit dem Hauptthema. Es handelt sich dabei eher um eine allgemeine Frage des jüdisch-christlichen Gesprächs. Flusser gibt Bubers These wieder, daß der jüdische Glaube dem hebräischen „Emuna“ entspräche, während der christliche Glaube mit dem griechischen „Pistis“ zu umschreiben sei. Buber stelle die „Pistis“ als ein „Glauben, daß . . .“ neben die „Emuna“, die ein umfassendes Glauben sei. Flusser widerspricht ihm, indem er den Graben zwischen diesen Glaubensweisen nicht zwischen Judentum und Christentum sieht, sondern innerhalb des Christentums. Jesus selber habe die „Emuna“ gehabt, und erst nach Ostern sei es zur Abspaltung der „Pistis“ gekommen. Im Neuen Testament erkenne man noch deutlich diesen Glauben Jesu, und Jesus selbst habe nie gefordert, daß man an ihn glauben solle. Das christologische Grundproblem bestehe darin, daß an Jesus für viele in den Mittelpunkt gerückt sei, so daß er den umfassenden Glauben an den allmächtigen Gott fast verdränge.

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß in diesem Werk keine umwerfenden Neuheiten auftauchen, aber daß es eine gute und klare Einführung in die Lehre der Essener und ihre Beziehungen zum Christentum gibt. Es ist aufschlußreich, diese Fragen auch einmal aus jüdischer Sicht beantwortet zu sehen statt nur von christlichen Autoren.

Martin Iten


Jahrgang 2/1995 Seite 47



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