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Bellow, Saul

Bellarosa Connection
Ein Diebstahl
Damit du dich an mich erinnerst

Saul Bellow, Bellarosa Connection. Novelle. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Helga Pletsch. 1992. 144 Seiten.

Ein Diebstahl. Novelle. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Willi Winkler. 1993. 160 Seiten.

Damit du dich an mich erinnerst. Novelle. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Leonore Schwarz. 1993. 80 Seiten.

Alle Bücher bei Kiepenheuer & Witsch, Köln. Amerikanische Taschenbuchausgabe: Something to remember me by. Signet Printing, 1991. Alle drei Novellen in einem Band.

Saul Bellow, der „grand old man“ der amerikanischen Literatur, Nobelpreisträger und mit vielen weiteren Preisen Geehrte, hat drei kleine – der Seitenzahl nach – Geschichten geschrieben, deren eine den bedeutungsvollen Titel trägt: Damit du dich an mich erinnerst. Ja, damit werden wir uns an ihn erinnern, an seinen knappen, verdichteten Stil, an seine herrliche Fähigkeit, Geschichten zu erzählen, so spontan, so persönlich, wie es einer zu Hause für seine Freunde tut. Von früher, von den Leuten, die er kannte, die er liebte, der Stadt seiner Kindheit, die nicht vergessen wer-den dürfen. Denn das ist sein unbedingtes Credo: nicht vergessen, sich erinnern, denn solange einer sich erinnert, lebt er wirklich und die Toten weiter. Denn wer seine Herkunft vergißt, der hat auch keine Zukunft. Das Erinnern ist das Thema von Bellarosa Connection. Der Ich-Erzähler hat es sogar zu seinem Beruf gemacht; er hat in Chicago ein Mnemosyne-Institut gegründet und ist damit sogar sehr wohlhabend geworden. Sein Erinnerungsinstitut oder seine Erinnerungstheorie soll aber nicht einen Computer ersetzen, der alle wichtigen und unwichtigen Daten speichert und finanziell dadurch vielleicht lukrativ ist, er will vielmehr die Gefühle erinnern helfen und die menschlich guten Begebenheiten von früher greifbar gegenwärtig erhalten. Nur dadurch, daß uns die Güte und Hilfsbereitschaft im Gedächtnis nicht verlorengehen, bleiben wir wirklich menschlich. Die Geschichte ist witzig, ironisch und sehr liebenswürdig und tief. Um was geht es? Erzählt wird die Flucht des 15jährigen Harry aus Italien im Krieg dank der Hilfe eines amerikanischen jüdischen, im Showbiz Prominenten, der aber mit dem von ihm Geretteten nichts zu tun haben will, vor allem keinen Dank. Nun, der eine will vergessen, der andere kann nicht, und das wird alles sehr unsentimental und voll sprühendem Esprit, sehr jüdisch, erzählt.

Damit du dich an mich erinnerst, aufgeschrieben von einem alten Vater für seinen erwachsenen Sohn, führt ins Chicago der Depression, wo der Erzähler mit seiner eingewanderten jüdischen Familie lebt in einer Welt, die voller gefährlicher und verführerischer und intellektueller Reize für den Siebzehnjährigen ist. Der Zwiespalt zwischen dem eher frommen Zuhause und der unfrommen Welt draußen wird geistreich und mit Selbstironie geschildert. Immer schimmert in der Novelle die Verwunde-rung über die Veränderung in der vergangenen Zeit durch.

Die dritte Erzählung, Ein Diebstahl, behandelt den Diebstahl eines Sma­ragdrings, den eine Karrierefrau aus New York von ihrem ersten Liebha­ber bekommen hat, an dem sie trotz folgenden vier Heiraten und drei Kindern, natürlich aus der großen Finanzwelt, immer noch sehr hängt, von dem sie auch gar nicht loskommen will. Saul Bellow weist auf den American way of life der 80er Jahre hin und fügt mittels einer jungen Österreicherin die „alte” Kultur Europas in das Geflecht. So viel anders ist Europa indessen auch nicht, wenn es auch in amerikanischen Augen etwa so aussehen mag. New York wird von der Protagonistin die Stadt von Gog und Magog genannt und sie ist reif für den Untergang. Die Un­verbindlichkeit und Oberflächlichkeit dieses Lebens ist auch wahrhaftig nicht mehr lebenswert. Die Novelle ist so amüsant geschrieben, daß die Spannung an den Ereignissen nie nachläßt. Der Pfeffer, mit dem Saul Bel-low die Welt der nicht mehr ganz jungen Yuppies beschreibt, ist typisch jüdisch geistreich, obwohl in dieser Erzählung nichts Jüdisches auf-taucht. Leider fehlt in den deutschen Büchern das aufschlußreiche Vorwort des Autors für die Signet-Ausgabe, in dem er seine Erfahrungen mit dem Schreiben am Ende des Jahrhunderts reflektiert.

Eva Auf der Maur


Jahrgang 2/1995 Seite 45



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