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Päpstliche Bibelkommission

Zum Dokument „Die Interpretation der Bibel in der Kirche“ vom 23. April 1993

Dr. Gerhard Bodendorfer-Langer, Salzburg, schreibt dazu in „Dialog“, der Zeitschrift des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit (Wien):

Dieses lesenswerte Dokument über die Exegese beinhaltet ein eigenes Kapitel zum Zugang zur Bibel über die jüdische Interpretations-Tradition (C.2.). Hierin steht Schrittweisendes für den Zugang zum Judentum in neutestamentlicher Zeit. So heißt es zu Beginn, daß die jüdische Welt dieser Zeit ,komplex‘ war. Es soll Schluß damit sein, Jesus einem Judentum gegenüberzustellen, das wie ein Block in sich geschlossen zu betrachten wäre. Es heißt zu den antiken jüdischen Übersetzungen:

Das Judentum hat eine außergewöhnliche Summe von gelehrten Mitteln im Dienst der Erhaltung des Textes des Alten Testamentes und der Sinnerklärung der biblischen Texte hervorgebracht. Zu allen Zeiten haben die besten christlichen Exegeten seit Origenes und Hieronymus versucht, die jüdische biblische Gelehrsamkeit für ein besseres Verständnis zu nutzen. Zahlreiche moderne Exegeten folgen diesem Beispiel.

Das Dokument lobt ferner die außerkanonische und zwischentestamentliche Literatur als Quelle für die Interpretation des Neuen Testaments und die verschiedenen Methoden der jüdischen Schriftauslegung. Die mittelalterlichen jüdischen Kommentatoren werden als große Grammatiker und Lexikographen wiederentdeckt. Und es heißt schließlich:

Der Reichtum des jüdischen Wissens von der Antike bis heute im Dienst der Bibel ist eine Hilfe ersten Ranges für die Exegese der beiden Testamente, jedoch unter der Bedingung, daß dieses Wissen sachgerecht eingesetzt wird. Das alte Judentum war sehr mannigfaltig. Die pharisäische Form, die später im Rabbinismus weiterlebte, war nicht die einzige Form. Die alten jüdischen Texte verteilen sich auf mehrere Jahrhunderte, und es ist wichtig, sie chronologisch einzuordnen, bevor man sie miteinander vergleicht.

Hierin ist eine Rüge an alle Experten verborgen, die Jesus und seine Botschaft einem späteren rabbinischen Judentum entgegenstellen und somit Vergleiche produzieren, die so nicht zu machen sind. Auch die — wegen der Stoffülle sicher lesbaren — Arbeiten von Strack/Billerbeck, wo rabbinisches Judentum, das über Jahrhunderte hinweg sich entwickelt und verändert hat, dem Neuen Testament wie ein erratischer Block gegenübergestellt wurde, müssen synchronen Analysen weichen. Die daraus entstandene einseitige Verzerrung des Judentumbildes müßte ein Ende haben. Die Vielfalt des Judentums, die unterschiedlichen Strömungen und Richtungen, die vielfältigen Entwicklungen und die Frage, wo und wie hier auch Jesus seinen Platz haben könnte, kommen in den Blick. Daraus wird deutlich, daß die Differenzen zwischen Christentum und Judentum möglicherweise nicht in den unterschiedlichen Grundbotschaften oder zeitgenössischen Aussagen bestanden, sondern Ergebnis einer weiteren unterschiedlichen Reflexion sind. Das wird im letzten Abschnitt des Dokuments deutlich ausgesprochen:

Vor allem ist der Gesamtrahmen der jüdischen und der christlichen Gemeinschaft grundlegend verschieden: auf jüdischer Seite geht es, wenn auch in mannigfaltigen Formen, um eine Religion, die ein Volk und eine Lebenspraxis bestimmt, und die auf einer geoffenbarten Schrift und einer mündlichen Tradition basiert, während auf christlicher Seite der Glaube an den gestorbenen, auferstandenen und lebendigen Jesus, der Messias und der Sohn Gottes ist, Fundament der Gemeinschaft ist. Diese zwei Ausgangspunkte schaffen zwei Kontexte, die trotz vieler Kontakte und Ähnlichkeiten für die Interpretation der Schriften radikal verschieden sind.

Der Vatikan bestätigt hiermit, daß die Differenzen zwischen jüdischer und christlicher Schriftauslegung nicht im Inhalt, sondern in der hermeneutischen Mitte der Exegese liegen. Tora und Christus heißen die beiden Pole, durch die und in denen Exegese geschieht. Der Vatikan leugnet somit nicht, daß es aufgrund des verschiedenen Zugangs zur Schrift Differenzen mit dem Judentum gibt, er betont aber dazu:

Trotzdem darf sie [die Schrift] deshalb der älteren, kanonischen Interpretation, die dem christlichen Osterglauben vorausging, nicht jene Bedeutung absprechen. Denn jede Phase der Heilsgeschichte muß auch in ihrem Eigenwert geachtet werden. Das Alte Testament seines Sinnes zu entleeren, hieße das Neue Testament von seiner geschichtlichen Wurzel abschneiden.


aus: Dialog. Christlich-jüdische Informationen. Nr. 14, März 1994. 12-14.


Jahrgang 2/1995 Seite 36



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