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Dieter Vetter

Leopold Zunz (Mit-)Begründer der Wissenschaft des Judentums

Lessing verteidigte sein frühes Aufklärungsdrama „Die Juden“ gegen den Vorwurf der schönfärbenden Darstellung mit einem Brief von Moses Mendelssohn. In ihm stellt der Leidgeprüfte dem jüdischen Arzt und Schriftsteller Aron Salomon Gumpertz die rhetorische Frage: „Ist es nicht genug, daß wir den bittersten Haß der Christen auf so manche grausame Weise empfinden müssen, sollen auch diese Ungerechtigkeiten wider uns durch Verleumdungen gerechtfertigt werden?“1 Lessing läßt seine Lustspielfigur, den Reisenden, die religiöse und ethnische Toleranz verfechten: „Sollen Treu und Redlichkeit unter zwei Völkerschaften herrschen, so müssen beide gleich viel dazu beitragen. Wie aber, wenn es bei der einen ein Religionspunkt und beinahe ein verdienstliches Werk wäre, die andere zu verfolgen?“2

„Verein für Cultur und Wissenschaft der Juden“

Sieben Jahrzehnte später verschaffte sich die christliche Bevölkerung nach schweren Mißernten, steigenden Brotpreisen sowie unter den sie belastenden Folgen aus der Aufhebung der Kontinentalsperre aus ihrer Verunsicherung ein Ventil in antisemitischen Ausschreitungen. Sie weckten unter jungen Juden das Verlangen, selbst für das Postulat der Aufklärung einzutreten, das Lessings Reisender in Worte kleidet. 1819 gründeten sie eine Gesellschaft zur Erforschung des Judentums, um den universalen Wert der jüdischen Kultur in das öffentliche Bewußtsein zu rufen und das Stereotyp des minderwertigen Juden zu widerlegen.

Nach dem Willen seines Präsidenten Eduard Gans sammelte der „Verein“ Intellektuelle, die der jüdischen Gemeinschaft geistig und religiös entfremdet waren, deren Herkunft, Erziehung und Kindheitserinnerungen sie jedoch dem Judentum verhafteten. Der „Verein“ sollte ihnen mit seinem wissenschaftlichen Anspruch die jüdische Überlieferung wieder anziehend werden lassen und sie ermutigen, auch ihren zurückgebliebenen Brüdern zur kulturellen Identität zu verhelfen, die sie selbst bereits wieder gewonnen hatten.

Der junge Historiker Leopold Zunz gesellte sich zu ihnen, um den „Verein für Cultur und Wissenschaft der Juden“ mitzubegründen. Er wollte das Judentum mit den zeitgemäßen Wissenschaftsmethoden erfassen, um das geistige Wesen des Judentums aufzudecken. Von der Aufklärung geleitet, betrieb er Philologie unter historischen Gesichtspunkten und nicht mehr aus religiösem Anliegen: „Von Allem, was wir denken und wollen, was wir empfinden und thun, liegt die bewegende Kraft in der Menschennatur: nur aus Gedanken und Thaten der Menschen sind ebensowohl Religion und Poesie als Wissenschaft und Philosophie hervorgegangen.“3 Er studierte die Schöpfungen des mittelalterlichen Judentums, damit er jedes Werk in seinen geschichtlichen Zusammenhang einordnen und dabei Kontinuitäten und Einflüsse erkennen könne.

Traditionelle jüdische Erziehung und jüdische Aufklärung

Leopold Zunz, wie er sich später nannte, wurde am 10. August 1794 in Detmold als Yom Tov Lippmann geboren. Sein Vater unterwies ihn in der hebräischen Sprache und Grammatik, im Pentateuch und im Schreiben des Judendeutschen. Mit fünf Jahren wußte er bereits einen hebräischen Wochenabschnitt aus der Tora auswendig und begann mit dem Talmud-Studium. Als der Vater starb, sah sich die Mutter gezwungen, ihren kaum achtjährigen Sohn auf eine Schule zu schicken, die kein Geld verlangte und darüber hinaus für seinen Unterhalt sorgte: Es war die Samsonsche Freischule in Wolfenbüttel.4 In dem düsteren Lehrhaus lernten die Schüler Tora und Mischna (die „schriftliche“ und „mündliche Tora“) und – fünfzig Jahre nach Mendelssohns Begegnung mit Lessing – noch immer lediglich vier bis fünf Wochenstunden profane Fächer wie Deutsch und Rechnen. In dem jungen Zunz wuchs die Abneigung gegen die traditionelle jüdische Schule. Über sie urteilte er später: „Der Mensch ging in dem Juden unter.“5

Leopold Zunz © Leopold-Zunz-Zentrum Halle/Saale

Leopold Zunz
Foto: Leopold Zunz-Zentrum, Halle/Saale

Mit scharfem Verstand habe sich der Schüler Leopold Zunz in den Freistunden in mathematische Probleme vertieft, berichtet Isaak Markus Jost. Beide Freunde lernten zusammen hebräische Grammatik und lasen die auf hebräisch geschriebene volkstümliche Geschichte des Zweiten Tempels und damit des Frühjudentums „Josippon“.6 Sie rief in ihnen das Interesse an Geschichte wach.

Die geistigen Umwälzungen innerhalb des Judentums erreichten schließlich die Wolfenbütteler Juden: Die europäische Bewegung einer vernunftmäßigen, wissenschaftlichen und kritischen Sicht von Welt, Gesellschaft und Religion stieß Juden zum Aufbruch aus einem Dasein an, das die Regeln für den jüdischen Lebenswandel (Halacha) umzäunte. Seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hatten die Vertreter einer jüdischen Aufklärung (Haskala) um die Gleichberechtigung der Juden als Staatsbürger und um ihre geschichtliche, kulturelle und religiöse Eigenständigkeit gerungen. Neben den wirtschaftlichen, sozialen und rechtlichen Motiven nötigte die jüdischen Aufklärer (Maskilim) die Einsicht, die jüdische Bildung als unerläßliche Voraussetzung für Veränderungen zu verbessern.

Nun bemühten sich Wolfenbütteler Juden sowohl um kulturelle Assimilation an die Umwelt als auch um Anpassung der Umweltbildung an die jüdische Tradition. Die Samsonsche Schule verließ das Mittelalter und öffnete sich der Haskala unter ihrem neuen Leiter: Samuel Meir Ehrenberg. Unter dem Einfluß von Israel Jacobsons Reformen in Westfalen gestaltete Ehrenberg das traditionelle Talmud-Tora-Lehrhaus in eine moderne jüdische Realschule um. Sie konnte sich mit anderen jüdischen Schulen messen, die von den Nachfolgern Mendelssohns bereits in Berlin, Breslau, Dessau und Seesen geschaffen worden waren. Wie andere Anhänger der jüdischen Aufklärung wollte Ehrenberg die Juden an die europäische Gesellschaft heranführen und dadurch das Bild vom jüdischen Hausierer und Geldverleiher bei denen auslöschen, die den Juden den Makel ständiger Profitgier anhefteten. Dennoch sollte zugleich das Judentum als Religion bewahrt werden. Ehrenberg ersetzte das traditionelle Tora-Talmud-Studium durch eine jüdische Katechismus-Lehre nach christlichem Muster. Unter seiner Leitung fand am 22. August 1807 eine der ersten jüdischen ‚Konfirmationen‘ statt. Während der Feier wurde das Katechismus-Wissen des dreizehnjährigen ‚Konfirmanden‘ Leopold Zunz öffentlich abgefragt. Es gipfelte im Aufsagen der dreizehn Glaubensartikel des Maimonides.

Ehrenberg erkannte früh die großen Begabungen von Leopold Zunz und begeisterte ihn für die Vision der Haskala, die Juden ganz in die europäische Gesellschaft zu integrieren, ohne einen Nachteil in ihrer Herkunft sehen und zum Christentum konvertieren zu müssen.

Zunz wechselte von der Samsonschen Freischule im April 1809 in die Prima des Wolfenbütteler Gymnasiums, an dem er 1811 auch die Abschlußprüfung ablegte. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich während seiner Schulzeit als Hilfslehrer an der Samsonschen Freischule. Durch Selbststudium bildete er sich in hebräischer Literatur, in Englisch, Kunst und Musik weiter. Den Grund für seine herausragende Gelehrsamkeit in den nachbiblischen jüdischen Quellen hatte bei ihm die traditionelle jüdische Erziehung in der Freischule von Wolfenbüttel gelegt. Seine philologische Methode im Sinne der Literaturgeschichte erwarb Zunz sich an der Universität Berlin, an der er sich im Herbst 1815 einschrieb. Er begann seine Forschungen 1817 mit einer Arbeit über das Werk eines hebräischen Dichters im Spanien des 13. Jahrhunderts.7 Mit ihr promovierte er 1821 zum „Doctor phil.“ an der Universität Halle. Weg weisend für die Anwendung des Wissenschaftsideals aber wurde Leopold Zunz vor allem durch seine Abhandlung „Etwas über die rabbinische Literatur“ von 1818.8

Auflösung des „Vereins für Cultur und Wissenschaft der Juden“

Moses Mendelssohn hatte sich in seinen philosophischen Schriften auf die Erörterung solcher „Wahrheiten ..., die allen Religionen gleich wichtig seyn müssen“,9 beschränkt und die Grundsätze der natürlichen Religion mit der Vorstellung von einer einmaligen Offenbarung verknüpft, die nur die Juden verpflichtete. Im Gegensatz zu Mendelssohn suchten die meisten Mitglieder des „Vereins“ unter der Wirkung der Philosophie Hegels,10 das Judentum als eine fortwirkende Kraft in der Geschichte – als ein Stück „Weltgeist“ – zu deuten. Dieses Unterfangen stürzte sie in eine schwierige Spannung: Erstrebten sie doch den ihr angemessenen Platz der geistigen Wirklichkeit des Judentums im kollektiven Geist Europas und die Einbeziehung der Juden in die europäische Gesellschaft. Für Hegel aber hatte die welthistorische Bedeutung des Judentums aufgehört, weil es im Ganzen aufgegangen war.

Der „Kulturverein“ rückte das Judentum mit der Vorstellung, es sei „die Idee der unbedingten Einheit im All“, in unmittelbare Nähe der umfassenden Wahrheit, beanspruchte aber zugleich, daß die Idee des Judentums selbst dessen Aufgehen in dem größeren Ganzen fordere. Heinrich Heine, der sich 1882 dem „Kulturverein“ angeschlossen hatte, urteilte rückblickend, „daß der esoterische Zweck jenes Vereins nichts anderes war, als eine Vermittlung des historischen Judentums mit der modernen Wissenschaft“.11 Der „Verein“ versäumte es, über den kleinen Mitgliederkreis hinaus Juden und Nichtjuden für die Anerkennung seiner Ziele zu gewinnen. Bereits im Mai 1824 wurde er deshalb aufgelöst. Hervorragende Mitglieder, unter ihnen Eduard Gans und Heinrich Heine, wählten die Taufe, um in die christliche Gesellschaft aufgenommen zu werden.

Voraussetzungen für die Erforschung des Judentums

Jüdische Intellektuelle verlangten Antworten auf die ihnen brüchig gewordenen Vorstellungen. Geringschätzung des Ansehens des Judentums in der europäischen Mehrheitsgesellschaft verstärkten ihre Gleichgültigkeit gegenüber der eigenen Herkunft und ihre Entfremdung vom Erbe der Generationen. Bei anderen in der zweiten Generation nach der jüdischen Aufklärung aber provozierten judenfeindliche Äußerungen in der deutschen Literatur und antisemitische Ausschreitungen ihr jüdisches Erwachen. Sie hielten am kulturellen Erbe des Judentums fest. Sie spürten die Gefahr, daß der jüdische Anteil in der deutschen Kultur spurlos durch die freiwillige Integration der Juden in die deutsche Kultur und Sprache verschwinden könnte. Diese Maskilim (Maskil, hebr. Verständiger, Unterweiser)wünschten sich ausgedehnte Reformen der jüdischen Glaubensüberzeugungen und Bräuche, Lebensweisen und Gesellschaftsstruktur. Sie nahmen in der Reform des Judentums und in der bürgerlichen Gleichstellung der Juden nur eine geringe Bedeutung wahr, solange sie nicht mit der Anerkennung des kulturellen Wertes des Judentums verknüpft war. Sie forderten deshalb von den Juden eine geistige Selbstbestimmung, die ihrer Überlieferung als einem unverzichtbaren Gegenstand wissenschaftlicher Erforschung entsprach und Juden von dem Eindruck der Minderwertigkeit in der christlichen Zivilisation befreite. Zunz sah in der „Wissenschaft des Judentums“ den legitimen Zugang zu einem erneuerten und geistigen Judentum, der das Überleben der jüdischen Gemeinschaft und die Bejahung jüdischen Lebens in Staat und Gesellschaft ermöglichte, indem er Juden die Teilnahme an der europäischen Gesellschaft eröffnete.

Die Entstehung der „Wissenschaft des Judentums“

Durch zwei Tatsachen wirkte der „Kulturverein“ nach seiner Auflösung weiter: Die „Zeitschrift für die Wissenschaft des Judentums“, die Leopold Zunz im Auftrag des „Vereins“ herausgab, hatte zwar nur einen einzigen Jahrgang hervorgebracht, aber sie gab ihren Namen an die 1822 ins Leben gerufene „Wissenschaft des Judentums“ weiter. Sein Kapital verwendete der „Verein“ zur Erforschung des jüdischen Erbes. Dadurch unterstützte er die Untersuchungen des rabbinischen Schrifttums von Leopold Zunz. Dieser verstand unter „rabbinischer Litteratur“ die neuhebräische oder jüdische Literatur. Ihr Überleben sei gefährdet, schrieb er in seinem programmatischen Aufsatz „Etwas über die rabbinische Literatur“: „Aber gerade, weil wir zu unserer Zeit [. . .] mit größerem Ernst zu der deutschen Sprache und der deutschen Bildung greifen und so [. . .] die neuhebräische Literatur zu Grabe tragen sehen, tritt die Wissenschaft und verlangt Rechenschaft von der geschlossenen.“12 Nach dem Konzept, das Zunz und andere entwarfen, sollte die „Wissenschaft des Judentums“ die an der Tradition und rabbinischen Lehrweise orientierte Weitergabe durch systematische, historisch-kritische Forschung ersetzen.

Der Annahme, die jüdische Geschichte sei an ihr Ende gekommen, setzte der Philosophiehistoriker Julius Guttmann (1880-1950) die Erwartung entgegen, mit der aufgeklärte Juden der geschichtlichen Betrachtungsweise begegneten: „Indem sie das überlieferte Judentum in seiner geschichtlichen Gewordenheit erkannte, sollte sie seine absolute Autorität beseitigen und die Gegenwart von dem Druck des immer enger und einseitig werdenden Rabbinismus befreien. Indem sie auf der anderen Seite aber die Fülle und den Reichtum der in der jüdischen Geschichte vorhandenen Kräfte aufwies, indem sie von der unmittelbaren Vergangenheit den Blick auf die reichere, größere, ursprünglichere Vorzeit zurücklenkte, sollte sie ein positives Verhältnis zu der jüdischen Vergangenheit ermöglichen und zu einer Erneuerung des Judentums aus seinen eigenen geschichtlichen Kräften heraus den Weg weisen.13

Die „Zeitschrift für die Wissenschaft des Judentums“ hatte 1822 das Ziel gesteckt: Die Forschung solle in kritischer Betrachtung mittels moderner Untersuchungsmethoden umfassend das kulturelle Erbe des Judentums und die Gesamtheit der Bedingungen, unter denen es sich entfaltete, der Öffentlichkeit nahe bringen: [. . .] die Kenntnis des Judentums in seiner literarischen und historischen Dokumentation und [. . .] eine statistische Kenntnis des Judentums in Bezug auf die Juden unserer Zeit in allen Ländern der Welt.“14 Leopold Zunz stellte der „Wissenschaft des Judentums“ die Aufgabe, für die Juden eine allgemein anerkannte und gleichberechtigte Stellung in der kulturellen Welt zu gewinnen und das verstreut lebende jüdische Volk geistig zusammenzuschließen. Mit seiner Schrift „Etwas über die rabbinische Literatur“ und seinen ersten Artikeln in der „Zeitschrift für die Wissenschaft des Judentums“ (über Ortsnamen in Spanien, die in der hebräischen Literatur erwähnt werden, über Raschi und über den Entwurf einer wissenschaftlichen Methode zur Erforschung des Judentums) suchte die „Wissenschaft des Judentums“ das öffentliche Forum.

Konkrete Ziele

Nach Leopold Zunz schließt die „Wissenschaft des Judentums“ die Erforschung des Judentums in all seinen Verwirklichungen ein: Theologie, Gottesdienst, jüdisches Recht und rabbinische Satzungen, jüdische Ethik und Erziehung, aber auch die jüdische Literatur – in moderner Terminologie – der Geistes- wie Naturwissenschaften. Eine Kenntnis des hebräischen Schrifttums werde nach seiner Überzeugung die jüdische Geschichte als einen Teil der Geschichte der allgemeinen menschlichen Kultur begreifen lassen und die unbeabsichtigte Folge der Errungenschaften der Haskala, die Verdrängung der hebräischen Literatur, aufheben. Die „Wissenschaft des Judentums“ solle nicht das religiöse Leben des modernen Juden beeinflussen, sondern sich vielmehr den gemeinsamen Untersuchungen von jüdischen und nichtjüdischen Forschern öffnen.

Zunz führte die Methoden für die Sammlung und Prüfung von Quellen vor, wertete unveröffentlichte Texte aus, z. B. Gemeinderegister und Grabinschriften, und erhob aus rabbinischen Antworten auf Anfragen („Responsa“) die Geschichte des Wirtschaftslebens der Juden. In seinem Aufsatz über die „Grundlinien zu einer künftigen Statistik der Juden“15 begründete Zunz den Zweck einer soziologischen Untersuchung, ein vollständiges Bild des zeitgenössischen Zustands des Judentums zu gewinnen. Das systematische Studium des jüdischen Daseins erstrecke sich nicht allein auf „Abkunft und Religion“, sondern auch auf Sprache und Geschichte der Juden und bringe genaue Kenntnisse von Kultur, Moral und Gesetzgebung sowie von herrschenden Ideen, Fähigkeiten und Beschäftigungen hervor.16 Seine Untersuchungen belegten, daß sich die Bestrebungen und Realisierungen der jüdischen Gemeinschaft und ihrer Literatur im Kontext des allgemeinen Geisteslebens der Menschheit vollzogen, und sie lieferten die Gründe, die Juden zur Teilnahme an der Geschichte der Völkerwelt berechtigten. Zunz lehnte in seinen Schriften Vorstellungen im talmudischen und kabbalistischen Schrifttum entschieden ab, die der realen jüdischen Geschichte widersprächen, die Gegenstand der „Wissenschaft des Judentums“ seien. Um so bemerkenswerter ist seine Wahl, die eigentümlich ‚jüdischen‘ Aspekte in der jüdischen Literatur – die Midraschim17 und die liturgische Dichtung18 – wissenschaftlich zu ergründen.

Die bleibende Bedeutung von Leopold Zunz für die „Wissenschaft des Judentums“

Bereits vor den Initiativen von Zunz fand das wissenschaftliche Interesse am jüdischen kulturellen Erbe und an seiner Geschichte in Vorträgen und Veröffentlichungen seinen Niederschlag. Jedoch verkörperte erst Leopold Zunz die „Wissenschaft des Judentums“. Er entwarf den ersten genauen Plan für ihre Forschungsvorhaben und ging in seinen Arbeiten als erster nach den historischen Methoden vor.

Deutschland bildete das Zentrum der „Wissenschaft des Judentums“. Zu ihren Hauptvertretern im 19. Jh. zählten Zacharias Frankel (1801-1875), Abraham Geiger (1810-1874), Moritz Steinschneider (1816-1907) und Heinrich Graetz (1817-1891). In Galizien wirkten Salomo Jehuda Löw Rapoport (Rappaport, 1790-1867) und Nachman Krochmal (1785-1840), in Italien arbeitete Samuel David Luzzatto (1808-1865).

Die jüdischen Gelehrten bemühten sich um die Partnerschaft der christlichen Theologen. Sie bedienten sich der gleichen wissenschaftlichen Methoden wie sie und suchten als gleichrangige Wissenschaftler die Anerkennung des gleichrangigen Judentums neben dem Christentum in Theologie und christlicher Gesellschaft. Zunz hatte gehofft, daß eine Universität jüdische Studien als akademisches Fach aufnehmen und ihn in eine entsprechende Dozentur berufen würde. Im Jahr der Frankfurter Nationalversammlung in der Paulskirche (1848/49) unterbreitete Zunz dem preußischen Kultusminister sein Anliegen. Aber er stieß damit auf Ablehnung. Der Einrichtung eines besonderen Seminars stimmte er aus Besorgnis nicht zu, die „Wissenschaft des Judentums“ könne dadurch vom allgemeinen Geistesleben gelöst und abgesondert werden.

Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Versailler Friedensvertrag entlud sich in Deutschland eine neue Welle von Antisemitismus, der Revolution und Republik mit den Juden verband. Die Gegenkräfte der Weimarer Republik, die sich mit der liberalen und demokratischen Verfassung nicht abfinden wollten, behielten die Oberhand. Die Erforschung und Darstellung jüdischer Identität verlagerte sich darum in die Vereinigten Staaten von Amerika und seit ihrer Gründung 1925 an die „Hebräische Universität Jerusalem“. Die Forschung verzweigte sich in Bibelkritik, Talmud, jüdische Literatur aller Perioden, Geschichte, Archäologie, Religionsphilosophie. Das jüdische Volk, umfassend das Judentum, wurde Gegenstand des Studiums.

Journalist, Herausgeber, Prediger, Lehrerbildner, Forscher

Zunz stand den Zielen der religiösen Reform des Judentums nahe. Aber von den Synagogen der deutschen progressiven Rabbiner, die sich seit 1844 versammelten, hielt er Abstand. Er beurteilte ihre Reformen nicht als Unterstützung für die Juden, in der Mehrheitskultur Achtung und Beachtung zu erlangen. Nach nur einem Jahr der Anstellung in dem von Jakob Herz Beer, dem Vater von Giacomo Meyerbeer, begründeten Berliner Tempel legte er 1822 sein Amt als Prediger nieder, publizierte aber seine Predigten. Noch einmal übte Zunz das Amt eines Predigers von 1834 bis 1836 für eine private religiöse Gesellschaft in Prag aus. Vierunddreißig öffentliche Vorträge über die Psalmen hielt er in kaum zwei Jahren. Die Berliner Synagogengemeinde beauftragte ihn, eine wissenschaftliche Abhandlung über jüdische Namen zu erarbeiten. Sie sollte eine Erwiderung auf den königlich-preußischen Erlaß sein, der den Juden die Benutzung christlicher Namen untersagte.19 Ein Jahrzehnt, von 1840 bis 1850, leitete Zunz das 1840 gegründete jüdische Lehrerseminar in Berlin.20

Zunz war als Journalist und Herausgeber der Berliner Tageszeitung „Haude und Spenersche Zeitung“ von 1826 bis 1829 tätig. Sein vornehmliches Interesse jedoch widmete er der Erforschung der hebräischen Literatur. Er machte sich das gewaltige Material, das er angehäuft hatte, und die Aufzeichnungen zunutze, die er aus Handschriften und Druckerzeugnissen bei seinen Studien in Bibliotheken in Hamburg gewonnen hatte, um sein Werk über die synagogalen Huldigungen21 anzufertigen.

„Recht und Freiheit statt der Rechte und Freiheiten“

Der liberal gesinnte Demokrat Zunz schätzte die Gedanken der Französischen Revolution hoch ein; denn sie waren die Voraussetzung für die Revolutionen von 1830 und 1848 und die politische Entwicklung zu einem auf Recht und Gerechtigkeit basierenden Staat in Europa. Er erwartete einschneidende Veränderungen von der Revolution von 1848.22 Er beteiligte sich von 1848 bis 1850 an der politischen Werbung für einen Rechtsstaat, hielt in demokratischen Bürgervereinen Reden über die notwendigen politischen Reformen und wurde in das Wahlmännergremium in Berlin entsandt, das die preußische Verfassung verabschiedete und die deutsche Nationalversammlung vorbereitete.23 Seine politischen Anstrengungen ließ er in den Jahren der Reaktion (1850-1858) ruhen. Erst nach dem Tode Friedrich Wilhelms IV. nahm er sie wieder auf. Am Anfang der Ära Bismarcks erkannte Zunz, daß seine Erwartungen auf Verwirklichung demokratischer und liberaler Grundsätze gescheitert waren, und zog sich von jeder politischen Betätigungss zurück.

Vom Staat forderte er die Verwurzelung in Gerechtigkeit, Recht und Ethik und die Gewährleistung von Freiheit und gleichen Rechten für alle seine Bürger. Er forderte eine völlige Trennung von Staat und Kirche und warf der organisierten Religion vor, sich dem von religiöser Bevormundung freien Staat zu widersetzen. Zunz sah in dem Aufbau eines Rechtsstaates die Lösung der staatsbürgerlichen Probleme des europäischen Judentums. Er klagte für die Juden „Recht und Freiheit statt der Rechte und Freiheiten“24 ein.

Leopold Zunz verbrachte viele Jahre seines Lebens in der preußischen Hauptstadt, die in den Zeiten der Aufklärung und der Freundschaft zwischen Mendelssohn und Lessing einen Ort des geistigen Lebens gebildet hatte. Er konnte noch dafür sorgen, daß seine Beiträge als „Gesammelte Schriften“ in drei Bänden 1875/76 vom „Curatorium der ‚Zunzstiftung‘25 herausgegeben wurden. Am 17. März 1886 starb Leopold Zunz. Der ‚Zunzstiftung‘ wurde sein Nachlaß anvertraut und in der 1872 gegründeten „Hochschule für die Wissenschaft des Judentums“ in Berlin untergebracht. 1939 ist diese Urkundensammlung in den Besitz der Jerusalemer National- und Universitätsbibliothek übergeben worden. Eine Auswahl des Materials auf Mikrofilm besitzt das Archiv des Leo Baeck Instituts in New York.

Die „Wissenschaft des Judentums“ ist vom 19. Jahrhundert bis zur erzwungenen Schließung der Berliner Hochschule (1942) Teil der deutschen Geistesgeschichte geworden und muß weiter gepflegt werden. Was Leopold Zunz forderte, verpflichtet uns: „Das historische Urteil der christlichen Welt, die mit dem Juden auch sein Schrifttum – mit geringen Ausnahmen – verworfen hat, darf im Namen der echten Wissenschaft nicht anerkannt werden.“26

  1. Richard Gosche, Gotthold Ephraim Lessing. Lebensskizze und Charakteristik, in: Lessing‘s sämtliche Werke, Erster Band, Berlin 1882, CXLIX.
  2. Die Juden, in: Lessing‘s sämtliche Werke (Anm. 1), Dritter Auftritt, 468.
  3. Israels gottesdienstliche Poesie, 1870, in: Gesammelte Schriften, Erster Band, Berlin 1875 (Hildesheim/New York 1976), 123-133, 123.
  4. Die Samson‘sche Freischule zu Wolfenbüttel, in: Literaturblatt des Orients V, 1844, 65ff. Über ihren Zustand schrieben: Isaak Markus Jost, Vor einem halben Jahrhundert, in: Sippurim III, 1854, 141-166; Leopold Zunz, Mein erster Unterricht, in: Jahrbuch für Jüdische Geschichte und Literatur XXX, 1937, 131-138.
  5. Nahum Norbert Glatzer (Hg.), Leopold und Adelheid Zunz. An Account in Letters, 1815-1885, London 1958, 24.
  6. Der „Josippon“ (10. Jh.) benutzte als Hauptquelle den „Jüdischen Krieg“ des Flavius Josephus.
  7. Schem Tov ben Joseph ibn Falaquera, Sefer ha-Ma‘alot.
  8. Gesammelte Schriften (Anm. 3), 1-31.
  9. In: Ismar Elbogen u. a. (Hg.), Gesammelte Schriften. Jubiläumsausgabe, 1929 ff., VII, 10.
  10. Hegel lehrte seit 1818 an der Universität Berlin.
  11. Zum „Kulturverein“ vgl. Heines Charakterisierung in „Vermischte Schriften“ (VIII, Ludwig Marcus), in: Otto F. Lachmann (Hg.), Heinrich Heines sämtliche Werke IV, Leipzig o. J., 658-667, 661-664.
  12. Gesammelte Schriften (Anm. 3), 4.
  13. Das geistige Erbe des deutschen Judentums, 1939/1981, 3-10.
  14. Zeitschrift für die Wissenschaft des Judentums I., 1822, 18.
  15. 1823, in: Gesammelte Schriften (Anm. 3), 134-141.
  16. Gesammelte Schriften (Anm. 3), 137 f.
  17. Vgl. Die gottesdienstlichen Vorträge der Juden historisch entwickelt, Berlin 1832; 2. Aufl. Frankfurt/M. 1892 (Hildesheim 1966), 37-61.87-102.262-274.
  18. Die synagogale Poesie des Mittelalters I, 2. Aufl. Frankfurt/M. 1920; II, Berlin 1859 (I/II, Hildesheim 1967).
  19. Namen der Juden, 1836, in: Gesammelte Schriften, Zweiter Band, Berlin 1876 (Hildesheim/New York 1976), 1-82.
  20. Leopold Zunz, Rede zur Eröffnung des jüdischen Seminars aus: „Das jüd. Schullehrer-Seminarium in Berlin“ (1840), in: Gesammelte Schriften (Anm. 3), 126-134.
  21. Die gottesdienstlichen Vorträge der Juden historisch entwickelt (Anm. 18), I-XVIII + 1-516.
  22. Vgl. sein „Wort des Trostes“: Den Hinterbliebenen der Märzhelden Berlins, in: Gesammelte Schriften (Anm. 3), 301 f.
  23. Vgl. seine Wahlreden und seine politischen Beiträge in: Gesammelte Schriften (Anm. 3), 302-354.
  24. Die gottesdienstlichen Vorträge der Juden historisch entwickelt (Anm. 19), Vorrede, VII.
  25. Die ‚Zunzstiftung‘ war zu Ehren des siebzigsten Geburtstages von Leopold Zunz 1864 errichtet worden.
  26. Nahum Norbert Glatzer, Leopold Zunz, Tübingern 1964, 45.

    Primär- und ausgewählte Sekundärliteratur:
    Leopold Zunz, Gesammelte Schriften, 3 Bände, Hildesheim/New York 1976.
    Leopold Zunz, Die synagogale Poesie des Mittelalters, I/II, Hildesheim 1967.
    Leopold Zunz, Die gottesdienstlichen Vorträge der Juden, Hildesheim 1966.
    Michael A. Meyer, Von Moses Mendelssohn zu Leopold Zunz, München 1994. Hier: Primär- und Sekundärliteratur zu Kapitel 6, 270-273.
    Michael Brenner u. a., Deutsch-Jüdische Geschichte in der Neuzeit, II, München 1996.
    Franz Kobler (Hg.), Juden und Judentum in Deutschen Briefen aus drei Jahrhunderten, Königstein/Ts. 1984.
    Julius H. Schoeps ( Hg.), Juden als Träger bürgerlicher Kultur in Deutschland, Stuttgart/Bonn 1989.


Prof. Dr. Dieter Vetter, 1958 ev. Pfarrer und Gymnasiallehrer in Berlin und Mannheim, Lehrbeauftragter für Hebräisch und Altes Testament an der Kirchlichen Hochschule Berlin und an der Universität Heidelberg, bis 1996 Universitätsprofessor in Bochum für Hebräisch, Altes Testament und Judentumskunde. Anlaß für diesen Beitrag ist der 120. Todestag von Leopold Zunz (1794-1886) am 17. März 2006.
Jahrgang 13/2006 Heft 2 Seite 111−121.


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