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Anat Feinberg

Biblische Motive in der hebräischen Dichtung

Zwölf Jahre lang Bibelunterricht: Das war in Israel gang und gäbe in den staatlichen – wohlgemerkt nichtreligiösen – Grundschulen und anschließend im Gymnasium. Unter den Prüfungsfächern zum Abitur gab es das Fach Bibel mit einer mehrstündigen Prüfung. Wie oft hatten wir, die im souveränen, modernen Staat Israel aufgewachsenen Sabras, die Nase voll von den Geschichten über längst verstorbene Richter und Könige, über wahre Propheten (Nevi emetim) oder falsche (Neviim scheckerim) Propheten aus vergangenen Tagen. Als wir beim Klassenausflug durch das in der Bibel erwähnte Jezreeltal fuhren oder die Ruinen von Meggido besichtigten, sahen wir darin historische, von der Religion abgekoppelte Orte. Weder als Grundlage des religiösen Glaubens noch als philosophischen Traktat betrachtet, galt die Bibel bei uns „neuen Juden“ als das Buch vom Land Israel, von Erez Israel. Das Alte Testament wurde allerdings durch eine national-säkulare Brille gelesen, denn die neue Religion hieß Zionismus.

Die subversive Stimme

Im Geist dieser andersartigen Lesart, fernab der langen exegetischen Tradition, dichteten israelische Schriftstellerinnen und Schriftsteller über biblische Gestalten und Episoden. Wer die Geschichte der modernen hebräischen Literatur kennt, steht vor einem geradezu paradoxen, fast schon ironisch zu nennenden Phänomen: Während das Fach Bibel im schulischen Lehrplan zunehmend seine Stellung einbüßt und die säkulare Mehrheit im Land immer weniger Interesse an der Bibel zeigt, fühlen sich hebräische Autoren zu der alten Quelle hingezogen, auch wenn ihr Zugang zum „heiligen Text“ ketzerisch, ja, subversiv ist: So Hanoch Levin (1943-1999) in seinem Bühnenstück „Jissurej Ijow“ (Hiobs Leiden) oder Meir Shalev (*1948), der die Bibel ‚anders‘ liest („Der Sündenfall – ein Glücksfall“, dt. 1997), und in seiner barocken Familiensaga „Essaw“ („Esau“, dt. 1994).

Deutlich wird dieses Phänomen bei der Lektüre des neuen, großartigen zweibändigen Werks von Malka Shaked,1  Lanezach anagnech (Ewig werde ich Dich besingen), der Ehefrau des bekannten Literaturhistorikers Gershon Shaked.2  Der erste Band umfaßt knapp 500 Gedichte von etwa 180 hebräischen Dichterinnen und Dichtern zu biblischen Themen. Im zweiten Band interpretiert die Jerusalemer Literaturwissenschaftlerin detailliert die von ihr gesammelten Gedichte.

Dennoch, im Gegensatz zur „wachsenden Gleichgültigkeit gegenüber der Bibel in der israelischen Gesellschaft“ (Malka Shaked) ist die Zahl der wissenschaftlichen Veröffentlichungen zur biblischen Motivik in der hebräischen Literatur verblüffend hoch. Zu den Hunderten innerhalb- und außerhalb Israels verfaßten Beiträgen zählen u. a. David C. Jacobsons Studie „Does David Still Play Before You? Israeli Poetry and the Bible“;3  die Erkundung biblischer Bilder in Texten israelischer Dichterinnen von Gabriella Moscati Steindler4  oder – in hebräischer Sprache – der Aufsatz von Nurit Govrins über das Verhältnis zum Alten Testament5  und Reuven Kritz6  Untersuchung biblischer Sprachelemente in der neuen hebräischen Literatur. Bei weitem das größte Interesse gilt jedoch der Bindung Isaaks (Akeda) – auch die „Opferung Isaaks“ genannt.

Erwähnenswert sind hier u. a.: Ruth Kartun-Blums7  Studie Profane Scriptures, Hillel Weiss’ Anmerkungen zum Akeda-Motiv in der modernen hebräischen Literatur8  sowie der deutschsprachige Aufsatz von Gabrielle Oberhänsli-Widmer9  zu dieser Thematik.

Bereits in der frühen hebräischen Literatur, die erst im Zeichen der Haskala (Aufklärung), später im Zeichen der Ha-Techija (Renaissance) stand, setzten sich die Autoren unkonventionell mit biblischen Themen auseinander. David Frischmanns (1860-1922) Ba-Midbar (In der Wüste) ist vom Mythischen sowie von romantischer Ekstase beflügelt, während der Nationaldichter Chajim Nachman Bialik (1873-1934) in seinem zionistisch geprägten Gedicht Metej Midbar (Die Toten der Wüste), das Volk nicht – wie in der Bibel – als ein Geschlecht unbelehrbarer Sünder bezeichnet, sondern als einen Stamm heroischer Aufständischer.

Identifizierung mit biblischen Figuren

Bialiks Zeitgenosse, der Dichter Saul Tschernichowski (1875-1943), von dessen Werk bis heute kaum etwas ins Deutsche übersetzt wurde, hob in mehreren Gedichten das tragische Moment in der Person Sauls, des ersten Königs in Israel, hervor. Bereits 1893 schilderte er in seiner Ballade Ejn Dor den nächtlichen Besuch Sauls bei der Totenbeschwörerin von En-Dor und endet mit der „schrecklichen Verzweiflung“ des blassen Königs, der jedoch angesichts des bevorstehenden Todes im Krieg gegen die Philister keine Angst verspürt. Tschernichowski macht aus seiner Zuneigung zu seinem Namensvetter Saul keinen Hehl.

Auch andere hebräische Schriftsteller identifizieren sich mit der biblischen Figur, deren Namen sie tragen, z. B. Jizchak Lamdan (1899-1954) oder die Dichterin Jocheved Bat-Miriam (1901-1980), die ihre Urmutter in der Figur Miriams, der Schwester von Mose und Aaron, fand. Ihr Name wurde Teil des eigenen Familiennamens. In der biblischen Miriam sah die Dichterin die vorbildliche poetische Mutter.

So auch Rachel Bluwstein (1890-1931), bis heute die beliebteste hebräische Lyrikerin, die sich mit der Geliebten Jakobs identifizierte:

Ja, ihr Blut strömt in meinem Blut, /
Ja, ihre Stimme raunt in mir. /
Rachel, die Labans Hirtin war, /
Rachel, Urmutter mir.“

Die aus Rußland stammende Lyrikerin verstarb – kinderlos – mit 41 Jahren einsam und elend an Tuberkulose.

Mirjam © Sieger Köder
© Sieger Köder, Mirjam

Fühlte sich Rachel Bluwstein der leidenden Urmutter nah, so geht die Dichterin Dahlia Ravikovitch (1936-2005) einen Schritt weiter. In dem Gedicht Kemo Rachel (Wie Rachel) ist die Intertextualität doppelbödig: Zum einen führt sie zur biblischen Urmutter zurück, zum anderen spielt sie auf das tragische Schicksal der Dichterin Rachel Bluwstein an:

Sterben wie Rachel /
wenn die Seele
flatternd wie ein Vogel /
entfliehen will. /
Jenseits des Zeltes standen erschrocken Jakob und Josef, /
sprachen bebend von ihr. /
Alle ihre Tage wälzten
sich in ihr. /
Wie ein Kind, /
das geboren werden will [...]“.

Dichtung als Neuinterpretation

In der Tat scheinen hebräische Dichterinnen und Dichter einen mitreißenden Dialog mit dem biblischen Text zu führen, stellen Fragen, versuchen die Leerstellen im Urtext mit poetischer Phantasie zu füllen, verklären, umschreiben und hinterfragen ihn, schreiben sogar eine Gegengeschichte. Zur Schöpfung meint Jonathan Ratosch (1909-1981): „Im Anfang war die Frau!“ Die Ehemänner (Hebräisch: Be’alim, ein doppeldeutiges Wort, das auch auf die kanaanitischen Götzen anspielt) sind aus dem Meer emporgestiegen. Nicht die Welt wurde als erstes geschaffen, sondern der Mensch und die Sexualität, so Ratosch in seinem Gedicht „Or“ (Licht). Sprach im 1. Buch Mose (2,18) der Herr: „Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei“, so meint Nathan Zach (*1930):

Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei /
doch allein ist er sowieso. /
Er wartet und ist alleine /
er verspätet sich und er ist allein [...]“
(Lewado/ = er alleine).

Die Einsamkeit ist ein existentieller Zustand, meint Zach, doch wer ist derjenige, der sich verspätet? Ist es der Mensch, der ständig allein ist? Das wäre eine Lesevariante. Eine andere wäre: Gott verspätet sich, zaudert, läßt auf sich warten, – wie in Samuel Becketts Warten auf Godot –, und der Mensch fühlt sich alleingelassen. Doch am Ende des Gedichtes steht:

Auch wenn er sich verspätet,/ wird er kommen.“

Die Andeutung des Messias öffnet den Text für eine weitere Interpretationsmöglichkeit. Neben den intertextuellen Anspielungen sticht die Ironie, gar die Parodisierung des biblischen Textes hervor, die mitunter so typisch für die Lyrik des führenden zeitgenössischen hebräischen Dichters Zach ist.

Aber nicht nur für Zach. Im 1. Buch Mose (2,3) steht, daß Gott am siebten Tag „ruhte von allen seinen Werken“. Chajim Guri (*1923) stellt in seiner Variante des Schöpfungsberichtes Ber’eschit (Im Anfang) den Schöpfungsvorgang auf den Kopf:

Und er ruhte von allen seinen Werken /
und schuf den Menschen nicht – /
Und Gott sah, daß es gut war.“

Ascher Reich (*1937) schildert Kain als einen tragischen Helden, „kinderlos und mondsüchtig“, und Jechiel Mar (1921-1969) wirft Gott die Schuld an dem ersten Mord vor (Ve-Kajin omer / Und Kain sagt):

Wo warst Du, Allmächtiger /
Du, der alles sieht, /
Du, der Herr der beiden /
mitten im Feld?“

Auch der aus Bessarabien stammende Kalman A. Bertini (1903-1995) hält dem Herrn Mitschuld vor. Sein Kain klagt:

„Wer brachte mir das Töten bei? /
Und wer zeigte mir den Weg zum Tod? /
Er, / Der Unsichtbare.“

Dan Pagis (1930-1986) diente der erste Mord als Metapher für die Schoa, und dennoch zeichnet er – ein Überlebender des Holocaust – kein Schwarz-Weiß-Bild. Sein Gedicht Achim (Brüder) endet mit dem Bild Abels, der den schlafenden Kain behütet.

Oft werden biblische Episoden aktualisiert und die Helden der Vergangenheit neu kontextualisiert. 1946 schreibt Nathan Alterman (1910-1970) „Al ha-Jeled Avram“ (Über den Jungen Avram): Als einziger überlebte das Kind den Massenmord.

Mutter, Mutter, /
ich werde nicht in meinem Bett schlafen wie jeder Junge, /
denn Dich habe ich im Bett gesehen, /
Mutter, Mutter, /
Du schläfst und das Opfermesser in Deinem Herzen.“

Die Schoa und die Kriege Israels bilden häufig den Hintergrund für eine originelle poetische Lesart der alten Quellen. So beispielsweise in Ha-Tarmil ha-acharon schel Jizchak ( Isaaks letzter Rucksack) von Jehuda Amichai (1924-2000), in dem der Vater, in seinem Schmerz untröstlich, über seinen in der Negevwüste gefallenen Sohn trauert, oder in dem Gedicht „Ani lo akriw“ (Ich werde nicht opfern), das Raya Harnik schrieb nach dem Tod ihres Sohnes auf dem Schlachtfeld: Die Mutter – das lyrische Ich – weigert sich, ihren Erstgeborenen zu opfern, hadert jede Nacht mit Gott.

Doch nicht nur männliche Helden, auch biblische Frauengestalten inspirieren die Dichter. Gelegentlich wird auch Abrahams Ehefrau Sara kritisch gesehen. So schreibt Jehudit Kafri in Ber’eshijot (In den Anfängen, sic!):

Warum stellte sie sich nicht / in den Weg“, (um ihren Mann zu hindern, daß er opfert)
dieses Kind, / auf das wir hundert Jahre gewartet haben“?

Benjamin Galai (1921-1995) dagegen zieht eine Parallele zwischen dem Tod Saras (1. Mose 23) und der Bindung ihres Sohnes (1 Mose 22):

Und der Sarg, in dem sie lag, /
war in all den Jahren /
eine Erinnerung an Hölzer, /
gefällt auf einem anderen Berg, /
auf einem anderen Berg, im Land Morija“
                 Chajej Sara
/ Des Lebens Saras).

Debora, Ja’el, Delila, Michal, Abishag, Esther, Ruth — dies sind nur einige der Frauen, über die gedichtet wurde, nicht zu vergessen die Mutter Siseras, des geschlagenen Feindes, die die Richterin Debora mit Schadenfreude besingt (Richter 4).

Chajim Guri liest die knappe Episode aus Deboras Siegeslied anders. Seine Sympathie gilt der alten, ergrauten Mutter des Feldhauptmanns Sisera. Er übernimmt den biblischen Vers, „Und das Land hatte Ruhe vierzig Jahre“, und fügt diesem hinzu:

„Doch sie (Imo = Seine Mutter) starb,
eine kurze Zeit nach dem Tod ihres Sohnes.“

Neigten hebräische Dichter im 19. Jahrhundert dazu, im Zuge des nationalen Erwachens, biblische Mythen zu übernehmen und biblischen Figuren zu huldigen, so zeigt sich, daß in der hebräischen Dichtung der Gegenwart der kritische, subversive Blick vorherrschend ist. Dennoch besteht für Malka Shaked kein Zweifel, daß das Volk und seine Dichter an der literarischen – sprich – biblischen Tradition festhalten. Zwar erschienen im Laufe der Jahre auf hebräisch einige Anthologien zu biblischen Motiven,10  doch ist Shakeds zweibändige Ausgabe ein einzigartiges Werk, dessen Wert weit über das rein Literarische hinausreicht.

  1. Malka Shaked, Lanezach anagnech: Ha-Mikra ba-Schira ha-Iwrit  ha-chadascha, 2 Bände, Jediot Acharonot/Sifrej Chemed, Tel  Aviv 2005.  
  2. Siehe in deutscher Sprache z. B. Gershon Shaked, Geschichte der  modernen hebräischen Literatur, Suhrkamp Verlag,  Frankfurt/M., 1996, sowie seinen Roman, Immigranten,  Jüdischer Verlag, Frankfurt/M. 2005.
  3. David  C. Jacobson: Does David Still Play Before You? Israeli Poetry and  the Bible, Detroit: Wayne University Press 1977.
  4. Gabriella  Moscati Steindler, From collective memory to self-definition:  Biblical images in Israeli women’s poetry, in: Henoch,  Universität Turin, 22(2000) 88-99.
  5. Nurit  Govrin, Ha-Sikka la-Tanach ba-Sifrut ha-Iwrit ha-chadascha,  in: Kiwunim chadaschim, 4(April 2001)96-109.<
  6. Reuven  Kritz, Leschon ha-Mikra u-Motiwim ba-Sifrut ha-Iwrit  ha-chadascha, in: Mosnajim, 39(Juli 1974)103-106.
  7. Ruth  Kartun-Blum. Profane Scriptures: Reflections  on the Dialogue with the Bible in Modern Hebrew Poetry, Hebrew  Union College Press, Cincinnati 1999. Siehe auch ihren  deutschsprachigen Aufsatz Isaaks Schrecken: Der Mythos der  Opferung in der hebräischen Dichtung, in: Anat Feinberg  (Hg.), Moderne Hebräische Literatur, edition text +  kritik, München 2005, 53-72.
  8. Hillel  Weiss, He’arot li-Tefissat Akedat Jizchak ba-Sipporet  ha-Iwrit ba-Mea ha-Essrim, in: Dejukan ha-Lochem, Ber  Ilan University, Ramat Gan 1975, 222-230.
  9. Gabrielle  Oberhänsli-Widmer: Die Bindung Isaaks neu inszeniert, oder  wie sich Frauen in der hebräischen Literatur einer biblischen  ‚Männergeschichte’ bemächtigen, in: Kirche  und Israel 15(2000)31-40.
  10. Vgl.  Gedalia Elkoshi (Hg.). Antologija mikra’it: Ha-Tanach  bi-Re’i ha-Sifrut ha-Iwrit ha-chadascha, Dvir, Tel Aviv  1954; Benjamim Yitzhak Michali (Hg.), Antologija tanachit –  Mivchar ha-Jezira ha-Iwrit be-Schir, be-Sippur uve-Aggada,  Masada, Ramat Gan 1954 und 1963; Israel Zmora (Hg.), Naschim  ba-Tanach ve-Hischtakfutan ba-Aggada, be-Schir, be-Sippur, be-Massa  uve-Mechkar, Machbarot le-Sifrut, Tel Aviv 1964; David Curzon  (Hg.), Modern Poems on the Bible, Philadelphia, Jewish  Publications Society, 1994.

Anat Feinberg wurde 1951 in Tel Aviv geboren. Im Anschluß an eine Gesangsausbildung u. a. Tätigkeit als Redakteurin für klassische Musik am israelischen Rundfunk. Studierte Anglistik und Philosophie in Tel Aviv und promovierte in London über Theater im Zeitalter von Shakespeare. Seit 1990 lebt sie in der Bundesrepublik und lehrt hebräische und jüdische Literatur an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg. Zahlreiche Veröffentlichungen über israelische und jüdische Literatur.


Jahrgang 13/2006 Heft 2 Seite 104−110.


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