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Gertrud Luckner
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NotizenÊJahrgang 1 - 1993/94 Heft 4

Stichworte

Schriftfunde bei Jericho
Nach 30 Jahren wurden Mitte November 1993 in der Nähe von Jericho, in der Höhle des  Karantal-Berges, neue Schriftfunde gemacht: 12 Papyri aus der Zeit des Bar-Kochba-Aufstandes (132135  n. Chr.). Es handelt sich um Rechtsdokumente, die von den Bewohnern Jerichos auf die Flucht  mitgenommen wurden. Die Funde dürften die Kenntnisse über das Alltagsleben vor fast 2000 Jahren in  diesem Raum erweitern.

Europäische Juden bei Bundeskanzler Kohl
Eine Delegation des Europäisch-Jüdischen Kongresses (EJC) traf sich am 2. Mai 1994 in Bonn mit  Bundeskanzer Helmut Kohl. Kohl versicherte, die Bekämpfung von Gewalt, Intoleranz und  Diskriminierung in Europa zu seinem Hauptanliegen zu machen. In einem vereinten Europa werde diese  Aufgabe leichter zu bewältigen sein. Kohl wolle der EJC-Forderung Folge leisten und die  Harmonisierung der Antirassismusgesetze selbst in die Hand nehmen. Diese Forderung wurde auch dem  Bundesaußenminister und der Bundesjustizministerin vorgetragen. Ein Erfolg würde eine bedeutsame  Entwicklung einleiten, denn es gibt sowohl in Dänemark als auch in Spanien und Griechenland kein  entsprechendes Strafgesetz. Das hat zur Folge, daß z. B. die Bundesrepublik mit antirassistischen  Schriften aus dem Ausland überschwemmt wird.

Das Rote Kreuz im Zweiten Weltkrieg
Erst jetzt ist in Israel eine Studie über die Rolle des Roten Kreuzes im Zweiten Weltkrieg  publiziert worden. A. Ben Tow, der Verfasser, weist nach, daß das Rote Kreuz nichts unternommen  hat, um die ungarischen Juden vor der Vernichtung zu bewahren. Eine Intervention für ungarische  Juden wurde vom Roten Kreuz als Einmischung in die inneren Angelegenheiten angesehen. Erst als die  Erfolge der Alliierten sich abzeichneten, änderte im Juni 1944 das Rote Kreuz seine Einstellung. Da  war es aber für jede Hilfe zu spät, weil schon die meisten der ungarischen Juden in den  Vernichtungslagern umgebracht worden waren.

Präsident der Moskauer Reformgemeinde besucht Deutschland
„Nach 70 Jahren können erstmals Russen und Juden wieder herzlich miteinander sprechen“, so  äußerte sich Sinowij Kogan, Präsident der Moskauer Reformgemeinde bei seinem Deutschlandbesuch.  „Wir können uns jetzt frei entfalten.“ In Moskau leben zur Zeit 200.000 Juden. Die bestehenden  fünf Synagogen reichen nicht aus, darum plant Kogan eine sechste Synagoge zu bauen. Dazu hofft er  auf Spenden aus den USA und aus Israel. Sein Augenmerk richtet er aber zur Zeit besonders auf die im  Land entstehenden jüdischen Gemeinden.

Arnold-Zweig-Ausgabe
In Zusammenarbeit der Arnold-Zweig-Gedenkstätte in Berlin und des Aufbau-Verlags ist eine  zwölfbändige ArnoldZweigAusgabe geplant. Besonderes Augenmerk gilt dabei den bislang wenig  beachteten Essays Zweigs zu jüdischen Fragen. Gleichzeitig sollen die zum Teil in der DDRZeit  verstümmelten Textfassungen Zweigs wieder auf das Original zurückgeführt werden.

Jüdische Gemeinden bekommen ihr Eigentum zurück
Ende April hat das tschechische Parlament einem Gesetz zugestimmt, das den tschechischen  Bürgern jüdischen Glaubens die Rückerlangung ihres früheren Eigentums ermöglicht. Auf der  Grundlage von Schenkungsverträgen wird das noch im Besitz des Staates befindliche Eigentum den  jüdischen Gemeinden in der tschechischen Republik zurückgegeben. Es handelt sich um Vermögen der  jüdischen Gemeinde, das nach 1938 „arisiert“ wurde. Eine Ausnahme bildet derzeit noch das  staatliche jüdische Museum in Prag. Darüber wird später verhandelt.

Israel-Festival mit arabischer Beteiligung
Bei dem Israel-Festival soll das Beste aus der Kultur anderer Länder gezeigt werden. Der  marokkanische Künstler Abdellatif Zine hat mit seiner Tanzgruppe das Israel-Festival eröffnet. Es  war der erste Auftritt einer arabischen Gruppe bei einem Israel-Festival und fand in Ostjerusalem  statt. Allein schon der Ort brachte Abdellatif Zine Kritik von palästinensischer Seite ein. Auch  andere Gruppen arabischer Künstler waren auf dem Festival vertreten. Die arabische Bevölkerung  Israels besuchte mit Begeisterung diese Veranstaltungen, die ein Beitrag zum Frieden zwischen  Israelis und Palästinensern sein können.

Massengrab in Jerusalem
Vor über einem Jahr waren bei Bauarbeiten in einer Höhle in Mamilla, in der Nähe der  Jerusalemer Altstadtmauer, Gebeine in einem christlichen Massengrab gefunden worden. Inschriften,  Mosaike und Kreuze in einer Kapelle am Eingang der Höhle wiesen auf die christliche Herkunft. Es  war das größte Massengrab, das in Jerusalem aus der Zeit der Eroberung durch die Perser (614 n.  Chr.) entdeckt wurde. Christliche Beschreibungen über dieses „Martyrergrab“ liegen vor.  Orthodox-jüdische Kreise vermuten, daß es sich jedoch um ein jüdisches Grab handelt. Nachdem  Christen und orthodoxe Juden je für sich die Auslieferung zur Bestattung gefordert hatten, hat das  israelische Religionsministerium die Gebeine an einem unbekannten Ort ohne religiöse Zeremonie  bestatten lassen.

„Künstler für die Synagoge“
Unter diesem Motto wurde bis 15. Mai 1994 eine Ausstellung im Lübecker Burgkloster gezeigt.  Hundert Künstler aus Schleswig-Holstein, Mecklenburg und Niedersachsen präsentierten ihre Werke.  Die Hälfte des Verkaufserlöses ist zum Wiederaufbau der bei einem Brandanschlag beschädigten  Synagoge in Lübeck bestimmt. Die Ausstellung wird „als Zeichen der Solidarität mit unseren  jüdischen Nachbarn“ verstanden.

Arbeitsstelle Fritz Bauer Institut
Mit einer umfangreichen Büchersammlung im Wert von ca. 100.000 Mark wurde die Bibliothek der  Arbeitsstelle Fritz Bauer Institut in Frankfurt am Main erweitert. Die Schenkung enthält Bücher  über den Umgang des frühen Nachkriegsdeutschland mit dem Holocaust. Gesammelt werden Zeugnisse zur  Geschichte der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik.

Jüdische Schule in Warschau
Mit dem Schuljahr 1994/95 wird in Warschau nach mehr als 25 Jahren wieder eine jüdische Schule  eröffnet. Auf Druck der Regierung mußte sie 1968 geschlossen werden. Die Neugründung der  Lauder-Morascha-Schule geht auf eine Stiftung des amerikanischen Kaufmanns Roland Lauder (Estee  Lauder) zurück. Die Anmeldungen sind laut der neuen Rektorin sehr zahlreich.

Notizen mit Namen

Naftali Bar-Giora Bamberger wurde mit der Medaille für Kunst und Wissenschaft des  Hamburger Senats ausgezeichnet. Sie soll sowohl die Verdienste würdigen, wie eine Geste der  Versöhnung sein. Bamberger lebt in Stuttgart und Jerusalem. 1991 hat Bamberger im Museum für  Hamburgische Geschichte die Ausstellung „400 Jahre Juden in Hamburg“ maßgeblich mitgestaltet.  Bambergers Vater war Rabbiner der „alte und neue Klaus“ in Hamburg. Im Alter von 15 Jahren  flüchtete Naftali Bar-Giora Bamberger in das damalige Palästina. Mit seinem Engagement will  Bamberger ausdrücken, daß die Geschichte der deutschen Juden mit ihrem physischen Ende nicht  ausgelöscht sein darf.

Am 07.05.1994 starb im Alter von 70 Jahren Chaim Bar-Lew. Er ist eine Symbolgestalt der  Gründergeneration des Staates Israel. 1968 löste er Yitzhak Rabin als Generalstabschef ab. 1972  wurde er als Mitglied der Arbeiterpartei Industrieminister, 1977 zog Bar-Lew in die Knesset ein.  1992 wurde er israelischer Botschafter in Moskau. Diesen Posten nahm er bis zu seinem Tod wahr. Der  nur selten Emotionen zeigende Ministerpräsident Rabin hielt eine herzliche Abschiedsrede bei der  Beisetzung von Bar-Lew. Aber auch der oppositionelle Likud zollte ihm Respekt und Anerkennung.

Professor Pinchas Lapide wurde die Ehrenplakette der Stadt Frankfurt verliehen. In seiner  Laudatio würdigte Oberbürgermeister Andreas von Schoeler das Lebenswerk Pinchas Lapides, der 1922  in Wien geboren wurde. Er hat den schwierigen Dialog von Juden und Christen aufgenommen und mit  großem Wissen und leidenschaftlichem Engagement geführt. Durch seine Lehrtätigkeit hat er dazu  beigetragen, Gegensätze abzubauen und damit das Klima der Stadt Frankfurt beeinflußt.

Portugals Präsident Mario Soares hat in Bordeaux (Frankreich) posthum den „verbannten Konsul“  Aristides de Sousa Mendes geehrt. Entgegen den Anweisungen des Diktators Antonio Salazar  ermöglichte er etwa 30.000 Menschen die Flucht vor dem Naziregime. Der Diplomat wurde nach Portugal  zurückgerufen und verurteilt. 1954 starb er in Armut. Erst 1989 wurde er rehabilitiert. Soares  charakterisierte ihn als „gerechten und einfachen Menschen, der nur auf sein Herz hörte, um  Juden, aber auch allen anderen Verfolgten, zu helfen.“

Erzbischof Andrea Cordero Lanza di Montezemolo ist zum ersten Nuntius des Heiligen Stuhls  bei der israelischen Regierung ernannt worden. Er wurde 1925 in Turin (Italien) geboren. Seit 1959  ist er im diplomatischen Dienst. Man traut ihm zu, die schwierige Aufgabe in Israel zu meistern. Wie  die anderen in Israel akkreditierten Gesandten wird er nicht in Jerusalem, sondern in Jaffa seinen  Sitz haben. Er äußerte sich, daß zwar der Vertrag in Jerusalem, dem Sitz des Außenministeriums,  unterzeichnet werde, doch „anerkennen wir weiterhin nicht Jerusalem als Hauptstadt Israels“.

Für seine Arbeit am Medienpaket gegen Rassismus und Antisemitismus wurde Professor Dr. Ivo  Nezel mit dem Max-und-Erika-Gedeon-Preis ausgezeichnet. Nezel ist Leiter des Fachbereichs  Schulpädagogik und Erwachsenenbildung am Pestalozzianum in Zürich. Mit seinem Medienpaket spricht  er Schüler der Mittel und Berufsschulen (Sekundarstufe II) an. Seine These: „Eine demokratische,  erlebnisreiche Erziehung ist bei Jugendlichen die beste Prophylaxe gegen Rassismus.“ Am wenigsten  anfällig gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit sind nach Nezel Menschen, die eine „tolerante,  menschenwürdige und humanistische Erziehung“ genossen haben. Problematisch ist die Zeit der  Ablösung von der Familie, Jugendliche, die mit dem Übergang ins Erwachsenenalter nicht  zurechtkommen. Wer zu dieser Zeit keinen Rückhalt in der Familie findet, sucht ihn bei  Gleichaltrigen.

Schüler und Schülerinnen der Klasse 10c der Frankfurter Carl-Schurz-Schule pflanzten einen Baum  für Oskar Schindler in der Friedberger Anlage. Es ist der Ort der ehemals größten  Frankfurter Synagoge. Der Tag war Schindlers Geburtstag. Die Bäume des geplanten Haines — nach  dem Vorbild von Yad Vashem — sind Menschen gewidmet, die sich für Verfolgte und gegen den  Nationalsozialismus eingesetzt haben. Schindlers Baum ist der zweite Baum.


Jahrgang 1 — 1993/94 Seiten 315-318



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