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In memoriam

Verstehen von innen her.

Bischof Klaus Hemmerles Bedeutung für uns Juden

Über Klaus Hemmerle zu schreiben, bedeutet, sich über einen Menschen zu äußern, der in  einzigartiger Weise Eigenschaften verband, die sonst bei einem Menschen selten anzutreffen sind. Er  strahlte Güte aus. Er war ein Wissenschaftler von Format. Ein tiefgläubiger Mensch mit viel Humor  und zugleich ein Sprachkünstler, der Freude daran hatte, mit der Sprache zu spielen.

Meine erste Begegnung mit ihm fand 1971 beim Ökumenischen Pfingsttreffen in Augsburg statt. In  einem Arbeitskreis des Katholikentages von Trier 1970 war beschlossen worden, einen Gesprächskreis  zwischen Katholiken und Juden zu gründen. Klaus Hemmerle und sein Freund Hanspeter Heinz suchten  dafür Partner bzw. wollten überlegen, wie man ein solches Projekt gestaltet. In mir fanden sie  jemanden, der seit 1961 Erfahrungen mit den Protestanten gesammelt hatte; denn diese hatten ein  solches Unternehmen nach dem Kirchentag 1961 begonnen. Klaus Hemmerle hat sich als geistlicher  Direktor des Zentralkomitees der deutschen Katholiken mit der Gründung des neuen Gesprächskreises  direkt befaßt. Es bedurfte nur einer kurzen Zeit, bis die jüdischen und katholischen Teilnehmer  gefunden waren, und die Arbeit konnte beginnen. Bis K. Hemmerle Bischof von Aachen wurde, nahm er  regelmäßig an den mehrmals jährlich stattfindenden Sitzungen teil. Sicher hatte sich K. Hemmerle  theoretisch durch seine Beschäftigung mit der Religionsphilosophie schon früher in eine geistige  Beziehung mit dem Judentum gebracht. Jüdischen Menschen aber begegnete er hier in einem konkreten  Austausch wohl zum ersten Mal.

Was mir bei ihm auffiel, war sein tiefes Verstehen. Man kann einem geistigen Phänomen auf  verschiedene Weise begegnen: sich Wissen aneignen, akademisch darüber handeln oder es korrekt  abstrakt betrachten. All das war nicht die Weise, wie Klaus Hemmerle mit dem Judentum umging.  Natürlich brachte er eine ungewöhnliche intellektuelle Spannweite mit. Man hatte jedoch den  Eindruck, daß er darüber hinaus das Judentum von innen her begriff. Wenn hier von „innen“ die  Rede ist, so handelt es sich nicht um das Selbstverständnis eines Juden, sondern um das geistige  und intuitive Erfassen vom Kern seines Christseins her. Indem er die Wurzeln des Christlichen  reflektierte, kam er zum Wesen des Judentums. Er ist eines der leider seltenen Beispiele eines  Menschen, der im Christentum wirklich zu Hause war und zugleich von dieser religiösen und  seelischen Heimat aus das Judentum zu erfassen vermochte. K. Hemmerle war sich bewußt, welche  Schuld die Kirche an der Judenverfolgung gehabt hat. Er war einer der wenigen, die sich mit großem  Einsatz um eine Wende bemühten. Daher hatte er für Juden diese unaustauschbare Bedeutung, weil  jeder wußte, daß es ihm um die Sache ging, und weil er eine natürliche Autorität ausstrahlte,  die überzeugte.

In den vielen Jahren unserer persönlichen Beziehung hat es manches gegeben, was wert wäre,  überliefert zu werden. Hier soll nur von einem Erlebnis berichtet werden, das für sich selbst  spricht. Auf dem Berliner Katholikentag 1990 wurde ein „Bußgang“ veranstaltet: Von einem Ort,  der durch die Deportation der Berliner Juden gekennzeichnet war, ging man in die nächstgelegene  Kirche, um dort eine kurze Gedenkstunde abzuhalten. Es ergab sich, daß ich diesen Bußgang  gemeinsam mit K. Hemmerle unternahm. Wir gingen von der Stelle aus, wo früher einmal die Synagoge  Levetzowstraße stand, deren Trümmer nunmehr abgetragen sind. Jeder von uns beiden sagte an dieser  Stelle einige Worte, dann begaben wir uns gemeinsam zur Kirche. Auf dem Weg sagte ich ihm, daß  meine Mutter am 27. Februar 1943 von diesem Deportationszentrum aus nach Auschwitz verschleppt  wurde. Als wir in der Kirche angelangt waren, sollte er eine Ansprache halten. Er begann  folgendermaßen: „Ich habe mir für diese Gedenkstunde einen Text vorbereitet. Nachdem mir mein  Freund Lutz Ehrlich nun aber auf unserem gemeinsamen Gang hierher mitgeteilt hat, daß seine Mutter  gerade von der Sammelstelle, an der wir unseren Bußgang begonnen haben, nach Auschwitz deportiert  wurde, kann ich den vorbereiteten Text nicht mehr sprechen.“ Statt dessen richtete er einige tiefe  Worte an die versammelte Gemeinde. Über meine Bewegung brauche ich wohl nichts weiter zu sagen. Das  war K. Hemmerle. Auch und gerade in dieser Situation zeigte sich seine ganze, tiefe Menschlichkeit,  sein Eingehen auf den andern, sein Verständnis für ihn, und was vielleicht noch wesentlicher ist:  sein Mitfühlen. So wird er immer in meiner Erinnerung bleiben. Das Andenken dieses Gerechten sei  zum Segen für uns alle.

Ernst Ludwig Ehrlich

aus: das prisma, Verlag Neue Stadt, München, Sonderheft 1994, 6. Jg.


Jahrgang 1 — 1993/94 Seiten 313-314



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