Freiburger Rundbrief Freiburger Rundbrief
    Archiv Neue Folge > 1993/94 > 218  

Home
Leseproben

Inhalt Neue Folge
Archiv Neue Folge
1993/94
1995
1996
1997
1998
1999
2000
PDF-Dateien ab 2001

Inhalt der Jg. vor 1993
Archiv vor 1986

Gertrud Luckner
Bestellung/Bezahlung
Links
Artikel
Mitteilungen
Rezensionen
 
XML RSS feed
 
 
Display PRINT friendly version
Hildegard Gollinger

Bericht

Europäische Theologen setzen ein Zeichen

Vom 04. bis 09.04.1992 veranstaltete die Europäische Gesellschaft für Katholische Theologie in der Universität Stuttgart-Hohenheim ihren ersten Kongreß über das Rahmenthema „Christlicher Glaube im Aufbau Europas“. Obwohl von der programmatischen Zielsetzung her der innerchristlichen Selbstbesinnung gewidmet, diskutierte ein ganztägiger Arbeitskreis mit etwa 20 Theologen aus unterschiedlichen Ländern und Disziplinen die Problematik „Israel, Judentum und Christentum“. Durch die Aufnahme dieses Programmpunktes dokumentiert die für Europa repräsentative Vereinigung katholischer Theologieprofessoren und Theologieprofessorinnen, daß sich christlicher Glaube heute nicht (mehr) in Absehung von seinen jüdischen Wurzeln und von der jüdischen Schwesterreligion definieren läßt. Noch bemerkenswerter als dieser Vorgang selbst sind die Ergebnisse der vielstündigen Reflexion, die sich immer vom Blick auf die Praxis leiten ließ.

Als Ausgangspunkt dienten zwei Selbstverständlichkeiten:
— Das Christentum verdankt seine religiöse Existenz dem Judentum und ist diesem durch die Person des Juden Jesus wie durch die gemeinsame heilige Schrift bleibend verbunden.
— Trotzdem ist die zweitausendjährige Geschichte zwischen Juden und Christen eine Geschichte christlicher Schuld, die in den Massenmorden des Dritten Reiches kulminierte.

Diese beiden Tatsachen waren für die katholische Kirche Anlaß zu zahlreichen, auch praxisorientierten Erklärungen, die eine Weichenstellung für eine bessere Zukunft zum Ziel hatten. Der Arbeitskreis sah eine seiner Aufgaben darin, solche Äußerungen über den guten Willen hinaus auf ihre theologischen Voraussetzungen und Konsequenzen hin zu befragen und womöglich argumentierend zu vertiefen.

Eine Schlüsselrolle fällt bei diesen Bemühungen den Ergebnissen der neueren exegetischen und theologischen Forschung über Person und Botschaft Jesu zu.

Als unstrittig kann heute gelten, daß Jesus sich von seiner Botschaft her, insofern er das Reich bzw. die Königsherrschaft Gottes ansagt, problemlos in die jüdische Vorstellungswelt integrieren läßt. Auch die Tatsache, daß seine Verkündigung nicht einer neuen Theorie über Gott, sondern dem Tun seines Willens gilt, ist gut jüdisch. Zum kritischen, d. h. (unter)scheidenden Moment wird die Bedeutung seiner Person. Die unterschiedlichen Würdetitel, mit denen Jesus im neutestamentlichen Schrifttum charakterisiert wird und die zur Grundlage für die christologische Entwicklung der folgenden Jahrhunderte wurden — Menschensohn, Sohn Gottes, der Sohn, der Herr . . . — dokumentieren die Überzeugung seiner Anhänger, daß Jesus nicht nur ein begnadeter Verkündiger mit göttlichem Auftrag war, daß sich vielmehr in seinem Reden und Handeln bereits Verheißung erfüllt, ja daß sich Gott selbst mitgeteilt hat. Dieses Bekenntnis ist für Christen zeitlos bindend. Allerdings hat die historisch-kritisch arbeitende Bibelwissenschaft nachgewiesen, daß es sich bei solchen Titeln nicht um Ansprüche des historischen Jesus, sondern um interpretierende Bekenntnisse seiner Anhänger handelt, und zwar um Deutungen, die erst auf dem Hintergrund der (historischem Nachweis entzogenen, nur dem Glauben zugänglichen) Ostererfahrung möglich wurden. Begriffe wie „Bekenntnis“, „Überzeugung“ oder „Deutung“ signalisieren, daß es bei solchen Aussagen nicht um Wissen, sondern um Glauben geht — eine für die theologische Forschung inzwischen selbstverständliche Erkenntnis, die aber noch zu wenig ins allgemeine Bewußtsein der Christen gedrungen ist, obwohl ihr gerade für die Begegnung mit Juden entscheidende Bedeutung zukommt: Wo Christen und Juden über Jesus reden, steht demnach nicht Wissen gegen Nichtwissen, sondern Glaube gegen Glaube.

Damit ist nicht nur die seit den Kirchenvätern so beliebte Charakterisierung der jüdischen Position als Verstockung oder Blindheit untauglich geworden; vielmehr kann das Verhältnis zwischen Juden und Christen nach dem heutigen Stand der Christologie nur auf der Grundlage der Respektierung der je eigenen religiösen Identität bestimmt werden. Darüber hinaus ist angesichts der aktuellen Herausforderungen an den Gottesglauben als solchen ernsthaft zu erwägen, ob nicht die Gemeinsamkeit des Glaubens an denselben Gott und der Selbstverpflichtung auf die Verwirklichung seines Willens in der Welt Juden und Christen weitaus stärker miteinander verbindet als die je spezifische Eigenart dieses Glaubens zu trennen vermag.

In den Überlegungen zur Vermittlung und Förderung dieser Einsicht erwies sich das Sprachproblem als Dreh und Angelpunkt.

Sprache prägt Bewußtsein und Handeln der Menschen; die Geschichte hat ja gezeigt, daß verbaler Antijudaismus in einer Generation oft schon in der nächsten tödliche Folgen für die Juden haben konnte. Wer diesen Mechanismus außer Kraft setzen will, muß bei der Terminologie ansetzen. Das läßt sich am Beispiel der Bundesthematik konkretisieren.

In der Verkündigung Jesu spielt der Bundesgedanke keine Rolle, wohl aber in der Abendmahlstradition. Die christliche Theologie hat den dort angesagten neuen Bund als Erfüllung der Verheißung von Jer 31,31-34 interpretiert, dabei aber meist unterschlagen, daß es hier nicht um Ablösung, sondern um eine Erneuerung des Gottesbundes mit „dem Haus Israel und dem Haus Juda“ geht. Die Erfahrung, daß die in der christlichen Argumentation jahrhundertelang (im Sinne einer Enterbung) antijüdisch gebrauchte Rede vom „neuen“ Bund wohl immer für Mißverständnisse anfällig bleiben wird, legt die Forderung nahe, künftig sachgerechter vom „erneuerten“ Bund zu sprechen — eine Formulierung, die nicht nur dem situativen und literarischen Kontext von Jer 31 gerecht wird, sondern auch mit der jüdischen Interpretation des Textes im Einklang steht. Dieses Verständnis wird bestärkt durch die beiden Teilen der Bibel gemeinsame Überzeugung, daß Gott seinen Zusagen unwiderruflich treu bleibt (vgl. z. B. Jes 54,10 und Röm 11,29). Christen sollten sich daher unmißverständlich und uneingeschränkt dazu bekennen, daß die Juden auch nach dem Christusereignis Bundesvolk und Verheißungsträger sind — eine Sichtweise, die die Liturgie längst vorweggenommen hat: wo katholische Christen früher am Karfreitag um die Bekehrung der „perfidi Iudaei“ beteten, bitten sie seit der Liturgiereform um die Bewahrung der Juden in der Treue zum Gottesbund.

Problematischer gestaltet sich eine Revision des kirchlichen Sprachgebrauchs, wo es um biblische Kategorien wie etwa Verheißung/Erfüllung geht. Wenn Paulus oder Matthäus zeigen, daß sich in Jesus Verheißung erfüllt, so birgt diese Aussage immer noch einen Verheißungsüberschuß, ist also offen auf Zukunft hin; den neutestamentlichen Autoren ist bewußt, daß auch Christen noch in Erwartung leben. Wenn dagegen christliche Theologen in der Folgezeit mit den Kategorien Verheißung/Erfülung argumentierten, wurden die beiden Pole nicht mehr aufeinander bezogen, sondern isoliert zur Kennzeichnung von Judentum (= vorläufig) auf der einen und Christentum (= endgültig) auf der anderen Seite mißbraucht.

Durch die Herauslösung aus seinem neutestamentlichen Verständnishorizont bezeichnet das Begriffspaar Verheißung/Erfüllung den ursprüngich gemeinten Sachverhalt nicht mehr sinngemäß. Es sollte dafür im kirchlichen Sprachgebrauch nicht mehr verwendet werden. Dieselbe Forderung gilt für wertende Bezeichnungen wie „blinder“ Gesetzesgehorsam oder „wahres“ Israel (was die Assoziation „falsches“ Israel als Pendant provoziert), zumal beide Konnotationen unbiblisch sind.

Bei der Diskussion der vorgenannten Themen herrschte weitgehend Konsens, der wohl auch dadurch ermöglicht wurde, daß sich alle Teilnehmer der Thematik Judentum/Christentum beruflich wie auch persönich verbunden wissen.

Zwei Problemkreise konnten jedoch trotz aller Gemeinsamkeiten nur kontrovers erörtert werden:
— Die Frage nach dem angemessenen Verständnis von 1 Kor 15,27 f. hinsichtlich der Universalität der Heilsbedeutung Jesu und der Konsequenzen für die Heilserwartung der Juden: für einige Teilnehmer impliziert die Formulierung „alles ist ihm unterworfen“, daß auch für Juden letztlich, und sei es auch „im Eschaton“, kein Weg „an Christus vorbei“ führen kann; andere leiten dagegen aus der grundsätzlich theozentrischen Perspektive paulinischer Verkündigung (vgl. 1 Kor 15,28: „. . . damit Gott sei alles in allem“, ähnlich 15,24) ab, daß auch außerhalb des Christentums grundsätzlich die Möglichkeit eines unmittelbaren Zugangs zu Gott bestehen bleibt, wie ihn nach jüdischer Überzeugung die Tora gewährt.
— Die Frage eines verantwortlichen Umgangs mit der im Johannesevangelium gebrauchten, überwiegend negativ besetzten Kollektivbezeichnung „die Juden“, mit der christliche Hörer erfahrungsgemäß ihre jüdischen Mitbürger assoziieren.

Nicht neu, aber zumindest in diesem Gremium bemerkenswert ist der Vorschlag, die entsprechenden Texte auszulassen oder aber durch den zusätzlichen Hinweis auf das Judesein Jesu und seiner Jüngerinnen und Jünger zu relativieren; (allzu?) hohe Anforderungen an Lehrer und Prediger stellt die Empfehlung, einschlägige Texte im liturgischen und schulischen Gebrauch mit einer grundsätzlichen Sachkritik am NT zu kommentieren, wobei eingeräumt wurde, daß wissenschaftliche Kritik an neutestamentlichen Aussagen die Gemeinde im Grunde nicht erreicht: prägend wirkt primär der Wortlaut, weniger die Erläuterung liturgischer Lesungen.

Am ehesten läßt sich vielleicht die Anregung realisieren, bei der Übersetzung solcher Texte die Methode der dynamischen Äquivalenz anzuwenden, also Begriffe nicht unbedingt wörtlich, sondern möglichst so wiederzugeben, wie sie ursprünglich gemeint sind, konkret: statt „die Juden“ z. B. „die Repräsentanten der (aus johanneischer Sicht:) bösen Welt“ o. ä. zu setzen. Wo solche Umschreibungen gemäß der Intention des Autors nicht möglich sind, erscheint der Verzicht auf die Zitation historisch besonders belasteter Stellen — dazu gehört z. B. auch Mt 27,25 in Schulbibeln und liturgischen Lesungen als letzter Ausweg.

Der Arbeitskreis konnte und wollte keine offiziellen Empfehlungen verabschieden, und viele Probleme konnten nur andiskutiert werden. Dennoch verleiht der europäische Rahmen sowie die hochkarätige Besetzung den Überlegungen dieses Kreises hohe Bedeutung. Die gemeinsam empfundene theologische Verantwortung für eine partnerschaftliche Weggemeinschaft von Juden und Christen (obwohl keine Juden anwesend waren, auf die man hätte Rücksicht nehmen müssen!) und die gemeinsame Überzeugung, daß das christliche Verhalten gegenüber Juden als Prüfstein für den Umgang mit Minderheiten im zusammenwachsenden Europa gelten kann, bestätigen und ermutigen all diejenigen, denen ein Christentum ohne Antijudaismus zum Herzensanliegen geworden ist.


Jahrgang 1 — 1993/94 Seiten 307-311



top