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Gertrud Luckner
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Berichte

Ehrung für Dr. Gertrud Luckner


Ehrung Dr. Getrud Luckners
Dr. Gertrud Luckner mit Msgr. Hellmut Puschmann, Präsident des Deutschen Caritasverbandes (Mitte) und Prälat Dr. Georg Hüssler, Ehrenpräsident des Deutschen Caritasverbandes (links). (Foto: Strecker, DCV

Die Begründerin des Freiburger Rundbriefs,* Dr. Gertrud Luckner, wurde am 8. Juni 1994 mit der Verdienstmedaille des Landes Baden- Württemberg ausgezeichnet. Mit ihr wurde eine der Wegbereiterinnen des christlich-jüdischen Dialogs gewürdigt. Die 94jährige konnte an der Verleihung in Ludwigsburg nicht teilnehmen, darum überreichte ihr Regierungspräsident Conrad Schroeder die Auszeichnung in Freiburg im Rahmen einer Feierstunde.

Gertrud Luckner arbeitete nach dem Studium der Wirtschafts und Sozialwissenschaft von 1938 an beim Deutschen Caritasverband. Zunächst aus eigener Initiative und dann im Auftrag der deutschen Bischöfe galt ihre Sorge den von den Nationalsozialisten verfolgten Juden. Es gelang ihr, verfolgte Juden zur Flucht ins Ausland zu verhelfen. Nach dem Krieg übernahm sie im Deutschen Caritasverband das Referat Verfolgtenfürsorge, das sie bis 1966 geleitet hat.

Der Staat Israel dankte Frau Dr. Gertrud Luckner mit der „Medaille der Gerechtigkeit“, seiner höchsten Auszeichnung.

*) vgl. FrRu NF 11993/94, 1 f.

Noch nicht druckreifes Holocaust-Dokument

Anfang Juni 1994 trafen sich vatikanische Autoritäten unter der Leitung von Kardinal Edward Cassidy in Jerusalem zu einer Sitzung mit jüdischen Repräsentanten. Es handelte sich um eine normale Sitzung des International Jewish Committee for Interreligious Consultation (IJCIC). Dabei kam die Sprache auch auf das Holocaust-Dokument, das seit Jahren von katholischen Theologen bearbeitet wird, und in dem die katholische Kirche ihre Betroffenheit und ihre Reue über den millionenfachen Massenmord an Juden während des Zweiten Weltkrieges ausdrückt. Das Dokument, das eine äußerst schwierige Materie beinhaltet, ist aber nicht fertig geworden. Die Gründe dafür liegen in verschiedenartigen Auffassungen der Redakteure. Hans Hermann Henrix, Leiter der Bischöflichen Akademie des Bistums Aachen, hat sich besonders um die Weiterführung dieses Dokuments verdient gemacht. Er konnte aber bei der Versammlung kein fertiges Dokument vorlegen, sondern legte es nur dem Gremium vor, damit dieses einen ersten kritischen Blick darauf werfen könnte. Leider wurde dann das Dokument vorschnell der israelischen Presse zugespielt und veröffentlicht. In der Folge gab es dann Mißstimmigkeiten zwischen Kardinal Cassidy und Rabbiner David Rosen. Wir hoffen, daß das Dokument in einigen Jahren herauskommen kann und so ausfallen wird, daß die Verantwortlichkeit der katholischen Kirche deutlich kundgetan wird.

Wiedereinweihung der Synagoge in Veitshöchheim

Am 21. März 1994 wurde in Veitshöchheim (Kreis Würzburg) die Synagoge wiedereingeweiht. David Schuster, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Würzburg, bezeichnete die Wiederherstellung der Synagoge und die Schaffung des jüdischen Kulturmuseums als eine großartige Leistung der Gemeinde Veitshöchheim. Als besonders geglückt wird die Kombination von Synagoge als Gotteshaus und Gedenkstätte und des Genisamuseums (Genisa: eine Art sakraler Abstellraum unter dem Dach oder in einem Nebenraum der Synagoge für nicht mehr benötigte Kultgegenstände) als Lernstätte gesehen. Das Besondere sei — so Landesrabbiner Henry Brandt in seiner Ansprache — , daß nicht nur, wie sonst üblich, die Leidenszeit der Juden porträtiert werde, sondern aufgrund der Genisafunde und des wiederhergestellten Sakralbaus wird gezeigt, wie Juden in der Region über Jahrhunderte gelebt haben. Ein ständiger Gottesdienst werde wegen der geringen jüdischen Bevölkerung nicht möglich sein, von Zeit zu Zeit seien Gedenkgottesdienste vorstellbar. Seit 1644 lebten Juden in der Gemeinde Veitshöchheim. Die erste Synagoge wurde 1746 eingeweiht. Mitte des 19. Jahrhunderts waren ca. 10% der Veitshöchheimer Bevölkerung jüdischen Glaubens. Bis 1942 waren alle jüdischen Mitbürger deportiert worden. Nach den Novemberpogromen 1938 entschied sich die örtliche Kultusgemeinde für die Selbstauflösung. Dadurch ging das Gebäude in den Besitz der Kommune über. 1980 beschloß der Gemeinderat, das jahrzehntelang vernachlässigte Gebäude zu sanieren. Bei den Arbeiten fand man im Geröll unter dem Fußboden eine zweite Ebene. Die weiteren Grabungen brachten eine einzigartige steinerne Inneneinrichtung mit Lesekanzel und Toraschrein zutage. Eine Mikwe (= Bassin für das rituelle Tauchbad) wurde ebenfalls gefunden. In der Decke des Betsaals fand man die Genisa mit jahrhundertealten Büchern, Kalendern und Zeitschriften sowie handschriftliche Dokumente. Diese Funde veranlaßten die Gemeinde, nicht nur den Sakralraum wiederherzustellen, sondern zusätzlich eine Stätte zu schaffen, die das damalige jüdische Leben in der unterfränkischen Gemeinde präsentierte. Das Museum gliedert sich in das denkmalgeschützte Gebäude, in die Genisafunde und in die Geschichte der jüdischen Gemeinde.

Die Ausstattung der Synagoge konnte nach Fotos der Innenansicht rekonstruiert werden. Ins Auge fällt die über drei Meter hohe Lesekanzel, die Bima, eine schöne Holzarbeit aus dem Rokoko, sowie der reichverzierte Toraschrein aus dem Jahr 1732. Seine kostbar bestickten Vorhänge wurden nach Fotos rekonstruiert.

Verfolgt, vergessen, gedemütigt

Holocaust-Überlebende im Baltikum

Der Leidensweg der Juden in Litauen, Lettland und Estland begann im Sommer 1941. Er ist bis heute  nicht zu Ende.

Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten im Baltikum etwa 400.000 Juden. Mit der Besetzung der drei  baltischen Staaten durch die deutsche Wehrmacht im Juni/Juli 1941 begann ein beispielloses Morden.  Den deutschen „Einsatzkommandos“ und ihren einheimischen Helfern fiel fast die gesamte jüdische  Bevölkerung des Baltikums zum Opfer.

Der physischen Vernichtung durch die Nazis folgte die Unterdrückung alles Jüdischen unter der  Sowjetherrschaft. Verdrängt und vergessen wurde das Schicksal der baltischen Juden aber nicht nur  im Osten, sondern auch im Westen. Heute leben noch etwa 300 ehemalige Getto- und KZ-Häftlinge im  Baltikum. Die meisten sind über 70 Jahre alt. Alle sind arm, viele sind krank, die meisten  alleinstehend. Die Rente reicht gerade für die Miete, nicht aber für Essen, Heizung und  Medikamente.

Aus der Bundesrepublik Deutschland erhalten die ehemaligen Getto- und KZ-Häftlinge bisher keine  „Wiedergutmachung“. Dafür gebe es „keine Rechtsgrundlage“.

In einem Aufruf an Bundestag und Bundesregierung, den baltischen NS-Opfern eine „Entschädigungsleistung“  zu gewähren, heißt es: Über den Freiburger Hilfsfonds „Jüdische Sozialstation Budapest“,  der Holocaust-Überlebende in einem Spital in Budapest betreut, der laut Satzung NS-Opfer aber auch  anderswo unterstützen kann, haben wir Geld gesammelt, seit wir Mitte November 93 in der Zeitung vom  Schicksal der baltischen Juden lasen. Anfang Dezember wurde an jeden einzelnen der 320 Überlebenden  ein Brief mit 50,- DM geschickt. Am 27.01.94 haben wir die Aktion wiederholt. Die Geldbriefe  übermittelte der Vorsitzende des Deutsch-Baltischen Parlamentarischen Freundeskreises, Prof Dr.  Wolfgang Freiherr von Stetten, der enge Kontakte zu den baltischen Staaten unterhält. Auf sicherem  diplomatischen Weg (diplomatische Kuriere — deutsche Botschaften — jüdische Vereinsvorsitzende) erreicht das Geld die Empfänger.

Dresdner Bank Frbg., BLZ 680 800 30, Kto.Nr. 40 711 77 01.
Betr.: „Getto-Überlebende Baltikum“. (Spenden sind steuerlich absetzbar.)


Jahrgang 1 — 1993/94 Seiten 305-307, 312



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