Freiburger Rundbrief Freiburger Rundbrief
    Archiv Neue Folge > 1993/94 > 214  

Home
Leseproben

Inhalt Neue Folge
Archiv Neue Folge
1993/94
1995
1996
1997
1998
1999
2000
PDF-Dateien ab 2001

Inhalt der Jg. vor 1993
Archiv vor 1986

Gertrud Luckner
Bestellung/Bezahlung
Links
Artikel
Mitteilungen
Rezensionen
 
XML RSS feed
 
 
Display PRINT friendly version
Röhm, Eberhard; Thierfelder, Jörg

Juden — Christen — Deutsche

Band 2/III: 1935-1938. Calwer Verlag, Stuttgart 1992. Teilband I: 460 Seiten, Teilband II: 355 Seiten.

Die Rolle der evangelischen Christen während der NSZeit war im wahrsten Sinne des Wortes zwiespältig: Auf der einen Seite standen die „Führertreuen“ und daher von den Nazis auch geförderten „Deutschen Christen“, auf der anderen Seite versuchte die „Bekennende Kirche“ mehr oder weniger erfolgreich, mehr oder weniger zielstrebig, die Grundsätze des Evangeliums gegenüber dem Hitler-Regime zu verteidigen.

Die Situation der sogenannten „nichtarischen Christen“, also all jener getauften Deutschen, die in Folge der Nürnberger Rassengesetze juristisch zur „jüdischen Rasse“ bzw. zu den „Mischlingen“ gezählt wurden, war nicht weniger fatal: Auf der einen Seite wurde ihnen von sehr vielen, auch hochrangigen kirchlichen Würdenträgern, jede Hilfe versagt, ja wurde ihnen nahegelegt, den Kontakt mit ihren Gemeinden aufzugeben, auf der anderen Seite wurde ihnen auch von jüdischen Hilfsorganisationen wenig Unterstützung zuteil, da diese zuerst die Hilfe ihrer jüdischen Mitbürger bewerkstelligen wollten. „Sie hatten niemanden“, meinte daher auch Heinrich Grüber, der durch sein „Büro Pfarrer Grüber“ unzähigen „nichtarischen Christen“ zum Überleben verhalf.

Die beiden Autoren setzen in den zwei Teilbänden fort, was sie in ihrem ersten Band, der die Jahre 1933 bis 1935 zum Inhalt hatte, zu schreiben begonnen haben: Das Schicksal der „nichtarischen Christen“ während der NS-Diktatur, das Problem der „Mischlingsehen“, der „Judentaufen“, der Ausgrenzung und Abschiebung in „judenchristliche Gemeinden“, der Beerdigung „nichtarischer Christen“ auf christlichen Friedhöfen, der „nichtarischen“ Schulkinder, der Anstellung „nichtarischer“ Kirchenmusiker und Pfarrer und das Verhalten der evangelischen Kirche in diesen Konfliktbereichen, ihre Kooperationsbereitschaft mit dem Regime, ihre zaghaften, halbherzigen, aber auch selbstlosen Hilfsbemühungen.

Genau, informativ, umfassend, mit Fotos und einer Fülle von Dokumentationsmaterial unterlegt, schildern Röhm und Thierfelder den oft ausweglosen Kampf einiger weniger um die Anerkennung und das Überleben ihrer „nichtarischen“ Mitchristen in den Jahren 1935 bis 1938; ein Kampf, der zum Teil gegen die eigene Kirche geführt werden mußte, zum Teil in den Fängen der Gestapo und hinter den Stacheldrähten der Konzentrationslager endete. Namen wie Marga Meusel, Hermann Maas,

Friedrich Weißler, Evaristos Glassner, Julio Goslar, Ernst Ludwig Maschke, Bruno Benfey, Hans Ehrenberg, Heinrich Lebrecht, Willy Olsner, Kurt Lehmann, Alice Salomon, Carl G. Schweitzer, Heinrich Spiero, Laura Livingstone oder Heinrich Grüber erhalten wieder ein Gesicht. Das Versagen der Kirche wird dabei ebenso offenbar, wie die aufopferungsvollen Einzelleistungen der wenigen, die sich aufgrund des Gebotes der christlichen Nächstenliebe entschlossen gegen das diskriminierende und menschenverachtende Regime zur Wehr setzten.

Ebenso deutlich kommt zum Vorschein, daß heute so oft verwendete Entschuldigungen von „Nicht-Wissen“ oder „Nicht-Voraussehbarkeit“ nicht zutreffen, da es schon sehr früh öffentliche Stimmen gab, die auf die Gefahren der NS-Diktatur und auf die mangelnde Gegenwehr der Kirchen hinwiesen, aber in den Sitzungsprotokollen der unterschiedlichsten Gremien verschwanden. Ein Satz aus dem „Memorandum“ von Bonhoeffer-Freund Franz Hildebrandt für den „Theologischen Ausschuß zur Judenfrage“ der Bekennenden Kirche aus dem Jahre 1936 zeigt dies: „Das erste Wort, das die Kirche zu sprechen hat, ist das Bekenntnis ihrer Schuld. Sie hat die Frage nicht hören wollen. Sie hat geschwiegen, wo sie hätte reden sollen, selbst dann noch, als die Sprache der Ereignisse mehr als deutlich und der Augenblick mehr als reif war. Sie hat es geschehen lassen, daß (!) viele in und außer (!) ihren Reihen Unrecht litten und hatten keinen Tröster. Sie hat aber auch den Anschein erweckt, als fordere ihr Gehorsam gegen die Obrigkeit das freudige Ja zu der Behandlung der Judenfrage . . . Sie hat endlich durch unbedachte und unverantwortliche Äußerungen die Verwirrung des Gewissens mitverschuldet.“

Den wenigen, die nicht geschwiegen haben oder untätig geblieben sind, wird in eindrucksvoller Weise ein Dokument gesetzt. Den beiden Autoren ist damit ein weiterer Schritt gegen das Vergessen eines düsteren Kapitels unserer Geschichte und deren wenigen Lichtblicke gelungen, eine Bestandsaufnahme, die hoffentlich verhindert, daß in Zukunft Ähnliches geschehen kann.

Herbert Winklehner


Jahrgang 1 — 1993/94 Seiten 300-301



top