Freiburger Rundbrief Freiburger Rundbrief
    Archiv Neue Folge > 1993/94 > 210  

Home
Leseproben

Inhalt Neue Folge
Archiv Neue Folge
1993/94
1995
1996
1997
1998
1999
2000
PDF-Dateien ab 2001

Inhalt der Jg. vor 1993
Archiv vor 1986

Gertrud Luckner
Bestellung/Bezahlung
Links
Artikel
Mitteilungen
Rezensionen
 
XML RSS feed
 
 
Display PRINT friendly version
Feinberg, Anat (Hg.)

Kultur in Israel

Eine Einführung. Bleicher Verlag, Gerlingen 1993. 240 Seiten.

Ein unauffälliges Taschenbuch aus dem um das Verständnis für Israel verdienten Bleicher Verlag, gut illustriert, gründlich informierend, notwendig. Denn auch an Israel und Judentum Interessierte hierzulande wissen mehr von jüdischer Geschichte als von Israels gegenwärtiger Kultur. Volkskunst aus den Kibuzzim, FolkloreTänze sind beliebt, Amos Oz wird gelesen. Darauf beschränkt sich bei vielen die Kenntnis.

Anat Feinberg aus Tel Aviv, jetzt Stuttgart, Lehrbeauftragte für hebräische Literatur an der Hochschule für jüdische Studien in Heidelberg, entdeckt die Lücke und behandelt zusammen mit sechs weiteren Experten, ausübenden, Lehrenden, Kritikern ihres Faches, alle um dasselbe Alter wie der Staat Israel, bildende Kunst, Literatur, Theater, Tanz, Musik, Film und Medien. Auch das ist den Autoren gemein, daß sie originell schreiben, keine Aufzählungen von Fachleuten für Fachleute, sondern bestrebt, Erscheinungen und Entwicklungen der Kultur als Spiegel auch politischer und ethischer Haltungen, ihnen konform oder in Gegenbewegung, als Vorbild oder Reaktion, zu erkennen. Das ist am Exempel Israel besonders interessant, hier — wie im Zeitraffer — auf 44 Jahre zusammengedrängt.

Faszinierend durch die „multikulturellen“ Wurzeln. Europäische Intelektuelle bringen westliches Erbe und westliche Moderne in orientalisches Klima, geradezu heroisch bereit, aufzubauen, offen zur Synthese mit asiatischen Traditionen. Die im Land Geborenen wollen sich dann von der Vergangenheit lösen. Heute sehen die Beobachter auch in Israel den uns wohlbekannten Pluralismus und Hedonismus. „Vor zwanzig Jahren aß der kultivierte Israeli zu Hause und ging aus, um einen Film zu sehen oder Konzerte zu hören; heute sieht er die Filme auf seinem Videogerät zu Hause, benutzt einen CD-Spieler, um Musik zu hören, und geht zum Essen aus.“ Zwei Stunden durchschnittliches tägliches Fernsehen hat die Zeitungslektüre etwas zurückgedrängt. Trotzdem ist die Zahl der Zeitungen im letzten Jahrzehnt von 706 auf 911 gestiegen. Die Buch-Leselust ließ etwas nach. 1962 lag Israel noch auf Platz eins, was die Zahl der Buchveröffentlichungen pro Kopf der Bevölkerung betrifft.

Und in der neuen Belletristik „hat der strahlende Held der frühen hebräischen Literatur dem geschlagenen, verwirrten, ratlosen Anti-Helden Platz gemacht“, der „Figur des Israeli, der zu seinen wahren, tieferen Wurzeln zurückkehrt, das Erbe seiner Väter entdeckt (wenn auch nicht das religiöse!) und die Begegnung mit einer Vergangenheit voller Leiden und Überlebenswillen nicht mehr verabscheut.“

Theater in Israel begann mit Vision und Sprache. Es folgten Versuche einer Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit im Land, typisch die Verbindung von Dokumentation und Satire. Finanzielle Anspannung drängt zur Unterhaltung. Lebendig und interessant ist das Theater in Israel. Typisch auch im israelischen Film die Ironie, die bittersüße Humoreske, als zentrale Gestalt der sensible Mensch, der sich nicht anpassen kann, wie es von ihm erwartet wird.

David Witzthum über die Entwicklungen in Politik und Presse: „In der Vergangenheit waren die israelischen Politiker bekannte Publizisten, zum Teil sogar große Sozial- und Staatsphilosophen. Oder aber sie kamen aus der Kultur oder von der Hochschule. Oder aber sie waren Autodidakten, Akademiker, Journalisten und Schriftsteller, zum Beispiel Ben Gurion und Begin, und vor ihnen Weizmann . . . Heute befaßt sich kaum noch ein erstrangiger israelischer Politiker mit Kultur, Philosophie oder Publizistik. Heutzutage sind die neuen Politiker in Israel in ihrer Mehrheit sogenannte ,Macher‘, die genau wie andere ihrer Generation und jüngere aus dem Heer, den exakten Wissenschaften, Technologie, Industrie und Wirtschaft, Landwirtschaft und Verwaltung kommen: zum Beispiel Shamir und Rabin, Peres . . . Die Tageszeitungen sind demnach heute keine Arena mehr, in der diskutiert und berichtet wird, sondern eine Art Supermarkt.“

Elisabet Plünnecke


Jahrgang 1 — 1993/94 Seiten 292-294



top