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Ernst Ludwig Ehrlich

Christen und Juden in neuen Gesprächen

Vor einiger Zeit ist ein grundlegendes Werk aus der Feder von Wolfgang Gerlach erschienen: „Als die Zeugen schwiegen“.1  Darin findet sich ein Bericht, wie im Sommer 1938 Pfarrer Hermann Maas in Berlin vor leitenden Männern der sogenannten ,Bekennenden Kirche‘ einen Vortrag hielt mit dem Thema: „Die Bekennende Kirche und die Judenfrage“. Ein solcher Hinweis war auch deshalb dringlich, weil die Bekennende Kirche zwar einen Widerstand gegen das Naziregime geleistet hatte, aber mit wenigen Ausnahmen (dazu gehört etwa Dietrich Bonhoeffer) sich für die Juden kaum interessiert hatte. Selbst getaufte Juden wurden von den Kirchen weitgehend im Stich gelassen. Daher war es absolut notwendig, daß Pfarrer Maas dieses Referat hielt, in dem er sich nicht nur mit den getauften Juden beschäftigt. In diesem Vortrag heißt es u.a.: „Wenn der Staat das Volk Israel diffamiere und mit allen Mitteln bekämpfe, so tue er das nicht nur aus einem Antijudaismus heraus, sondern aus einer radikalen Feindschaft gegen Gott, innerhalb deren Menschen erst recht dadurch schuldig werden, daß sie nicht wissen, was sie tun. Denn in Wahrheit handle der Staat aus titanischer Grenzüberschreitung und Ungehorsam gegen Gottes Wort.“ Am Schluß dieser Rede heißt es, die Kirche habe sich der Problematik der Juden zu stellen und „um so klarer, sicherer und radikaler gegen alle Grausamkeiten, Ungerechtigkeiten, Lügen und Härten zu kämpfen, die aus einer falschen Motivierung der Judenfrage entstehen. Und sie wird Buße tun für ihre Versäumnisse, ihr seitheriges Schweigen und ihr falsches ,Ja‘ . . .“

Damals, im Jahre 1938, war Hermann Maas ein einsamer Kämpfer, ein Einzelkämpfer. Wir wollen uns hier vor allem auf die Evangelische Kirche konzentrieren, ohne zu leugnen, daß auf katholischer Seite es ebenfalls eine Fülle von Arbeit gibt, die in zahlreichen Erklärungen aller Art zum Ausdruck gekommen ist.

Bis zum Jahre 1985 läßt sich das alles in der umfassenden Dokumentation2  nachlesen. Wir könnten von jedem beliebigen Ereignis oder von den vielen Institutionen ausgehen, die sich von 1945 bis 1985 mit dieser Arbeit befassen. Wir haben zu fragen, ob die Kirchen diese Buße getan haben. Ich bediene mich zu diesem Zwecke eines relativ unbekannten Textes des württembergischen evangelischen Kirchenrates und der evangelischen Landessynode vom 15. September 1988, weil zumindest die Problematik, um die es hier geht, zusammengestellt worden ist:

Die Einleitung des Textes lautet: „Die Beziehung zwischen den Juden als dem Volk Gottes und der Kirche Jesu Christi“ beschreibt der Apostel Paulus mit dem Bild des Ölbaumes und den eingepfropften Zweigen: „Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich“ (Röm 11,18). Gleichzeitig warnt er seine heidenchristlichen Brüder vor Überheblichkeit.

Die Mahnung des Apostels ist rasch in Vergessenheit geraten. Nur deshalb konnte es geschehen, daß in der Folge in fast zwei Jahrtausenden christliche Völker über Juden Vorurteile, Verleumdungen, gesellschaftliche Isolierung brachten und die Juden Verfolgungen ausgesetzt waren. Die Schuld, von der bereits 1938 Hermann Maas vor den leitenden Männern der Bekennenden Kirche sprach, hat ihre Ursache vor allem darin, daß Christen vergaßen, daß sie Juden und Judentum fast alles verdanken: Die hebräische Bibel, den Juden Jesus von Nazaret sowie den hellenistischen Juden Paulus aus Tarsus, der präzise formuliert: „Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich“ (Röm 11,18).

In der Erklärung der württembergischen Landessynode heißt es:
„Als Christen leiden wir unter der schweren Last der Vergangenheit. Wir erkennen und bekennen unsere Schuld vor Gott und vor dem jüdischen Volk und bitten den Herrn, daß er uns helfe zur Umkehr im Glauben und Tun.“

Damit sind folgende Problemkreise angesprochen:

1. „Umkehr im Glauben und Tun“.

2. „Erinnern, nicht vergessen!“ Damit meinen der Kirchenrat und die Synode die lange Tradition der Ablehnung alles Jüdischen in der Christenheit. Zweierlei ist hier zu bedenken:
a) Eine solide theologische Arbeit über die Wurzeln christlicher Theologie, sowie ferner
b) die Analyse der Geschichte, um den Herausforderungen der Gegenwart begegnen zu können.

3. „Vom Trennenden zum Gemeinsamen “.
In der Tradition der Kirchen gab es bisher wenig Raum für Überlegungen, die auf das Juden und Christen Verbindende zielten. In der Kirchengeschichte wurden vor allem Unterschiede und Gegensätze betont. Das Neue, das jetzt angestrebt wird, ist geistige Aufgeschlossenheit, die im gegenseitigen Kennenlernen zum Ausdruck kommt und sich um Dialog und Gedankenaustausch bemüht. Wenn hier der Terminus „Dialog“ verwendet wird, so steht dieser im Gegensatz zu dem früheren Bemühen gerade evangelischer Christen, den Juden in der Form der „Judenmission“ zu begegnen. Das Kapitel der Judenmission ist zumindest in Deutschland heute weitgehend abgeschlossen, wenngleich an ihre Stelle an der Basis auch noch nicht überall eine sachgemäße Theologie der christlich-jüdischen Beziehung getreten ist.

Der württembergische Text formuliert diese Beziehung durchaus zutreffend:
„Gottes Treue gilt uneingeschränkt sowohl seinem erwählten Volk, wie der in Christus Jesus berufenen Gemeinde aus allen Völkern. Nicht gegenseitige Abgrenzung, sondern gemeinsames Lob der Treue Gottes ist unser Anliegen.“

Was hier also zum Ausdruck kommt, ist der Gedanke vom ungekündigten Bund, wie ihn Paulus in Röm 11,29 postuliert. Auch dieser Gedanke war viele Jahrhunderte lang verschüttet, obwohl es sich doch hier um eine ganz zentrale Aussage des Apostels handelt. Gerade an der Rezeption der Kapitel Röm 9-11 durch die Christenheit im Laufe der Jahrhunderte läßt sich dieser Irrweg der Kirchen deutlicher als an vielem anderen aufzeigen. Ein Herzstück paulinischer Verkündigung wurde schlechthin verdrängt, weil es jeder antijüdischen Pseudotheologie vehement widerspricht.

4. „Überlegungen zu einem neuen Weg“.
Hier wird darauf verwiesen, daß Judentum kein abstraktes Phänomen sei und reines Wissen über das Judentum, so wichtig es ist, nicht genügt. Judentum ist auch im Leben geübte Form, die einen langen historischen Hintergrund hat. Der Begriff „Tradition“ gehört essentiell zum Wesen des Judentums, weil durch sie Judentum lebendig erhalten wurde. Die jüdische Tradition hat Judentum stets erneuert. Sie hat es davor bewahrt, zu erstarren und fossil zu werden. Daher führt der neue Weg, wie er in diesem Abschnitt angesprochen wird, nicht nur zur Kenntnis durch Literatur und Medien, sondern zum Mitmenschen. Offenheit und Entgegenkommen, so heißt es, entsprechen dem Verhalten Jesu.

5. „Hören und Aufnehmen“.
Es wird dargelegt, in welcher Weise christliche Repräsentanten über das Judentum geurteilt haben, ohne es wirklich zu kennen. Der Begriff „jüdisches Selbstverständnis“ gehört erst den letzten 20 oder 30 Jahren an und war früher im christlichen Sprachgebrauch weitgehend unbekannt. Was christliche Theologen als Judentum ausgaben — und zahlreiche Kommentare zum Alten und Neuen Testament legen davon beredtes Zeugnis ab , waren mit wenigen Ausnahmen selbstgefertigte Schreibtischprodukte voller selbstüberheblicher Arroganz. Der heute glücklicherweise kaum noch verwendete Ausdruck „Spätjudentum“ ist ein signifikantes Beispiel dafür. Mit „Spätjudentum“ bezeichnete man Judentum in nachexilischer Zeit, von dem man postulierte, es wäre nur noch Abfall vom Baume der Prophetie. Darum wird in dem Text gesagt: „Wir wollen hören, lernen und aufnehmen, was jüdische Gesprächspartner über sich selbst und andere sagen.“ Es ist die Tragik christlich-jüdischer Beziehung gewesen, daß eine solche Binsenwahrheit Jahrhunderte lang schlechthin nicht erkannt wurde. Es ist nicht hier der Ort, die Gründe dafür aufzuzeigen. Richtig ist jedenfalls, wenn im Text gesagt wird, christliche Repräsentanten haben, obwohl sie echtes, gelebtes Judentum kaum kannten, viele Jahrhunderte lang ohne Scheu die Rolle der Wissenden übernommen, auch in der Belehrung über das, was Juden denken, glauben und tun.

6. „Umbesinnung: Auf allen Gebieten notwendig“.
Hier wird der Gedanke vorgetragen, daß die Beziehung zu Israel, wie schon erwähnt, eine Grundkomponente christlicher Selbsterkenntnis darstellt. Denn Christen haben die hebräische Bibel; sie haben das von Juden verfaßte Alte Testament und ihr Erlöser ist der Jude Jesus von Nazaret, wenngleich die Erkenntnis, daß es sich hier um einen integralen Juden handelte, auch jüngeren Datums ist. Der Gedanke, daß die Beziehung zum Judentum eine Grundkomponente christlicher Selbsterkenntnis darstellt, müßte nun auch in der wissenschaftlichen Theologie an Universitäten genauso zum Ausdruck kommen wie in Predigt und Katechese. Darum heißt es: „Die Verbundenheit mit dem jüdischen Volk ist Inhalt christlicher Erziehung, Verkündigung und Öffentlichkeitsarbeit.“ Es besteht kein Zweifel darüber, daß ein Bemühen sichtbar ist, diesen Forderungen heute gerecht zu werden. In der Wissenschaft besteht hier noch ein Unterschied zwischen Exegese und Dogmatik. In der Exegese ist inzwischen durchaus ein gewisser Wandel eingetreten. Diesen gibt es in der Dogmatik nur in einigen Ausnahmen. In der Exegese ist das Bemühen sichtbar, Antijudaismus zu überwinden; in der Dogmatik hingegen kommen die Juden entweder gar nicht oder nur am Rande vor, ein Phänomen, was angesichts der Tatsache merkwürdig erscheint, wenn man, wie hier in diesem Text, Israel als das Volk Gottes bezeichnet und dieser Gedanke eine Grundkomponente christlicher Selbsterkenntnis darstellen soll.

7. „Umkehr: Auf allen Ebenen zu vollziehen“.
Darin heißt es: „Neubesinnung und Umkehr ereignen sich nicht durch bloße Absichtserklärungen. Sie müssen von jedem einzelnen konkret vollzogen werden.“ Hier geht es nicht allein um die Selbsterziehung jedes einzelnen, sondern der Text meint in diesem Zusammenhang das Wächteramt der Landeskirche gegenüber den christlichen Weltorganisationen wie dem Ökumenischen Rat der Kirchen und dem Lutherischen Weltbund. Hier ist ein sehr wichtiger Punkt angesprochen worden. Es geht nämlich darum, daß die Beziehung zum jüdischen Volk auf dem Hintergrund politischer Anliegen erneut in den Schatten gestellt wird. Gerade der World Council of Churches befindet sich permanent in der Gefahr, der neuen Form der Judenfeindschaft, die im Antizionismus zum Ausdruck kommt, nicht genügend zu widerstehen. Daher heißt es hier, daß die Landeskirche darauf zu achten hat, daß die wesensmäßige Verbundenheit mit dem jüdischen Volk jetzt nicht wieder verschwiegen oder in Frage gestellt wird. Zu dieser Umkehr gehört natürlich auch, daß Christen den Ansätzen eines neu aufkommenden wie auch immer gearteten Antisemitismus entgegenzutreten haben. Für die inzwischen vereinte Bundesrepublik besteht hier eine neue Aufgabe, da in den fünf neuen Bundesländern die Menschen seit Jahrzehnten über Juden, Judentum und den Staat Israel entweder gar nicht oder nur in der Karikatur aufgeklärt worden sind. In diesem Teile Deutschlands besteht ein besonderer Nachholbedarf, denn diese fünf neuen Länder haben die positive Entwicklung in der alten Bundesrepublik kaum mitvollzogen. Nur wenige evangelische Arbeitskreise in Berlin, Leipzig, Dresden und Rostock haben sich in den letzten Jahren mit dieser Problematik beschäftigt. Es handelt sich dabei um Pioniere, denen wir zu danken haben, aber ihre Ausstrahlung konnte aufgrund der damaligen politischen Situation nicht groß sein. Das Engagement der Kirche gegen jede Form des Antisemitismus ist leider immer noch aktuell.

8. „Schwerpunkte des Dialogs in der württembergischen Landeskirche“.
Was hier übrigens für Württemberg postuliert wird, hat allgemein Geltung. Hier wird geraten, von alttestamentlichen Texten auszugehen und sie u. a. auch durch jüdische Lehrer auslegen zu lassen. Das kann etwa bei Pfarrkonventen geschehen. Ferner rät die Synode, das vierbändige Werk von Rabbiner Roland Gradwohl zu verwenden: „Bibelauslegung aus jüdischen Quellen“. In diesem Buche werden die alttestamentlichen Predigttexte, wie sie im Laufe der Jahre in der Kirche vorkommen, entsprechend ausgelegt. Es wird ferner den jungen Theologen geraten, in Jerusalem die hebräische Bibel und das Judentum zu studieren und sich der Werke der Nächstenliebe in Israel anzunehmen, von denen es eine ganze Reihe gibt. Abschließend heißt es: „Daß das Kennenlernen über dem Bibelwort sich nicht in Kommissionen, sondern bevorzugt in Kirchengemeinden und bei der Fortbildung kirchlicher Mitarbeiter abspielt, ist eine der Besonderheiten unserer Landeskirche, zu deren Pflege wir ermutigen.“

Wir sehen also, daß man sich durchaus bewußt ist, daß man den neuen Weg auf allen Ebenen beschreiten muß und daß er nicht nur in den Theologischen Fakultäten begangen werden kann, sondern vor allem auch in den Kirchengemeinden. Diese Erkenntnis ist wichtig und notwendig, wenngleich es sich bisher weitgehend nur um ein Desiderat handelt.

9. „Dank an jüdische Gesprächspartner“.
Hier kommt der Gedanke zum Ausdruck, daß es eigentlich nicht so ganz selbstverständlich für Juden ist, sich in Deutschland dem christlich-jüdischen Dialog zu widmen. Das war freilich vor 30 Jahren noch viel schwieriger. Ein vernünftiger Jude hatte z. B. die geringste Schwierigkeit, in geistige Kommunikation mit Hermann Maas zu treten, aber er war ja leider die große Ausnahme. Allzu viele andere hatten sich aus Opportunismus, Feigheit und geistiger Verbildung in jenen 12 Jahren und auch schon vorher von den Juden abgewandt.

Ich entsinne mich selbst noch sehr gut der Zeit in den 50er Jahren, als ich zum ersten Mal nach 7 Jahren der Abwesenheit wieder nach Deutschland zurückkehrte. Bei jedem Deutschen, der mir begegnete, stellte ich mir bewußt oder unbewußt die Frage, was er wohl in jenen 12 Jahren getan haben mag, in der Wehrmacht, in Polizeibataillonen oder in der Waffen-SS. Und ich fragte mich dann auch, was wohl jene Divisionspfarrer gesehen haben mögen und wie sie darauf reagiert hatten. Und der Trost hatte damals bei dem Gedanken gewiß nicht ausgereicht, wenn ich mir immer wieder sagte, dieser Jesus, den die andern als ihren entjudaisierten Messias verehrten, wäre gemeinsam mit meiner Mutter in Auschwitz vergast worden.

Daher versteht man den Dank an die jüdischen Gesprächspartner, wenn es heißt: „Mit großem Respekt erfüllt uns die Bereitschaft jüdischer Menschen, trotz zum Teil schwerster persönlicher Erlebnisse und über die Zerwürfnisse und Gräben der Vergangenheit hinweg, das Gespräch mit Christen in Deutschland zu führen.“

Heute ist die Situation freilich insofern anders, als die meisten Christen in diesem Lande nach 1945 geboren wurden oder von 1933-45 Kinder waren. Diese Situation erleichtert natürlich manches, wenngleich auf jüdischer Seite der Begriff der Erinnerung ein zentraler ist, wenn man sich sogar noch des Auszugs aus Agypten erinnert, der Heimtücke Amaleks in der Wüste, des Haman im Esterbuche. Wie sollte man sich nicht daran erinnern, was sich in unserem eigenen Jahrhundert ereignete. Wenn in diesem Zusammenhang Juden für ihre Bereitschaft zum Dialog gedankt wird, so soll noch ein Satz zitiert werden: „Die Bereitschaft, Juden zu helfen, scheint, wie das Beispiel von Maas zeigt, in erster Linie durch schon lange bestehende intensive Kontakte mit jüdischen Mitbürgern gefördert worden zu sein.“3  Daraus geht natürlich deutlich hervor, welchen existentiellen Sinn der christlich-jüdische Dialog hat. Das Leben von Hermann Maas in der Grenzsituation des Lebens ist ein beredtes Beispiel dafür, und das Miteinander von Juden und Christen auf dem Hintergrund ihres gemeinsamen Erbes ist für die Christen theologisch eine Notwendigkeit, für die Juden hingegen eine der Voraussetzungen, ein Leben in einer vorurteilslosen Gesellschaft zu führen.

10.
Hier wird zum Staat Israel Stellung genommen. Was Juden darüber denken, ist in einem gemeinsamen Dokument von jüdischen Organisationen mit dem Vatikan zum Ausdruck gekommen (Prag 06.09.1990). Darin heißt es:
„Die jüdische Delegation gab ihrer Verpflichtung gegenüber dem Staate Israel Ausdruck und unterstrich die Notwendigkeit für ein katholisches Verstehen des besonderen Platzes, den Israel im jüdischen Bewußtsein einnimmt.“

Ähnliches kommt auch im württembergischen Text zum Ausdruck wenn von der Freude der Juden über die Heimkehr in das Land der Väter die Rede ist und die Verbundenheit mit dem Staate Israel betont wird.

11. „Zum NahostKonflikt“.
„Als mit dem Volk Israel verbundene Kirche beten wir für den Frieden im Nahen Osten und bitten alle am arabisch-israelischen Konflikt mittelbar und unmittelbar Beteiligten, den Mut zur Verständigungs- und Aussöhnungsbereitschaft nicht zu verlieren. Feindschaft, Mißtrauen, Gewalt und Haß führen ins Verderben. Nur die beharrliche Bemühung um Verständigung, Ausgleich und Frieden kann den Völkern im Nahen Osten den Weg in eine gemeinsame Zukunft ebnen.“

Diese Ausführungen sind heute besonders aktuell, weil sie gewisse Richtlinien enthalten, die in der Praxis leider oft verdunkelt werden. Wenn hier von Verständigungs- und Aussöhnungsbereitschaft die Rede ist, so denken wir natürlich an Israelis und Palästinenser. Es gehört zu der Tragik in unseren Tagen, daß hier ein emotionsloses, sachliches Gespräch sehr schwer möglich ist. Dennoch ist ein Anfang gemacht worden.

12. Die Grundlage der Verbundenheit der Kirche mit dem jüdischen Volk.
Es ist das Berufungswort des Abraham (Gen 12,3), das lautet: „Ich will segnen, die dich segnen und in dir sollen . . . alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden.“

13. „Gemeinsame Weltverantwortung “.
In der Erneuerung der Beziehung zwischen Juden und Christen entdecken wir, daß wir, unterwegs zur Vollendung des Reiches Gottes, berufen sind, gemeinsam für Menschlichkeit, Gerechtigkeit und Frieden zu streiten. Wir warten darauf, daß Gott selber eine neue Erde heraufführt, auf der Gerechtigkeit wohnt, und bitten darum, daß durch unser Tun in der Schöpfung Gottes schon jetzt das ihr verheißene Ziel aufleuchtet.

,So spricht der Herr: Haltet das Recht und tut Gerechtigkeit; denn mein Heil ist nahe, daß es komme, und meine Gerechtigkeit, daß sie offenbar werde‘ (Jes 56,1).

,Wir warten aber eines neuen Himmels und einer neuen Erde nach seiner Verheißung, in welchem Gerechtigkeit wohnt‘ (2 Petr 3,13). Mit diesem Leitsatz ist eine eschatologische Dimension eröffnet worden, ohne die auch der christlich-jüdische Dialog in Gefahr gerät zu verflachen.

Wenn wir die vielen Dokumente der letzten Jahre analysieren und auf uns wirken lassen, sind wir freudig erstaunt über die Fülle dieser seriösen, verantwortungsbewußten, theologischen Arbeiten. Wir werden hier an die folgende Geschichte von Schammai und Hillel erinnert:
„Ein Heide kam zu Schammai und sagte ihm:
,Wenn du mich die ganze Tora lehren kannst, während ich auf einem Fuß stehe, kannst du mich zum Juden machen.‘
Da stieß Schammai ihn fort mit der Elle, die er gerade in der Hand hatte. Er kam zu Hillel, und Hillel sagte ihm:
,Was dir nicht lieb ist, das tue auch deinem Nächsten nicht: Das ist die ganze Tora, der Rest ist Auslegung: geh und lerne!“

An dieser Geschichte ist das letzte Sätzlein von Bedeutung: „Geh und lerne.“

Mir scheint, das ist, was jetzt not tut, die Fülle des Erarbeiteten jenen mitzuteilen, die davon noch nichts wissen, und das sind leider allzu viele. Gehet und lernet, was aus schmerzlicher Erfahrung jetzt endlich neu gedacht und, so Gott will, auch gelebt wird.

  1. „Bekennende Kirche und die Juden“. Berlin 1987.
  2. Die Kirche und das Judentum. Dokumente von 19451985. Hrsg. von Rolf Rendtorff und Hans Hermann Henrix. Bonifatius, Paderborn u. Christian Kaiser, München. 1988.
  3. Der Holocaust und die Protestanten. Analysen einer Verstrickung, hrsg. von JochenChristoph Kaiser und Martin Greschat. Frankfurt 1988, 178.

Im Bewußtsein des Erbes, das sie mit den Juden gemeinsam hat, beklagt die Kirche, die alle Verfolgungen gegen irgendwelche Menschen verwirft, nicht aus politischen Gründen, sondern auf Antrieb der religiösen Liebe des Evangeliums alle Haßausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgend jemandem gegen die Juden gerichtet haben.

Konzilserklärung „Nostra aetate“ Nr. 4

Jahrgang 1 — 1993/94 Seiten 276-284



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