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Tzvetan Todorov

Angesichts des Äußersten

Das besondere Buch

  

Originaltitel: Face à l‘Extrème. Editions du Seuil, Paris 1991. Übersetzt von Wolfgang Heuer und Andreas Knop. Wilhelm Fink, München 1993. 348 Seiten.

Der in Bulgarien geborene, nun seit dreißig Jahren in Frankreich lebende Literatur und Sprachwissenschaftler legt uns ein ebenso eigenständiges wie aufschlußreiches Buch vor. Er befaßt sich mit dem Verhalten der Menschen „angesichts des Äußersten“, d. h. in den Extremsituationen, die die Konzentrationslager darstellen. Konzentrationslager der Sowjets und der Nazis. Nicht das Grauen und das Unerhörte dort beschäftigen ihn primär, sondern das Verhalten der dort lebenden Menschen.

Die Untersuchung entstand nach einem Besuch Warschaus während einer Tagung, die nichts mit dem Holocaust zu tun hatte; aber Auschwitz gehört nun einmal zum polnischen Besuchsprogramm. Todorov ist nicht Jude, doch in einer kommunistischen Diktatur aufgewachsen. Deshalb interessiert er sich für die Fragen der Freiheitsberaubung und der geistigen Ohnmacht und Verfügungslosigkeit des Individuums unter einem totalitären Regime.

In seiner tiefschürfenden Untersuchung anhand einer Anzahl von schriftlichen Zeugnissen: Bruno Bettelheim, Primo Levi, Etty Hillesum, Margarete Buber-Neumann (die beide Arten Lager kennengelernt hat), Jewgenia Ginsburg, Anatolij Martschenko und andere, aus den Lagern Auschwitz, Treblinka, Sobibor, Ravensbrück und Kolyma oder Wologda, Verhöre der Täter wie Höss, Stangl, Frank, Speer, stört er uns auf mit der Erkenntnis, daß die Täter keineswegs Monster oder Bestien waren, Welten entfernt von uns Alltagsmenschen, mit denen wir nichts gemein haben, sondern vielmehr ganz gewöhnliche, durchschnittliche Menschen, daß nur die Umstände sie zu dem gemacht haben, was wir verabscheuen. Auch unter ihnen gab es „Gute“, Männer mit Mitleid, Freundichkeit und Rücksicht. Handkehrum gab es unter den — auch frommen! — Häftlingen nicht nur „Gute“, Hilfsbereite, Opferfreudige, sondern Egoisten, Karrieristen ohne Liebe, Rücksicht oder Mitleid. Wobei Todorov nie vergißt, auf die ganz andere, tödliche, grauenvolle Situation der Opfer hinzuweisen.

Er sieht in den KZ-Lagern der beiden totalitären Staaten, Sowjetunion und Nazideutschland, einen Vergrößerungsspiegel, der die Bedingungen des Mensch-Seins oder dessen Verlust ganz allgemein unübersehbar hervortreten läßt. Nicht die Grausamkeiten und Unmenschlichkeiten dieser Lager und ihrer Verwalter und Funktionäre sind von Interesse, sondern was diese Lager überhaupt erst ermöglichte.

Weiter untersucht er die immer wiederholte Ansicht, daß die Kommandanten und Wärter der Lager Vertierte und Ungeheuer seien und die Häftlinge ebenfalls zu solchen degradiert wurden. Anhand intensiver Lektüre über die Lager, die Häftlinge und ihre kleinen und großen Machthaber ergeben sich sehr aufschlußreiche Einsichten. Vor allem, daß die Vergangenheit auf keinen Fall ignoriert oder ad acta gelegt werden darf, denn damit besteht die Gefahr, daß man nichts lernt und sich alles wiederholen kann. Nur die Erinnerung daran und die Kenntnis der Bedingungen für die Entstehung des Äußersten und deren gründliches Studium kann das neuerliche Auftauchen solcher Bedingungen verhindern. Denn: der Totalitarismus ist ja nicht von einem Tag auf den anderen entstanden. Er hat sich langsam und unmerklich unter der Duldung und Gefügigkeit der Mehrheit der Menschen in diesen Staaten entwickelt. Verführt wurden sie in beiden Staaten durch eine Ideologie, die auf ein Abstraktum zielte, das mit psychischem und physischem Terror, der das gesamte gesellschaftliche Leben durchzog, verankert wurde. Nicht mehr Wohlergehen und größtmögliche Autonomie des Bürgers waren das Ziel dieser Regime, sondern die Durchsetzung der Ideologie des Systems. Der Staat, und nicht die Menschen, stellt das Maß für Gut und Böse dar. Die Kontrolle des totalitären Staates weitete sich über das gesamte Leben, das private ebenso wie das öffentliche, aus. Kein anderer Maßstab wurde mehr geduldet, was die totale Unterwerfung der Untertanen bewirkte. Das individuelle Denken und die individuelle Moralvorstellung und Ethik wurde an den Staat und seinen Führer, Hitler oder Lenin/Stalin, delegiert, welche sich dadurch zur obersten Instanz mit absoluter Machtvollkommenheit erhoben. Die Funktionäre, gleich welcher Stufe in beiden Diktaturen, gehorchten blind den als absolut verbindlich hingestellten Gesetzen und führten dann in Übereinstimmung mit den herrschenden staatlichen Gesetzen jeglichen Befehl aus, da alles ja nur zum besten des Staates geschah.

Die Tradition des Gehorsams gegenüber den Oberen wurde in den Diktaturen so ausgelegt, daß nun alle, die der Religion, der Ethnie oder der politischen Überzeugung nach nicht zu „uns“ gehören, zum Feind erklärt wurden. Der Mensch an sich galt nichts mehr, nur noch die Idee des Staates oder der Partei und deren Reinheit. Also konnte es nötig sein, für diesen Staat und seine Idee sogar zu töten, auch wenn das gar nicht angenehm war. Die Wärter und Leiter in den KZ wurden nicht der Moral beraubt, sie unterschieden weiter zwischen Gut und Böse, nur war ihnen eine neue Moral vorgegeben. Das Grausame, das Unerhörte zu tun wurde zur höchsten Tugend und Ehre erhoben (vgl. Himmlers Posener Rede an die SS).

Das ist der Grund, warum die Männer immer noch gute Familienväter und Ehemänner sein konnten. Diese Schizophrenie, die den Untertan scheinbar Herr über sein Inneres sein ließ, damit er um so gefügiger „draußen“ die neuen Gesetze befolgte, befestigte die Allmacht des Staates. Germaine Tillion schreibt: „Ich wünsche zutiefst, daß die Aufmerksamkeit der Verantwortlichen auf die tragische Leichtigkeit gelenkt wird, mit der ,anständige Menschen‘ zu Henkern werden, ohne sich dessen überhaupt bewußt zu werden.“ Jedoch, und das darf auf keinen Fall vergessen werden, ist nicht nur der Befehlsgeber schuldig und der Ausführende schuldlos, weil er „nur“ dem herrschenden Gesetz und dem Befehl gehorcht hatte. Die Möglichkeit der Verweigerung bestand immer, und in vielen Fällen war das nicht einmal gefährlich, aber meistens war nicht die blinde Gefolgschaftstreue der Grund für das Mitmachen, sondern die Feigheit und das Karrieredenken.

Und wie verhalten sich die Häftlinge? Welche Möglichkeiten haben sie, ihr Mensch-Sein zu erhalten? Todorov führt drei Verhaltensweisen auf. Zuerst den Heroismus oder das Heldentum, das, weil es spektakulär und darum am bekanntesten ist. Doch so rühmlich der Heroismus auch ist, so bewirkt er eigentlich nichts, er bleibt folgenlos für das Wichtigste, das Leben, sogar für den Helden. Der kümmert sich nicht darum, ob er Leben retten und ermöglichen kann. Ganz im Gegenteil, er zielt ausschließich auf den Tod, auch den eigenen, weil anders kein Nachruhm zu haben ist, und der ist letztlich der Beweggrund des Helden. Der Tod ist das Absolute schlechthin. Die Tat erfolgt für die Nation, das Vaterland, die Ehre, die Menschheit als Ganzes, die Partei. Also lauter Abstrakta, nie für ein konkretes Du. Für diese Abstrakta wird nicht nur das eigene Leben geopfert, auch das vieler nichtheldischer Menschen; ob das nun sinnvoll oder nützlich für die Individuen ist, spielt keine Rolle. Es ist vielmehr eine Tat des l'art pour l'art, aus der keine echte moralische Befriedigung kommt, sie ist sogar verwandt mit dem Exhibitionismus und, was nicht erstaunlich ist, wurde auch von den politischen Machthabern sogar bewundernd anerkannt. Todorov erwähnt in diesem Zusammenhang den Aufstand in Warschau 1944. Der wurde für „Polen“, das Land, unternommen, nicht damit die Polen entkommen und überleben konnten. Im Gegenteil wurde das als Feigheit ausgelegt und sogar untersagt. Das Resultat war nichts als der Tod. Was nützt es für ein Land zu sterben, das keine Bürger mehr hat?

Dann wendet sich Todorov dem tatsächlich Wichtigen und fürs menschiche Überleben Wesentlichen zu. Er nennt das die „Alltagstugenden“, als da sind die „Sorge“ und die „Würde“. Und diese Art Tugenden ließen sich in allen Lagern feststellen. Sie waren segensreich.

Für die Sorge und die Würde steht nicht ein Absolutes, ein Abstraktum, eine Idee als Ziel und Zweck, sondern immer das Du, das personale Individuum. Bei der Sorge ist es tatsächlich das Gegenüber, ein oder mehrere bestimmte Menschen, deren Wohlergehen schätzenswerter und wertvoler ist als das eigene. Diese Haltung ist auch angesichts des Äußersten möglich und war oft lebenserhaltend, wie viele Zeugnisse aus sowjetischen und Nazilagern belegen. Es sind meistens keine besonders auffalenden Taten, aber nötig, damit ein Mensch menschlich mit freiem Willen und autonomer Entscheidung bleiben kann. So kann man sein letztes Stück Brot mit dem Mithäftling teilen, eine Arbeit für einen noch Schwächeren tun, sogar töten. Das klingt furchtbar und unmenschlich und ist doch eine Tat der Sorge. Einige Ärztinnen aus den Lagern berichten, daß sie Neugeborene sofort töteten, um ihnen einen sanften Tod zu bereiten anstatt dem brutalen und ganz gewissen durch die Schergen und so vielleicht das Überleben der Mütter zu ermöglichen. Taten, die der Liebe und Sorge entspringen, schaffen überhaupt erst die Voraussetzung, die Lager zu überleben. Das berichten Überlebende wie Bruno Bettelheim und Primo Levi oder Anatolij Martschenko, Jewgenia Ginsburg oder Margarete Buber-Neumann.

Die Würde zielt ebenfalls auf ein Individuum, aber nicht das Gegenüber, sondern das eigene Ich, dessen Menschlichkeit eben auch ein hohes Gut ist. Sie erlaubt mir, nicht mehr fremdbestimmt zu sein, wenn ich mich einem entwürdigenden Befehl verweigere, mich sogar selbst töte, um nicht einfach passiv den Tod hinnehmen zu müssen, sondern selbst darüber entscheide als mein letztes Gut. — Übrigens waren die Aufseher in allen Lagern sehr darauf bedacht, diese letzte freie Tat zu verhindern, weil es ihnen deutlich zeigte, daß sie doch nicht allmächtig waren über die „minderwertigen“ Juden, Roma und Kommunisten. Würde ist ein Synonym für die Verweigerung der Unterwerfung, für die Selbstbestimmung gegen den Zwang.

Die Taten der Sorge und der Würde sind viel zahlreicher als man gemeinhin weiß. Sie sind aber so unauffällig, daß sich keine Legende wie bei der heroischen Tat darum bilden kann. Diese Alltagstugenden wurden auch von Leuten außerhalb der Lager vollbracht; anonyme Retter versteckten Juden, halfen Flüchtlingen, setzten sich bei Behörden und Kommandanten ein, ohne auf Ruhm oder Dankbarkeit zu schielen. Taten freier Entscheidung. Das ist die Banalität des Guten in Umkehrung des Wortes von Hannah Arendt: die Banalität des Bösen.

Todorov untersucht auch diese. Das Böse war gar nicht der Hauptzweck des Regimes, genauso wenig für die Ausführenden, im Gegenteil. Auf Grund der Ideologie des Totalitarismus, der Sowjets und der Nazis, war das Böse eben nur ein unumgängliches Mittel für die Verwirklichung der Idee, wenn es anders nicht zu machen war. Das ist aber keineswegs banal. Für diese Regime gilt nichts als die Idee der Allmacht und Herrschaft. Nicht um die Ethik oder die Moral, bloß um die Verwirklichung eines allumfassenden Plans zu einer neuen Moral, einer völligen Hingabe und Unterwerfung des Individuums, das nicht mehr Zweck des Handelns ist, sondern nur noch Mittel. Es fand eine Entpersönlichung statt, wie Bruno Bettelheim feststellt. Da aber doch noch Reste der alten Moral vorhanden waren, wollte man den Funktionären ihre „schwere“ Aufgabe erleichtern. Es wurde also nicht mehr von Häftlingen oder Personen gesprochen, die transportiert und vergast werden sollten; aus ihnen wurde die „Beladung“ der Züge und die „Beschickung“ der Gaskammern und Öfen. Hitler selber verachtete das Mitleidsgefühl als „Überbleibsel christlicher Ethik und schlappe Duldsamkeit“. Seine Einstellung den Frauen gegenüber zeigt dies gut, wenn er zu Speer sagt, daß die Frauen nur zur Reproduktion taugten, ansonsten inferior seien. In ihnen spürte er die größere Bereitschaft, sich für die Schwachen einzusetzen und einen größeren Widerstand gegenüber dem absoluten Gehorsam. Sie sind im allgemeinen weniger anfällig für das Absolute oder Abstrakte.

Um solche Schlappheit auszumerzen, bedurfte es eines Bruches zwischen dem Verhalten und dem Gewissen. Das war um so leichter zu erreichen, als in allen Gesellschaften die Loyalität zum Staat, die Pflichterfüllung hohe moralische Werte darstellen, bekannt ist die englische Devise: right or wrong — my country. In der Demokratie jedoch steht die Freiheit des Gewissens und der Meinung, der Widerstand gegen Übergriffe des Staates oder seiner Beamten höher als diese Loyalität oder Pflichterfüllung.

Unter totalitären Voraussetzungen ist es leicht, nur Loyalität und Gehorsam gegenüber dem Staat zu verlangen, solange man die Untertanen im Glauben läßt und sie entsprechend indoktriniert, daß alles, auch das Fürchterlichste, zum Wohl des Staates oder Volkes geschieht und sie ihr Privatleben vermeintlich immer noch nach den alten Moral und Ethiklehren leben läßt.

Daraus folgt, und die Überlebenden der sowjetischen und Nazilager berichten oft davon, daß die Schergen gespaltene Menschen und nur ganz wenige pervers oder mordlustig waren. Hätten sie die Ideologie ihrer Führer nicht so verinnerlicht, wären sie ganz normale Menschen gewesen wie du und ich und hätten nie Böses getan. Sicher ist auch, daß kein Land und kein Volk davor gefeit ist, dem Bösen zu unterliegen oder es zu vermeiden. Es gibt keine nationale Charaktereigenschaft, die dazu prädestiniert. Beweis dafür sind die unter die Nazi oder kommunistische Herrschaft geratenen Völker, die sich nach kurzer Zeit nicht anders verhielten als ihre neuen Herren. Es geht also darum, eine Lebensverfassung zu gewährleisten, die die Freiheit des individuellen Willens und der Entscheidung garantiert. Die Gesetze müssen vom Volk und nicht vom Herrscher erlassen werden.

Am Schluß seiner tiefschürfenden und leicht zu lesenden Studie kommt Todorov zu einer sehr einleuchtenden Erkenntnis. Er glaubt, daß nur das Paar, nicht notwendigerweise geschlechtsabhängig, zu einer moralischen Tat fähig ist. Weil eine Person nicht, oder nur in den seltensten Fällen, emotional und rational zur gleichen Zeit unter gleichen Umständen handeln kann. In der neuesten Philosophie beschäftigt man sich immer mehr mit der geschlechtsspezifischen Moral des „verallgemeinerten Anderen“ und des „konkreten Anderen“. Todorov fügt sich in diese Diskussion ein, wenn er auch keine Namen nennt, was im Kontext dieser Studie auch nicht nötig ist.

Besonders sympathisch an diesem Buch ist, daß Todorov in kurzen Einschüben über sein eigenes und das Verhalten seines Vaters unter der Diktatur in Bulgarien spricht und ohne Beschönigung darauf hinweist, daß er sich nicht aus der Masse der Durchschnittsmenschen ausschließt.

Nicht unerwähnt darf die gute und flüssige Übersetzung aus dem Französischen bleiben, die nur einen beharrlichen ärgerlichen Fehler aufweist. „Les gardiens“ werden mit „Wächter“ wiedergegeben. Ein Wächter hat aber eine positive Schutzfunktion — und Beschützer waren die Wärter oder Aufseher in den Lagern gewiß nicht.

Eine ausführliche Bibliographie ist dem Buch beigefügt, zum Nutzen derer, die sich in die einschlägige Literatur vertiefen möchten.

Eva Auf der Maur


Jahrgang 1 — 1993/94 Seiten 248-253

 



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