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Gertrud Luckner
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Notizen Jahrgang 1 - 1993/94 Heft 3

Notizen mit Namen

Der Gründungsdirektor des Museums für zeitgenössische Kunst, Amnon Barzel, soll die Leitung des Jüdischen Museums in Berlin übernehmen. Sein Museumskonzept, das die Rolle der Juden in Berlin und Deutschland als integraler Bestandteil der Stadt darstellen soll, überzeugte die Jury, die sich einstimmig für ihn entschied.

Der Stuttgarter Verleger Heinz M. Bleicher wurde von der Landeshauptstadt Stuttgart und der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit mit der Otto-Hirsch-Medaille geehrt. Oberbürgermeister Manfred Rommel hielt die Laudatio. Die Medaille wird seit 1985 jährlich an eine Persönlichkeit vergeben, die sich in besonderer Weise um die Zusammenarbeit von Juden und Christen verdient gemacht hat. Otto Hirsch war Bürger der Stadt Stuttgart. Als geschäftsführender Vorsitzender der Reichsvertretung deutscher Juden kämpfte er gegen Diskriminierung und Entrechtung und verhalf ca. 500.000 Verfolgten zur Flucht aus Deutschland. 1941 ist Hirsch im KZ Mauthausen umgebracht worden. Eine Biographie von Otto Hirsch ist im Bleicher-Verlag unter dem Titel „Für Recht und Menschenwürde“ erschienen.

Frau Dr. Gertrud Luckner wurde die Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg in Anerkennung ihrer Verdienste für den christlich-jüdischen Dialog verliehen. Wir berichten im nächsten Heft darüber.

Am 17. April 1994 jährte sich zum 50. Mal der Todestag von Dr. Max Josef Metzger, der wegen seines Einsatzes für Frieden und Völkerverständigung und gegen jede Form von Rassismus vom „Volksgerichtshof“ zum Tode verurteilt worden war und in Brandenburg-Görden hingerichtet wurde. Auch er gehört in die Reihen der Helden, die dem Nationalsozialismus widerstanden und die beispielgebend sind in unserer Zeit der rassistischen Unruhen.

Am 7. April 1994 starb im Alter von 85 Jahren der Historiker und Publizist Golo Mann. 1933 emigrierte er und war von 1947 bis 1957 Professor am Claremont Men‘s College in Kalifornien. Nach seiner Rückkehr nach Europa hatte er von 1960 bis 1964 eine Professur an der TH Stuttgart. Mit seiner Monographie über Metternichs Mitarbeiter Friedrich von der Gentz (1947) trat er als Historiker und Schriftsteller aus dem Schatten seines Vaters Thomas Mann. Er ist der Herausgeber der Propyläen-Weltgeschichte (10 Bände). Sein meistbekanntes Werk ist „Wallenstein“, das 1971 erschienen ist.

Kurz vor dem blutigen Massaker in Sarajewo konnten 118 Juden und Hunderte Muslime vom Jüdischen Weltkongreß nach Israel evakuiert werden. Unter ihnen befand sich die 81jährige Zajneba Hardaga Susic. Die Muslimin hatte im Zweiten Weltkrieg mehrere Juden gerettet. Sie wird in Israel bleiben.

Stichworte

Gericht für jüdische Rechtsprobleme

Im Rahmen der deutschen Rabbinerkonferenz hat sich ein Beth Din (ein religiöses Gericht, das aus drei Richtern besteht) konstituiert. Ihm gehören drei Rabbiner der gesetzestreuen Richtung an. Das Gericht ist für alle jüdischen Rechtsprobleme zuständig. Ansprechpartner ist Rabbiner Ehrenberg aus München.

ALLGEMEINE jüdische Wochenzeitung

Als am 27. Februar 1994 der Zentralrat der Juden zu seiner Sitzung zusammentrat, stand, wie vorher schon bekannt, im Mittelpunkt die Frage nach dem Weiterbestehen der ALLGEMEINEN. Es war allen Beteiligten klar, daß mit dem Einstellen der Zeitung mehr als nur eine Zeitung mit geringer Auflage aus der Medienlandschaft verschwinden würde. Die Einwände für und gegen den Erhalt der ALLGEMEINEN sind entsprechend emotional und engagiert ausgefallen. Anerkannt wurde der Einsatz der Redaktion, die unter nicht besonders günstigen Bedingungen optimale Arbeit leistet. Die Frage, ob das Blatt weiter erscheinen kann und soll, war nicht zuerst eine Frage der Notwendigkeit (daran dürfte wohl kein Zweifel bestehen), sondern der Finanzierung. Mit der Zurverfügungstellung von weiteren 1,2 Millionen DM ist der Fortbestand für das Jahr 1994 gesichert.

Der „Stadt Franckfurt der werthen“

Die 1200-Jahr-Feier war Anlaß zu einem internationalen Symposium. Mit 900 Jahren jüdischer Kultur ist zwar Frankfurt nicht die älteste, wohl aber eine der bedeutendsten deutschen Städte. In einem dreitägigen Symposium wurde die wissenschaftliche Lehr- und Lernveranstaltung an einigen ausgewählten Beispielen dargestellt, „und zwar diesmal“, wie Professor Karl E. Grözinger es formulierte, „nicht anhand der paar Rosinen à la Nobelpreisträger, sondern durch eine Stadtgemeinde in ihrer Vielfalt.“ Die Themen umfaßten: Religion, Liturgie, Philosophie, Musik, Literatur, Theater, Architektur, darstellende Kunst, Handwerk und Handel. Die Berliner Professorin Marianne Awerbuch sprach über das Alltagsleben im Frankfurter Getto, gekennzeichnet durch den Druck von außen in Form von Verordnungen, Verboten und Beschränkungen sowie durch den Druck von innen durch die strenge Hierarchie. Feste und Freude, Heiterkeit und Wärme gehörten ebenfalls in dieses Leben.

Schabbatessen in München

In der Woche der Brüderlichkeit hat die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in München zu einem Schabbatessen im jüdischen Gemeindehaus eingeladen und die Gäste kamen so zahlreich, daß kein Platz leer blieb. Neben der Begrüßung gab es für die zahlreichen christlichen Teilnehmer und Teilnehmerinnen eine Hinführung zu den Gebräuchen und eine Erklärung zu den Speisen, die am Schabbat gereicht werden. Es ging zu Herzen, als Rabbiner Ehrenberg sich für das Kommen bedankte und versicherte, er hätte sich nicht vorstellen können, einmal mit so vielen Christen ein Schabbatmahl zu halten. Daß Freude auf beiden Seiten war und der Abend harmonisch verlief, bewies, daß sich erst nach drei Stunden die Mahlgemeinschaft auflöste.

Juden, Christen und Muslime in Istanbul

Rabbi Arthur Schneier, Rabbiner der Park East Synagogue in Manhattan und Präsident der „Appeal of Conscience Foundation“, organisierte im Februar 1994 ein Treffen von Juden, Christen und Muslimen in Istanbul. Teilnehmer der Konferenz waren u. a. Rabbi David Asseo, Oberrabbiner der Türkei, Mehmet Nuri Yilmaz, Präsident des Büros für Religiöse Angelegenheiten in der Türkei, Patriarch Bartholomäus I., Kardinal Roger Etchegaray, Präsident des Päpstlichen Rates für Frieden und Gerechtigkeit, Scheich Pashazadeh, Aserbeidschan. Herausgegeben wurde eine Resolution mit dem Namen „Bosporus-Erklärung“, in der Formen „ethnischer Säuberungen“ ebenso verurteilt werden wie „das Konzept, die eigenen Aktionen in einem bewaffneten Konflikt mit dem Namen Gottes zu rechtfertigen“.

Ehescheidung — Recht für Frauen

Nach jüdischem Religionsgesetz kann eine Ehe nur geschieden werden, wenn der Mann einwilligt. Ende September 1993 fand das Treffen einer Delegation des Zusammenschlusses aller Frauenverbände in Israel mit den beiden Oberrabbinern Israel Meir Lau und Elijahu Bakshi-Doron statt, bei dem beschlossen wurde, eine Kommission einzurichten, die über die Situation der Frauen, deren Männer die Scheidung verweigern sowie der von ihren Männern verlassenen Frauen beraten soll. Betroffen sind inzwischen 10.000 bis 16.000 Frauen. Experten von Frauengruppen empfehlen, mehr Druck auf Männer auszuüben, z. B. auch durch die Übernahme der von amerikanischen Rabbinern praktizierten Lösung: bei der Eheschließung verpflichtet sich der Ehemann schriftlich, 100 Dollar pro Tag an seine Frau zu zahlen, wenn er sich weigert, die Scheidungsurkunde zu unterschreiben.

Synagoge in Zürich

Am Schabbat Chanukka, dem 11. Dezember 1993, wurde die Synagoge der Israelitischen Kultusgemeinde in Zürich nach fast zweijährigen Renovationsarbeiten wieder eingeweiht. Die Synagoge wurde 1862 im maurischen Stil erbaut. Ein Leuchter mit stilisiertem Magen David erhellt die Kuppel. Außer dem Ewigen Licht wurden zwei neue Lichter angebracht, die an die Opfer des Holocaust und an die für den Staat Israel Gefallenen erinnern sollen.


Jahrgang 1 — 1993/94 Seiten 236-238



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