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In memoriam

In memoriam: Nachruf an einen jüdischen Freund — Jakob J. Petuchowski 1925-1991

Der jüdische Rabbiner, Theologie- und Liturgieprofessor Dr. Jakob Joseph Petuchowski ist im Alter von 66 Jahren leider viel zu früh verstorben. Er hat sowohl im Judentum wie im Christentum eine große Lücke hinterlassen. Er stammte aus Berlin und floh 1938 nach England und von dort aus weiter in die USA. Er war einer der letzten Vertreter des „klassischen“ deutschen Judentums, das — besonders seit der Aufklärung bis zur beginnenden Hitlerzeit — Deutschland in geistig-religiöser und kultureller Lebendigkeit mitgeprägt hat. Seit 1973 weilte er wieder häufig in Europa. Dabei wurde es allen Freunden, Zuhörerinnen und Zuhörern seiner Vorträge immer klarer, daß er weit mehr von der deutsch-jüdischen, als von der angelsächsisch-jüdischen Kultur geprägt war. Mit zunehmendem Alter bemühte er sich immer mehr um eine multikulturelle Identität: Jude und Deutscher, Jude und Ökumeniker!

Petuchowski wollte vor allem das Judentum reformieren und redete deshalb mit Juden und Christen. Er legte den Christen immer wieder dar, daß die verschiedenen Formen des Judentums keine unbeweglichen, auf starrer Dogmatik ruhenden Blöcke seien. Den Juden versuchte er die traditionelle Liturgie als ästhetischen, gewachsenen Identitäts-Schatz nahezubringen, den es unbedingt zu bewahren gelte. Im Grunde redete er stets nach innen und nach außen, ins jüdische Volk hinein und ins christliche Volk hinaus. Er verstand sich als ein Mahner an der religiösen Peripherie zwischen Christentum und Judentum, ohne daß er die Grenzmarkierungen je überschritten oder die primäre Würde des Judentums angezweifelt hätte. Wirklich zu Hause fühlte er sich nur im Judentum und bei christlichen Freunden, die Verständnis für seine jüdischen Anliegen zeigten. — Ich selbst darf dankbar auf eine 20jährige Zusammenarbeit mit Jakob J. Petuchowski zurückblicken. Wir entdeckten, daß unsere religiöse Optik ungefähr die gleiche war und daß der eine trotzdem selbstverständlich jüdisch und der andere christlich blieb und bleiben wollte. Ich verstand die Arbeit an meinem Lehrstuhl als christliche Theologie des Judentums, und für ihn wurde um 1980 ein Lehrstuhl für jüdisch-christliche Studien (also für eine jüdische Theologie des Christentums) am Hebrew Union College in Cincinnati geschaffen.2 In dem von uns gemeinsam geschaffenen Lexikon der jüdisch-christlichen Begegnung haben wir uns beide jeweils problemlos kritisiert und ergänzt.3

Vorläufiges Denken über Religiöses

Als Schlüsselsätze für das Gemeinte können die folgenden aus Petuchowskis Autobiographie gelten: „Ich bin davon überzeugt, daß Gott sein letztes Wort noch nicht gesprochen hat . . . Es ist ja möglich, daß sich der liebe Gott die Vielfalt der Religionen auf die Dauer gefallen läßt, daß er also die Menschheit auf verschiedenen Wegen zu sich führt und, um es mit dem Johannesevangelium auszudrücken, daß er die Menschen in den vielen und verschiedenen Wohnungen seines Hauses wohnen läßt.“4 Eine Seite später verstärkt er die Aussage: Man dürfe es Gott nicht verwehren, „sich anderen Menschengruppen in immer neuen Gottesbünden zu offenbaren“. An anderer Stelle fordert er „eine gewisse Bescheidenheit“, mit der man es Gott erlauben müsse, daß Er sich immer neue Bundespartner, auch unabhängig von eingespielten Traditionen, wählen könne.5

Bei einem ersten Augenschein könnte vermutet werden, Petuchowski zeigt sich hier als moderner jüdisch-religiöser Progressist und Relativist. Diese Vermutung trifft kaum zu. Petuchowski wehrte sich stets, wenn er als repräsentativer moderner Jude angesehen wurde: „Eine Einstellung des modernen Juden gibt es nicht, denn den modernen Juden gibt es nicht, wie es auch den Juden der Vergangenheit nicht gegeben hat.“6 Er sei ein einzelner und sei von seinen Erfahrungen, Studien und Überlegungen her zu dieser oder jener Ansicht gelangt. Vor allem aber wehrt er sich gegen alle Verabsolutierungen einer Epoche oder einer jüdischen Gruppenströmung. Er wollte geschichtlichem Denken in Glaubensfragen zum Durchbruch verhelfen.

Die jüdischen Gemeinschaften haben vieles von der Offenbarung aufgenommen und verwirklicht. Dogmen wurden geschaffen. Wer ihnen nicht entsprechen wollte, wurde abgeschoben. Später gewannen neue Gesichtspunkte an Boden: es kam zu Relativierungen und Rehabilitierungen früherer Ketzer.

Auch heute sollen wir nicht unsere Zeit- und Religionsempfindungen absolut setzen, denn „Gott hat sein letztes Wort noch nicht gesprochen . . .“ An einer anderen Stelle sagt Petuchowski: „Die jüdische Religion ist eine historische Religion, d. h. sie hat verschiedene Entwicklungsstadien hinter sich.“7 Und jedes Stadium spiegelt sich in einer je neuen Zeit in anderem Licht wider!

Bewertung des Christentums

Petuchowski verstand Jesus als „observanten Juden“, der sich „an die Gebote seiner ererbten Religion hielt“8. Er versuchte auch mit großem wissenschaftlichen Verantwortungsbewußtsein, Taten und Worte Jesu in den jüdischen Kontext hineinzustellen: „So liegt es auch auf der Entwicklungslinie der symbolischen Speisen des Pesachfestes und ihrer fast unbeschränkten Erklärungsmöglichkeiten, wenn die Evangelien davon berichten, daß Jesus, als er, wahrscheinlich bei einem Pesachmahl, seinen Jüngern das Brot reicht, diesem Brot eine messianische Erklärung gab.“9 Sein geschichtlich geschärfter Geist erkannte, daß nicht nur im Christentum viele jüdische Impulse weiterwirkten, sondern daß auch christliche Einflüsse im Judentum zu beobachten sind. So wirkt etwa das Weihnachtsfest auf die Gestaltung des Chanukkafestes ein10 und das Pesachfest auf Ostern und Ostern auf das Pesach.11

Wichtiger ist seine Sicht des Christentums als einer monotheistischen Religion im Zusammenhang mit dem Judentum: „Juden sind Kinder Abrahams, d. h. sie sind Mitglieder der universalen Gemeinschaft derer, die an den Einen Gott glauben; und sie sind Nachkommen Isaaks, d. h. Mitglieder einer ganz bestimmten menschlichen Familie, nämlich des jüdischen Volkes.“12

„Deshalb können Juden immer noch in den Christen Brüder und Schwestern erkennen, die auch zu den Kindern Abrahams gehören. Aber Juden teilen mit Christen nicht mehr die Familientradition der Nachkommenschaft Isaaks und den von den mizwoth bedingten Lebensstil der Gemeinde Jakobs.“13

Wenn Christen sich von Abraham her auf der Linie des jüdischen Monotheismus befinden, dann könnten ihre Glaubenstraditionen auch für das Judentum eine gewisse Geltung haben. Hier hat sich Petuchowski weit hinausgewagt. Im Zusammenhang mit jüdischen Auslegungen von Ps 62,12 („Eines hat Gott gesagt, zweierlei habe ich gehört: Bei Gott ist die Macht“) und Jer 23,29 („Ist nicht mein Wort wie Feuer . . . und wie ein Hammer, der Felsen zerschmettert?“) in bSan 34a und im „Alphabet des Rabbi Akiva“ betont Petuchowski, das Judentum toleriere viele (etwa 70) Tora-Interpretationen. Und er fährt fort:

„Wie wäre es nun, wenn man jüdischerseits damit rechnen würde, daß auch die christliche Auslegung der Heiligen Schrift mit zu den siebzig Auslegungsmöglichkeiten gehört? Das würde nicht zu bedeuten haben, daß Juden jetzt die christlichen Auslegungen annehmen müßten . . . Aber es würde doch bedeuten, daß man endlich hinter der Vielfältigkeit der Auslegung wieder auf den Gedanken kommt, daß sich beide Seiten, die jüdische und die christliche, um das Verständnis des gleichen Gotteswortes bemühen . . .“14

Mit all dem legte Jakob Petuchowski gute Fundamente, damit Juden und Christen in Zukunft respektvoll miteinander reden können und damit möglichst keine versteckten Verachtungs-Ideologien gegeneinander gerichtet werden können.

Jakob J. Petuchowski hat sich oft zum Antisemitismus, zur Schoa und zur christlichen Verstrickung in diesen beiden antijüdischen Katastrophen geäußert. Er war immer deutlich in der Bekämpfung und Verurteilung. Aber er wollte nicht, daß diese beiden schwarzen Themen das jüdisch-christliche Gespräch exklusiv beherrschen. Er betrachtete eine solche Exklusivierung als eine verfehlte Pastoral im jüdischen und im christlichen Bereich. Typisch dafür sind die folgenden Sätze in seiner Autobiographie: „So wie der religiöse Mensch mehr Kosmos als Chaos in der Welt sieht und der nichtreligiöse mehr Chaos als Kosmos, so sieht der religiöse Jude mehr Heilsgeschichte als Leidensgeschichte und der nichtreligiöse mehr Leidensgeschichte als Heilsgeschichte.“15

Hier ist eine spirituelle Höhe erreicht, vor der wir uns bewundernd verneigen können. Der Erforscher der jüdischen Liturgie und der jüdischen Theologie Jakob J. Petuchowski erinnert sich und uns daran, daß das Lob Gottes in aller Bedrängnis der vollkommenste Ausdruck christlicher Religiosität ist. So suchte er, Bewährtes zu erhalten und sich für Neues zu öffnen.

  1. vgl. auch FrRu NF 3-1993/94, 172 ff.
  2. Der „Sol and Arlene Bronstein Chair of Judaeo-Christian Studies“. Petuchowski betreute aber auch weiterhin den Lehrstuhl für jüdische Liturgie in Cincinnati.
  3. Jakob J. Petuchowski/Clemens Thoma, Lexikon der jüdisch-christlichen Begegnung, Freiburg i. Br. 1989.
  4. Mein Judesein, Wege und Erfahrungen eines deutschen Rabbiners. Spectrum Bd. 4092. Freiburg i. Br. 1992. 131.
  5. Jakob J. Petuchowski, Defining a Discipline. The Aims and Objectives of Judaeo-Christian Studies. Cincinnati 1983. 25.
  6. Mein Judesein, 129.
  7. Feiertage des Herrn, Die Welt jüdischer Feste und Bräuche, Freiburg i. Br. 1984. 9. Wie Petuchowski alles vergeschichtlichte und doch im Bereich des Religiösen verblieb, zeigt sich exemplarisch in seinem Artikel „Judentum und Christentum in jüdischer Sicht“, in: Christlicher Glaube in moderner Gesellschaft, Teilband 26, Freiburg i. Br. 1981. 136-181.
  8. Feiertage des Herrn. 86.
  9. Feiertage des Herrn. 31.
  10. Feiertage des Herrn. 109.
  11. Lexikon der jüd.-christl. Begegnung. 288-291.
  12. Mein Judesein. 116.
  13. Mein Judesein. 121.
  14. Wie unsere Meister die Schrift erklären, Beispielhafte Bibelauslegung aus dem Judentum, Freiburg i. Br. 1982. 134 f.; ähnlich: Mein Judesein. 133.
  15. Mein Judesein. 99.

Clemens Thoma


In memoriam: Otto Michel 1903-1993

Der Tübinger Neutestamentler und Judaist Otto Michel ist in den letzten Tagen des vergangenen Jahres im Alter von neunzig Jahren gestorben. Der Nestor der evangelischen Theologie im deutschsprachigen Raum wurde nicht nur bekannt, sondern berühmt durch seine Paulus-Exegese und seine Forschungen zum antiken Judentum. Eine spezifische Leistung des Judaisten Michel besteht in der Rückbindung neutestamentlicher Forschung an die jüdische Überlieferung; im Jahre 1957 hat er das „Institutum Judaicum“ neu konzipiert und gegründet. Die Richtlinien, nach denen der im Jahre 1903 geborene Wissenschaftler lebte und lehrte, waren vor allem die Zuverlässigkeit in der Aussage, die kritische Wertung der literarischen Befunde, der Verzicht auf jedes Blendwerk und all das gepaart mit tiefer Frömmigkeit.

Michels Dissertation „Paulus und seine Bibel“ (Gütersloh 1929) wurde zum Standardwerk. Seine fundierten Kommentare zum Hebräerbrief und zum Römerbrief sind etwa in zehn Auflagen erschienen. Jahrzehnte betreute er die Meyersche Kommentarreihe zur Exegese. Michel arbeitete mit am Theologischen Wörterbuch zum Neuen Testament und am Reallexikon für Antike und Christentum. Als Mitherausgeber übersetzte und kommentierte er die Ausgabe des „Bellum Judaicum“ des jüdischen Geschichtsschreibers Flavius Josephus. Erst im Jahre 1946 erhielt Michel das Ordinariat für Neues Testament und nachbiblisches Judentum an der Universität Tübingen. Zweimal wurde er mit Festgaben wissenschaftlichen Inhalts geehrt.

Hermann Schmelzer


Jahrgang 1 — 1993/94 Seiten 231-235



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