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Andor Izsák

Bericht: Das Jahr der Synagogenmusik

und das Europäische Zentrum für Jüdische Musik in Hannover

Das Jahr 1994 steht unter dem Stern Louis Lewandowskis, des größten Komponisten der aschkenasischen Synagoge. Vor einhundert Jahren starb er in Berlin, wo er in seiner fünfzigjährigen Amtszeit einen für die ganze Welt vorbildlichen musikalischen Synagogengottesdienst gestaltete. Jüdische Gemeinden verschiedener Observanz tragen heute in der ganzen Welt sein Erbe weiter.

Das Europäische Zentrum für jüdische Musik lud aus diesem Anlaß vom 3. bis 5. Februar 1994 in die Synagoge der Jüdischen Gemeinde Hannover zum Auftakt des Gedenkjahres ein. Die Eröffnungsfeierlichkeiten präsidierte der Ehrenvizepräsident des Jüdischen Weltkongresses Dr. Gerhart Riegner. Oberkantor Moshe Stern aus Jerusalem und der Männerchor der Großen Synagoge in Tel Aviv gestalteten die Sabbatgottesdienste. An diesen Tagen konnte die deutsche Öffentlichkeit die hohe Bedeutung der Musik im jüdischen Gottesdienst erfahren.

Der moderne Synagogengesang bildete sich in Europa im letzten Jahrhundert im Zuge der Emanzipationsbewegung aus. Von Berlin und Wien ausgehend verbreitete er sich über ganz Mittel- und Osteuropa. Zahlreiche Kantoren und Chorleiter veröffentlichten Sammlungen komponierter liturgischer Gesänge, die noch heute von dem hohen Stand der jüdischen Musikübung in den Synagogen Zeugnis ablegen. In der Schoa wurde dieses musikalisch-liturgische Leben zerstört. Die Nationalsozialisten deportierten aus ganz Europa die jüdische Bevölkerung und verbrannten ihre Synagogen und Bücher, darunter auch zahllose Musikalien.

Als ich vor zehn Jahren in Deutschland seßhaft wurde, war ich betrübt über die Tatsache, daß ich von der vergangenen Pracht der synagogalen Musik nichts mehr hören konnte. In meiner Heimatstadt Budapest spielte ich bis in die achtziger Jahre die große Orgel im israelitischen Dohány-Tempel zum Gesang des Kantors und des Chores. Mit vielen Freunden verbündet stellte ich mir schließlich die Aufgabe, den Relikten der klassisclen europäischen Synagogenmusik eine Pflegestätte zu errichten, die sich der Erforschung und künstlerischen Darstellung dieser Musik widmet. Im Jahre 1988 konnte in Augsburg die „Gesellschaft zur Förderung jüdisch-sakraler Musik e. V.“ mit ihrem Institut „Europäisches Zentrum für jüdische Musik“ gegründet werden. Das musikalische Erbe Louis Lewandowskis und seiner Schüler zu erhalten und zu fördern, ist das erklärte Ziel dieses Zentrums. Der hundertste Jahrestag von Lewandowskis Tod stellt daher einen Höhepunkt in der Tätigkeit des Zentrums dar, das seit 1992 unter dem Dach der Hochschule für Musik und Theater Hannover arbeitet.

Das Europäische Zentrum für Jüdische Musik unterhält ein „Studio für synagogale Musik“, mit welchem die Musik der norditalienischen Synagoge des 17. Jahrhunderts und der vorwiegend deutschen Synagoge des 19. und 20. Jahrhunderts aufgeführt wird. Dabei werden die Ergebnisse der wissenschaftlichen Arbeit für die künstlerische Darbietung fruchtbar. Die Suche nach Musikalien und Dokumenten der synagogalen Musiktradition erbrachte eine Sammlung, die heute der Forschung zur Verfügung steht.

1989 übergaben die Erben des jüdischen Kantors Isaak Lachmann, der über 25 Jahre im schwäbischen Hürben wirkte, dessen handschriftlichen Nachlaß dem Europäischen Zentrum für Jüdische Musik. In seinem Werk „Der Israelitische Gottesdienst“ sammelte Lachmann das umfangreiche Melodienrepertoire des traditionellen Synagogengesanges süddeutscher und osteuropäischer Juden. Das ganze liturgische Jahr ist in seiner vierbändigen Sammlung mit Gesängen vertreten. Der erste Teil des Lachmannschen Werkes, der jetzt in der Schriftenreihe des Europäischen Zentrums für Jüdische Musik im Faksimile erschienen ist, widmet sich den Gesängen zu den Wallfahrtsfesten Pessach, Schawuot und Sukkot.1 In einem wissenschaftlichen Projekt wird die liturgische Musikhandschrift erforscht und in ihrer Eigenart dargestellt. Dadurch erhält der interessierte Leser einen Einblick in den traditionellen Gebetsgesang der Synagoge, wie er über Jahrhunderte hinweg überliefert worden ist.

Die synagogale Musik ermöglicht eine eindrucksvolle Begegnung mit dem Judentum. Daher nimmt sie einen wichtigen Stellenwert in der Verständigung zwischen Deutschen, Christen und Juden ein. Erst eine Bekanntschaft und Vertrautheit mit der jüdischen Kultur kann einen tragfähigen Boden für ein Zusammenleben legen.

1) Isaak Lachmann, Awaudas Jisroeil. Der israelitische Gottesdienst. Traditionelle Synagogengesänge. Die drei Wallfahrtsfeste, 1. Band, Faksimile, 192 S., Leinen.


Jahrgang 1 — 1993/94 Seiten 223-225



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