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Jean Halpérin

Bericht: Bevorzugte Brüder

Anläßlich des denkwürdigen Besuches Johannes Paul II. in der römischen Synagoge am 13. April 1986 (4. Nissan 5746) hat der Papst selbst die Tragweite des Ereignisses präzisiert: „Man muß sagen, daß der eingeschlagene Weg sich noch in seinem Anfang befindet und daß es daher zu den bereits von beiden Seiten unternommenen noch vieler weiterer Anstrengungen bedarf, um jede Ausdrucksweise anzupassen, und dadurch immer und überall uns und den andern das wahre Antlitz der Juden und des Judentums wie auch das der Christen und des Christentums zu präsentieren, und das auf allen Ebenen der Mentalität, der Lehre und der Kommunikation.“

Wie mehrere Kommentatoren der Reisen des Papstes bis in die fernsten Länder hervorheben, stellen die wenigen Kilometer zwischen dem Vatikan und der Synagoge in gewisser Hinsicht seine weiteste Reise dar, da es sich um eine Reise durch nahezu zweitausend Jahre Geschichte handelt. Und welche Geschichte!

Das Erbe Johannes XXIII.

Zuviele Leiden, Erniedrigungen und Ungerechtigkeiten belasten das Empfinden und das Gedächtnis der Juden gegenüber der Kirche, sowohl in existentieller wie auch theologischer Hinsicht, so daß das erste, was bei dieser Begegnung auffällt, die völlige Gleichheit der beiden Parteien ist. Dieses Klima der Gleichheit ist an sich schon ohnegleichen. Außerdem die Tatsache des Besuches eines Papstes in einer Synagoge.

Es ist hervorzuheben, daß Johannes Paul II. Wert darauf gelegt hat, zu betonen, daß er sich als der treue Erbe Johannes XXIII. seligen Angedenkens betrachte, der in der Tat im jüdischen Empfinden die Haltung der Reue und der Öffnung der katholischen Kirche versinnbildlicht. Außerdem hat die Ansprache des Papstes das Verdienst, den unumkehrbaren Charakter von Nostra aetate Nr. 4 und der Bemerkungen und Empfehlungen von 1974 zu bestätigen — was keineswegs unnötig war. Er unterstreicht in eklatanter Weise den Willen der Kirche, ein für allemal in der Lehre den Respekt an die Stelle der Verachtung zu setzen. Die Botschaft des Papstes läßt hoffen, daß der Weg zurück endgültig versperrt ist und daß diesbezüglich kein Risiko mehr besteht. Er wiederholt in klaren Worten den Willen, tausendjährige Vorurteile trotz aller Schwierigkeiten zu überwinden. Mehr noch — und das geschieht erstmalig — er lehnt ausdrücklich die Theologie der Substitution1  ab.

Der brüderliche und ehrliche Dialog zwischen der Kirche und dem jüdischen Volk gewinnt durch die Bestätigung der Tatsache, daß die Kirche mit keiner anderen Religion so enge Beziehungen hat wie mit dem Judentum.

Wir stellen fest, daß die Juden „bevorzugte Brüder und in gewisser Weise ältere Brüder“ sind. Wir stellen ebenfalls fest, daß jede Rechtfertigung von diskriminierenden Maßnahmen oder gar von Verfolgungen, auch mit angeblichen theologischen Argumenten, keine Grundlage hat. Es ist auch nicht legitim, die Juden als „verstoßen und verflucht“ zu bezeichnen, als ob solche Äußerungen aus der Bibel abgeleitet werden könnten. Es bleibt dabei, daß die göttliche Verheißung unwiderruflich ist.

Für beide Gemeinschaften ist es wichtig, sich daran zu erinnern, daß die Unterschiede zwischen ihnen noch vorhanden sind. „In vollem Bewußtsen der zwischen ihnen bestehenden Bande wünscht jede Gemeinschaft, in ihrer eigenen Identität anerkannt und respektiert zu werden, außerhalb jeglichen Synkretismus und jeglicher zwielichtigen Appropriation.“

In dem Maße, wie der Papst präzisiert, daß wir uns erst am Anfang des Weges befinden, und daß noch viel zu tun ist, um Vorurteile und Mißverständnisse zu beseitigen, die sich im Laufe der Jahrhunderte angehäuft haben, ist hier ein Weg angekündigt, der voll ist von kreativer Hoffnung. Ausgehend von einem Dialog in Ehrlichkeit und Freundschaft und im gegenseitigen Respekt der Überzeugungen, können wir Hoffnung haben, gemeinsam für das Wohl der ganzen Menschheit tätig zu werden. In diesem Zusammenhang soll die Notwendigkeit hervorgehoben werden, die ethischen Werte des Dialogs neu zu entdecken und ausdrücklich daran zu erinnern, daß die Liebe des Nächsten und des Fremden sowie die Pflicht, den Witwen und Waisen zu helfen, in der hebräischen Bibel ihre Quelle hat. Ein wahrlich weitgefächertes Programm gemeinsamer Aktivitäten im Dienste des Friedens, der Gerechtigkeit und des Großmuts, wie sie vom Gesetz, von den Propheten und den Weisen Israels gelehrt werden.

1) Gemeint ist eine Theologie, die das Judentum nicht mehr als Volk Gottes betrachtet. Die Erwählung komme allein der Kirche zu.

Die Anerkennung des Staates Israel

Man sieht: Alles, was Johannes Paul II. in der römischen Synagoge am 13. April 1986 gesagt hat, hat eine reale Bedeutung. Diese kühne Meditation über die Beziehung zwischen der Kirche und dem Judentum wird zweifellos auf lange Zeit ein Text sein, auf den man sich berufen wird. Es handelt sich hier um mehr als um eine schlichte Gelegenheitsaussage.

Wie Johannes Paul II. bemerkt, wissen beide Seiten, die mit Glauben und Ausdauer für den Dialog zwischen den Gemeinschaften eintreten, daß das Gelände noch mit Dornen und Stolpersteinen übersät ist. Das Ereignis des 13. April 1986 zeigt den Weg, der uns und unseren Nachfolgern erlauben wird, in wiedergefundener Zuversicht die Aufräumungsarbeiten fortzuführen und einen neuen Bau gemeinsam zu beginnen.

Es wäre nützlich, die verschiedenen Erklärungen Johannes Paul II. über das Judentum und die Juden zu untersuchen. Ich beschränke mich darauf, die Worte zu zitieren, die er vor den Vertretern der jüdischen polnischen Gemeinde in Warschau am 14. Juni 1987 gesprochen hat:

„Ich glaube, daß sich die jüdische Nation, heute vielleicht mehr als jemals zuvor, im Zentrum der Aufmerksamkeit der Nationen dieser Welt befindet. Durch sie sind sie eine laute warnende Stimme für die ganze Menschheit, für alle Nationen, alle Mächte dieser Welt, alle Systeme und jeden Menschen, mehr als irgend jemand sind sie genau dieses heilbringende Warnzeichen geworden. Der polnische Papst hat eine besondere Beziehung zu all dem, denn mit ihnen hat er gewissermaßen alles das erlebt, hier auf diesem Teil der Erde.“

Prof. Jean Halpérin ist Präsident des Zentrums für jüdische Studien an der Universität Genf.
Aus dem Französischen: Georg Hüssler.


Jahrgang 1 — 1993/94 Seiten 221-223



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