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Athanasios Basdekis

Bericht: Das orthodox-jüdische Gespräch

Vom 21. bis zum 24. März 1993 fand in Athen (Vouliagmeni) die „Dritte Akademische Begegnung“ — so die offizielle Bezeichnung — zwischen Vertretern der Orthodoxie und des Judentums der ganzen Welt statt. Dieser Begegnung gingen voraus: ein vorbereitendes Treffen im Jahr 1976 in Genf und die zwei ersten internationalen orthodox-jüdischen Begegnungen und Gespräche: 16.-18. März 1977 in Luzern („Die Bedeutung des Gesetzes im Alten und im Neuen Testament“) und 29.-31. Oktober 1979 in Bukarest („Tradition und Gemeinde im Judentum und in der Orthodoxen Kirche“). Die Tagung vom März 1993 wurde vom Orthodoxen Zentrum des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel in Chambésy, Genf (Metropolit Damaskinos von der Schweiz) in Zusammenarbeit mit Vertretern der Internationalen Jüdischen Kommission für Interreligiöse Konferenzen vorbereitet. An der Begegnung nahmen Vertreter aus den orthodoxen Kirchen von Konstantinopel, Alexandrien, Jerusalem, Antiochien, Rußland, Rumänien, Serbien, Bulgarien, Georgien, Griechenland sowie aus der Armenischen und der Koptischen orientalischen orthodoxen Kirchen teil.

Für das Judentum nahmen teil Vertreter aus verschiedenen jüdischen Organisationen in der ganzen Welt, so u. a. der Direktor der Abteilung für Interreligiöse Angelegenheiten bei der Vereinigung amerikanischer jüdischer Räte in New York und Vertreter von Zentralräten der Jüdischen Gemeinden in New York, Toronto, Kiew, Rußland, Großbritannien, Griechenland u. a.

Das Thema „Kontinuität und Erneuerung“ wurde unter vier Aspekten mit Referaten von orthodoxer und jüdischer Seite behandelt:
a) Schrift und Tradition
b) Gedächtnis und Verantwortung
c) Orthodoxie und Judentum in der heutigen Welt
d) Treue zu den Wurzeln und Offenheit für die Zukunft

Der Ökumenische Patriarch Bartholomaios sagte in seiner Grußbotschaft: „Indem wir uns in einem positiven Klima annähern, welches frei ist von negativen Erbschaftselementen, können Orthodoxe und Juden in brüderlichem Austausch der reichen Erfahrungen aus dem Bereich u. a. der biblischen Studien, der Lehre über die Tradition, der Theologie der Person, der Spiritualität usw., weiterhin die Grenzen und das Maß der zwischen ihnen in der Welt von heute möglichen Zusammenarbeit bestimmen, in einer Welt, in der der Glaube an Gott mehr denn je Gefahren ausgesetzt ist.“

Als Vertreter des Judentums begrüßte der Generalsekretär des Weltrates der Juden, Israel Singer, u. a. mit folgenden Worten:

„Ziel des Dialogs ist die Verbesserung der Welt (tikkun olam). Diese aber wird nicht dadurch erreicht, indem sich eine Seite ändert, sondern eher dadurch, indem jede Seite sich selbst ändert. Dies wird durch den Dialog erreicht. Die rabbinische Tradition vertritt die Auffassung, daß, wie es keine genau gleichen Gesichter gibt, auch jedes Mitglied des Dialogs seine eigene Identität bewahrt.“

Auch der orthodoxe Kopräsident des Treffens, Metropolit Damaskinos von der Schweiz, unterstrich die Bedeutung solcher orthodox-jüdischer Begegnungen, die das Ziel haben, die gemeinsamen Traditionselemente in beiden Religionen zu suchen. Metropolit Damaskinos wertete diese Gespräche, die orthodoxerseits auf die Initiative des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel geplant und durchgeführt werden, als Ausdruck des Geistes der Orthodoxen Kirche von Konstantinopel für einen positiven Beitrag der Orthodoxie und für eine friedliche Koexistenz zwischen Christen, Juden, Muslimen, die im selben Raum wohnen und vor gleichen Problemen stehen. Metropolit Damaskinos wies darauf hin, daß die I. Panorthodoxe Vorkonziliare Konferenz (1976) den Willen der Gesamtorthodoxie für eine Zusammenarbeit und Verständigung mit den anderen Religionen, für die Beseitigung des Fanatismus und für die friedliche Koexistenz der Völker unterstrich. Besonders die III. Panorthodoxe Vorkonziliare Konferenz (1986) hat in ihrer historischen Erklärung unter dem Titel „Der Beitrag der Orthodoxen Kirche zur Durchsetzung des Friedens, der Gerechtigkeit, der Freiheit, der Brüderlichkeit und der Liebe zwischen den Völkern und zur Aufhebung der rassischen und anderen Diskriminierungen“ (veröffentlicht u. a. in Una Sancta, Heft 1/ 1977), alle orthodoxen Kirchen aufgefordert, zu dieser interreligiösen Zusammenarbeit unabhängig von Rasse und Religion beizutragen.

Zum Thema „Kontinuität und Erneuerung“ referierte er:

„Die Kriterien für die Deutung und Auslegung dieser beiden Ausdrucksweisen der religiösen Erfahrung sind für das Judentum die Tora, welche das historische Erleben des Ersten Bundes (Testament Diatheke) Gottes mit den Menschen und für das Christentum der Neue Bund Gottes in Christus mit den Menschen, welcher in der christlichen Kirche als die ,Fülle des Gesetzes und der Propheten des Alten Bundes‘ erlebt wird. Keiner kann bestreiten, daß das Alte Testament, die hebräische Bibel, nach wie vor organisches und unveräußerliches Element der christlichen Tradition ist, was auch für die Verfasser der Schriften des Neuen Testaments galt. Die Ablehnung und Verwerfung Jesu durch das Judentum hat keine Änderung der Haltung des Christentums gegenüber dem Alten Testament hervorgerufen, das weiterhin die eigentliche Quelle des Glaubens des jüdischen Volkes bis heute blieb. Gleichwohl aber hat die Ablehnung Christi durch das Judentum auch die Differenzierung seiner hermeneutischen Annäherung des Alten Testaments bestimmt: Die christliche Tradition betonte das christozentrische Verständnis, während die jüdische Tradition eine solche Annäherung ausschloß. Die Achtung jedoch gegenüber dem Alten Testament im Rahmen der Oikonomia Gottes, für den Menschen und für die Welt ist den Gläubigen beider Religionen gemeinsam, vorausgesetzt, daß beiderseits der überflüssige Gebrauch der polemischen Sprache und Theologie der Vergangenheit überwunden werden. Zwar können weder das Christentum noch das Judentum ihre jeweilige Tradition ignorieren, aber sie können den wesentlichen Inhalt von seinen geschichtlichen und äußeren Belastungen reinigen und befreien und so den Weg für eine authentische und konsequentere Verständigung in unterschiedlichen Positionen freimachen. Denn nicht die Fortsetzung einer polemischen Theologie; sondern die Erneuerung der Theologie ist das Ziel, welche den Absolutheitsanspruch beider Religionen von den krankhaften Phänomenen einer religiösen Mißachtung Andersdenkender reinigen kann.“

Abschließend wurde ein Kommuniqué herausgegeben, in dem der positive Beitrag solcher Begegnungen für den Frieden zwischen den Religionen hervorgehoben wird, weshalb auch eine Fortsetzung dieser Treffen beschlossen wurde mit dem Ziel eines besseren Kennenlernens beider Traditionen und für ein effektiveres Zeugnis in der Welt von heute.

Das Schlußwort des orthodoxen Vorsitzenden, Metropolit Damaskinos, drückt am besten Geist und Wesen dieses Treffens aus:

„Das Christentum hat seine eigene Auffassung von der Deutung seines Verhältnisses zum Judentum. Dieses ist ein Verhältnis sowohl der Aufnahme als auch der Vollendung des Judentums in seiner geistigen Erfahrung. Es ist eine Beziehung mit positiven wie auch negativen Implikationen. Das Judentum lehnt eine solche Deutung ab, hat aber zugleich die historische Verantwortung dafür, die Grenze des für ihn Erträglichen gegenüber der religiösen Realität des Christentums zu bestimmen, damit unser akademischer Dialog Früchte bringt, nicht nur im Blick auf Kontinuität, sondern auch im Blick auf die Erneuerung des Geistes für die Beziehungen zwischen den zwei Religionen und ihren Gläubigen.“


Jahrgang 1 — 1993/94 Seiten 218-221


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