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Wiesel, Elie

Das Testament eines ermordeten jüdischen Dichters

Titel der französischen Originalausgabe: „Le testament d‘un poète juif assassiné“. Paris 1980, Editions du Seuil. Aus dem Französischen von Hanns Bäcker. Freiburg i. Br. 1991, Herder. 332 Seiten.

„Deshalb pflanze ich dir sein und mein Gedächtnis ein, verstehst du, Junge? Es muß sein, denn anders geht es nicht.“ — Der letzte Satz besitzt in Elie Wiesels Romanen meist einen besonderen Stellenwert. Er ist Zusammenfassung, Erklärung und Ausblick zugleich. In diesem Roman ist das Grundwort des letzten Satzes das „Gedächtnis“.

Elie Wiesel verarbeitet dieses Thema, indem er das Schicksal eines russischen Juden nacherzählt. Stellvertretend für abertausende jüdische Opfer steht der Dichter Paltiel Kossower. Die Erinnerung an sein Leben, seine Gedanken, Gebete, Träume, Taten und Gedichte soll weiterleben. Er selbst soll weiterleben in seinem Sohn Gerschon Paltielowitsch, genannt Grischa.

Die Umstände für ein Weiterleben der Erinnerung sind denkbar ungünstig. Paltiel Kossower sitzt in der Einzelzelle eines sowjetischen Gefängnisses. Verhöre und Folter zermürben seinen Körper. Um Informationen zu erhalten, gibt ihm der Untersuchungsrichter die Möglichkeit, seine Lebensgeschichte auf Papier zu bringen. Im Schweigen der Einzelzelle beginnt Paltiel das Testament seines Lebens zu verfassen, sein Gedächtnis in Worten festzuhalten, bevor es durch irgendeinen Henker für immer ausgelöscht ist. Er tut es für seinen Sohn, der bei seiner Verhaftung zu jung war, um sich an seinen Vater erinnern zu können.

Tag und Nacht schreibt er an seiner Lebens- und Leidensgeschichte, er, der „Dichter aus Berufung, Jude von Geburt und . . . Kommunist oder ehemaliger Kommunist aus Überzeugung“, er, der „als Kommunist gelebt und als Jude sterben wird“. Die Stationen seines bewegten Lebens werden lebendig: das russische Krasnograd, wo er seine jüdische Kindheit erlebte; Rumänien, wo er seine jüdische Ausbildung erhielt und die Schriften von Marx und Lenin kennenlernte; Berlin, wo er mit seiner jüdischen Vergangenheit bricht; Paris, wo sich sein Engagement für den Kommunismus verstärkt; Spanien, wo er das erste Mal die Grausamkeiten und Leiden des Krieges erlebt; und schließlich wieder Rußland, wo er den Zweiten Weltkrieg erleidet und er, der Kommunist aus Leidenschaft, den Kommunisten zum Opfer fällt, weil er Jude ist.

Innerhalb dieser Lebensgeschichte spielen seine Tefillin (seine Gebetsriemen) eine besondere Rolle. Sie sind das einzige Erinnerungsstück an den Glauben seiner Kindheit. Zu ihnen entwickelt er eine ganz eigenartige Beziehung. Obwohl er aufgehört hat zu beten, kann er sich nicht entschließen, diese Tefillin zu verschenken oder zu verkaufen. Sie bleiben seine Begleiter bis hinein in die Gefängniszelle. Sie erinnern ihn an seinen Vater und seine Mutter, an seine Geschwister und Verwandten und an die Millionen und Abermillionen Juden, die über die Jahrtausende hinweg ihren Glauben lebten, liebten und dafür in den Tod gingen. Die Tefillin weggeben bedeutet, das Gedächtnis und die Erinnerung an all diese Menschen verlieren, bedeutet Verrat an all diesen Menschen. Die Tefillin begleiten ihn durch sein Leben, aber erst kurz vor seiner Verhaftung beginnt er wieder mit ihnen zu beten.

Das Testament Paltiels ist geschrieben, damit das Gedächtnis eines Lebens nicht vergessen wird. Der Dichter schreibt sein Testament im Namen aller Toten, die er in seinem Leben kennengelernt hat. Er schreibt es in der ausweglosen Situation, daß all die Seiten verbrannt werden, wie die Millionen toter Juden, die den Nazis zum Opfer fielen und denen er begegnete, als er nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges das KZ Majdanek betreten hatte.

Was Paltiel nicht weiß, ist die Tatsache, daß der unbedeutende Gefängnisschreiber Zupanew beschlossen hat, das System des Vergessens zu durchbrechen, die Seiten des Testamentes aufzubewahren, um sie Jahre später dem Sohn des Dichters zu übergeben. Dieser Zupanew ist eine jener besonderen Figuren, die in Elie Wiesels Romanen stets vertreten sind: die unscheinbaren und doch so wichtigen Akteure des Lebens, die verhindern, daß die Opfer vergessen werden.

Zupanew ist ein Mann, der noch nie in seinem Leben gelacht hat. Nur einmal mußte er lachen, als er dabei war, wie Paltiel Kossower erschossen wurde, aber da hat es niemand gehört. „Es ist schon verrückt“, meint Zupanew, „daß die Toten, die toten Dichter, Menschen wie mich und alle anderen zwingen können zu lachen.“ Und es ist verrückt, wie das Gedächtnis eines Menschen nicht verlorengeht. Zupanew quittiert seinen Dienst im Gefängnis und beginnt eine Stelle als Nachtwächter. Er bewahrt das Andenken des toten Dichters und beobachtet das Heranwachsen dessen Sohnes. Dieser Sohn, Grischa, entdeckt einen alten Gedichtband seines Vaters. Die Mutter weigert sich jedoch, auf die Fragen Grischas nach seinem Vater ausführlich zu antworten. Ihr neuer Lebensgefährte ist Grischa von Anfang an suspekt. Er vermutet in ihm einen Spitzel, der aus ihm alles herausholen will, was er von seinem Vater weiß. In dieser Situation von Angst und Trotz geschieht der „Unfall“: Grischa beißt sich seine Zunge ab. Von nun an kann er keine Fragen mehr beantworten, er ist stumm und niemand wird ihm die Wahrheit entreißen können. Diese Stummheit gibt Zupanew die Möglichkeit, sein Schweigen gefahrlos zu brechen. Er nimmt mit dem Sohn Kontakt auf und übergibt ihm das Testament seines Vaters. Er erzählt alles, was er weiß, und bereitet Grischa auf seine Ausreise in das Land seiner Väter vor.

Der Roman beginnt mit der Ankunft Grischas in Israel, wo sich der stumme Sohn anschickt, das Gedächtnis seines toten Vaters zu bewahren und weiterzuführen. Etappenweise sind das Testament des Vaters und seine Gedichte eingeschoben, nach und nach erfährt man die Geschichte Zupanews, die Kindheit Grischas. Erst am Ende des Romans, mit dem Tod des Dichters, ergibt sich aus den einzelnen Mosaiksteinen das beeindruckend inszenierte Gesamtbild eines jüdischen Schicksals im Europa des 20. Jahrhunderts, ein Schicksal, das gegen das Vergessen ankämpft und dennoch ständig damit zu rechnen hat, endgültig vergessen zu werden, da nur zwei Menschen die Erinnerung zu ihrem Lebenswerk gemacht haben: ein verrückter Stenograph, der ein einziges Mal in seinem Leben gelacht hat, und der stumme Sohn, dessen Aufgabe es ist, von seinem Vater zu sprechen. Am Ende siegt nicht das Vergessen, sondern die Erinnerung. Dieser Sieg ist ein Grund zum Lachen und der Auftrag, die Toten im Gedächtnis zu bewahren und sich zu erinnern. „Deshalb pflanze ich dir sein und mein Gedächtnis ein, verstehst du, Junge? Es muß sein, denn anders geht es nicht.“

Herbert Winklehner OSFS


Jahrgang 1 — 1993/94 Seiten 215-217



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